5 Stiltipps für Fortgeschrittene

In meinem Artikel Top 10 Tipps für einen guten Stil habe ich die für mich wichtigsten sprachlichen Tipps aufgeführt, an die ich mich gerne halte. Hier noch fünf weitere Tipps, die ich nützlich finde.

1. Lass das nicht die großgeschriebenen Wörter machen – Nomninalistil meiden

„Wegen meines  Verdachts verpasste ich dem Fremden erst einmal so viel Prügel, dass er des Redens nicht mehr mächtig war.“

Ein schauriger Satz, vor allem, weil er viel zu viele Nomen, also Hauptwörter, hat. Je mehr Nomen ein Satz enthält, desto unübersichtlicher wird er und desto unscheinbarer werden die Verben. Dieses Phänomen nennt man Nominalstil. Er begegnet uns häufig in wissenschaftlichen Arbeiten, Geschäftsbriefen und amtlichen Schreiben (Juristen lieben Nomen.). Deswegen denken wir unweigerlich, dass der Nominalstil gleichbedeutend ist mit einer seriösen und gehobenen Sprache.

Lasse ich die vielen Nomen weg und konzentriere mich auf aussagekräftige Verben, wird der Satz gleich viel anschaulicher und flüssiger:

„Weil ich ihn verdächtigte, vermöbelte ich den Fremden so sehr, dass er nicht mehr sprechen konnte.“

Immer noch kein toller Satz, aber immerhin kein Monster mehr.

2. Partikeln löschen, was immer das auch sein mag

Partikeln sind seltsame, schwer definierbare Schurken, die sich hinterhältig in die gesprochene Sprache einschleichen und leider auch allzu oft in die geschriebene. Der Duden definiert Partikeln sinngemäß als unflektierbare Wörter (also, Wörter, die unveränderbar sind, wie z.B. Präpositionen, Konjunktionen und Adverbien), die eine Aussage oder einen Ausdruck abwandeln und selbst keine Satzglieder sind.

mein-deutschbuch.de meint, Partikeln seien Signalwörter, wie z.B. recht oder total, auch, ja, halt usw.

So richtig einig ist man sich in den verschiedenen Grammatiken nicht, was genau Partikeln sind, da sie Adverbien ziemlich ähnlich sind. Manche unterscheiden sie deswegen nicht. Allerdings haben sie im Gegensatz zu Adverbien die Eigenschaft, dass sie den Sinn einer Aussage kaum verändern:

„Ich hab das halt vergessen.“

„Du liebst mich ja gar nicht.“

„Halt“ und „Ja“ sind in diesen Beispielen Partikeln. Lasse ich sie weg, bleibt die Aussage nahezu gleich. Vielleicht wird durch die Partikeln der Sprecher ein wenig genauer charakterisiert, weswegen sie in Dialogen noch eher zu ertragen sind als in Erzählungen oder Beschreibungen.

Da Partikeln in der gesprochenen Sprache sehr häufig sind, schleichen sie sich auch gerne in Texte ein. Hier haben sie aber in den meisten Fällen nichts zu suchen und blähen ihn nur auf. Mein Tipp: im Zweifelsfall weglassen.

3. Redundanz vermeiden

Im Alltag umkreisen wir in Gesprächen gerne ein Thema und sagen mit vielen Wörtern das Gleiche. Redundanz bedeutet also, dass ähnliche Aussagen mehrfach getroffen werden.

„Sie ließ Peter im Regen stehen. Jetzt war er traurig und fühlte sich einsam. Die Einsamkeit breitete sich in seiner Blutbahn aus wie kalte Kochsalzlösung. Er fröstelte.“

Jemanden im Regen stehen zu lassen ist bereits eine Redewendung dafür, dass man jemanden sich selbst überlässt. Dass sich Peter also einsam fühlt, ist eine überflüssige Erläuterung dieser Metapher, die viel aussagekräftiger ist als die langen Erklärungen, die ihr folgen. Dass Peter logischerweise fröstelt, wenn sich Kälte in seinem Körper ausbreitet, weist ebenfalls nur auf das Offensichtliche hin und bietet dem Leser kaum Mehrwert.

4. Deutlich machen, wer grad dran ist

In Filmen wird häufig ein von den Sprechern losgelöster Dialog als Stilmittel eingesetzt. Wir hören nur eine Stimme, ohne zu wissen, wer genau gerade spricht. Manchmal wird die Technik genutzt, um von einer Szene zur nächsten überzuleiten, wodurch der Schnitt flüssiger und die Handlung verdichtet wird.

Beispielsweise zu Beginn des Films The Matrix hören wir Trinity telefonieren, haben sie aber noch gar nicht gesehen.

Inspiriert von diesem eindrucksvollen filmischen Mittel versuchen sich manche Autoren ebenfalls daran, Dialogfetzen ohne weitere Erklärungen in ihre Texte einzubinden, z.B. um Szenen zu eröffnen. In der Regel führt dies im Gegensatz zum Film nicht zur Verdichtung oder Erhöhung der Spannung, sondern zur Verwirrung des Lesers.

Was hier vergessen wird: In einem Text habe ich nichts weiter als Wörter und ein paar Anführungszeichen, um einen Dialog wiederzugeben. Im Film bekomme ich ein viel besseres Bild vom Sprecher, selbst wenn ich ihn nicht sehen kann. Ich höre die Stimme, kann also in der Regel schon einmal erkennen, ob es sich um einen Mann, eine Frau, ein Kind, eine Greisin oder einen Jugendlichen handelt. All das kann ich im Text zwar auch, aber nur schwer erreichen. Die Chance des Scheiterns ist hier ziemlich hoch.

Selbst wenn ich den Sprecher nicht sehe, kann mir das Bild im Film bereits eine Ahnung davon verschaffen, wer gerade spricht. Sehe ich beispielsweise ein Bürogebäude, höre ein Telefonklingeln und wie jemand den Hörer abhebt und spricht, habe ich eine ungefähre Vorstellung davon, wer der- oder diejenige sein könnte.

All das geht im Roman auch, ist aber ungleich schwieriger und risikoreicher umzusetzen und der Effekt, der dadurch bestenfalls erzielt werden kann, wesentlich weniger eindrucksvoll als im Film.

5. Konjunktiv – brauche ich den?

Der Konjunktiv, also die Möglichkeitsform, verschwindet zunehmend aus der gesprochenen Sprache.

  1. Er sagte, Herr Schmidt sei krank.
  2. Er sagte, Herr Schmidt wäre krank.

So sprechen nur noch wenige. Die meisten würden heutzutage sagen: Er hat gesagt, dass er krank ist. Bestenfalls: Er hat gesagt, dass er krank sein würde.

Man kann nun bedauern, dass der Konjunktiv an Bedeutung verliert oder darüber die Schultern zucken. Ich finde es schade, dass mit dem Konjunktiv eine elegante Möglichkeit verschwindet, kleine Bedeutungsunterschiede zu transportieren.

Denn im ersten Beispiel, gibt der Sprecher zu verstehen, dass Herr Schmidt mit großer Wahrscheinlichkeit krank ist, er aber nur davon gehört hat. Er kann es also nicht mit Sicherheit sagen, hält es jedoch für wahrscheinlich.

Im zweiten Beispiel zweifelt der Sprecher an, dass Herr Schmidt krank ist.

So dient der Konjunktiv nicht nur dazu, deutlich zu machen, dass der Sprecher sich auf die Aussage eines anderen bezieht, sondern kann sie auch bewerten. Eigentlich ein gefundenes Fressen für Autoren, denn ich kann hier mit sehr wenigen Wörtern sehr viel ausdrücken.

Und der Konjunktiv kann noch viel, viel mehr. Ich kann mit ihm Wünsche ausdrücken („Mann, hätte ich jetzt gerne ein Eis.“), höflich sein („Dürfte ich mal das Salz haben?“) usw.

Ich finde, eine nähere Beschäftigung mit dem Konjunktiv lohnt sich. Mehr darüber kann man beispielsweise auf der Website von canoo.net erfahren.

Hast du noch weitere Stiltipps für Fortgeschrittene?

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18 Antworten auf “5 Stiltipps für Fortgeschrittene”

  1. Sehr kompetenter Beitrag. Ich teile Dein Bedauern zum Ableben des Konjunktivs und ich schätze sehr, dass man bei Dir sogar etwas über Partikeln lesen kann: Da beschäftigt sich einer sehr genau mit Sprache. Gratulation und weiter so, sagt Ben von Valeat

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  2. Guter und hilfreicher Artikel, danke!

    Aber ein kleiner Hinweis: Die Überschrift und die Aufzählung liefern mir fünf Tipps, der erste Absatz spricht von sieben. Sind zwei nur in der Special Edition des Artikels enthalten? 😉

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  3. Prima – es ist schön, dass der Konjunktiv hier ein Lob erfährt, denn es steht ihm zu. Der Konjunktiv ist ein mächtiges Stilmittel, in der gesprochenen als auch in der geschriebenen Sprache; das deutsche Wort „Möglichkeitsform“ + ein bisschen Phantasie kitzeln bereits im Ansatz einige Visionen heraus, was mit dem Konjunktiv – richtig gehandhabt – alles an Feinheiten ausgedrückt werden kann (Stichwort „Bedeutungsunterschiede). Und – leider ist das so – er ist bei den meisten Rednern und Schreibern in Vergessenheit geraten, oder die „jüngeren“ Mitmenschen unter uns wissen gar nicht mehr was das ist, der Konjunktiv, und „wie man den macht“ (diese Frage stellte mir ein 22 Jahre alter Praktikant kürzlich.

    Nicht hundertprozentig einverstanden bin ich mit der Kritik an den Dialogfetzen ohne Erklärung … ja, nein, jain – es kommt darauf an. Es hängt vom Können des Autors ab, würde ich sagen, es kommt darauf an, wie genial man mit diesem Stilmittel umzugehen weiss, das naturgemäss immer wieder ein Experiment ist. Spannung kann durchaus aufgebaut werden mit einer „Stimme aus dem Off“ in einem geschriebenen Text, indem in einem sinnvollen zeitlichen Abstand, der eine „Verwirrung“ des Leser verhindert, die Identität des Sprechers klar wird. Schwierig zu erklären … man müsste ein Beispiel schreiben, das funktioniert.
    Ein komplexer Roman, sagen wir ein als „Thriller“ angeprisener, könnte durchaus ohne Hinweis auf die Identität des Sprechers mit dem Satz in wörtlicher Rede beginnen: „Lass fallen … lass die Waffe fallen … ich sage es zum letzten Mal: runter mit der Wumme! Lass es bleiben Alter, du machst dich unglücklich … wirf sie weg, hier auf den Boden, kick sie mir rüber … was – was ist das? Was machst du? Nein … nein nein nein nein nein!“
    Gut, das wird eher ein Groschenroman, aber trotzdem: je nach Dichte und Spannung der Story könnte mehrere Seiten später klar werden, wer hier ins „Nichts“ hinein gesprochen hat, nämlich unser Held der Geschichte, Inspector-Chef MacCullahan, der als Engel noch einige Zeit auf der Erde weilen darf, nachdem er gleich nach dem ersten Satz von einer neuen, in der Testphase befindlichen, die Menschheit bedrohenden kompakten Wunderwaffe getötet worden ist, die wie eine simple Walther P8 aussieht aber gar nicht mit Patronen schiesst (aha!).
    Es ist wie mit den schulmässigen Standarddialogen, die Welt der Romane ist vollgestopft damit, diese ewige: er sagte … sagte er … fragte sie … dachte er … antwortete sie … – für mich der Horror schlechthin und immer ein Anzeichen für verkrampftes Schreiben, dass sich von den Anleitungen „wie werde ich ein erfolgreicher Schriftsteller“ nicht zu lösen wagt. Eine Geschichte kann so strukturiert und stilistisch verfeinert sein, dass es (in den meisten Fällen) von alleine klar wird, wer spricht oder denkt.

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    1. Vielen Dank für das Lob und die Anerkennung – und für deinen ausführlichen und kompetenten Kommentar.

      Tja, wann, wie of und wie Dialoge einen Redebegleitsatz brauchen, ist wohl ein leidvolles Thema, über das sich ohne Ergebnis diskutieren lässt. Ich bin da eher ein Freund von im Zweifelsfall zu viel als zu wenig. Als Leser reißt mich jedenfalls eine Dialogzeile, von der ich nicht weiß, zu wem sie gehört, aus dem Fluss.

      Außerdem bin ich jemand, der in Intervallen liest, manchmal in sehr kleinen. Kann passieren, dass ich nur eine halbe Seite am Tag schaffe. Wenn ich dann am nächsten Tag weiterlese, bin ich oft irritiert, wer was sagt, selbst wenn der Autor das auf der Seite zuvor schon geklärt hat.

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  4. Diese 10 Tipps sind wirklich hilfreich. Nach jahrelangem Arbeiten mit Juristen musste ich mir erstmal den Nominalstil abgewöhnen. Leider musste ich feststellen, dass ich in meinen Texten viel Redundanz verwende. Werde ich mich gleich mal dransetzen um das zu ändern.

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    1. Oh ja, das mit dem Nominalstil ist wirklich eine Crux! Ich bin zwar kein Jurist, sondern „nur“ einfacher Verwaltungsmensch, aber es ist wirklich schwer, vom gestelzten hoheitlichen Schreibstil (den man ja um nichts in der Welt brechen oder auflockern darf, sonst gibt es Mecker vom Chef) wieder auf normales und dann auch noch unterhaltsames Deutsch umzuschalten. Da muss ich beim Überarbeiten regelmäßig noch einmal dran, damit einzelne Passagen der Story nicht wie ein Verwaltungsakt klingen ;-).

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  5. Ich würde in Dialogen die Partikel nicht ganz so wegkürzen, sie drücken eine gewisse Unsicherheit aus, manchmal ein feiner, aber wichtiger Unterschied.
    Außerdem kann man da auch leichte dialektische Einfärbungen unterbringen.

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  6. Sehr lehrreicher und toll geschriebener Artikel,
    mein gestrenger Schreib-Lehrmeister hat mir das Buch „Deutsch für’s Leben“ von Wolf Schneider empfohlen. Der ist ganz auf Deiner Linie. Oft vergesse ich es anzuwenden, aber es wird besser. 😉

    Der wichtigste Satz in dem Buch ist: „Entweder müht sich der Leser oder der Schreiber!“

    Wer das Buch ansehen will, hier der Link: http://goo.gl/ajAg1u

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    1. Vielen Dank für das Lob. Ich bin ja im gewissen Sinne auch ein Schneider-Schüler, auch wenn ich ihn manchmal ein wenig zu apodiktisch finde. Aber lernen kann man auf jeden Fall eine Menge von ihm.

      Und dem Zitat kann ich nur zustimmen.

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