5 Zutaten für einen spannenden Romananfang

Keine Frage, der Anfang eines Romans ist sein wichtigster Teil. Ist er nicht spannend, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das ganze Buch schnell wieder aus der Hand gelegt wird.

Mit diesen Elementen gelingt ein spannender Einstieg in den Plot:

1. Ein unerwartetes Ereignis, das die Welt der Heldin durcheinanderbringt

Es ist wichtig, zu Beginn die Hauptfigur in ihrer Alltagswelt zu zeigen. Doch das ist keine Ausrede für Langeweile. Sie muss nicht beim Frühstück gezeigt werden oder bei anderen alltäglichen Dingen. Und wenn, dann müssen diese banalen Ereignisse mit dem Unerwarteten aufgepeppt werden.

Was könnte geschehen, das die Alltagswelt der Hauptfigur auf den Kopf stellt? Natürlich muss dieses Ereignis etwas mit dem Plot zutun haben und ihn in Gang bringen.

Das Klingeln des Weckers hämmerte in Philips Ohren. Ein Blick auf das Zifferblatt verriet ihm, dass es kurz nach fünf Uhr morgens war. Höchste Zeit zum Aufstehen, wenn er nicht zu spät im Büro erscheinen wollte.

Er quälte sich aus dem Bett und schlurfte zur Dusche, stellte sich in die  Kabine und drehte den Hahn auf. Doch was auf ihn herab prasselte war kein Wasser …

2.  Show Don’t Tell

Was Show Don’t Tell bedeutet, habe ich bereits in diesem Artikel erklärt. Gerade zu Beginn eines Romans ist dieses Prinzip wichtig. Die Gefahr, den Leser durch lange Hintergrundgeschichten zu langweilen und damit zu verlieren, ist am Anfang besonders groß.

Der Grund dafür ist einfach: Langes Erzählen spricht nur den Intellekt des Lesers an. Zeigen weckt seine sinnliche Wahrnehmung, seine Gefühle. Wird der Leser emotional angesprochen, steigert das die Wahrscheinlichkeit, dass er sich auf den Roman einlassen wird.

Der Autor hat das Bedürfnis, dem Leser zu Beginn der Handlung viel zu erzählen: Wer ist die Perspektivfigur? Woher kommt sie? Was will sie? Wo hält sie sich gerade auf? Wie sieht es da aus? Usw.

All diese Informationen braucht der Leser. Aber er muss sie nicht erzählt, sondern sollte sie gezeigt bekommen. Am besten geht das, wenn es schon auf der ersten Seite des Romans zu einem Konflikt kommt, vielleicht sogar schon zu einer Actionszene, irgendein intensives, sinnliches Erlebnis – der Hinweis auf ein Geheimnis ist das Mindeste.

Joleen ahnte, dass dieser Tag der schlimmste ihre Lebens werden würde, als sie mit dem Fuß auf das Bremspedal ihres Golfs hämmerte, der Wagen aber nicht langsamer wurde.

3. Lege die Basis für deinen Roman

Schon im ersten Absatz, bestenfalls im ersten Satz, muss der Leser erkennen können, zu welcher Zeit und wo die Handlung spielt, wer die Perspektivfigur ist und was für ein Buch er da eigentlich liest.

Ein Fantasyroman muss anders beginnen als ein Thriller, muss anders beginnen als ein Landhauskrimi, ein SF-Roman, ein Buch für Erwachsene, ein Kinder- oder Jugendbuch usw. …

Um zu trainieren, wie der Anfang deines Fantasy-Romans oder Thrillers usw. klingen sollte, hilft es, einfach mal die ersten Seiten deiner Lieblingsromane deines Genres hintereinander zu lesen. Was haben sie gemeinsam? Woran kannst du auf den ersten Blick erkennen, zu welchem Genre der Roman gehört?

Nein, das Cover zählt nicht …

4. Etabliere eine Erzählstimme

Genauso wichtig wie die Informationen, die in den ersten Sätzen vermittelt werden, ist die Erzählstimme des Romananfangs. Vielleicht ist sie sogar noch wichtiger. Das hängt auch ein wenig vom Genre ab.

Der Erzähler eines Kinderbuches benutzt andere Sätze und Wörter als der eines Hard-Boiled-Krimis.

Lea rieb sich die Augen. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und blendete sie, kitzelte warm ihre Haut. Dieser Tag wurde schöner und schöner. Pfeifend griff sich hier Fahrrad und radelte los.

Rupert Grass formte seine Augen zu Schlitzen, als er aus dem Büro torkelte. Verdammtes Sonnenlicht. Das war nicht seine Zeit. Er fingerte in den Tiefen seines Trenchcoats nach seinen Zigaretten. Vergebenes. „Ach Scheiße. Noch so ein Tag.“

5. Überarbeiten, überarbeiten, überarbeiten

Der ganze Roman sollte stets gründlich überarbeitet werden, damit er nicht nur sprachlich möglichst fehlerarm ist, sondern damit er auch allen anderen Ansprüchen eines guten Romans genügt.

Wer seine Leser ernst nimmt, überarbeitet den Anfang seines Romans doppelt so oft wie den Rest. Hier muss man als Autor wirklich alles geben.

Andererseits gilt es als Autor, nicht an den ersten Seiten eines Manuskripts festzukleben. Deswegen ist es so wichtig, die einzelnen Phasen der Überarbeitung voneinander zu trennen. Ich beende immer den ersten Entwurf eines Manuskripts, bevor ich mich dann der (mehrfachen und intensiven) Überarbeitung der ersten Seiten widme.

Advertisements

18 Gedanken zu “5 Zutaten für einen spannenden Romananfang

  1. Die Unterschiedlichkeit der beiden Aufwachszenen resultiert nicht aus der Sprache, sondern aus dem Charakter und der Stimmung der Figur, sprich sie sind inhaltlich begründet. Ich weiß nicht, ich würde die Aufwachszenen nicht gut finden, vielleicht weil sie zu gern gebraucht werden. Das hat etwas vom Wetter.

    Vielleicht kann man mit einem Widerhaken beginnen oder mit einer widersprüchlichen Aussage. Beispielsweise: Meine Mutter rollte immer mit den Augen, wenn meine Großmutter eine ihrer Geistergeschichten erzählte. „Tisch der Kleinen nicht solche Märchen auf, am Ende glaubt sie es noch.“ Auch nicht so gut.

    Muss ein Fantasyroman wie ein Fantasyroman beginnen? Welche Effekte kann man damit erzielen, wenn man die Regeln bricht.

    Gefällt mir

    • Was meinst du denn mit zweiter Aufwachszene? Ich glaubte, nur eine als Beispiel aufgeführt zu haben.

      Natürlich kann man auch gegen die Regeln seines Genres verstoßen, wenn man mit der Konsequenz leben kann, dass das Leser unter Umständen abschreckt oder verwirrt.

      Gefällt mir

    • Ich denke, unter 4. haben wir eine Mischung aus Charaktere, Genre und Sprache, die es zu beachten gibt. Deshalb, finde ich, passen die zwei Beispiele nicht 100%ig zu „Etabliere eine Erzählstimme“. Es ist wichtig, beim Überarbeiten darauf zu achten, daß die Erzählstimme gleich und stimmig bleibt. Bei mir kommt es schon mal vor, daß ich im Draft die Erzählstimme wechsle. Dafür hebe ich mir die Überarbeitung auf, um das dann wieder passend zu machen. Und dort experimentiere ich dann auch mal mit dem Brechen von Regeln; da kommt mitunter Interessantes und Witziges dabei raus. Nur, Übertreiben sollte man das nicht…

      Gefällt mir

  2. Hallo Marcus,

    was sollte man am Anfang des Romans unbedingt vermeiden? Zu 1 das habe ich schon eingebaut, mein Held leidet und seine heile Welt wird durcheinander gebracht. Was ich für schwierig halte ist, dass ich als Erzähler schon viel über meinen Helden weiß. Wie schnell darf ich dem Leser mein Heldenwissen vermitteln? Vergangenheit/ Kindheit, Ängste, Stärken, Schwächen. Wie lang ist der Anfang?
    Zu Nummer 3 in SciFi Romanen wird manchmal in der Kopfzeile über dem Kapitel der Ort und das Datum des Geschehens mitgeteilt z.B. in der Battletech Romanreihe, wäre das eine Möglichkeit dem Leser deutlich zu machen, in welcher Zeit die Geschichte spielt oder sollte man es doch in den Roman einbauen? Ersteres hätte den Vorteil, dass man Ort und Datum bei den Kapitel varrieren könnte, wenn man eine Geschichte in der Geschichte erzählt.
    Eine Erzählstimme zu etablieren ist eine Herausfoderung. Da gerade im SciFi Genre die Leserschaft nicht unterschiedlicher sein könnte. Es gibt den Gelegenheits-SciFi Leser und den SciFi Junkie, den jungen und alten Leser. Darf ich knallhart und direkt schreiben, … der abgerissene Arm lag blutend im Staub, der fremde Pilot hielt seinen zerfetzten Stumpf… oder die jugendfreie Fassung in der ich nur über eine schwere Verletzung schreibe? Ich bin manchmal sehr Technik verliebt, darf ich dem Leser das zumuten?

    Carsten

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s