4 Tipps, mit denen das Setting besser in deinen Roman kommt

Setting – da denkt man vor allem zuerst an Fantasy- oder Science-FIction-Romane, vielleicht noch an historische Stories. Aber auch Krimis oder Thrillern haben ein Setting. Nie entspricht die Romanwelt 1:1 der realen Welt. In Geschichten kann stets nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit gezeigt werden. Meistens sind das auch exotische Teile unserer Welt, denn der Leser will ja aus dem Alltag entführt werden, um Unbekanntes, Neues zu erleben. Deswegen ist es wichtig, den Leser das Setting erleben zu lassen. Aber wie transportiere ich es, ohne dass die Spannung darunter leidet?

1. Packe nicht alles ins erste Kapitel

Bevor ich zum Outliner wurde, begannen meine Romanmanuskripte immer mit langen Erzählungen zu den Figuren und dem Setting meiner Story. Auf diese Weise wurde das erste Kapitel stets das längste – und auch das langweiligste. Natürlich tödlich für einen spannenden Unterhaltungsroman, der den Leser von der ersten Seite an packen sollte.

Ja, es gibt Autoren, die das so machen. Tatsächlich kommen manche  damit durch. John Scalzi hat das beispielsweise in seinem wunderbaren SF-Roman Krieg der Klone. Das ganze erste Drittel seines Romans ist nichts weiter, als eine geschickt verpackte Einführung in sein Universum.

Ausnahmen bestätigen die Regel.

Im SF- oder Fantasy-Roman werden solche langen Einführungen ins Setting auch eher verziehen, als im Thriller oder Krimi. Es ist davon auszugehen, dass Leser von fantastischer Literatur einfach mehr Interesse am Stetting haben und für solche Beschreibungen mehr Geduld aufbringen (Tolkien hat seine Leser halt erzogen).

Der Krimi- oder Thriller-Leser will aber häufig sofort gefesselt und unterhalten werden. Obwohl er auch das Setting genießen möchte, interessiert er sich doch eher für die Handlung, die also im Vordergrund stehen sollte.

Um zu vermeiden, dass alle Infos zum Setting im ersten Kapitel den Leser langweilen, lege ich inzwischen eine Art Exposé für das Setting an. Genauso wie für die Handlung, schreibe ich also einen Abriss über die wichtigsten Eigenarten und Hintergrundinfos, Details und Atmosphäre, die das Setting meines Romans charakterisieren.

Manche Autoren legen ganze sogenannte Story Bibles oder sogar Wikis an. Bei mehrbändigen Fantasy-Zyklen ist so was auf jeden Fall empfehlenswert.

Somit habe ich das Setting im Kopf, bevor ich mit dem Schreiben des ersten Entwurfs beginne und kann mir aus dem Exposé stets die Informationen für ein jeweiliges Kapitel herauspicken, die sich gerade anbieten oder notwendig sind und muss nicht alles auf den ersten Seiten des Romans entwickeln.

2. Zeige nur, was der Leser wirklich braucht

Selbst, wenn das Setting außerhalb des Romanmanuskripts bereits detailliert entworfen worden ist, gibt es den nahezu unwiderstehlichen Drang, all die schönen Dinge, die man sich ausgedacht hat, auch in die Handlung einfließen zu lassen.

Das ist verständlich, denn im Setting stecken viel Arbeit und Leidenschaft. Aber ein Setting ist wie ein Eisberg. Der Leser bekommt nur die Spitze zu sehen (Wiederum gilt: wenn man nicht Tolkien heißt. Doch an ihm sollte man sich in diesem Fall lieber kein Beispiel nehmen, denn der Schöpfer der High Fantasy ist eine Klasse für sich.).

Setting ist kein Selbstzweck. Es erfüllt im Roman Aufgaben. Es kann

  • die Figuren charakterisieren (raue Männer der See, vom Wetter gegerbt),
  • Spannung erzeugen (Was hat es mit dieser mysteriösen Insel auf sich, auf der wir gestrandet sind?) oder
  • Atmosphäre gestalten (Straßenschluchten, über denen sich ein ewig grauer Himmel spannt).

In diesen Funktionen sollte es im Roman auftauchen und auch nur in einem Maße, in dem der Leser es gerade braucht, um die Geschichte zu verstehen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

3. Vertraue auf die Intelligenz des Lesers – und auf deine als Autor

Häufig stelle ich beim Überarbeiten meiner Manuskripte fest, dass ich Informationen zum Setting zu ausführlich oder sogar wiederholend in die Geschichte eingestreut habe. Das langweilt den Leser und macht ihn schlimmstenfalls sogar wütend.

Zu Recht.

Dies signalisieren dem Leser, dass ich ihn für dumm oder – schlimmer – für fantasielos halte. Leser wollen ihre eigenen Vorstellungen in einen Roman einbringen. Würden sie nicht gerne ihr Kopfkino selbst gestalten, würden sie nicht zum Buch greifen, sondern Filme gucken.

Die Stärke des Mediums Text muss ich als Autor ausnutzen und lediglich wenige, aber spezifische Details des Settings beschreiben, die die Fantasie des Leser befeuern, so dass er sich den Rest selbst ausdenken kann.

Manchmal ist der Grund für eine zu ausführliche Beschreibung des Settings auch ein mangelndes Selbstvertrauen in meine Fähigkeiten als Autor. Habe ich dieses Detail gut genug beschrieben? Kann es der Leser wirklich verstehen?

Diese Unsicherheit ist eine durchaus berechtigte Sorge, die sich nur durch Testleser beseitigen lässt.

4. Handlungen und Dialoge können das Setting ebenfalls transportieren, nicht nur Erzählungen und Beschreibungen

Die dreitausendjährige Geschichte der Fantasywelt in langen Passagen zu erzählen ist nicht empfehlenswert. Gerade Fantasy- und SF-Autoren bedienen sich gerne des Tricks, dass sie Kapiteln kleine Auszüge aus fiktiven Chroniken, wissenschaftlichen Berichten oder religiösen Texten voranstellen, in denen sie solche und ähnliche Setting-Informationen unterbringen.

Das hat in der Vergangenheit gut funktioniert. Frank Herbert, Autor des meiner Meinung nach besten SF-Romans aller Zeiten Dune – Der Wüstenplanet, hat diese Methode perfektioniert und erreicht damit eine hohe atmosphärische Dichte.

Allerdings hat Herbert für ein Publikum in den 1960er Jahren geschrieben. Und seitdem wurde diese Technik häufig kopiert. Ich finde, dass sie deswegen nicht mehr zeitgemäß und auch zu abgegriffen ist und würde mich davor hüten, sie anzuwenden.

Besser ist es, das Setting in den Handlungen der Figuren eine Rolle spielen zu lassen. Fliegende Autos werden dem Leser in einer spannenden Verfolgungsjagd wesentlich intensiver vor Augen geführt als durch eine bloße Erwähnung oder Beschreibung.

Ist der Ermittler in der verwinkelten Villa mit ihren 23 Schlafzimmern und 14 Badezimmern, dem fauligen Keller und staubigen Dachboden auf der Suche nach Hinweisen, wird sich der Leser wesentlich eher für Details interessieren, als wenn das Gebäude nur auf den ersten 30 Seiten meines Romans detailliert beschrieben wird.

Ein weitere Weg, das Setting dem Leser nahezu beiläufig vor Augen zu führen, sind Dialoge:

„Schnell, du musst kommen, an der Küste hat es schon wieder einen Unfall gegeben.“

„Was? Wo?“

„Kurz vor der Einfahrt zum Dorf. Schlimme Sache.“

„Verdammt, ich habe dem Bürgermeister schon tausendmal gesagt, dass wir da dringend die Leitplanken ausbessern müssen.“

„Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Es wird schwierig genug, die Verunglückten aus der Steilwand zu bergen – wenn sie die Fluten nicht schon längst aufs offene Meer gerissen haben.“

Das kann man bestimmt noch geschickter machen, aber mir geht es ums Prinzip.

Wie transportierst du am liebsten das Setting in deinen Romanen?

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4 Gedanken zu “4 Tipps, mit denen das Setting besser in deinen Roman kommt

  1. Manche Informationen kann man durchaus wiederholen, nicht alles prägt sich sofort ein, man kann es ein bisschen variieren.

    Ich neige dazu, sparsam mit dem Setting zu sein.

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  2. Hallo Marcus, ich lese schon eine ganze Weile hier mit und verfolge interessiert Deine Tipps und Eure Podcasts — danke dafür!

    Zum Setting: Ich verwende in meinen (prä-)historischen Jugendromanen durchaus auch längere, ruhige Landschaftsbeschreibungen, die lt. gängiger Schreibschulen eigentlich ein absolutes No-go darstellen. Bei den Rückmeldungen meiner LeserInnen (nicht nur der Testleser) war ich überrascht, dass gerade diese Szenen besonders gelobt wurden. Die action-reichen, spannungsgeladenen Szenen wurden im Vergleich dazu deutlich weniger erwähnt…
    Ich hatte die Setting-Beschreibungen in ruhige Aktionen verpackt: z.B. liegt die Protagonistin zu Tode erschöpft in der Wildnis, ist kurz vor dem Erfrieren. Sie hat das Gefühl, ihr Geist löse sich von ihrem Körper und sie schwebe über der wilden Landschaft unter einem kalten Mond, sehe die Gletscherzungen, schroffen Felsen, Tiere der Nacht, aber auch die Fackeln ihrer Verfolger, die schon ganz nahe sind…
    Ich denke, mit diesem Stilmittel lassen sich wunderbar Stimmungen aufbauen und gleichzeitig Informationen transportieren.

    Noch ein Gedanke zu detailreichen Setting-Infos: Leser lassen sich wunderbar verärgern, wenn auch nur ein einziges Wort im Roman plötzlich die Vorstellung im Kopf des Lesers über den Haufen wirft. Beispiel: „Der langestreckte Zug der Planwagen wechselte am trüben Tümpel auf die linke Seite des schattig kühlen Canon.“
    Links? Wieso auf einmal links? In meiner Vorstellung sind die doch schon auf den letzten 15 Seiten links gefahren!
    Entweder ist es wichtig, dass sie links fahren — weil sie als Schwertkämpfer z.B. in der Mehrzahl Rechtshänder sind und eine Kampf-Szene bevorsteht. In diesem Fall kommt die Info aber zu spät, weil das Setting im Kopf des Lesers hier schon (falsch) aufgebaut war.
    Oder — das ist wohl der häufigere Fall — links und rechts spielen überhaupt keine Rolle. Dann sollten wir Schreiberlinge auf dieses über-präzise Detail verzichten. Der Treck kann ja durchaus die Talseite wechseln, wenn es dafür einen Grund gibt. Weil dort der Weg besser ist, die Sonne wärmt oder der Wind weniger Staub aufwirbelt. Aber links oder rechts, das sollte hier der Fantasie des Publikums überlassen bleiben.

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  3. Oh ja, das liebe Setting. Gerade bei meinem NaNoWriMo Beitrag ist es nicht einfach darauf einzugehen, weil es ein Roadnovel ist und immer an verschiedenen Ortschaften spielt. Da kommt einiges zusammen, aber ich versuche alles unter einen Hut zu bringen.
    Direkt am Anfang alles vom Setting zu berichten finde ich nicht so ratsam. Ich finde es besser, wenn man von Kapitel zu Kapitel mehr darüber erfährt, so dass sich mit der Zeit beim Lesen ein Gesamtbild ergibt. =)
    Ich habe durchaus schon Romane gelesen, da denkt man sich, dass könnte an irgendeinem beliebigen Ort spielen, weil die Autoren so wenig auf das Setting eingegangen sind und der Handlung den Vorrang gegeben haben. So was finde ich auch immer schade.

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