Wie man „100 Word Stories“ schreibt

100 Word Stories – oder etwas geheimnisvoller Drabbles – sind genau das, wonach sie sich anhören: Sehr kurze Geschichten, die exakt 100 Wörter lang sind – den Titel nicht mitgezählt.

Beispiele für solche Texte auf Deutsch gibt es hier.

Ich bin schon vor einer ganzen Weile über dieses Format gestolpert, nicht zuletzt durch den NaNoWriMo, da der derzeitige Kopf des Office of Letters and Lights, Grant Faulkner, auch eine Website zum Thema 100 Word Stories betreibt (Oder betrieb. Seit einer Weile ist sie „temporarily  unavailable“ …).

Geschrieben habe ich noch keine.

Mein erster Versuch scheiterte – wie immer bei neuen Projekten – grandios. Im ersten Anlauf probierte ich das Ganze ungeplant und aus dem Bauch heraus.

Ich dachte mir: Ich schreib einfach eine normale Kurzgeschichte und streiche so lange, bis sie nur noch 100 Wörter hat. Es kam eine unfertige Geschichte von weit über 400 Wörtern heraus, von der ich keine Ahnung habe, wie sie enden soll, die aber mindestens drei- bis viermal so lang werden würde.

Auf 100 Wörter streichen klappt da kaum noch.

Für meinen nächsten Versuche mache ich mir deswegen einen Plan, der nach einiger Recherche zum Thema folgendermaßen aussieht:

1. Struktur

Wie jede Geschichte benötigt ein Drabble einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende.

Der Anfang muss unvermittelt sein, wie bei jeder Kurzgeschichte, denn für eine ausführliche Einleitung fehlt der Platz. Viele Autoren brauchen für ihre Anfänge locker das Zehnfache und mehr von 100 Wörtern.

Hier zeigt sich also schon, wie schwierig die Sache ist. Ein Satz, wenige Worte, trotzdem muss der Leser wissen, wo, wann und von wem die Geschichte handelt.

Der Mittelteil besteht aus dem Fortschritt der Handlung. Logisch. Hier muss sich was entwickeln. Bestenfalls geschieht etwas Unerwartetes, das dem Anfang eine neue Wendung gibt.

Das Ende kann, muss aber nicht offen sein (anders als bei klassischen Kurzgeschichten, die eigentlich ein offenes Ende haben sollten). Spätestens hier sollte es eine überraschende Wendung geben, wäre ja sonst langweilig.

Im Prinzip gleicht eine 100-Wörter-Geschichte von der Struktur her einem Witz, nur muss sie natürlich nicht lustig sein (schadet aber bestimmt auch nicht).

2. Das Format treffen

So weit so gut, jetzt kommt der heikle Teil – der Wordcount.

Ich empfinde ja die 100 Word Story u.a. deswegen als so reizvoll, weil sie eine Art Anti-NaNoWriMo-Schreibtraining ist. Während ich bislang   mit großer Begeisterung am NaNoWriMo teilnahm, in dem es darum geht, in vier Wochen möglichst viele Wörter zu schreiben, besteht die Schwierigkeit eines Drabbles eben darin, mit möglichst wenig Wörtern auszukommen.

Ich denke, die Sache steht und fällt mit der überraschenden Wendung. Mit dem 7-Punkte-System, mit dem ich sonst Romane und Kurzgeschichten gerne strukturiere, komme ich bei einer 100 Word Story nicht weiter. Selbst wenn ich für jeden Punkt nur einen Satz verwendete, dürfte ich schon beinahe das Wortlimit sprengen, was am Ende zu einer unlesbaren Geschichte führen würde.

Deswegen habe ich das 7-Punkte System für mich zum Schreiben von Drabbles adaptiert.

Ich präsentiere – das 4-Punte-System:

  1. Aufhänger: Das Gegenteil von der Auflösung
  2. Wendung: Vorstellen des Konflikts
  3. Höhepunkt: Übergang von der Reaktion zur Aktion
  4. Auflösung: Der Konflikt wird gelöst

Ich habe noch keine Ahnung, ob das so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, aber ich werde es demnächst einmal ausprobieren, wenn ich zwischen größeren Projekten mal etwa Zeit habe.

Natürlich kann Punkt 1 nicht besonders lange ausgeführt werden. Dafür habe ich nicht sehr viel mehr als einen Satz. Das Gleiche gilt für Punkt 4. Der Schwerpunkt des Textes muss auf Punkt 2 und 3 liegen, da hier die spannenden Dinge geschehen.

Trotz der Struktur wird ein erster Entwurf nie die 100-Wort-Marke treffen. Der Großteil des Schreibprozesses eines Drabbles steckt wohl aus Überarbeiten, was für mich auch mit den Reiz des Formats ausmacht. Ich denke, es ist eine sehr gute Übung für das Streichen eines Textes, die das Gefühl dafür schärfen kann, was wirklich wichtig an einer Geschichte ist.

3. Ein Thema finden

Drabbles sind ein offenes Format, was Thema und Genre angeht. Entstanden ist diese Literaturform aus Fan Fiction, also aus Texten von Anhängern von etablierten Marken wie Star Trek oder Star Wars, Doctor Who, Sherlock Holmes usw., die mit ihren Lieblingsfiguren eigene Geschichten erzählen.

Die ganze Idee für 100 Word Storys geht übrigens auf einen Monty-Python-Witz zurück „Drabble – A Word Game for 2 to 4 Players“, auf dessen Basis ein britischer Science-Fiction-Club mit dem Schreiben von Drabbles begann. Prominente Vertreter der Gattung sind nicht zuletzt Autoren wie Larry Niven und Neil Gaiman.

Mich würde es ja reizen einen Drabble Krimi zu schreiben, aber ich vermute mal, dass das eine wirklich schwierige Aufgabe ist. Mal schauen.

Wie sieht es aus? Wer hat Erfahrungen mit Drabbles? Gibt es andere Ideen, das Format anzugehen? Hat jemand weitere schöne Beispiele für die Gattung auf Deutsch?

Advertisements

25 Gedanken zu “Wie man „100 Word Stories“ schreibt

  1. Wahnsinn, was du für einen Aufwand betreibst für ein Drabble ^^ Also bei uns im eWriters-Forum findet wöchentlich ein Drabble-Aufruf statt, und man muss immer vier vorgegebene Begriffe unterbringen. Ich poste mal mein Drabble, das die Worte Jahrmarkt, Wahrsagerin, Inspektor Barnaby und verstaubte Schrotflinte beinhalten sollte:

    Der Monitor flimmerte. Eine Jahrmarktszene war zu sehen: Ein altes Karussell, Luftballons, der Stand einer Wahrsagerin auf der rechten Seite. Zu einem Drittel reichte ein senkrechter Balken in den Bildschirm. „Inspector Barnaby, suchen Sie folgende Gegenstände!“. Eine lange Liste unter der Aufforderung war bereits bis auf einen Begriff abgearbeitet.

    „Ich finde diese dumme, verstaubte Schrotflinte einfach nicht“, murrte Lisa. Egal wie lange sie auf das Wimmelbild starrte, die Flinte blieb verschollen. Sie stutzte: Da war sie! Direkt hinter dem Ballon! Zufrieden grinsend klickte Lisa auf das gute Stück. „So, jetzt drängt sich nur noch eine Frage auf: Wo ist Walter?“

    _____

    Ich versuche mir vor dem Schreiben eine einzige kleine Szene vorzustellen, für mehr reicht der Wordcount nicht. Ich schreibe die Szene gleich mit Blick auf die Wörter. Wenn ich merke, dass ich schon 80 Wörter habe und noch mindestens 100 brauche, höre ich auf und streiche schonmal. Keine Ahnung, eine richtige Anleitung hab ich nicht. Aber ich kenne viele tolle, teilweise geniale Drabbles. Da sie aber leider nicht von mir sind, kann ich sie nicht einfach posten 😉

    Gefällt 1 Person

  2. „Trotz der Struktur wird ein erster Entwurf nie die 100-Wort-Marke treffen.“
    Manchmal klappt das tatsächlich – ich bin darüber jedes Mal wieder überrascht. 🙂

    Beispiele für deutsche Drabbles, kann man auf Fanfiktion.de finden. Dort gibt es zum Beispiel Projekte, die sich mit Drabbles beschäftigen. ich kenne nicht alle davon, aber einige der Beiträge sind recht gut, wenn ich mich richtig erinnere. Ein Beispiel wäre dieses hier: http://forum.fanfiktion.de/t/19879/1

    Gefällt mir

    • Hey, Tasha,

      dann bist du wirklich gut. Meine ersten Versuche haben die 100-Wort-Marke, wie gesagt, locker gesprengt. Habe den Eindruck, dass die 100 Wörter ein wirklich schwieriges Limit für mich sind, obwohl ich eigentlich nicht dazu neige, mich auszumären.

      Danke für den Link, schaue ich mir an.

      Gefällt mir

      • Hey,

        vielleicht wären dann für den Anfang Double- oder Triple-Drabble etwas? (Also genau 200/300 Worte?)
        Ich schreibe sowieso ziemlich minimalistische Kurzgeschichten, da kamen mir Drabbles gerade recht.

        Gerne. 🙂

        Gefällt mir

  3. Ich kenne Drabbles. Natürlich mit den 100 Worten als Maßgabe (ohne Überschrift), aber … am Ende muss es eine unerwartete Wendung geben. Idealerweise eine Pointe (Leute lachen gerne), das ist aber kein Muss. Bei der Gestaltung auf Foren achtet man dann darauf, dass die Pointe (oder Wendung) möglichst nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, was natürlich gestalterisch nicht immer durchführbar ist,.
    Auf Plattformen wie BookRix oder Mystorys setzt man deswegen die Pointe auf die nächste Seite, so dass der Leser einmal blättern muss. Es gibt dort regelrechte Wettbewerbe dafür .
    Dann mit Themenvorgabe, sonst kann man drabblen, was man will.
    Ein Beispiel? Gerne doch … aus meiner eigenen Werkstatt (100 Worte ohne Überschrift)

    Der Dreier

    Erzählt mir meine beste Freundin Sabine am Montag in der Mittagspause ganz aufgeregt:
    „Ich hatte am Wochenende tatsächlich endlich mal einen Dreier. Du weißt doch wie lange ich schon davon geträumt habe, oder?“
    Ungläubig sehe ich sie an und frage nach:
    „Einen Dreier? Du? Wann denn? Erzähl mir alles. Wie hast du das denn hinbekommen?“
    „Eigentlich war es viel einfacher als ich dachte, ich würde es jederzeit noch mal so probieren wollen.“
    „Nun mach´s nicht so spannend. Wie hast du es angestellt?“
    „Es war ganz simpel. Ich habe ganz einfach

    die Seite von Online-Lotto aufgerufen und ein paar Zahlen angekreuzt.“

    Idealerweise wäre der letzte Satz jetzt auf der zweiten Seite aufgetaucht.

    Gefällt mir

  4. Das kenn ich! Interessanter ist es, wenn man das Twitter Zeuch benutzt. Hier hat man NUR 160 Zeichen!!! Das ist spannend. Und das mit den 100 Wörtern ist eine sehr gute Übung, da man sich hier auf das wesentliche konzentrieren muss. Kürzen ist angesagt und das macht man ja soooo ungern 😉

    Leider habe ich das mit dem Twitter noch nicht gefunden wo das steht.

    Gefällt mir

  5. Kontakbörse

    Sylvia schnaubte. Noch so ein Angeber.
    Wer hatte gesagt, sie solle es mal in einer Internet-Kontaktbörse versuchen?
    Hätte sie nicht jemand warnen können, vor hunderten Anfragen?
    Wie sollte man selektieren?

    Anfangs war sie die Liste von oben nach unten durchgegangen, hatte jeden Steckbrief geöffnet. Man sollte ja niemanden kategorisch ausschließen. Nach den ersten drei Lachfiguren hatte das Gutmenschendenken geendet. Sie war ja nicht die Wohlfahrt!
    Bitte, dachte sie, Herr, gib mir ein Zeichen. Wütend versetzte sie dem Scrollrad einen schwungvollen Schubs.

    Au, ihr Finger, ein Krampf.
    Böser Blick auf den Bildschirm. Der sieht aber nett aus. Masseur. Danke, Herr.

    …taugt zwar nicht viel, aber das Konzept gefällt mir, um zwischendurch mal was anderes zu machen. Danke für den Thread. Wieder eine Erfahrung reicher!
    Jan

    Gefällt mir

  6. So etwas mit den vorgegebenen Begriffen hatten wir früher in unserem Forum auch gemacht. Das brachte eine Menge spaß mit sich.

    Diese 100 Words sind etwas für mich. Das werde ich mal ausprobieren.

    Gefällt mir

  7. Hat dies auf Wortwelten rebloggt und kommentierte:
    Es funktioniert – denke ich 🙂

    Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Die Vibrationen waren verstummt. Schon spürte er das Metall, wie es eindrang, langsam, dann immer schneller werdend, in seinem Körper nach unten rutschte. Dann durchdrang ihn der Schmerz eines Schlages. Er versuchte sich zurückzuhalten. Doch so sehr er sich auch bemühte, es hatte keinen Erfolg. Er musste etwas aus seinem Inneren preisgeben. Es wurde ihm sofort weggenommen.
    Das Vibrieren unter seinen Füßen entfernte sich wieder. Die Ruhe kehrte zurück. Eine trügerische Ruhe. Denn jederzeit konnten sie zurückkommen. Er träumte wieder von einem Ort, wo es friedvoll war.
    Irgendwann werde ich auch dort sein!
    © T.R. aka Wortman

    Gefällt mir

  8. […] Erklärung zur Geschichte: Hier handelt es sich um meinen ersten Versuch, ein “Drabble” zu schreiben, eine Geschichte, die (ohne Titel) aus exakt 100 Worten besteht. Wikipedia weiss mehr: Was ist ein Drabble? Weiterführende Infos und vor allem auch die Inspiration habe ich hier gefunden.  […]

    Gefällt mir

  9. Hallo Marcus, Drabbles enden nicht unbedingt lustig. Sie können auch „very british“ daherkommen:

    Pflaumenbaum

    All die Jahre stand ein alter Pflaumenbaum im Garten. Er blühte im Frühjahr und seine Äste trugen im Sommer stets schwer an den Früchten. Sie schmeckten toll als Marmelade oder Kompott, das wußten alle zu berichten.
    Unter seinem kühlen Schatten saß ein kleines Mädchen mit luftigem Kleidchen. Sie zupfte Gänseblümchen und wand sie zu langen Ketten. Dann erhob sie sich und tanzte um ihn herum, in immer größeren Kreisen.
    Plötzlich hielt sie inne und sah, …

    … wie der Baum von schwerer Axt getroffen auf sie hernieder sank. Ein Gänseblümchen bemerkte zuerst, wie aus ihrem Kopf das Blut auf die Wiese tropfte.

    Mehr davon vielleicht später…

    Liebe Grüße,

    Katharina

    http://kraemerk558.wordpress.com/

    Gefällt mir

  10. Ich schreibe selbst sehr gerne Drabbles und das ist wirklich nicht sehr einfach. Am besten ist es, man sucht sich einen kurzen Ausschnitt von einem Geschehen oder etwas sehr Einfaches, da es sonst schwer wird, auf die Wortanzahl zu kommen. Für komplexere Themen reicht es meist nicht. Ein Krimi-Drabnle wäre sehr schwer, aber ich würde mich auch dafür interessieren. Vielleicht greife ich die Idee auch noch mal auf, wenn das in Ordnung ist.
    Falls 100 Wörter anfangs noch zu schwer sind, könnte man auch mit Doppel-, Triple, oder Quadro-Drabbles starten, also mit genau 200, 300 oder 400 Wörtern. Dann kann man sich über die Zeit auf die 100 Wörter hinarbeiten. Für Beispiele kann ich Fanfiktion.de nur empfehlen. Dort sucht man sich einfach eine Kategorie, z.B. Star wars oder auch Prosa aus, und gibt bei der „Kategorie durchsuchen“-Funktion als Geschichtstyp Drabble an.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s