6 Argumente fürs Abschreiben

6ArgumentefrsAbschreiben

Anfangs war ich etwas irritiert, als ich in James N. Freys Wie man einen verdammt guten Roman schreibt auf den Tipp stieß, Texte anderer Autoren abzuschreiben, um den eigenen Stil zu entwickeln. Abschreiben ist doch öde. Und wie soll ich denn einen eigenen Schreibstil ausprägen, wenn ich andere nur kopiere?

Schließlich versuchte ich es doch und stellte fest – Abschreiben macht Spaß und hilft tatsächlich dabei, seinen eigenen Stil zu finden.

Seitdem absolviere ich diese Übung immer mal wieder mit großem Vergnügen. Hier die Gründe, wieso ich Abschreiben für eine wirklich wichtige Angelegenheit halte:

1. Abschreiben macht Spaß
Ich hätte es nicht gedacht. Aber es ist für mich tatsächlich einfach ein Vergnügen abzuschreiben.

2. Abschreiben eröffnet eine neue Perspektive auf Texte
Schreibe ich Texte eines anderen Autors ab, ist das für mich eine vollkommen neue Weise, diesem Schriftsteller zu begegnen. Ich konsumiere den Text viel langsamer und natürlich auch genauer, als wenn ich ihn nur lese.

3. Abschreiben hilft bei Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung
Klingt vielleicht trivial, aber es kann nie schaden, seine eigenen sprachlichen Kenntnisse etwas aufzufrischen. Regeln lernen ist das eine. Sie verinnerlichen, ist das andere. Abschreiben hilft zumindest mir dabei.

4. Abschreiben schult den eigenen Stil
In diesem Punkt liegt vielleicht der größte Überraschungseffekt verborgen. Mein erster, kritischer Gedanke beim Lesen des entsprechenden Tipps bei Frey war: Wenn ich andere Autoren abschreibe, dann kopiere ich doch ihren Stil und entwickle keinen eigenen.

Ja und nein. Würde ich es nur beim Abschreiben eines Autoren belassen, bestünde diese Gefahr vielleicht. Aber diese Übung beinhaltet ja, dass ich verschiedene Autoren abschreibe. Das ist durchaus wichtig.

Hinzu kommt, dass der abschließende Teil der Übung darin besteht, dass ich einen Text, den ich abgeschrieben habe, nochmals komplett aus dem Gedächtnis schreibe. Dabei vermischen sich meiner Erfahrung nach meine eigenen Gedanken und sprachlichen Vorlieben mit denen der Vorlage.

Bestenfalls wird auf diese Weise meine Sprache auf ein höheres Niveau gehoben, indem ich Übernehme, was an der Vorlage gelungen und wichtig ist, ihm aber meine eigene Note verpasse.

5. Abschreiben trainiert das Gedächtnis
Na ja, vielleicht, vielleicht auch nicht. Es ist ja strittig, ob man sein Gedächtnis überhaupt trainieren kann. Aber schaden wird es auf keinen Fall. Ich bilde es mir jedenfalls ein.

6. Abschreiben führt dazu, dass ich genauer lese
Auf die Dauer habe ich festgestellt, dass ich nicht nur beim Abschreiben genauer hinsehe, wenn ich Romane lese. Auch wenn ich später „einfach nur so“ lese, habe ich offensichtlich meinen Blick geschärft und achte wesentliche Genauer auf Feinheiten eines Textes als sonst.

Ich finde es wichtig, beim Abschreiben darauf zu achten, sich Autoren zu widmen, deren Stil auch dem entspricht, woran man gerade schreibt. Anstatt also aus verschiedenen Genres von Autoren abzuschreiben, würde ich mir beispielsweise lieber verschiedene Hard-Boiled-Autoren greifen und von ihnen abschreiben, um eine eigene Stimme für meinen hartgesottenen Detektiv zu finden.

Noch beachtenswert: Die Technik. Statt Wort für Wort abzuschreiben, wobei mir der Zusammenhang der Satzteile entgeht, schreibe ich satz- oder sogar absatzweise ab. So kann ich jeden einzelnen Satz ein wenig in meinem Kopf herumspuken und sich setzen lassen.

Advertisements

20 Gedanken zu “6 Argumente fürs Abschreiben

  1. Als ich James N. Freys Tipp las erinnert es mich an den Spruch: „Der Weg zur Kunst führt über die Kunst“. Wenn ich ein Bild abmale, dann werde ich je nach Können bewundert werden, wenn ich einen Text abschreibe, ernte ich Gelächter…

    Für mich hat das Abschreiben auch eine psychologische Komponente, die auf visueller Ebene ansetzt. Immer wenn ich vor meinem Text sitze und auf den Bildschirm starre, erscheint mir mein Text so platt und einfach. Das Lesen von Büchern ist visuell ein anderes Erlebnis. Tippe ich einige davon ab und sehe, dass auch diese Texte auf meinem Bildschirm meinem Text ähneln, beruhigt mich das ein wenig. Dann sehe ich die Gemeinsamkeiten und gute Texte erscheinen mir nicht mehr unerreichbar.

    Gefällt mir

  2. Hallo Marcus.

    Mich würde in diesem Zusammenhang interessieren wie Du abschreibst. Von Hand oder mit der Tastatur? Denn ich bin z.B. ein Tastatur-Schnellschreiber. Ich weiß nicht, ob mich dann das Abschreiben dem Text näher bringen würde. Einen größeren Effekt würde es wohl geben, wenn ich von Hand schreibe. So richtig Tinte aufs Papier bringen. 🙂
    Muss ich mal ausprobieren…

    Gefällt mir

  3. Richtig abgeschrieben habe ich noch nicht, aber versucht, Stile zu kopieren, mehr oder, meistens, weniger erfolgreich. Hat mir jedenfalls den Blick dafür geschärft, was mir gefällt, was ich anders machen würde, etc.

    Gefällt mir

  4. Ich würde statt ‚abschreiben‘ ‚abtippen‘ sagen.
    Abschreiben hat was von ‚in der Schule abschreiben‘ und es als eigene Arbeit ausgeben, während Abtippen nur das… naja, Abtippen eines Textes bedeutet.

    Gefällt mir

  5. Erinnert mich an das Erlernen japanischer Kampfkunst. Da muss man auch jahrelang die Bewegungen einen Meisters möglichst exakt nachahmen, um die Bewegung „ganzheitlich“ zu lernen. Erst wenn man das kann beginnt das Entwickeln eines eigenen Stils.
    Es gibt übrigens eine Richtung beim Sprachenlernen, bei der ein fremdsprachiger Text parallel abgeschrieben (nicht getippt …) wird und laut vorgelesen. Soll etwas im Gehirn bewirken 🙂
    Beim „normalen“ Schreiben habe ich es noch nicht probiert, werde es aber.

    Gefällt 1 Person

    • Im NLP Coaching gibt es das Modelling. Kurz zusammengefasst bedeutet dass, sich ganz genau bis ins kleinste Detail anzuschauen, wie der Klassenbeste es macht, der Klassenbeste zu sein. Die Erkenntnisse werden auf das eigene Handeln übertragen, um Spitzenleistungen zu erbringen. In der Betriebswirtschaftslehre würde man von Benchmarking sprechen.

      Gefällt mir

  6. Abgeschrieben habe ich bislang nur Wissenschaftsartikel, um die Fakten besser zu verinnerlichen.
    Ich schaue mir auch manchmal den Stil an, um mich daran zu orientieren. Aber meistens stelle ich fest, es passt nicht ganz. Jeder Text, jede Literatur verlangt seine eigene Sprache.

    Die Innovationsseite ist ganz interessant. Leider wird ein wichtiges Thema da ausgespart, was in Zukunft sehr wichtig sein wird.

    Gefällt 1 Person

  7. Ha, ich bin also nicht der einzige Abschreiber, der sich dadurch tatsächlich verbessert.
    Auch ich schreibe Passagen aus Texten, die mir gut gefallen hin und wieder einmal ab, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen.
    Dabei habe ich angefangen zuerst den Text einmal ganz zu lesen und ihn dann Satz für Satz aufzuschreiben. Dabei verändere ich den Satz so, dass er mir maximal gefällt. Häufig besteht die Veränderung darin, ein Wort durch ein (für meinen Geschmack) passenderes zu ersetzen, den Satz umzustellen oder zu lange Sätze zu teilen. Gelegentlich schreibe ich einen Satz, der mir so gar nicht gefällt auch ganz neu.

    Vor kurzem schrieb ich eine Szene für meinen Roman und ich erinnerte mich ganz vage an eine Abschreibübung aus dem letzten Jahr mit einer ähnlichen Szene.
    Die Übung von damals hat meine Szene definitiv beeinflusst und ich bin mir sicher, dass meine Szene ohne sie nicht annähernd so magisch und gut geworden wäre.

    Ich kann solche Übungen wirklich empfehlen 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s