Wie man Emotionen im Leser wecken kann

Ohne Emotionen verpufft jede Spannung im Roman. Alle Versuche, Spannung zu erzeugen, bleiben erfolglos, wenn es mir nicht gelingt, den Leser auch emotional zu packen. Aber wie stelle ich das an?

Authentizität

Sinnlich zu schreiben, soll heißen, so zu schreiben, dass Gefühle beim Leser geweckt werden, die ihn in die Handlung und die Welt des Romans sogartig hineinziehen, kann mir nur gelingen, wenn ich auch über echte Gefühle schreibe.

Echt sind Gefühle, über die ich schreibe, wenn ich sie selbst durchlebt habe. Das stellt mich als Autor teilweise vor Probleme. Denn nicht jede Situation, über die ich schreibe, habe ich selbst erfahren.

Will ich beispielsweise über einen Banküberfall aus der Perspektive des Räubers schreiben, dann war ich mit großer Wahrscheinlichkeit (hoffentlich) noch nie in seiner Situation. Woher soll ich wissen, wie er sich fühlt?

Wenn mein Held ein Jack Bauer ist, der Terroristen um die Welt jagt, werde ich wahrscheinlich diese Erfahrungen noch nicht gemacht haben. Was geht in so einem Menschen vor?

Für dieses Problem gibt es viele Beispiele, vor allem aber eine Lösung: Ich frage mich, was an der speziellen Situation, in der sich die Perspektivfigur befindet, das grundlegend Menschliche ist.

Wie der Bankräuber sich auf seinen Coup vorbereitet, die Kassierer bedroht und die Kunden in Schach hält – das ist alles nur Kulisse. Am Ende steckt unter der Skimaske ein Mensch, der eine grundlegende Motivation hat, seine Tat zu begehen, die ich unter Umständen teile.

Warum also will der Protagonist die Bank ausrauben?

Langeweile?

Wieso nicht. Hier muss ich mich als Autor nur an eine Episode aus meinem Leben erinnern, in der mir so sterbenslangweilig war, dass ich etwas Dummes oder Verrücktes gemacht habe.

Vielleicht hat der Räuber aber auch ein höheres Ziel? Er ist arm und kann sich die Medikamente für seine kranke Tochter nicht leisten? Dann lautet die Motivation Verzweiflung.

Hier muss ich mich nur in eine Situation zurückversetzen, in der ich so verzweifelt war, dass ich zu allem bereit gewesen wäre.

Natürlich gilt entsprechend der umgekehrte Schluss: Habe ich eine Situation noch nicht erlebt, ein Gefühl noch nicht gehabt, sollte ich mich hüten, darüber zu schreiben. Der Leser wird merken, dass ich nur so tue als ob.

Die Verbindung zum Leser

Für den Anti-Terror-Kämpfer, der sich in einem Milieu bewegt, das den meisten Autoren und Lesern aus eigener Erfahrung fremd ist, gilt das gleiche.

Jack Bauers Motivation in der ersten Season 24 ist deswegen beispielsweise nicht ohne Grund die Angst um seine entführte Familie. Der verzweifelte Kampf darum, sie zu retten – das ist eine Situationen, in die sich auch die meisten Leser hineinversetzen können. Wer hatte nicht schon einmal Angst um seine Liebsten?

Die Architektur der Gefühlswelt

Dwight V. Swain verknüpft in seinem empfehlenswerten Buch The Techniques of the Selling Writer die oben ausgeführten Gedanken zu seiner Technik der Motivation-Reaction-Units, kurz: M.R.U.s.

Dahinter steckt die relativ naheliegende Erkenntnis, dass es wichtig ist, die Reihenfolge zu beachten, in der sich Emotionen in einer Figur entwickeln, so dass der Leser diese auch nachempfinden und mitfühlen kann, so dass er mit der Perspektivfigur mitfiebert. Dazu muss eines Szene so aufgebaut sein, dass es:

  1. einen Auslöser gibt, der
  2. eine gravierende emotionale Veränderung in der Figur bewirkt, die
  3. zu einer spürbaren und einleuchtenden Handlung führt.

Der Auslöser muss nach Swain so beschaffen sein, dass er

  • der Figur wirklich etwas bedeutet,
  • für die Handlung relevant ist und
  • den Leser motiviert, sich in die Handlung hineinzuversetzen.

Am Beispiel von Jack Bauer aus der ersten Season 24 lässt sich dieses Modell gut illustrieren:

Der Auslöser ist die Entführung seiner Familie. Es ist einleuchtend, dass dies für ihn von extremer Bedeutung ist. Diese Entführung ist für Handlung relevant, da die Entführer Terroristen sind, die auf diese Weise Bauer dazu erpressen wollen, den Präsidenten zu ermorden. Das Publikum wird motiviert, sich in die Handlung hineinzuversetzen, weil die Angst um das Wohlergehen der Familie für sehr viele Menschen nachvollziehbar ist.

Das Ganze führt zu der Handlung, dass Jack Bauer die Terroristen stoppen muss, um seine Familie zu retten. Die emotionale Verwicklung des Publikums in die Story wäre wesentlich schwächer, wenn Jack Bauer „nur“ Terroristen verfolgte. Gleichzeitig ist das Befreien seiner Familie die Lösung für seinen inneren Konflikt (Sorge um die Familie), wie auch für den äußeren (Rettung des Präsidenten).

Gefühle schreiben

Um nun konkret über Gefühle schreiben und sie im Leser wecken zu können, müsste ich genauer wissen, was denn Gefühle eigentlich sind. Leider gibt es jedoch keine einheitliche Definition. Swain bietet hier wiederum eine an, die wenigstens für den Romanschreiber praktisch ist: Ein Gefühl ist eine spezifische Reaktion auf eine Wahrnehmung.

Das Schlüsselwort in dieser Definition ist meiner Meinung nach „spezifisch“.  Wie jemand auf eine Wahrnehmung reagiert, ist vor allem von seiner Persönlichkeit abhängig.

In einem meiner Lieblingsfilme, in Steven Spielbergs Der weiße Hai, reagiert die Hauptfigur Martin Brody besonders panisch auf den Hai, der die Küste unsicher macht, weil er eine Phobie vor Wasser hat.

Nicht besonders originell, aber effektiv. Ein anderer Held würde sich vielleicht die Harpune schnappen, kurz „Hasta la vista, Dreckshai.“ murmeln, ins Wasser waten und das Biest aufspießen – was am Ende eine stinklangweilige Story ergeben würde.

Aber weil die Wahrnehmung der Bedrohung durch den Hai eine spezifische Furcht in der Hauptfigur der Story auslöst, packt sie uns emotional.

Spezifisch Emotionen zu schreiben beziehe ich zusätzlich aber auch auf die sprachliche Ebene.

„Die Erkenntnis traf ihn wie ein Paukenschlag.“ weckt keinerlei Emotionen im Leser. Der Vergleich ist abgegriffen und abstrakt.

„Was sie sah, weckte in ihr das Gefühl einer Wurzelbehandlung ohne Betäubung.“

Na? Zusammengezuckt?

Wie schreibst du über Gefühle?

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7 Gedanken zu “Wie man Emotionen im Leser wecken kann

  1. Ich glaube nicht, dass man alles im realen Leben selbst durchlebt haben muss, um es zu beschreiben.

    Man kann auch durch die Textmelodie Gefühle erzeugen, manchmal mehr als durch die einzelnen Bilder.
    Daneben ist wahrscheinlich besser, man zeigt die Emotion, als sie zu beschreiben. Jemand schimpfen zu lassen, wenn auch nur in Gedanken, dürfte mehr Emotionen erzeugen, als zu schreiben: Er war wütend.
    Wenn jemand eine emotionale Reaktion zeigt, dann kann der andere auf diese Reaktion reagieren.

    Ich lese beispielsweise die Psychologie heute, um mich fortzubilden. Manchmal ist auch interessant, wie unterschiedlich Menschen auf eine Situation reagieren können. Das beugt der Alter-Ego-Falle vor.

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  2. Emotionen zu erzeugen, indem man sich auf die Handlungsmotivation des Protagonisten besinnt ist ’ne gute Idee! Viele deiner Tipps bringen mir echt was beim Schreiben – wollte ich mal gesagt haben 🙂

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