Plot-Schablonen

Plot-Schablonen sind Handlungsstrukturen, die sich seit Jahrhunderten bewährt haben. Sie können einem Autor dabei helfen, die Handlung seines Romans zu entwickeln und/oder zu ordnen. Hier meine liebsten Plot-Schablonen, die ich hilfreich finde:

1. Die Heldenreise

Campbell, Vogler und nicht zuletzt James N. Frey haben die große Plot-Schablone der Heldenreise aus Betrachtungen von Mythen und Sagen rund um die Welt herausgearbeitet und für moderne Roman- und Drehbuchautoren nutzbar gemacht. Die Heldenreise sieht für die zentrale Figur einer Geschichte Abschnitte äußerer Handlung vor, die entweder eine innere Entwicklung bewirken oder erfordern. Ich stelle die Heldenreise ausführlicher in diesem Artikel vor – und hier habe ich eine Übersicht der Heldenreise angefertigt.

2. Master Plots

Ronald B. Tobias analysiert in seinem hervorragenden Buch 20 Master Plots eben 20 Plot-Schablonen, die sozusagen die Heldenreise etwas feingliedriger mit Themen versehen und somit spezialisieren. Viele dieser „Master Plots“ dürften einem bekannt vorkommen, was dafür spricht, dass sie einen praktischen Nutzen besitzen:

  • Queste: Die Hauptfigur begibt sich auf die Suche nach einem Gegenstand, der alles für sie bedeutet, und muss eine innere Entwicklung durchmachen, um Erfolg zu haben. Die Geschichte von „Don Quijote“ ist eines der bekanntesten Beispiele.
  • Abenteuer: Wie Queste, nur dass der Schwerpunkt des Plots auf äußeren Ereignissen und weniger auf der inneren Entwicklung liegt. Im Gegensatz zur Queste bedeutet der Gegenstand, um den es geht, nicht alles für die Hauptfigur, sondern ist nur wie Hitchcocks berühmter MacGuffin der Aufhänger für viel Action. Denke an die Indiana-Jones-Filme. Perfekte Abenteuer-Geschichten.
  • Verfolgung: Teilweise wie Queste oder Abenteuer, allerdings ergänzt um den Aspekt, dass jemand hinter der Hauptfigur her ist. Terminator ist ein sehr populäres Beispiel für das Plotmuster.
  • Rettung: Eine für die Hauptfigur wichtige Person ist in Gefahr oder Gefangenschaft und muss von ihr gerettet oder befreit werden. Ein schönes Beispiel für diese Plot-Schablone ist zweifellos die Befreiung von Lea Organa durch Luke Skywalker in Star Wars.
  • Ausbrechen: Die Hauptfigur muss sich selbst aus der Gefangenschaft befreien. Das kann auch im übertragenen Sinne gemeint sein, zum Beispiel, wenn eine Frau aus der Ehe mit einem brutalen Mann ausbrechen muss.
  • Rache: Wer kennt nicht „Der Graf von Monte Christo“? Der Hauptfigur wird ein großes Unrecht angetan und diejenigen, die dafür verantwortlich sind, sollen dafür büßen.
  • Rätsel: Etwas Mysteriöses oder Unerklärliches ist geschehen. Die Hauptfigur muss Puzzlesteine zusammensetzen, um ein großes Geheimnis zu lösen. Jede Sherlock-Holmes-Geschichte und unzählige Krimis folgen diesem Muster.
  • Rivalität: Der Gegenspieler oder die Gegenspielerin der Hauptfigur will das Gleiche wie sie. Wichtig: Während die Hauptfigur sich entwickelt, um ihr Ziel zu erreichen, wird ihr Gegenspieler oder ihre Gegenspielerin scheitern, weil sie es nicht tut.
  • Außenseiter: Die Hauptfigur ist in irgendeiner Form unterprivilegiert und gehört nicht zur Gesellschaft dazu (wegen Armut, einer Behinderung usw.). Trotzdem gelingt es ihr, alle Schwierigkeiten zu überwinden, um ihr Ziel zu erreichen. Von Aschenputtel bis Rocky ist dieses Plot-Muster wohl eines, das man am häufigsten findet.
  • Verführung: Beim Plot-Muster der Verführung steht der innere Kampf im Vordergrund, bei dem die Hauptfigur weiß, dass sie etwas Verbotenes tut, andererseits der Versuchung nicht widerstehen kann und am Ende lernen muss, mit den Konsequenzen ihres Tuns zu leben. Eines der populärsten Beispiel dürfte Goethes „Faust“ sein.
  • Metamorphose: Die Hauptfigur macht eine körperliche Veränderung durch und muss lernen, mit ihr zurecht zu kommen. Franz Kafkas „Die Verwandlung“ macht diese Plot-Schablone praktisch zum Programm.
  • Transformation: Wie die Metamorphose, nur diesmal muss die Hauptfigur (auch) eine innere Veränderung verarbeiten. Interessantes Beispiel ist für mich „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, aber im Prinzip folgen auch sehr, sehr viele Superhelden-Geschichten, nicht zuletzt die Origin-Story von Spider-Man, dieser Schablone.
  • Reifen: Die Hauptfigur wächst heran und muss körperlich, emotional und geistig den Übergang vom Kind oder Jugendlichen zum Erwachsenen bewältigen. Wer musste nicht „Der Fänger im Roggen“ lesen?
  • Verbotene Liebe: Die Hauptfigur muss gegen äußere Widerstände ankämpfen, um ihre große Liebe zu gewinnen. Stephanie Meyer ist mit ihren Twilight-Romanen zuletzt mit diesem Muster sehr erfolgreich gewesen.
  • Liebe: Die Hauptfigur muss hauptsächlich gegen innere Widerstände ankämpfen, um ihre große Liebe zu gewinnen. Irgendwas ist halt immer.
  • Opfer: Im Zentrum steht das Dilemma, dass die Hauptfigur ein großes Opfer bringen muss, um ihr Ziel zu erreichen. Der Plot dreht sich darum, wie sie dies erkennt und damit zurecht kommt.
  • Entdeckung: Ein furchtbares Geheimnis lauert in der Vergangenheit der Hauptfigur. Sie muss es ergründen und herausfinden, wie sie damit leben kann. Zur Zeit tummeln sich viele Thriller in den Bestseller-Listen, die diese Schablone aufweisen, wie beispielsweise Sebastian Fitzeks „Die Therapie“ oder Marc Raabes „Schnitt“.
  • Exzess: Die Hauptfigur befindet sich in einer Abwärtsspirale, aus der es scheinbar kein Entkommen gibt (Sie ist dem Alkoholismus verfallen, besonders gierig usw.). Ich finde, dass Dickens „Weihnachtsgeschichte“ ein schönes Beispiel ist.
  • Aufstieg und/oder Fall: Die Hauptfigur ist besonders mächtig oder machtlos und muss erfahren, wie sie sich von dem einen Extrem ins andere entwickelt. Mein Lieblingsbeispiel für diese Plot-Schablone ist Orson Wells‘ „Citizen Kane“.

3. Orson Scott Cards M.I.C.E.-Quotient

In seinem Buch Character and Viewpoint entwickelt der bekannte SF- und Fantasy-Autor Orson Scott Card (dessen Kult-Roman Enders Spiel am 24. Oktober 2013 u.a. mit Harrison Ford verfilmt in die Kinos kommt) seinen M.I.C.E.-Quotienten, der im Prinzip vier Plot-Schablonen beinhaltet. Orson Scorr Cars Technik besteht darin, einen dieser vier Aspekte in jeder Story ins Rampenlicht zu zerren, während die anderen ein Schattendasein führen.

  • Milieu: In Milieu-Geschichten steht das Setting des Romans im Vordergrund.
  • Idee: Darunter versteht Card, dass eine Frage aufgeworfen wird, die beantwortet werden muss. Kriminalromane, vor allem der klassische Whodunit, sind demnach Ideen-Geschichten.
  • Charakter: Die Entwicklung der Hauptfigur steht im Vordergrund.
  • Ereignis: Wenn es ein überwältigendes Unglück gibt, das verhindert werden muss oder mit dessen Konsequenzen die Figuren der Geschichte zurecht kommen müssen, dann leigt ihr das Ereignis-Plotmuster zugrunde.

Cards M.I.C.E.-Quotient lässt sich gut am populären Beispiel von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ illustrieren. Gleichzeitig ist der Roman ein gutes Beispiel dafür, wie komplexe Geschichten mehrere Plot-Muster als Subplots aufweisen können.

Mittelerde ist hier das Milieu des Plots, die Entdeckung dieser Welt spielt eine große Rolle und ihre Besonderheiten haben Auswirkungen auf die Figuren. Das ist der Grund dafür, dass „Der Herr der Ringe“ nicht vorbei ist, nachdem der Ring im Schicksalsberg vernichtet wurde.

Die Idee ist in „Der Herr der Ringe“ vielleicht am unwichtigsten und spielt allenfalls in Subplots eine Rolle.

Auch auf den Charakter-Aspekt legt Tolkien keinen Schwerpunkt. Die Rolle des Helden teilt er auf Frodo und Sam auf. Während Frodos Plotmuster im Prinzip der „Fall“ ist, könnte man Sams Entwicklung vielleicht am ehesten mit „Reifen“ beschreiben. Sehr ungewöhnlich.

Ereignis: Das Böse in Mordor erwacht und will den einen Ring an sich bringen, um seine Herrschaft über Mittelerde erneut anzutreten. Wäre dies der Schwerpunkt des Romans, wäre er mit der Vernichtung des Rings beendet gewesen.

Kannst du mit Plotmusten etwas anfangen oder betrachtest du sie eher skeptisch?

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26 Antworten auf “Plot-Schablonen”

  1. Eine klasse Übersicht – Danke! 🙂 Bis jetzt kannte ich nur die klassische Heldenreise mit Variationen. Werd gleich mal schauen, wie ich das neu gewonnene Wissen auf eigenes Material anwenden kann … .

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  2. Ich konnte bisher mit Plotmustern (noch) nicht so viel anfangen. Dazu fehlt mir schlichtweg die Schreiberfahrung. Ich finde Plotmuster, gerade die Heldenreise, jedoch sehr interessant und spannend, und werde mich auch weiterhin damit beschäftigen.
    Ich denke, dass man viele Elemente jener Plotstrukturen auch ganz intuitiv einarbeitet. Als ich das erste mal von der Heldenreise gehört hatte, war mein Roman so gut wie durchgeplottet. Und plötzlich ist mir aufgefallen, dass sich einige Elemente der Heldenreise in meinem Plot wiederfinden, ohne dass ich bewusst darüber nachgedacht habe.

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      1. Ist Autofahren so intuitiv? Ich habe keinen Führerschein.

        Jahrhunderterlang kamen die Schriftsteller aus, ohne das sie alles offiziell zu schematisieren. Diese Grundplots nimmt man doch beim Lesen einer Geschichte oder Gucken eines Spielfilms unbewusst auf. Je vielfältiger die Lektüre ist, umso mehr dieser Grundmuster kennt man.
        Es ist sicherlich interessant, davon zu lesen. Aber für die Entwicklung neuer Stoffe hilft mir so etwas nicht, dazu brauche ich ein Thema und eine Figur.
        Und zu bestimmten Mustern greift man eher, aber das liegt auch an der Persönlichkeit.

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      2. Da diese Plotmuster universell sind, hat das ein oder andere Muster unbewusst jeder Schreiber schon mal benutzt. Wichtig ist es, sie originell zu variieren, dass etwas Neues dabei herauskommt. Für mich ist es eben leichter, konkret von Ideen, Themen, Sujet oder Personen auszugehen und daraus eine Geschichte zu entwickeln.

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        1. Wovon man beim Schreiben ausgeht, ist meiner Erfahrung nach nicht wichtig. Bedeutender ist, wie man am Ende seine Texte überarbeitet und ihnen eine passende Form verleiht. Ich bin ein Fan von Strukturen. Ob man sie im Vorfeld festlegt, um sich beim Schreiben an ihnen zu orientieren, oder ob man drauf los schreibt, um sie hinterher bei der Überarbeitung seinem Text zu verleihen, speilt dabei in meinen Augen keine große Rolle.

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  3. Auch ich halte Polt-Schablonen für hilfreich, da sie, wie alle guten Schreibwerkzeuge, die Naturgesetze der menschlichen Vorstellung von Drama/Geschichte in eine Gesetzmäßigkeit bringen.
    Ich habe vor, wenn ich irgendwann einen Roman schreibe, mich an der Heldenreise zu orientieren. Bei meinen Schreibübungen reicht es mir noch, den Protagonisten in eine Situation zu stellen und ihn entsprechend seines Wesens und seiner Vergangenheit handeln zu lassen.
    Zum Glück habe ich einen Mentor/Beta-Leser, dessen Stärke der Plot ist.
    Gruß
    Siegmar

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  4. Sehr gute Zusammenfassung! Informativ und bündig. Wie wichtig ein Plot und dessen Struktur ist, lernt man erst mit steigender Schreiberfahrung.

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  5. Hat dies auf Wortwelten rebloggt und kommentierte:
    Skeptisch betrachte ich es nicht. Eher als gute Idee. Wenn man Filme/Bücher hinterfragt, kommt man überall auf diese Muster. Selbst bei erfolgreichen Filmen. Es muss also etwas dran sein an diesen Schablonen.

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