Überarbeiten für Fortgeschrittene: 6 Tipps

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Wie schon häufiger auf meinem Blog angesprochen, gibt es zum Überarbeiten von ersten Entwürfen viele Tipps. Hier sechs für Fortgeschrittene, die mir in der Praxis oft geholfen haben:

1. Vorlesen für die Erzählstimme

Den eigenen Text laut zu lesen ist ein guter Tipp. Hier stellt sich heraus, ob alle Sätze auch wirklich funktionieren. Was im Kopf gut klingt, muss noch lange nicht gesprochen funktionieren.

Fortgeschrittene achten auf mehr: Ein Entwurf entsteht über Wochen, Monate, machmal sogar Jahre. Die Erzählstimme, mit der auf Seite eins begonnen wurde, hat vielleicht nichts mehr mit der Erzählstimme auf Seite 400 zu tun.

Hier kann es helfen, die Kapitel des Entwurfs nicht in chronologischer Reihenfolge zu lesen.

2. Leserorientierung

Beim Überarbeiten muss jedes einzelne Wort und jede Formulierung nicht nur darauf abgeklopft werden, dass alles sprachlich stimmt, seinen Fluss hat und auch korrekt ist. Es hilft auch, sich zu fragen, ob der Text auch für die Zielgruppe des Romans funktioniert.

Gibt es genug Technobabble im SF-Roman? Ist der Hard-Boiled-Krimi sarkastisch genug? Überfordern die langen und verschachtelten Sätze nicht die Leser meines Kinderbuchs?

3. Spracheffizienz

Niemand mag aufgeblähte Texte. In Akademikerkreisen mag es als schick gelten, verschachtelte Sätze mit vielen Substantiven zu produzieren. Dem Romanautor sollte es vor allem darum gehen, eine spannende Geschichte mittels Sprache zu transportieren.

Darum prüfe ich, ob ich Substantive vermeiden und durch Verben ersetzen kann: „Sein Gang war hinkend.“ ist einfach nicht so lesbar wie „Er hinkte.“.

4. Absätze setzen wie ein Profi

Absätze sind ein häufig unterschätztes Stilmittel. Ob, wann und wie viele ich benutze entscheidet über den Lesefluss. Zu viele schaden genauso wie zu wenige.

Für Fortgeschrittene ist die innere Struktur eines Absatzes wichtig,  wie auch das Zusammenwirken der Absätze für den Gesamttext. Beginnt jeder Absatz mit etwas Neuem? Wird ein neuer Gedanke angerissen, ein neues Ereignis transportiert?

Wie wird von einem Absatz zum nächsten übergeleitet? Manchmal will man den Bruch und die Überraschung. Doch für den Lesefluss ist es auf Dauer besser, die Absätze logisch miteinander zu verknüpfen.

Entscheidend ist auch die Länge der Absätze. Zu viele kurze Absätze hintereinander können den Lesefluss genauso hemmen, wie zu lange Absätze. Wie immer gilt es, Monotonie zu vermeiden.

5. Bandwurmsätze für Experten

In der Regel ist ein kurzer Satz ein guter Satz. Doch zu viele kurze Sätze in einem Absatz langweilen genauso wie endlose Schachtelsätze. Der Lesefluss verlangt hier und da auch mal ein Satzgefüge.

Bandwurmsätze sind dann ermüdend, wenn eigentlich nur Hauptsätze aneinander gereiht werden, die besser durch Punkte getrennt werden könnten. Nach einem Komma erwartet ein Leser einen Relativsatz, ein Beifügung oder irgend etwas anderes, das dem Hauptsatz untergeordnet ist, ihn näher erläutert oder erweitert – aber keinen neuen Hauptsatz.

Hinzu kommt, dass es innerhalb eines Satzes Hierarchien gibt. Wer lange Sätze nur als Satzreihen schreibt, verschafft dem Leser keinen Überblick. Was ist das Wichtigste am Satz, was ist diesem Wichtigen untergeordnet? Wichtiges gehört in der Regel an den Anfang, das Zweitwichtigste dahinter usw.

6. Satzzeichen nutzen wie die Profis

So wie es wichtig ist, Absätze und Sätze zu variieren, muss es auch bei den Satzzeichen ein wenig Abwechslung geben.

Der Gedankenstrich beispielsweise ist ein unterschätztes Satzzeichen. Er zeigt an, dass innerhalb eines Satz etwas Neues beginnt, das aber doch mit dem Anfang des Satzes etwas zu tun hat. Er kann mehr Überblick verleihen und dem Leser mal eine klitzekleine Pause geben.

Auf der anderen Seite sollte nicht jedes Satzzeichen, das möglich ist, benutzt werden. Das Semikolon beispielsweise ist aus der Mode. Das mag man bedauern oder auch nicht, aber die meisten Leser wissen heutzutage damit nichts mehr anzufangen. In einem modernen Roman würde ich es deswegen nicht verwenden.

Die Häufung von Satzzeichen sollte unbedingt !!!??? — vermieden werden. Erstens ist nicht ersichtlich, wozu dies dienen soll und zweitens sieht es einfach schlecht aus.

Einfach Anführungszeichen sind in der wissenschaftlichen Arbeit nicht wegzudenken. In einem Roman verwirren sie eher und haben dort nichts zu suchen.

Zu häufige Auslassungszeichen wirken … substanzlos. Sparsam einsetzen, wenn überhaupt.

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10 Gedanken zu “Überarbeiten für Fortgeschrittene: 6 Tipps

  1. Bei wörtlicher Rede bitte Anführungszeichen.

    Noch eine Frage zur Punktsetzung. Kann man das so schreiben:
    „Sein Gang war hinkend.“ ist nicht so lesbar wie „Er hinkte.“ Meine Rechtschreibprüfung schreit da Alarm.
    Ich hätte es eher so geschreiben: „Sein Gang war hinkend“, ist nicht so lesbar wie „Er hinkte.“ Oder so „Sein Gang war hinkend“ ist nicht so lesbar wie „Er hinkte.“ Wie macht man es richtig? (Vielleicht noch anders: „Sein Gang war hinkend“, liest sich nicht so leicht wie „Er hinkte.“ Das hat allerdings nicht mit der Frage zu tun.)

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    • Ich würde da an deiner Stelle in diesem Fall nicht auf deine Rechtschreibprüfung vertrauen. Meiner Meinung nach habe ich das richtig geschrieben. Es handelt sich hier nicht um Redebegleitsätze und wörtliche Rede, sondern im Prinzip um ein Zitat.

      Auf der anderen Seite ist das auch eher ein Nebenkriegsschauplatz. Auf solche Fragen würde ich nicht zu viel Energie verschwenden.

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      • Hi Marcus

        Das mit den zu häufigen Auslassungszeichen hätte ich wohl früher lesen sollen. Mein Lektor harkt sie gerade mit dem grossen Rechen zusammen. Überhaupt bin ich überzeugt, dass deine Tipps wesentlich dazu beigetragen haben, dass ich dieses Mal so schnell einen Verlag gefunden habe. (Du erinnerst dich an den Tipp für den Pitch?) Und der Plot meines neuen Thrillers ist auch bereits so weit gediehen, dass ich bereits jetzt mit dem Schreiben loslegen kann.
        Ich sage nur: Danke!

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