In 4 einfachen Schritten Aufschieberitis bekämpfen

Mit einiger Wahrscheinlichkeit leidest du wie ich unter Prokrastination – auch bekannt als Aufschieberitis.

Seit Jahren willst du deinen Roman schreiben, aber du fängst einfach nicht an und kannst deine Schreibblockade nicht überwinden. Du sitzt seit Ewigkeiten an den ersten zwanzig Seiten deines Manuskripts und kommst nicht weiter. Immer dann, wenn du dich an die Tastatur setzen willst, geht wie von Zauberhand plötzlich der Browser auf und du verbringst deine Schreibzeit bei Facebook. Nach zwei Stunden Surfen, Klicken, Liken, Chatten und Kommentieren fühlt du dich schlecht.

Willkommen im Klub.

Schon mal gefragt, wieso wir aufschieben? Faulheit? Mangelnde Disziplin? Willensschwäche?

Vielleicht. Aber es gibt eine viel schwerwiegendere Ursache:

Es liegt in der Natur des Menschen, Arbeit vor sich her zu schieben. Zwei Kräfte kämpfen im Gehirn gegeneinander.

In der einen Ecke des Rings sitzt das limbische System, ein Teil des Unbewussten, in dem sich auch das Belohnungszentrum befindet. Gegenüber lauert der präfrontale Cortex, der innere Planer, der uns sagt, was für uns in Zukunft gut und richtig ist.

Stark vereinfacht gesagt: Die Aufgabe des limbischen Systems besteht unter anderem darin, uns zu entspannen, damit wir unsere Ressourcen schonen. Der präfrontale Cortex sorgt dafür, dass wir nicht nur triebgesteuert sind, sondern langfristig denken können.

Die Natur hat sich was dabei gedacht, uns mit einem Vergnügungszentrum auszustatten. Wir sollen uns  entspannen und Dinge tun, bei denen wir uns vergnügen, andernfalls werden wir auf Dauer krank. Problematisch wird das nur, wenn kurzfristige Entspannung ständig verhindert, dass wir längerfristige Ziele erreichen können, die uns noch glücklicher machen würden.

Was kann ich also tun, wenn mein limbisches System es zu gut mit mir meint und ich andauernd die Dinge aufschiebe, die wichtig für mich sind?

1. Gelassen bleiben

Die Erkenntnis, dass Aufschieberitis prinzipiell kein Fehlverhalten, sondern der Normalzustand ist, sollte beruhigen. Es hilft nichts, sich zu grämen und in Panik auszubrechen.

Unter Umständen ist es ja ganz gut, dass ich mal alle Fünfe gerade sein lasse, weil ich eben  eine Pause brauche. Manchmal dreht der präfrontale Kortex ja auch durch und ich tue mehr als für mich gut ist.

Ein weiterer Grund kann sein, dass ich insgeheim Angst davor habe, z.B. endlich mein Romanprojekt anzugehen:

Was, wenn mir nichts einfällt? Muss ich dann die Vorstellung aufgeben, dass ich ein kreativer Mensch bin? Überhaupt: Mit der Rechtschreibung stehe ich auf Kriegsfuß. Ich weiß und kann gar nicht genug, um einen Roman zu schreiben. Nachher gefällt es niemandem, was ich produziere, und ich werde für meine lächerlichen Versuche ausgelacht. Oder es wird mal wieder eines dieser Projekte, das ich anfange, aber nie beende.

Es bringt nichts, sich mit solchen Fragen zu zermürben. Das erzeugt Stress, was wiederum das limbische System auf den Plan ruft, das automatisch für noch mehr Entspannung sorgen will, weswegen ich letztlich noch mehr aufschiebe. Ein Teufelskreis.

Nur, wenn ich mir Ruhe gönne, um über diese Probleme aufrichtig und entspannt nachzudenken, kann ich sie lösen.

Und es gibt für alles eine Lösung: Gegen mangelnde Einfälle gibt es Kreativitätstechniken. Rechtschreibung kann ich lernen (so wichtig ist die beim ersten Entwurf ohnehin nicht). Ich muss meine ersten Versuche niemandem zeigen, brauche deswegen auch keine Angst davor zu haben, ausgelacht zu werden – und so weiter …

2. Klein anfangen

Kaum jemand setzt sich hin und schreibt in wenigen Tagen einen Roman vom ersten Wort bis zum letzten Punkt.

So ziemlich jeder Romanautor arbeitet in einzelnen Phasen, die sich wiederum in kleinere Arbeitsschritte unterteilen. Wie die genau aussehen, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Wichtig ist nur, mit kleinen Schritten zu beginnen und nicht zu viel in zu kurzer Zeit zu erwarten.

Manche setzen sich eine feste Schreibzeit als Ziel. Fünf Minuten am Tag. Oder ein anderes quantitatives Ziel, z.B. eine Seite. Der Trick dabei ist, dass aus den fünf Minuten schnell 50 werden. Und aus der einen Seite können auch mal zehn werden – ohne dass man es als anstrengend empfindet.

Das Phänomen heißt Flow. Bin ich erst einmal im Arbeitsfluss, fällt es mir leicht, viel mehr zu machen, als ich mir vorgenommen habe. Das Aufraffen ist die eigentliche Leistung. Und das fällt leichter, wenn ich mir nur wenig vornehme und realistische Ziele setze.

3. Trickreiche To-Do-Listen erstellen

To-Do-Listen sind ein tolles Werkzeug. Entscheidend ist hier, erstens möglichst kleinschrittig vorzugehen, damit die einzelnen Aufgaben nicht zu überwältigend sind, und zweitens nicht nur unangenehme Tätigkeiten festzuhalten.

Dazu breche ich ein Romanprojekt in möglichst viele kleine Arbeitsschritte runter: Held entwerfen, Schurken entwerfen, Plot brainstormen, recherchieren, erste Seite des Manuskripts schreiben und so weiter.

Damit mache ich eine lange, lange Liste. Dann schreibe ich alles dazu, was mir sonst noch so einfällt – Checken der E-Mails, Aktualisieren der Facebook-Seite, Pausen einlegen, Twittern, ein Stück Kuchen essen, Steuerklärung anpacken, Blog aktualisieren, Klo putzen …

Wenn ich das Bedürfnis verspüre, mich abzulenken, nehme ich mir die Liste vor und überlege, welche von den vielen Aufgaben gerade diejenige ist, die mir einerseits am wenigsten Unbehagen und andererseits am meisten Nutzen bringt. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Sinnvolles für mein Romanprojekt dabei ist, sollte nicht gering sein.

Falls nicht: Es schadet auch nicht, den Müll mal wieder rauszutragen. Immerhin was Sinnvolles erledigt. Das macht auch ein gutes Gefühl und sorgt dafür, dass ich entspannter bin, was eine gute Voraussetzung bildet, den Aufschieberitis-Teufelskreis zu durchbrechen.

4. Grenzen setzen

Der berühmte Krimi- und Drehbuchautor Raymond Chandler hatte eine ganz besondere Technik, um seine Aufschieberitis zu bekämpfen. Er setzte sich einfach jeden Tag für vier Stunden an die Schreibmaschine und nahm sich zwei Dinge vor:

  1. Ich muss nicht schreiben.
  2. Ich darf nichts anders tun.

Klar, nach einer Weile fange ich auf diese Weise automatisch an, etwas zu schreiben. Wer sitzt schon gerne vier Stunden lang doof rum?

Nur zur Beruhigung: Es müssen keineswegs vier Stunden sein. Wie gesagt, fünf Minuten reichen schon.

Was tust du gegen Prokrastination?

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12 Gedanken zu “In 4 einfachen Schritten Aufschieberitis bekämpfen

  1. Gut geschrieben. Der zweite und vierte Punkt sind, glaube ich, der Schlüssel um weiter zu kommen. Wie leicht ist es, an einem zu großen Stück bald den Mut zu verlieren, und wie schwer fällt es einem, überhaupt die Lust und Kraft aufzubringen es anzugehen. Einfach anfangen. So einfach. So schwer.

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  2. Du drückst den Finger tief in die Wunde. Es ist, als hätte ich diese Ratschläge geschrieben – nur, dass du das viel besser kannst.
    Ich verspreche heute noch zu schreiben, nur um diesem Wort „Prokrastination“ zu entgehen.
    Ich habe längst noch nicht alle deine Tipps gelesen, aber immer wenn ich bei dir im Blog reinschaue, finde ich das, was ich gerade brauche um durch den Tag zu kommen.
    Fast schon eine kleine Bibel.

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  3. […] Ja, das ewige Problem mit dem Aufschieben, wer kennt das nicht? Würde man nur so viel schreiben wie man plant und träumt (und zweifelt). Bei unangenehmen Angelegenheiten ist es ja noch verständlich, dass man ihnen am liebsten aus dem Weg gehen möchte, aber das Schreiben aufschieben? Das wollen wir doch so gern! Und vor allem wollen wir auch einmal fertig werden! Der geschätzte Marcus Johanus erklärt in seinem Blogbeitrag nicht nur, woher die Aufschieberitis eigentlich kommt, sondern gibt dem Leser vier Strategien an die Hand, wie er das Prokrastinieren am besten bekämpfen kann. Lest mal hier: In 4 einfachen Schritten Aufschieberitis bekämpfen. […]

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  4. Sehr gut geschrieben! ich stöbere jetzt schon seit 30 Minuten durch Ihren Blog, obwohl ich eigentlich ja vorhatte weiterzuschreiben. Da ich erst 15 bin, schreib ich meistens nur für mich und beende nichts was ich anfange oder schreibe an zu vielem auf einmal. Doch jetzt will meine Klasse einen Roman von mir lesen, ich habs ihnen versprochen und ich muss angasen! Jetzt wo ich nicht mehr nur für mich schreibe, kommt auch die Motivation und ich komme viel schneller voran auch wenn es erstmal die Rohfassung ist und noch nicht überarbeitet. Wie viele Seiten braucht den so ein normaler Roman? 🙂 danke für die ganzen Tipps, ich will mich jetzt wieder an die Arbeit setzen:) wenn dann die Schularbeiten beginnen habe ich ja eh nicht mehr so viel Zeit 😉

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