Die 4 wichtigsten Dinge, die ich von Neil Gaiman über das Schreiben gelernt habe

Die4wichtigstenDinge

In der aktuellen Folge der Die SchreibDilettanten tauschen sich mein Writing Buddy Axel Hollmann und ich über einen unserer Lieblingsautoren aus, den Urban Fantasy-Virtuosen Neil Gaiman.

Was mir an Neil Gaiman so sehr gefällt: Er schreibt nicht nur grandiose Romane, Kurzgeschichten und Comics, er ist auch ein Autor zum Anfassen. Wie kaum anderer ist er im Netz präsent und ist dabei nicht nur um Selbstdarstellung, sondern auch um Nachwuchsförderung bemüht und berichtet freizügig, wie es ihm gelang, zu einem veröffentlichten Autor zu werden.

Ergänzend zu unserer Podcast- und Vlog-Folge über Gaiman habe ich hier einmal zusammengetragen, welche seiner zahlreichen Äußerungen übers Schreiben von Romanen mich am meisten beeindrucken:

1. Beende es

Fragt man Gaiman nach seinem besten Schreibtipp, kommt sinngemäß immer wieder dieser dabei heraus: Ganz egal, wie schwer es dir gerade fällt, dranzubleiben, wie verlockend die nächste Idee ist – beende dein aktuelles Projekt.

Aus eigener Erfahrung kann ich die Wichtigkeit dieses Tipps nur unterstreichen. Ich habe über zehn Jahre vor mich hingelümmelt und ein Romanprojekt nach dem nächsten begonnen und stets nach einigen Seiten und Kapiteln wieder verworfen. Es gelang mir nicht, meine Schreibblockade zu überwinden.

Auch über die Gründe dafür hat Gaiman sich diverse Male – teilweise sehr offen und persönlich für einen Bestseller-Autor – geäußert. Auf den Punkt gebracht: Er meint, er leide bei jedem Projekt unter dem Problem, kurz vor Schluss den Eindruck zu haben, nicht gut genug schreiben zu können.

Ich habe auch bei jedem Romanprojekt das Gefühl, dass es eine Mauer gibt, die es zu durchstoßen gilt, eine aus Selbstzweifeln und Verlockungen neuer Ideen.

Für mich also einer der wichtigsten Schreibtipps schlechthin, wenn nicht sogar der Wichtigste.

2. Erste Entwürfe zählen nicht

Ein Tipp, der vor allem in Kombination mit dem ersten Sinn ergibt. Denn nur, wenn ich locker bleibe und auch bereit bin, mal ein Auge zuzudrücken, schaffe ich es bis zum Ende des ersten Entwurfs. Je mehr ich akzeptieren kann, dass ein erster Entwurf noch kein literarisches Meisterwerk ist, sondern nur die Arbeitsgrundlage für die erste Überarbeitung, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass ich ihn beenden kann.

3. Lege es zur Seite und widme dich einem anderen Projekt

Damit der erste Entwurf im nächsten Schritt auch gut überarbeitet werden kann, muss ich ihn mit neuen Augen sehen, am besten so, als wäre er kein Text von mir, sondern der eines anderen Autors. Gaiman erzählt, dass er dann mit einem neuen Projekt beginnt und sich dem alten erst wieder widmet, wenn er dieses abgeschlossen hat.

Ein Tipp, der meiner Ansicht nach aus zwei Gründen sehr wichtig ist. Zum Ersten bin ich gedanklich ganz woanders, wenn ich zwischen erstem Entwurf und Überarbeitung an etwas anderem arbeite. Das verändert die Perspektive.

Zum Zweiten mache ich als Autor mit jedem neuen Projekt auch eine Entwicklung durch. Ich bin also tatsächlich in gewissem Sinne ein anderer.

4. Erzähle die Geschichte, die nur du erzählen kannst

Gaiman ist ein Meister der Neuerzählung. In seiner preisgekrönten Comicserie The Sandman nutzt er immer wieder Sagen und Märchen oder Werke aus der Weltliteratur, vor allem Shakespeare, als Folie für seine eigenen Geschichten. Das Ganze verbindet er gelegentlich mit dem DC-Comic-Universum oder anderen Referenzen an die Comic-Kukltur.

Eines meiner Lieblingscomics von ihm ist Marvel 1602. In dieser Mini-Serie transportiert Gaiman die bekanntesten Marvel-Superhelden in die Elisabethanische Ära. Eigentlich erzählt er eine recht gewöhnliche Superheldengeschichte.

Nur der Kniff, dass alle Helden in historischen Inkarnationen und vor einem entsprechend historischen Hintergrund existieren, macht diese Story zu einem außergewöhnlichen Meisterwerk voller Insidergags und überraschenden Wendungen. Ein typischer Gaiman Kniff.

Hinzu kommt seine eigene Art, besonders sensibel mit den Figuren umzugehen und eher ihre inneren Vorgänge und archetypischen Merkmale darzustellen als spektakuläre Action.

Für mich ein ideales Beispiel, wie es einem Autor gelingen kann, Lesern eine neue Perspektive auf Altbekanntes zu gewähren.

Advertisements

7 Antworten auf “Die 4 wichtigsten Dinge, die ich von Neil Gaiman über das Schreiben gelernt habe”

      1. Ach, das habe ich doch gewusst! Aber dank deinem Blogeintrag habe ich es ‚gesehen‘ und das war zu einem verdammt guten Zeitpunkt! Wie, als hättest du es nur für mich gemacht (was nicht so ist – aber ich tue so, als sei es so und du tust so, als hättest du es nicht gelesen und wir gehen alle wieder zur Tagesordnung über! 😀 )

        Gefällt mir

  1. Meine Durststrecke ist üblicherweise ein bisschen früher im Text, da holt mich dann die Faulheit ein – Mein Halb-Pantsen hat eben seine Nachteile, wenn ich mich bei der Planung nicht anstrenge, muss ich es halt unterwegs tun. Da hilft dann wirklich nur, mich hinzusetzen und trotzdem was zu tippen.
    Punkt 3 muss ich mal probieren, klingt extrem vernünftig.

    Gefällt mir

    1. Gründliche Planung ist für mich auch der Schlüssel zum Durchbrechen des Writer’s Block. Ich habe allerdings den Eindruck, dass Gaiman auch eher Discovery Writer ist. So genau verrät er das aber nicht. Jedenfalls habe ich das noch nirgends gelesen.

      Gefällt mir

  2. Gaimans Tipp sind immer sehr umfassend, klug – und natürlich gar nicht einfach mal so eben zu befolgen. Meine Frage beträfe Punkt 4: Wie finde ich heraus, welche Geschichte nur ich selbst auf eine bestimmte Weise erzählen kann? Ich denke, der Erfolg gibt einem Recht. Aber was, wenn der erst noch kommen muss? Manche Autoren, kann ich mir vorstellen, verbringen ihre halbe Karriere damit, herauszufinden, was ‚ihre‘ Geschichte, ‚ihr‘ Stil ist. Gerade wenn man länger schreibt und das Gefühl hat, nicht mehr voranzukommen, ist doch die Bereitschaft größer, sich zu verbiegen, um anderen zu gefallen.
    Ich meine nur, ich finde den Hinweis unschlagbar, aber es ist ein ziemlicher Hammer.

    Gefällt mir

    1. Das ist ja auch schwierig, André. Es gibt da auch kein Patentrezept, fürchte ich. Häufig wissen Autoren ja auch gar nicht, was genau Ihrs ist. Arthur Conan Doyle hat es sein Leben lang gehasst, Sherlock-Holmes-Geschichten zu erzählen. Offensichtlich war es aber genau sein Ding.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s