Der rote Faden des Romans: Die zentrale Frage

DerroteFadendesSchafft es Frodo, den einen Ring in den Schicksalsberg zu werfen? Wie wird Sherlock Holmes diesmal Professor Moriarty das Handwerk legen? Kann Harry Potter den finsteren Valdemort bezwingen?

Ob wir es bewusst erleben oder nicht, hinter einem Plot steckt eine zentrale Frage, die zu Beginn aufgeworfen und am Ende beantwortet wird. Sie hält die Handlung zusammen und bringt den Leser dazu, dem Schluss entgegenzufiebern.

Das Versprechen an den Leser

Mit dem Aufwerfen der zentralen Frage zu Beginn des Romans gebe ich als Autor dem Leser gleichzeitig ein Versprechen, nämlich: Darum wird es in dem Roman gehen. Und von Kapitel zu Kapitel wirst du ein kleines Bisschen mehr erfahren, um schließlich zur Antwort zu gelangen.

In einem typischen Krimi zum Beispiel wird nach dem Mörder gefragt. Ich verspreche damit dem Leser spannende Unterhaltung beim Puzzlespiel mit Hinweisen, bis am Ende herauskommt, wer’s war. In anderen Büchern, zum Beispiel häufig im Jugendbuch, wird eine Frage aufgeworfen, die eher mit der Entwicklung der Hauptfigur zusammenhängt: Wird die Hauptfigur es schaffen, ihre Selbstzweifel zu überwinden, um ihre Liebsten vor dem sicheren Tod retten zu können?

Ganz egal, ob die zentrale Frage also eher im Plot oder in der Figur begründet liegt. In jedem Fall verspreche ich dem Leser ein bestimmtes Erlebnis. Darüber sollte ich mir als Autor in jedem Fall bewusst sein, denn es gibt kaum einen einfacheren Weg, Leser zu enttäuschen, als die zentrale Frage nicht oder unbefriedigend zu beantworten.

Die Anatomie der zentralen Frage

Wichtig ist, dass die zentrale Frage einerseits universell ist, damit sie viele Leser ansprechen kann.

Auf der anderen Seite muss die zentrale Frage aber auch speziell sein. Sie muss mit der Hauptfigur eng verbunden sein, damit der Leser sich über die Perspektivfigur auch die zentrale Frage zu eigen machen kann. Ein guter Roman macht die zentrale Frage, die durch die Handlung des Helden beantwortet wird, zum persönlichen Anliegen des Lesers. Sie sollte also nicht lauten: „Gibt es einen Gott?“, sondern vielleicht eher: „Gelingt es Pater Lucius, seinen Glauben wiederzufinden?“.

Wichtig ist, dass jedes Kapitel dazu beiträgt, diese zentrale Frage zu behandeln. Dies ist ein guter Indikator dafür, ob ein Kapitel wirklich entscheidend für den Roman ist oder ob es bei der Überarbeitung lieber gestrichen werden sollte: Trägt es zur Beantwortung der zentralen Frage bei? Wenn die Antwort nein lautet, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass das Kapitel den Leser eher langweilen wird.

Das Finden der zentralen Frage

Wie komme ich nun auf die zentrale Frage meines Romans? Eigentlich ist das gar nicht schwierig. Wer viel liest, kennt wenigstens intuitiv das Prinzip der zentralen Frage, denn sie ist das Grundprinzip der Spannung. Häufig ist es deswegen auch für Autoren so, dass sie ganz automatisch eine zentrale Frage in ihrem Roman aufwerfen – es nur nicht so genau wissen.

Ein gutes Hilfsmittel zum Finden der zentralen Frage ist die Prämisse. Prämisse und zentrale Frage sind sich sehr ähnlich, sind aber nicht das Gleiche. Während die Prämisse eines Romans „Stehlen führt in den persönlichen Ruin“ lauten könnte , könnte die zentrale Frage: „Gelingt es dem Dieb, ungestraft davonzukommen“ heißen?

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20 Antworten auf “Der rote Faden des Romans: Die zentrale Frage”

  1. Mit der zentralen Frage bzw. der Beantwortung dieser setze ich mich gerade auseinander. Ich frage mich, ob es erlaubt ist, eine offensichtliche Frage aufzuwerfen („Wird er die Monster schnappen können?“) und diese unbeantwortet zu belassen, wenn dafür eine etwas subtilere Frage („Wird er lernen, dass anderen zu helfen wichtiger ist als Egoismus?“) am Ende beantwortet wird?
    Konkret möchte ich, dass mein Held am Ende zwischen seinem eigentlichen Ziel, dem Schnappen der Monster, und dem Retten einer anderen Figur entscheiden muss und sich dann für die Rettung entscheidet. Danach möchten die Gerettete und der Protagonist gemeinsam weiter nach den Monstern suchen – aber „offscreen“, der Roman würde also mit der Entscheidung, gemeinsam zu arbeiten, enden.

    Ist das zu unbefriedigend für den Leser? Wartet er die ganze Zeit nur darauf, dass endlich den Monstern das Handwerk gelegt wird und ist dann enttäuscht, wenn der Protagonist seine harte Schale über Bord wirft? Oder freut er sich, weil mein Charakter eine Entwicklung durchgemacht hat?
    Ich denke, es kommt natürlich auf die Ausführung an, aber ich fürchte, dass wenn ich die subtilere Frage zu sehr in den Mittelpunkt des Romans stelle (also sie offensichtlicher mache), dass die Wendung am Ende nicht mehr so überraschend kommt.

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    1. Auf jeden Fall wäre das in meinen Augen für den Leser unbefriedigend. Wie willst du denn sonst ZEIGEN, dass der Protagonist lernt, mit anderen zusammenzuarbeiten, wenn nicht dadurch, dass er gemeinsam mit Freunden das Monster jagt? Sonst könntest du es ja nur ERZÄHLEN, so nach dem Motto: „Hey, ist doch cooler, wenn wir zusammen auf Monsterjagd gehen.“ „Stimmt.“ Ende.

      Inhaltlich wäre das vielleicht okay. Aber emotional bliebe somit der Roman für den Leser doch vollkommen unbefriedigend.

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      1. Das hinge auch davon, wie der Text im einzelnen aussieht. Das muss nicht emotional unbefriedigend sein. Vielleicht lernt der Held durch den Freund, dass das Monster im Grunde harmlos ist, aber weil A gemacht wurden ist, ist er jetzt so gefährlich.

        Die zentrale Frage kann nicht nur mit dem Plots oder den Figuren verknüpft sein, sondern auch mit dem Thema. Zum Beispiel die Frage: Was ist Freiheit und wie wirkt sie sich auf die Menschen aus?

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        1. Da muss ich widersprechen. Erstens stellst du nicht eine, sondern zwei Fragen. Zweitens sind sie sehr allgemein und mit keiner Figur verknüpft. Damit eignen sie sich eher für ein philosophisches Essay, weniger für einen spannenden Roman. So sehe ich das jedenfalls.

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      2. Hach, Marcus, du sagst mir genau, was ich befürchtet habe. Emotional unbefriedigend.
        Jetzt überlege ich schon das ganze Wochenende hin und her, wie ich das Ende befriedigender gestalten kann, da es eigentlich als Auftakt zu einer Reihe um einen Monsterjäger in Berlin gehen soll. Der kann natürlich am Ende des ersten Bandes nicht seinen Nemesis finden und töten, dann würde er wahrscheinlich das Leben als Monsterjäger an den Nagel hängen und stattdessen als Barkeeper weitermachen.
        Aber die Idee, ihn „gewinnen“ zu lassen, nur um zu sagen „Haha, das war gar nicht das richtige Monster“ kommt mir nur umso unbefriedigender vor, da käme ich mir als Leser wohl verarscht vor. Ich glaube, ich muss in ein paar Thriller-Reihen stöbern, um zu schauen, wie das sonst gehandhabt wird.

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        1. Wenn das der Auftakt einer Serie wird und das Monster der Hauptgegner für mehrere Romane sein soll, liegt die Sache meiner Meinung nach ein wenig anders. Ist es wichtig, dass das Monster entkommt, dann sollte es einfach für diesen ersten Roman nicht der Hauptgegner, bzw. das Hauptthema des Romans sein. Sowieso scheint der Fokus des ersten Teils auf der Entwicklung des Helden zu liegen. Vielleicht schaffst du es ja, den Plot so zu gestalten, dass die zentrale Frage des Romans „Gelingt es dem Helden, seinen Egoismus zu überwinden?“ stärker in den Fokus rückst, so dass die Sache mit dem Monster nur ein Subplot ist.

          Andere Möglichkeit: Das eigentliche Monster bleibt im Hintergrund und der Held muss sich mit einem seiner „Handlanger“ prügeln.

          Aber es ist natürlich recht schwierig, dir bei deinem Problem zu helfen, ohne das Projekt genauer zu kennen. Hast du dir schon einmal unsere „Kontaktbörse“ für Feedbackgruppen auf der Website der Die SchreibDilettanten angesehen? Vielleicht findest du da jemandem, mit dem du dich noch intensiver über deine Ideen austauschen kannst.

          http://www.dieschreibdilettanten.de/testleser-gesucht/

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          1. Kontaktbörse für Feedbackgruppen … und damit rückst du jetzt raus? Nein, ich habe noch nicht die gesammelten Werke von Marcus, Axel und Marcus & Axel durchforstet. Ich gebe zu, ein Manko meinerseits das ich schnellstmöglich aus der Welt schaffen werde.

            Gibt’s eure drei Blogs eigentlich auch als e-book? 😉

            Nichtsdestowenigertrotz: Danke für den Tipp, sowas habe ich nämlich noch gesucht. 🙂

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          2. Wow, ich wusste wirklich nicht, dass es sowas hier gibt. Ich bin erst vor ein paar Tagen über diesen Blog gestolpert – und nachdem ich ganzganz lange Anhänger von schriftzeit und schriftsteller-werden war, ist das mein neuer Lieblingsschreibblog 😉
            Ich habe aber bereits das große Glück, in einer wundervollen Schreibgemeinschaft für Fantasyliteratur zu sein, dem Tintenzirkel. Dort werde ich mein Projekt demnächst vorstellen, doch eigentlich widerstrebt es mir, das zu tun, ohne ein Ende (und damit ja auch irgendwie keinen Plot, denn meine Arbeitsweise ist Anfang – Ende – Plottwist – alles andere) im Kopf zu haben.

            Vielleicht stelle ich es einfach mal mit dem Ende, wie ich es mir vorgestellt habe, vor, und lasse mich dann beraten, was man machen könnte, um das befriedigender zu gestalten.

            Vielen Dank!

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  2. Romane sollen durch eine starke philosophische Dimension haben, ansonsten sind sie nicht wirklich spannend, sondern nur schal und langweilig. Philosophie fasse ich mal etwas weiter, das muss nicht in Sophies Welt enden.
    Am besten verknüpft ein guter Roman spannende Figuren, spannender Plot, spannendes Thema und spannende Philosophie.

    Ich habe versucht, die Grundthese eines Romans von Jonathan Franzen zusammenzufassen, der ja bekanntlich ein Bestseller ist.
    Warum muss es mit einer Figur verknüpft sein, es kann auch mit mehreren Figuren sein, deshalb habe ich es nicht an eine Figur geknüpft.

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    1. Meiner Meinung hat Philosophie in einem spannenden Roman nicht viel bis gar nichts zu suchen.
      In der Philosophie geht es um Erkenntnis, die Erschliessung der Weltund darum, die richtigen Fragen zu stellen. Und obwohl Erkenntnis eines der Hauptthemen ist, scheint mir die Philosophie nur sehr selten mit Antworten, dafür aber immer mit Fragen zu kommen.
      Und genau das möchte ich in einem (Spannungs)Roman nicht haben. Das Ende des Romans darf zwar offen sein, ich möchte aber nicht mit mehr Fragen zurückgelassen werden als ich zu Beginn hatte.
      Und mit einer Figur soll es aus einem ganz einfachen Grund sein: Weil man sonst mehr als einen Roman schreiben könnte/sollte. Natürlich dürfen andere Figuren mitwirken, und auch die Tatsache, dass Protagonist, Hauptfigur und Perspektivfigur nicht identisch sei müssen zeigt, dass es um mehr als eine Figur gehen kann. Aber die Handlung (und damit die Beantwortung der Hauptfrage) wird von einer Figur vorangetrieben, sonst verzettelt sich der Roman ganz schnell.

      Dies meine 10 Cent dazu.

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  3. Hallo Marcus, vielen Dank für diesen hilfreichen Beitrag, der mir wirklich weiterhilft, dieser zentralen Frage bewusst zu werden und in meinem Roman darauf zu achten. Lieber Gruss, Franziska

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