Wie man mit den Big Five bessere Figuren entwickelt

James N. Frey schlägt vor, für Figuren Biografien zu verfassen, um sie richtig gut kennen zu lernen, bevor man einen Roman über sie schreibt. Er unterteilt diese Biografien in eine physiologische, soziologische und psychologische Dimension. Eine einleuchtende Systematik.

Mit den so genannten Big Five lässt sich die psychologische Dimension  genauer bestimmen, so dass die Figuren noch runder werden.

Gerade, wer Thriller, speziell Psycho-Thriller- oder Horror-Romane schreiben will, muss sich mit der psychologischen Dimension seiner Figuren besonders intensiv auseinandersetzen. Aber auch Autoren aller anderen Genres können von den Big Five profitieren.

Was sind die Big Five?

Mit den Big Five (auf Deutsch „Das Fünf-Faktoren-Modell“ – aber ich finde Big Five griffiger) werden in der Psychologie fünf Dimension der Persönlichkeit eines Menschen näher bestimmt. Die Big Five sind ein Standardmodell in der Persönlichkeitsforschung und wissenschaftlich erprobt und anerkannt.

Das Interessante an diesem Modell ist, dass es unabhängig vom kulturellen Hintergrund eines Menschen funktioniert. Hier scheint die Psychologie also auf wirklich universelle Persönlichkeitseigenschaften gestoßen zu sein, mit denen sich die Individualität eines jeden Menschen treffend und detailliert in Worte fassen lässt.

Wie lauten die Big Five?

Konkret geht es um fünf Grundeigenschaften, die jeder Mensch in verschiedenen Ausprägungen besitzt:

  1. Neurotizismus: Wie ruhig, zufrieden und stabil ist jemand? Ein Mensch, der sehr neurotisch ist, ist wenig belastbar, nervös, unsicher und verlegen. Solche Menschen machen sich häufig große Sorgen um ihre Gesundheit, sind in Stresssituationen wenig belastbar und verfolgen unrealistische Ideen. Menschen, die wenig zum Neurotizismus neigen, sind überwiegend entspannt, zufrieden und selbstsicher.
  2. Extraversion/Introversion: Auf dieser Skala wird bestimmt, ob ein Mensch eher eine nach außen gerichtete Persönlichkeit besitzt – also sehr gesellig, aktiv oder gesprächig ist – oder eher in sich gekehrt und unabhängig, still und verschlossen ist. Extrovertierte Menschen lieben das Bad in der Menge und fühlen sich am wohlsten, wenn um sie herum das konstruktive Chaos und permanente Aufregung herrschen. Introvertierte lieben die Stille und die Abgeschiedenheit, schätzen den Kontakt zu einzelnen Menschen oder kleinen Gruppen.
  3. Offenheit für Erfahrungen: Jemand, der offen für Erfahrungen ist, hinterfragt gesellschaftliche Konventionen, besitzt große Neugier, ist experimentierfreudig, wissbegierig und bereit, geschriebene und ungeschriebene Gesetze zu brechen. Auf der anderen Seite der Skala stehen Konformität und Konservatismus, Treue und Verlässlichkeit.
  4. Verträglichkeit: Wer ein hohes Maß an Verträglichkeit aufweist, ist ein Menschenfreund. Er oder sie bemüht sich, anderen zu helfen, engagiert sich sozial, ist bereit zu vertrauen und zu kooperieren. Wer weniger verträglich ist, neigt eher dazu, mit anderen zu konkurrieren und das Leben als einen Kampf zu sehen, bei dem der Stärkere gewinnt.
  5. Gewissenhaftigkeit: Gewissenhafte Menschen handeln planvoll und übernehmen gerne Verantwortung. Weniger gewissenhafte Persönlichkeiten sind spontaner und sehen eher das große Ganze und halten sich ungern mit Details auf.

Wozu dienen die Big Five normalerweise?

Es gibt ausgeklügelte Big-Five-Tests, mit denen die Persönlichkeit eines Menschen mit präzisen Begriffen beschrieben werden kann. Am Ende eines solchen Tests lernt man sich und andere unter Umständen besser kennen, als man es  je für möglich gehalten hätte, denkt genauer über manche Eigenschaften nach, kann neue entdecken oder alte überdenken.

Mit anderen Worten: Die Big Five geben Auskunft über die Frage – Wer genau bin ich eigentlich? Damit können sie ein Instrument der Selbsterkenntnis sein, die ja manchmal schwerfällt.

Psychologen, aber auch beispielsweise Personalplaner größerer Unternehmen benutzen Big-Five-Tests um Menschen besser einschätzen  und optimal einsetzen zu können. Besonders gewissenhafte Menschen sind beispielsweise gute Buchhalter, wohingegen Menschen, die offen für Erfahrungen sind, eher in den Außendienst gehören.

Wichtig dabei sind zweierlei Dinge, die man beachten muss:

  1. Meistens werden bei einem Menschen die Big Five nicht in reiner Ausprägung auftreten. Kaum jemand ist also komplett introvertiert oder extravertiert. Man sollte sich das ganze als eine Skala vorstellen, so dass ein Mensch beispielsweise eher zur Extraversion neigt, aber trotzdem auch Eigenschaften einer introvertierten Persönlichkeit besitzt.
  2. Man sollte sich vor Wertungen hüten. Beispielsweise neurotische Eigenschaften und Verhaltensweisen können in bestimmten Situationen sehr nützlich sein. Wer um seine Gesundheit besorgt ist, erkennt die Anzeichen für eine bedrohliche Krankheit früher und lebt damit vielleicht länger als jemand, er sich keine Gedanken über manche Anzeichen einer möglichen Erkrankung macht. Wer das Leben als Konkurrenzkampf sieht und eher ichbezogen ist, lebt unter Umständen gesünder als jemand, der nur darum bemüht ist, es allen immer recht zu machen und seine eigenen Bedürfnisse darüber vergisst.

Wie benutze ich die Big Five um Figuren zu entwickeln?

Zunächst einmal habe ich als Romanautor mit den Big Five eine Art Raster, mit dem ich die Persönlichkeit einer Figur präziser entwickeln kann.

Die einzelnen Dimensionen dieses Modells sind, wie in dieser kurzen Vorstellung hoffentlich schon deutlich geworden ist, mit einer Vielzahl von Adjektiven gefüllt, mit denen sich der Charakter einer Figur ziemlich genau beschreiben lässt. Somit kann vor den Augen des Autors und damit letztlich auch des Lesers ein viel besseres Bild einer Figur entstehen.

Hinzu kommt, dass ich mit den Big Five Regeln festlegen kann, nach denen sich eine Figur plausibel verhält.

Ich weiß am Ende ganz genau, wie eine extravertierte Figur, die offen für Erfahrungen, wenig neurotisch, aber gewissenhaft und verträglich ist, sich in einer Stresssituation verhalten wird. Das macht die Menschen, die in meiner Geschichte auftauchen, anschaulicher, lebensnaher und realistischer. Am Ende tut das der Logik meines Plots sehr gut.

Ich kann auch einen Big-Five-Test aus der Perspektive einer Romanfigur machen.

Wenn ich eine Biografie bereits geschrieben habe, weiß, wie die Figur aussieht, woher sie kommt, welchen Lebenslauf sie bisher hat usw., rufe ich einfach einen Test auf und absolviere ihn mit diesen Hintergrundinfos. Somit bekomme ich die psychologische Dimension der Figur quasi gratis geliefert – und wahrscheinlich runder und realistischer als ich sie mir hätte ausdenken können.

Wie erarbeitest du dir deine Figuren?

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4 Antworten auf “Wie man mit den Big Five bessere Figuren entwickelt”

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