Action-Szenen schreiben: 5 Tipps

Action-Szenen gehören meiner Ansicht nach zum Kniffligsten, woran man sich beim Schreiben eines Romans wagen kann. Kein anderer Szenentyp birgt so sehr die Gefahr, es zu übertreiben und zu viel des Guten aufzutragen. Kein anderer Szenentyp muss so viele Funktionen gleichzeitig erfüllen und auch noch sehr präzise geschrieben sein, damit Effekte nicht wirkungslos verpuffen.

Andererseits kommt niemand, der spannende Romane schreiben will, um Action-Szenen so richtig drum herum.

Ein sehr gelungenes Beispiel begegnete mir neulich, als ich mal wieder den ersten Roman der Urban Fantasy-Thriller- Serie Die dunklen Fälle des Harry Dresden von Jim Butcher las: „Sturmnacht“ (Vorsicht, Spoiler!):

Harry ist zu einem Date mit der Reporterin Susan Rodriguez verabredet, doch ein Dämon, der ihn töten soll, kommt dem Treffen in die Quere. Natürlich ergibt sich Harry nicht kampflos seinem Schicksal, sondern wehrt sich mit allem, was ihm zur Verfügung steht. Dummerweise ist das nicht wirklich viel, da er kurz vor dem Dämonenangriff von Susan unter der Dusche überrascht wurde, also außer etwas Shampoo im Haar nichts weiter am Körper trägt.

Kavalier, der Dresden nun einmal ist, will er Susan schnell aus der Schusslinie bringen und rät ihr deswegen dazu, einen Teleportationstrank zu kippen, um schnell zu verschwinden. Die arme Susan weiß natürlich nicht, wie so ein Trank aussieht, greift zur erstbesten Flasche und erwischt einen Liebestrank.

Verzweifelt flieht Harry mit Susan in einen magischen Schutzkreis, in dem es für zwei eigentlich viel zu eng ist.

Jetzt setzt die eigentliche Action ein: Während Harry fieberhaft überlegt, wie er den Dämon  besiegen kann, beginnt der Liebestrank zu wirken. Susan versucht ihn zu Boden zu ziehen oder im Stehen mit ihm zur Sache zu kommen, was natürlich beides fatal wäre, da dadurch der Schutzzirkel durchbrochen werden würde. Der Dämon lauert nur auf eine falsche Bewegung.

Gleichzeitig läuft Harry Shampoo in die Augen – und dass er ansonsten nackt ist, macht die ganze Situation für ihn nicht angenehmer und ihn wesentlich empfindlicher für Susana amouröse Absichten.

Einzige Chance auf Rettung ist sein Kumpel Bob, der als Geist in einen Totenschädel gebannt ist und außerhalb des Zirkels im Regal liegt. Nun ist Bob aber ein altes Schlitzohr und hilft Harry natürlich nicht ohne Gegenleistung. Fieberhafte Verhandlungen beginnen …

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt eines ganzen Action-Kapitels des Romans und es gibt noch spektakulärere Szenen, aber allein diese hat es meiner Ansicht nach so sehr in sich, dass ich noch meinen Enkeln von ihr erzählen werde.

Das Entscheidende sind für mich folgende Zutaten, die eine Actionszene wirklich spektakulär machen:

1. Es passiert wirklich viel gleichzeitig

Für mich der Schlüssel einer jeden guten Action-Szene: Es darf nicht nur eine Gefahr geben, sondern mehrere Dinge müssen gleichzeitig dem Helden zum Erreichen seines Ziels im Weg stehen. Das Ziel der Szene ist klar: Harry will Susan retten. Ein gutes Ziel, denn es ist nicht egoistisch, verleiht also der ganzen Sache eine heldenhafte Dimension. Natürlich will Harry auch gerne selbst überleben, aber seine erste Sorge gilt Susan.

Gleich mehrere Hindernisse halten ihn von seinem Ziel ab:

  • Ein Dämon will ihn töten – klar, wichtigstes und größtes Hindernis, das ja die Szene überhaupt erst ins Rollen bringt.
  • Er hat nichts an, also kaum Ressourcen, auf die er zurückgreifen kann.
  • Susan hat den Liebestrank getrunken und bemerkt selbst nichts von der Gefahr, in der sie schwebt, sondern will Harry mit aller Macht flachlegen – was wiederum um so dramatischer für den Helden ist, weil er nackt ist.
  • Die einzige Rettung ist Bob, der die Situation schonungslos ausnutzt.
  • Der Schutzkreis ist verflixt eng und kann jederzeit dank einer unvorsichtigen Bewegung zusammenbrechen.

Es ist klar, dass Harry Dresden hier nicht viel Zeit bleibt, kluge Entscheidungen zu treffen. Er ist ein getriebener Held, der schnell handeln muss, statt Pläne zu schmieden. Action-Szenen sind die Zeit für Intuition und Instinkt, nicht für den Intellekt.

Hier kann man es natürlich auch allzu schnell übertreiben. Es gibt allerdings meiner Überzeugung nach keinen guten Mittelweg. Ein bisschen Action gibt es halt einfach nicht. Action-Szenen werden nur gut, wenn ihr ganzes Potenzial ausgenutzt wird, was Butcher hier ganz offensichtlich tut. Das gelingt nur einem Autor mit Fingerspitzengefühl, viel Erfahrung und dem Willen, immer und immer wieder aufgrund des Feedbacks von Testlesern zu überarbeiten.

2. Begrenzte Ressourcen

Ich erwähnte es bereits – Harry ist in der Szene nackt. Abgesehen davon, dass dies auch eine nicht zu unterschätzende Komik in sich birgt (was ich ebenfalls gut finde, aber nicht unbedingt in jeder Action-Szene eine Rolle spielen muss), sind damit seine Ressourcen ganz offensichtlich begrenzt, um der Gefahr zu begegnen und den Konflikt schnell zu lösen. Hinzu kommt, dass er sehr verletzlich wirkt, was den Leser noch stärker um ihn zittern lässt.

Hat eine Figur viele Ressourcen, um einen Konflikt zu lösen, gibt es streng genommen keinen Konflikt und damit keine Action. Erst das Begrenzen von Ressourcen schafft die Voraussetzung, um dem Helden zu ermöglichen, sein ganzes Repertoire an Problemlösungsstrategien auszuschöpfen. Das ist der Grund, wieso in so vielen Schießereien auf der Leinwand ausgerechnet kurz vor dem Höhepunkt die Munition alle ist.

3. Es steht alles auf dem Spiel

Gelingt es in dem Beispiel Harry nicht, eine Lösung für das Problem zu finden, ist er tot. Aber nicht nur das – auch Susan stirbt, die vollkommen unschuldig und nichtsahnend in den Schlamassel mit reingezogen wird. Ein sehr entscheidendes Element, denn nur ums eigene Überleben zu kämpfen macht eine Szene noch nicht unbedingt spektakulär.

4. „Alles, was Sie sehen, geschieht in Echtzeit“

Das kommt natürlich in meiner Nacherzählung nicht so rüber, aber selbstverständlich decken sich in dieser Szene erzählte Zeit und Erzählzeit weitestgehend. Also die Zeit, die der Leser braucht, um die Szene zu lesen entspricht auch so genau wie möglich der Zeit, die die geschilderten Ereignisse brauchen würden, um tatsächlich stattzufinden.

Action-Szenen sind keine Gelegenheit, um große Zeitsprünge zu machen. Man kann versucht sein, lange Innenansichten oder Reflexionen der Perspektivfigur über die Situation zu schreiben (was Butcher in dem Beispiel auch teilweise tut, aber er ist eben auch ein wirklich guter Autor, deswegen kommt er damit durch), doch sollte man sich gut überlegen, ob, wann und wofür man den Erzählfluss unterbricht. Das kann sämtliche Spannung verpuffen lassen. Deswegen mein Tipp: lieber drauf verzichten.

5. Bewegung ist der Schlüssel zum Erfolg

Das wird in dem Beispiel ebenfalls nicht so ganz deutlich, aber Bewegung ist ein zentrales Element, das eine Action-Szene überhaupt erst entstehen lässt.

Zunächst einmal hat das ganze Kapitel, aus dem ich die Beispiel-Szene herausgerissen habe, sehr viel Bewegung. Aber auch in diesem kleinen Ausschnitt steckt Bewegung: Susan fummelt an Harry herum, wie es spitze Verliebte halt nun einmal so tun. Harry muss sich ihrer Avancen erwehren, gleichzeitig aber darauf achten, dass der Schutzkreis nicht durchbrochen wird. Das ist Bewegung auf engstem Raum, aber es ist Bewegung. Und die Begrenzung, hinter der der sichere Tod lauert, macht die Sache noch spannender.

Bewegung ist für die Spannung einer Action-Szene so wichtig, weil wir als Leser darauf programmiert sind, Bewegung mit Spannung zu verbinden. Bewegung löst Aufregung aus. Deswegen fahren Menschen gerne mit der Achterbahn oder rasen über die Autobahn.

Aber auch Bewegung nur zu sehen und sie nicht zu erleben, versetzt uns in einen gespannten Zustand. Als der Mensch noch in Höhlen und auf der Steppe lebte, waren Bewegungen stets ein Zeichen für eine Bedrohung oder für Beute. Entweder zeigte sich plötzlich eine leckere Antilope (oder was auch immer Steinzeitmenschen so zu sich genommen haben) oder der fiese Säbelzahntiger. So oder so, auf beides musste reagiert werden. Und dieses instinktive Reaktion tragen wir heute noch in uns.

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6 Gedanken zu “Action-Szenen schreiben: 5 Tipps

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