Romane beginnen wie Stephen King

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Auf Romananfänge bin ich schon häufiger eingegangen, zum Beispiel hier oder hier. Denke ich an gelungene Einstiege in spannende Romane, denke ich vor allem an Stephen King, obwohl seine Romanfänge nicht gerade aus dem Lehrbuch stammen.

Ganz gleich, wie mir ein Roman von King im weiteren Verlauf gefällt (und oft gefallen mir seine Enden weniger gut), zu Beginn reißen sie mich immer mit. Grund genug, mich einmal näher damit zu beschäftigen, was denn eigentlich die Ursache für diese extreme Sogwirkung ist, die seine Geschichten von Anfang an entfalten.

Wie Stephen King (meistens) nicht beginnt

Stephen King ist ein Autor mit einer sehr eigenen Handschrift. Er ist in vielen Genres zu Hause und trotzdem erkennt man ihn stets wieder. Meiner Meinung nach sind seine Anfänge dafür mit verantwortlich.

(Vor allem der späte) King setzt sich meistens über einige Grundsätze hinweg. Spät rein, früh raus zum Beispiel. Oft macht er das genaue Gegenteil. Er holt weit aus, erzählt viel von der Hintergrundgeschichte der Handlung, beschreibt lang und breit das Setting oder beginnt mit der ausführlichen Vorstellung einer Figur. Alles Dinge, die normalerweise dazu führen, dass ich einen Roman nach den ersten anderthalb Seiten in die Ecke pfeffere.

Bei King nicht. Das liegt meiner Beobachtung nach an zwei Dingen, die er am Anfang eines Romans häufig macht:

1. Der starke emotionale Wandel einer Figur

Um mir darüber klarzuwerden, wie King den Sog der Gefühle von Anfang an entfaltet, habe ich einmal die Anfänge einiger Romane Revue passieren lassen. Hier ein paar willkürlich gewählte Beispiele:

  • Wahn: Edgar Freemantle erzählt davon, wie er den amerikanischen Traum lebte und wie ein Unfall diesen Traum jäh zum Platzen brachte.
  • Shining: Jack Torrence will eigentlich ein Bestseller-Autor werden, muss aber einen schäbigen Job als Hotelwächter am Arsch der Welt annehmen, um seine Familie durchzubringen.
  • Carrie: Carrie steht wie „ein Frosch unter Schwänen“ mit ihren Schulkameradinnen unter der Dusche und wird verspottet, weil zum ersten Mal ihre Periode einsetzt.

In den vielen Fällen erzählt King einen Moment des starken emotionalen Wandels einer Figur. In seinen älteren Romanen springt er noch häufiger in eine Szene hinein (Show don’t tell). Ich habe den Eindruck, dass er das in seinen neueren Romanen eher seltener tut. Trotzdem verlieren die Einstiege ihre emotionale Wirkung nicht.

2. Wirklich starke erste Sätze

Der zweite Punkt, der die Magie von Kings Romananfängen für mich ausmacht, ist die Wirkung starker erster Sätze:

  • Wahn: „Mein Name ist Edgar Freemantle. Ich war mal eine große Nummer im Baugewerbe. Das war in Minnesota, in meinem anderen Leben.“
  • Shilling: „Schmieriger kleiner Scheißkerl, dachte Jack Torrance.“
  • Carrie: „Der Duschraum war erfüllt von Rufen, Gelächter und dem beständigen Prasseln des Wassers auf dem gekachelten Fußboden. Die Mädchen hatten in der ersten Unterrichtsstunde Volleyball gespielt, und ihr morgendlicher Schweiß war leicht und frisch.“

Auf den ersten Blick haben die Sätze nicht viel gemeinsam. King bedient sich bei den jeweiligen Romananfängen unterschiedlicher Techniken.

In Wahn wird erzählt, in Shining bekommen wir einen Einblick in die Gedanken der Hauptfigur und in Carrie springen wir direkt ins Geschehen. Am konventionellsten empfinde ich hier noch den Beginn von Carrie (was vielleicht nicht weiter erstaunlich ist, da es sich ja um Kings Erstling handelt).

Stephen King geht also beim Schreiben eines spannenden Romans durchaus nicht nach Schema-F vor. Trotzdem verraten diese ersten Sätze eine große Gemeinsamkeit: Meiner Ansicht nach zeigen uns alle drei Beispiele Dinge, die uns normalerweise verborgen bleiben.

Edgar Freemantle erzählt von seinem Scheitern, etwas, das sonst niemand freimütig tut. In Shining erfahren wir, was der Bewerber insgeheim von seinem potenziellen, neuen Arbeitgeber hält und in Carrie werfen wir einen Blick in die Mädchendusche einer Schule.

In den drei Beispielen wird der Voyeurismus des Lesers angesprochen. King nutzt keine große äußere Action oder gar Spannungselemente, Schocks oder Ekelszenen (wie man es vielleicht von einem Horror-Autor erwarten würde), sondern beginnt damit, uns bei unserer Neugier auf das zu packen, was uns im Alltag normalerweise verborgen bleibt.

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16 Antworten auf “Romane beginnen wie Stephen King”

  1. Sehr gelungene Analyse! Ich bin großer Stephen King – Fan und plündere seit über einem Jahr das S.K.-Bücherregal meines Vaters. Dabei macht man sich natürlich Gedanken über die faszinierende Handschrift des Autors. Und auch mich haben ganz speziell die Anfänge interessiert. Weil sie so alltäglich erscheinen, man beim Lesen aber ‚das Verborgene‘ spürt, etwas das den Alltag doch nicht so normal macht. Viel verrückter wird es dann, wenn paranormale Ereignisse dazukommen, die erzählt werden, als wäre es das natürlichste der Welt. Also, vielen Dank für den Beitrag!

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  2. Punkt 2 (starke Sätze) ist natürlich richtig, bei Punkt 1 „emotionalen Wandel“ hege ich leichte Zweifel: Jack Torrance zum Beispiel macht ja in der Eingangsszene nicht wirklich einen Wandel durch. Für mich ist die Sogwirkung von King-Anfängen aber auch in den Charakteren begründet: Ich weiß wirklich nicht, wie der Mann das macht, aber er braucht nur zwei, drei Sätze um seine Protagonisten lebendig und wahrhaftig werden zu lassen. Da mag der hier genannte Voyeurismus mit reinspielen, zentral ist bestimmt auch Kings griffig-geniale Sprache, aber wirklich dahinter gekommen bin ich bis jetzt eben noch nicht 🙂
    Jedenfalls danke für den interessanten Text

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    1. Ob Jack einen Wandel durchmacht oder nicht, ist vielleicht Definitionssache. Er muss halt einen Job annehmen, den er nicht machen will.

      Vielen Dank für das Lob. Es freut mich sehr, wenn dir der Blogeintrag was gebracht hat.

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    1. Ich weiss, es ist natürlich Geschmackssache. Aber wenn das der Anfang der „Schwarze Turm“ Reihe ist, dann hast du mich gerade vor einigen tausend Seiten Text bewahrt, Joe. 😉
      Dieser Satz ist für mich auf dem Snoopy Niveau: „It was a dark and stormy night“. Schon klar, dass der nicht von Schulz, sondern von einem Schriftsteller aus dem früheren 19. Jahrhundert stammt.
      Es ist beinahe wie mit „GoT“: Je mehr mir die Leute versuchen das schmackhaft zu machen, desto weniger interessiert es mich. Der arme Herr Martin scheint auch keine gute Propaganda-Maschinerie zu haben. 😉

      Und bevor jetzt Proteststürme losbrechen: Ja, ich bin mir der schriftstellerischen Qualitäten von Herrn Martin bewusst, etwa so wie der von Herrn King. Aber je länger desto mehr auch deren Mängel.

      Die von dir erwähnten drei Anfänge finde ich jedoch auch bemerkenswert. Da fällt mir grad ein mögliches Thema für eine Folge der Schreib-Dilettanten ein: Eure Liebsten Romananfänge und -enden. Und warum es genau diese sind. Na?

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  3. Ich denke, die Sogkraft von Kings Romanen kann man auch deshalb nicht an Schemata festmachen, weil King die Beweggründe seiner Figuren an oberste Stelle setzt und alles andere konsequent daraufhin ausrichtet.

    Wenn es einen Polizisten gibt, der seitenlang etwas erzählen will, weil er einen verdammt guten emotionalen Grund dafür hat, dann gibt es eben eine seitenlange narrative Zusammenfassung, die Vorgeschichte, wie in „Der Buick“ von 2001 – und es packt!

    Das heißt aber auch, dass King alles vermeidet, was nicht in diese Beweggründe passt. In der Dusche der Mädchen-High-School in Carrie gibt es kein Mitleid. Jack Torrance findet wirklich, dass der Hotelfritze ein Scheißkerl ist. Und Edgar Freemantle ist ehrlich zu sich selbst (und den Lesern).

    Es ist, als hätte niemand diese Bücher geschrieben. Sie passieren einfach, weil es die Menschen dahinter gibt. Das ist das Tolle an King.

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