Wie du dein inneres Schreibteam optimal leitest

Früher gab es für mich vor allem meinen inneren Kritiker, von manchen auch innerer Lektor genannt. Der innere Kritiker ist die bohrende Stimme im Kopf, die einem beständig einredet, für das, was man gerade tut, nicht gut genug zu sein. Inzwischen habe ich festgestellt, dass es weit mehr Stimmen im Kopf gibt, die einem beim Schreiben begleiten. Es gibt ein ganzes inneres Schreibteam. Das kann manchmal ganz schön verwirren.  Wenn man es aber richtig leitet, ist es hingegen sogar ziemlich nützlich.

Jede einzelne Stimme des inneren Schreibteams hat seine Zeit. Eigentlich besteht der wesentliche Kunstgriff eines Autors darin, in der entsprechenden Phase eines Projekts dem jeweiligen Teammitglied das Rampenlicht zu überlassen.

1. Der Visionär

Jede neue Grundidee ist für ihn der große Wurf. Alles andere, was bisher gemacht wurde, ist Mist. Deswegen drängelt sich der Visionär am liebsten auch bei laufenden Projekten in den Vordergrund und versucht die Aufmerksamkeit ständig auf was Neues zu leiten, statt beim Aktuellen zu bleiben.

Der Visionär ist super, wenn es darum geht, eine neue Idee zu finden. Aber dann muss er ganz, ganz schnell auf die Ersatzbank verbannt werden, wo er mit den Füßen scharrend unruhig hin und her rutscht, weil er seinen nächsten Einsatz gar nicht erwarten kann.

2. Der Zen-Mönch

Er mahnt mich dazu, nicht sofort loszulegen, wenn ich eine neue Idee oder ein Problem habe, sondern erst einmal durchzuatmen und nachzudenken. Der Zen-Mönch hilft mir dabei, ohne schon ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, die Idee erst einmal reifen zu lassen oder bei einem Problem nach den tieferen Ursachen zu forschen.

Außerdem ermahnt er mich, nicht zu früh zu urteilen oder Ideen zu rasch zu verwerfen, sondern alles erst einmal gleichberechtigt zu zulassen, damit ein Projekt auch sein volles Potenzial entfalten kann.

3. Der Personal Trainer

Diese Stimme ist der muskelbepackte Typ, der am Beckenrand steht und mich anschreit: „Schneller! Mehr! Weiter! Mach schon!“.

Der personal Trainer und der Zen-Mönch liegen in einem ewigen Clinch.

Während der Personal Trainer mich zu mehr Härte, Disziplin und Ausdauer antreibt, mahnt mich der Zen-Mönch dazu, eine Pause einzulegen, einen Schritt von der Arbeit zurückzutreten und abzuwarten, was sich so ergibt.

Ich mag den Zen-Mönch irgendwie lieber, aber ich weiß, dass ich auf den Personal Trainer auch nicht ganz verzichten kann.

4. Der Pessimist

Der Pessimist kommt meinem inneren Kritiker noch am nächsten. Er macht nun wirklich alles madig, was ich schreibe, macht sich über jede Ambition lustig und will ständig den ganzen Kram hinschmeißen. Jedes Wort legt er auf die Goldwaage, jedes Plotelement wird überkritisch hinterfragt, jede Figur für nicht gut genug erklärt. Und überhaupt taugt doch alles nichts.

Von allen Mitgliedern meines inneren Teams hasse ich meinen Pessimisten am meisten. Aber auch er hat seine Berechtigung, wenn ich ihm ab und zu mal ein Date mit meinem Personal Trainer spendiere. Denn nur, wenn es mir gelingt, die negativen Gedanken des Pessimisten umzuleiten, um mir einen Ansporn zu liefern, besser zu werden, frage ich ihn um Rat.

An Tagen, an denen ich fürchte, dass der Pessimist die Oberhand gewinnen könnte, lasse ich ihn lieber links liegen und unterhalte mich gleich mit meinem Zen-Mönch. Der ist viel cooler drauf.

5. Der Erbsenzähler

Der Typ ist der beste Freund vom Pessimisten. Er mahnt mich ständig zur besseren Recherche, achtet auf jedes Komma, fragt sich bei jedem Wort, ob es da nicht noch ein besseres gibt und bringt mich dazu, jeden Text zehnmal zu Überarbeiten, um noch ein kleines bisschen mehr Qualität herauszuholen.

Den Erbsenzähler lasse ich am liebsten erst ganz zum Schluss an ein Projekt, sonst hält der sich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag an einem Satz auf und ich werde nie mit einem Text fertig.

Teamsitzungen

Es gibt Situationen, in denen setze ich mich mit meinem Team an einen Tisch, lehne mich zurück und lasse die einfach mal machen. Dann schaue ich dem lustigen Treiben eine Weile zu und warte ab, was herauskommt. Meistens ist das mehr oder weniger zu Beginn eines Projekts oder wenn ich einen Hänger habe.

In anderen Situationen frage ich gezielt ein oder zwei Teammitglieder um Rat. Im Zweifelsfall höre ich auf meinen Zen-Mönch.

So genutzt, bringt das Team mich weiter. Kritisch wird es, wenn sich unbewusst eines der Mitglieder in den Vordergrund drängt und die Regie übernimmt, ohne dass ich das merke. Denn keines von ihnen ist gut genug, um alleine ein Projekt zu bewältigen.

Welche Mitglieder sind in deinem inneren Schreibteam und wie leitest du sie?

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12 Antworten auf “Wie du dein inneres Schreibteam optimal leitest”

  1. Danke für diesen Beitrag, die Personen kenne ich alle. Bisher war ich der Meinung, sie wohnen nur bei mir, und ich muss mich mit ihnen alleine herumschlagen. Jetzt weiß ich, sie bevölkern auch andere. Wichtig: sie im Zaum zu halten. Leider ist die heutige „Schreibe“ auch einer Rentabilität unterworfen, trotzt PC & Co.

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    1. Darum geht es mir ja auch in diesem Blog: Die Hosen runter zu lassen, um Mut zu machen. Mir haben diese Aha-Erlebnisse auch weitergeholfen, wenn ich sie bei anderen Autoren gelesen habe. Sonst denkt man ja immer, man sei der einzige, dem es so geht.

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