Richtig klauen zum Spaß und für den Profit – 3 Tipps

RichtigklauenzumSpa

Tess Gerritsen verklagt zur Zeit Warner Brothers, da der Blockbuster „Gravity“ viele Parallelen zu ihrem gleichnamigen Thriller aufweist.

Nun sind die wenigsten Autoren Tess Gerritsen und die meisten Schriftsteller haben nicht das „Luxus“-Problem, ihre Ideen plötzlich in Hollywood-Blockbustern verewigt zu sehen.

Aber jeder Autor von Genreliteratur befindet sich in einem Spannungsfeld: Wie sehr muss ich mich einerseits an den Gesetzmäßigkeiten meines Genres orientieren – und wie originell darf ich andererseits sein, um nicht die Größen meiner Sparte (vielleicht sogar ungewollt) zu kopieren?

Meiner Meinung nach gibt es ein paar Handfeste Tipps, mit denen das Klauen bei den Vorbildern so gelingt, dass nicht nur die eigene künstlerische Integrität gewahrt bleibt, sondern ich als Autor auch mit ruhigem Gewissen schlafen kann.

 1. Das Eigene finden

Neil Gaiman hat einmal sinngemäß gesagt, dass es okay ist, zu kopieren. Entscheidend sei es, dabei früher oder später das Eigene zu finden . Ich diesem Sinne frage ich mich bei jedem Projekt, was denn meine ganz spezielle Perspektive ist, mein Beweggrund, die mich dazu anregen, diese bestimmte Geschichte zu erzählen.

Schaut man sich in der Genreliteratur um, stößt man auf viele Beispiele, in denen gerade die herausragenden Autoren eines Genres, ihren ganz eigenen Zugang kultiviert haben, ohne dabei die Gesetzmäßigkeiten ihrer Sparte zu vernachlässigen:

  • Arthur Conan Doyle hat als Arzt die akribischen, forensischen Ermittlungsmethoden in den Mittelpunkt gerückt und somit das Krimi-Genre geprägt.
  • Brandon Sanderson schreibt als langjähriger D&D- und Magic-Spieler herausragende epische Fantasy, weil er nicht nur alle Regeln des Genres befolgt, sondern auch, weil er wie kein zweiter Autor, Wert auf ausgefeilte Magiesysteme legt.
  • Michael Robotham eröffnet in seinen Psychothrillern die Perspektive eines Parkinson-Patienten, um seinen Romanen Eigenständigkeit zu verleihen.

2. Prinzipien kopieren, keine Ideen

Für mich ist eines der dreistesten Plagiatsbeispiele Terry Brooks‘ erster Shannara-Roman. Es wundert mich, dass es nie einen Urheberrechts-Prozess gegeben hat. Nahezu eins zu eins werden hier die Handlungsschritte des Herrn der Ringe kopiert und sogar die Figuren sind sehr ähnlich, nur dass Gandalf bei Brooks kein Zauberer, sondern ein Druide ist.

Meiner Ansicht nach ein Beispiel dafür, wie man schlecht klaut. Denn der erste Shannara-Roman fügt dem Fantasy-Genre nichts hinzu, was der Herr der Ringe nicht schon etabliert hatte.

Gutes Klauen bedeutet, dass ich mir bewusst mache, welche Prinzipien hinter einem Genreerfolg stehen und diese dann mit meinen eigenen Ideen fülle. Und nicht die Ideen klaue und lediglich die Namen der Figuren durch neue ersetze.

Ein Beispiel für gutes Klauen ist in meinen Augen die Serie „The Mentalist“. Die Hauptfigur, der Mentalist Patrick Jane, weist zwar viele Parallelen zu Sherlock Holmes auf – beide sind exzentrische Ermittler, die als Privatmänner die Polizei beraten und mit ungewöhnlichen Methoden scheinbar unergründliche Fälle doch noch lösen. Aber „The Mentalist“ klaut nur diese Grundprinzipien von Arthur Conan Doyle und ergänzt sie um genug eigene Ideen und neue Figuren, so dass die Storys frisch bleiben.

3. Viele verschiedene Ideen zusammenführen

Ein anderes Beispiel aus dem TV-Bereich ist für meine Begriffe die Serie LOST. Hier sind eindeutig die verschiedenen Grundideen aus anderen Serien oder literarischen Vorlagen erkennbar.

Von Gilligans Island, über Akte-X bis hin zu Stephen Kings „The Stand“ lassen sich haufenweise Anleihen finden. Aber es handelt sich dabei um so viel verschiedene Elemente, die teils aus so unterschiedlichen Bereichen zusammengeführt werden, dass am Ende etwas Eigenes entsteht.

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14 Antworten auf “Richtig klauen zum Spaß und für den Profit – 3 Tipps”

  1. Ein gelungener Artikel zu einem, wie ich finde, wichtigen Thema. Denn jeder Künstler „klaut“ für seine Werke, ob er es nun einsehen will oder nicht.
    Eine Idee kommt nicht einfach aus dem „Nichts“… der Anreiz, die Inspiration dazu haben immer eine Quelle, mag sie auch noch so banal sein wie Frühstücksflocken am Morgen oder der bellende Hund vor der Tür.

    Ich habe Terry Brooks’ Shannara-Roman nicht gekannt bisher, bin aber entsetzt über den krassen Diebstahl. Da ist definitiv zu viel geklaut.
    Eine kleine Idee hier, eine Charakteranleihe da … das ist völlig ok und macht auch Spaß.
    Aber, wie du schon schreibst, es muss etwas „Eigenes“ entstehen.

    Schwer finde ich es aber, im Moment besonders bei Fantasy und Krimi, dass man nicht des Diebstahls bezichtigt wird, obwohl man das angebliche Original nie gelesen hat.
    Es passiert bei den klassischen Themen so oft, dass jemand ein Buch fertig schreibt und hinterher werden die Rufe laut : „Dieses ist ganz klar aus XY geklaut und Das da gab es schon bei XYZ. Außerdem sind die Parallelen zu [beliebige alte Sage, Märchen oder Literaturklassiker einsetzbar] soooo offensichtlich.“

    Mir selbst ist es nun schon 4 Mal passiert, dass ich ein Projekt in die Tonne getreten habe, weil mich jemand auf ein Buch oder einen Film aufmerksam machte, in dem ganz ähnliches passiert. Und in jedem der 4 Fälle kannte ich diese Werke nicht, doch die Ähnlichkeiten waren verblüffend.
    Da muss ich an ein Interview denken, in dem Stephen King erzählt, dass seine Frau ihn, nachdem er ihr von „The Dome“ erzählte, fragte: „Oh, wie in dem Simpsons Film?“ Hehe.

    Es gibt zu dem Thema auch ein tolles Buch: Steal Like an Artist von Austin Kleon
    Das wollte ich demnächst mal vorstellen.

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    1. Klaut man eigentlich noch, wenn die Sachen so verfremdet werden, dass dabei etwas Eigenes entsteht?

      Bei Fantasy, da bin ich mir sicher, wird es Ideen geben, die noch unerforscht sind, bei Krimis ebenso, man muss nur noch mehr nachdenken, um darauf zu kommen.

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    2. Hi, Medita,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und deine Einsichten. Das Buch von Austin Kleon kenne ich noch nicht, aber ich werde es mir mal ansehen. Vielen Dank für den Tipp.

      Was das Problem mit den Ideen angeht, die man sozusagen unabsichtlich klaut – da fällt mir das Beispiel von Dan Wells John-Cleaver-Büchern ein. Im Przinip erzählt er da eine sehr ähnliche Geschichte wie die TV-Serie Dexter, Wells versichert aber glaubhaft, die Serie beim Schreiben des ersten Buches nicht gekannt zu haben.

      Es passiert also mehr oder weniger jedem. Und auch hinter dem Rechtsstreit, den Tess Gerritsen gerade ausfechtet, vermute ich persönlich kein Plagiat (obwohl ich das natürlich nicht weiß). Gute Ideen setzen sich hat durch und fallen nicht nur einem ein. Das finde ich aber auch nicht weiter schlimm.

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  2. Hallo Marcus,

    dein Text hat bei mir viele Aha-Erlebnisse ausgelöst!

    Zum einen der ständige Gedanke, dass ich über etwas (unbewusst) schreibe, das es bereits gibt.

    Zum anderen sind da die Zitate.

    Thomas Mann sagte über sich, er sei kein Erfinder, sondern ein Finder. Im Prinzip bezog er sich m.E. auf Nietzsches „Variation des Immergleichen“.

    Oder das Zitat von Picasso, sinngemäß: „Gute Künstler kopieren, großartige Künstler klauen“. Auch Steve Jobs zitierte Picasso.

    Was allen gemeinsam ist, hast du in deinem Text schön herausgearbeitet. Ich verstehe hierdrunter auch nicht das stumpfe, handwerkliche Kopieren, sondern das Erfassen der Essenz und die Anreicherung um etwas Eigenes, um Neues zu schaffen. Ich glaube, das nennt man dann Fortschritt:-D

    Danke

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  3. Ein sehr interessantes Thema, danke Marcus!

    Millionen und Abermillionen Geschichten wurden bereits erzählt und aufgeschrieben. Es wäre naiv zu glauben, dass die Grundidee oder einzelne Handlungsschritte der eigenen Geschichte nicht schon in irgendeinem Buch oder Film vorgekommen sind. Sich dessen bewußt zu werden kann durchaus frustrierend sein. 🙂

    Ich denke, was die eigene Geschichte von allen anderen unterscheidet sind die Details und die Figuren. Wer Figuren aus anderen Geschichten klaut wird sich schwer tun eine einzigartige Geschichte daraus zu machen, denn eine Story steht und fällt mit den Figuren. In den meisten Fällen ergibt sich die Story aus den Figuren. Kenne ich meine Figuren nicht, kenne ich meine Story nicht und ich werde eine oberflächliche, klischeelastige Geschichte schreiben.

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stimme dir weitestgehend zu. Ich denke aber, dass auch Figuren gut kopiert werden können. Da wimmelt es ja auch von Beispielen. Man denke nur an MARVELs Thor, der ja nun nichts weiter ist als die zeitgerechte Bearbeitung der mythischen Figur. Ist bei allen Superhelden so, aber bei Thor fällt es ja ins Auge.

      Und das von mir im Artikel zitierte Beispiel von The Mentalist zeigt ja auch, wie man Sherlock Holmes in unsere Zeit gelungen transportieren kann. House oder Monk sind weitere Beispiele.

      Es geht also auch mit Figuren. Ich denke, entscheidend ist das Gaiman-Zitat. Wenn ich eine Geschichte auf die Weise erzähle, wie nur ich sie erzählen kann, dann kann ich mich auch diverser Vorlagen bedienen. Und im Grunde steckt dies hinter allen gelungenen Geschichten, finde ich.

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    2. Man ändert eine Figur allerdings schon, wenn man sie in ein anderes Setting steckt.

      Was ist eine Grundidee? Wenn sie heißt: Ich will mal einen Thriller schreiben, ja, dann wird es schon mal vorgekommen sein. Wenn sie konkreter ist, dann wahrscheinlich nicht. Beispielsweise: Ich will eine Geschichte über ein machohaftes Okapi, was einen Kriminalfall löst, schreiben.

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  4. Ich spinn jetzt einfach mal so rum und behaupte mythische Figuren sind Archetypen in Reinform.
    Wenn Superheldengeschichten die moderne Version der alten Mythen sind, so sprechen sie menschliche Urängste oder Urhoffnungen an und das ist der Grund, weshalb diese Geschichten noch heute so gut funktionieren. Das hat also nicht primär was damit zu tun, dass hier eine Figur kopiert wird, es ist mehr ein archetypisches Prinzip. Natürlich kann das in einzelnen Fällen schon so sein, dass man Figuren widererkennt, aber eine Figur wirklich 1:1 zu klauen, geht für mich gar nicht. Das ist schlechter Stil.

    Ich sehe es wie Engel und finde, dass man eine Figur schon deutlich ändert, wenn man sie in ein anderes Setting stellt und ihr eine eigene Geschichte gibt. Ich hatte zB noch nie den Gedanken, dass der Mentalist eine neuere Version von Sherlock Holmes sein soll. Vielleicht bin ich da auch einfach nicht so sensibilisiert, weil ich mich mit dem Thema nicht beschäftige.
    House und Monk sind zwei sehr spezielle Figuren, die beide körperliche und/oder psychische Probleme haben und sie lösen beide Fälle, das verbindet sie. Aber beide sind so speziell, dass ich auch da noch nie auf die Idee gekommen wäre, die beiden Figuren zusammenzubringen.
    @Engel Also das wäre bestimmt eine einzigartige Grundidee. 🙂

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  5. Ob sie jemand lesen würde, steht auf einem anderen Blatt.
    Aber ich denke, es gäbe in ähnlicher Preiskategorie originielle Grundideen, die auch viele Menschen interessieren würden. Man muss nur suchen.

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  6. Hey. Ist es in Ordnung, wenn man den Charakter-Aufbau/Struktur (mir fehlt das richtige Wort) von einer anderen Geschichte übernimmt? Zum Beispiel „Romeo und Julia“ von William Shakespeare. Dort gibt es den Streitschlichter (Benvolio), den Witzbold (Mercutio), den Verträumten (Romeo), die Vertrauten (Mönch und Amme) u.s.w. Könnte man die und ihre Verbindungen (Zueinander) übernehmen? Ohne jetzt das Hauptthema (Hass und Liebe). Oder ist das dummes „klauen“? Hab einen schönen Abend. Grüße.

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