Warum der Autor nicht der Held seiner Geschichte ist

Kreative, künstlerische Tätigkeiten werden meistens zuallererst aus einem egoistischen Bedürfnis ergriffen. Das Aufgehen in der Kreativität, das Versinken in einer eigenen, der dadurch entstehende Flow sind erfüllende Augenblicke. Manchmal geht das so weit, dass man als Autor den Helden des Romans zu seinem Avatar in der Romanwelt macht, um Wunschträume und Sehnsüchte auszuleben. Das ist verständlich, bis zu einem gewissen Grad sogar nötig, aber nicht unproblematisch.

Die Alter-Ego-Falle

Viele Autoren tappen beim Schreiben in die Alter-Ego-Falle.

Damit meine ich, dass der Autor sich mehr oder weniger selbst als Helden in die Romanhandlung schreibt. Wie in einem Computerspiel ist dann der Protagonist oder die Protagonistin eine Figur, die an meiner Stelle die tollen Abenteuer erlebt, die mir im Alltag verwehrt bleiben. Ein typischer Alter-Ego-Held ist für mich James Bond, der nicht nur die tollsten Abenteuer erlebt, sondern dabei auch nahezu unverwundbar ist, die tollsten Frauen nur mit einem Blick ins Bett bekommt und dem bei alledem nicht einmal die Frisur verrutscht.

Hier hat Ian Fleming seine Wunschträume und ein überhöhtes Spiegelbild seines Selbst in eine abenteuerliche Umgebung gepflanzt, um Dinge auszuleben, die ihm in der Wirklichkeit verwehrt blieben. (Dass James Bond als Figur trotzdem funktioniert und viel Erfolg hat, liegt meiner Meinung nach zum einen daran, dass trotz allem viel Biografisches in der Figur liegt, was ihr Authentizität verleiht, und dass einfach viele Männer die Wunschträume Flemings teilen und sich deswegen von diese Figur angesprochen fühlen.)

Von einem Autor wird in der Regel jedoch mehr verlangt, als seine eigene Persönlichkeitsentwicklung zu dokumentieren. Der Leser erwartet vor allem, dass ich ihn unterhalte. Eine Nabelschau über mich und meine Entwicklung, die Schwierigkeiten im Alltag oder ein großes, schweres Schicksal, das ich zu bewältigen habe, können ein guter Anlass sein, um mich dem Schreiben zu widmen. Mache ich den Helden meiner Geschichte aber ausschließlich zum Avatar meiner Selbst und lebe mit ihm Wunschträume aus, birgt das die Gefahr, den Leser zu langweilen, schlimmstenfalls sogar abzustoßen.

„Schreibe, was du kennst“ vs. Die Alter-Ego-Falle

Einer der fatalsten Tipps aus diversen Büchern oder Seminaren zum kreativen und dramatischen Schreiben ist die Empfehlung, über Dinge zu schreiben, die man gut kennt, liebt oder halt eben selbst erfahren hat.

Eigentlich ist der Tipp natürlich gut, wenn es um Authentizität geht. Wozu einen Roman schreiben, der auf Hawaii spielt, wenn ich dort noch nie war und jeder Hawaiianer ihn mir mit Fug und Recht um die Ohren schlagen wird?

„Schreibe, was du kennst“ wird dann fatal, wenn ich nur noch über mich schreibe. Und eben dazu verleitet der Tipp. Wähle ich für meinen Roman ein Thema und eine Hauptfigur, die zu nahe an meinem eigenen Leben sind, kann es dazu kommen, dass ich nur noch über mich und nicht mehr für den Leser schreibe. Geübte Autoren können es schaffen, ein Thema zu bearbeiten, das ihnen sehr nahe ist, ohne dabei in die Alter-Ego-Falle zu tappen. Dazu benötigt man jedoch erstens einen sehr gut ausgestatteten Handwerkskasten, zweitens viel Erfahrung und drittens ein großes Maß an Selbstreflexion.

So ganz komme ich nicht drum herum, in einem Roman auch von mir zu schreiben. Dazu ist Schreiben einfach eine zu persönliche Sache. Außerdem muss ja ein Roman authentisch wirken. Lege ich nicht eine gehörige Portion meiner Persönlichkeit hinein, besteht die Gefahr, dass alles, was ich schreibe, oberflächlich und damit leidenschaftslos bleibt, was wiederum ebenfalls für den Leser uninteressant ist.

Ein schmaler Grat

Ich tänzele als Autor also praktisch beim Schreiben permanent um eine dünne, rote Linie herum, die die Abteilungen „Schreibe, was du kennst“ und die Alter-Ego-Falle voneinander trennt. Wo genau die Grenze liegt und wann ich sie zum Nachteil des Lesers überschreite, können am Ende nur unabhängige Testleser entscheiden.

Ein paar Techniken gibt es meiner Ansicht nach jedoch schon, mit denen man jedenfalls versuchen kann, die Alter-Ego-Falle zu vermeiden:

  • Lass deinen Helden durch die Hölle gehen: Es ist ohnehin empfehlenswert, den Helden oder die Heldin einer Geschichte leiden zu lassen. Denn dadurch erzeuge ich Spannung. Außerdem kann es dann dazu kommen, dass ich mich innerlich von der Hauptfigur meines Romans auch distanziere, denn eigentlich will ich ja nichts Schlimmes erleben.
  • Schreibe nicht, was du kennst, sondern schreibe, was dich interessiert: Ein kleiner aber feiner Unterschied. Über etwas zu schreiben, was ich bereits gut kenne, spart mir zwar die Recherche, lässt mich aber auch in die Alter-Ego-Falle tappen. Muss ich erst für ein Thema oder Setting recherchieren, betrachte ich es von außen. Das verhindert, dass ich mich zu sehr damit identifiziere. Trotzdem sollte der Gegenstand der Recherche etwas sein, das mich leidenschaftlich interessiert, sonst besteht die Gefahr, dass der Funke vom Autor zum Leser nicht rüberspringen kann.
  • Wechsle das Geschlecht: Als Frau eine männliche Hauptfigur zu wählen oder umgekehrt, kann schon genug Perspektivwechsel bedeuten, um der Alter-Ego-Falle zu entkommen. Andererseits ist es ganz schön schwierig, vom anderen Geschlecht zu schreiben. Hier lauern wiederum Klischee-Fallen. Unbedingt von entsprechenden Testleser(inne)n prüfen lassen!
  • Wähle eine fremde Leidenschaft: Verpasse deiner Hauptfigur eine Leidenschaft, die du nicht teilst. Bist du Hamburger-Fanatiker, mache sie zum Vegetarier. Bist du Nichtraucher, lasse deine Heldin rauchen wie ein Schlot. Entdecke das Eigene im Fremden und die Freude am Gegensatz. Wenn dir das gut gelingt, besteht die Chance, dass deine Leser das ebenfalls in deiner Geschichte können.
  • Lies Biografien, am besten Autobiografien: Die Lektüre fremder Biografien, die nichts mit der eigenen Familie, am besten auch mit der eigenen Lebenswelt zu tun haben, kann beträchtlich den Horizont erweitern. Ein gutes Training für das Schreiben fiktiver Biografien von Romanfiguren.

Was tust du, um nicht in die Alter-Ego-Falle zu tappen?

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16 Antworten auf “Warum der Autor nicht der Held seiner Geschichte ist”

  1. Moin!
    Vorweg: Dem eigentlichen inhaltlichen Teil des Artikels stimme ich gerne zu! Nur eine Nachfrage aus Neugierde: Hast du die Bond-Romane gelesen, oder interpolierst du, ausgehend von den Filmen?
    Denn nachdem ich in den letzten Monaten zumindest die ersten fünf Bände gelesen habe, kann ich eigentlich weder bestätigen, dass er die Frau immer kriegt, noch, dass er auf seinen Einsätzen sonderlich ungeschoren bleibt.
    (Was auch nichts daran ändert, dass Flemings Biografie in überhöhter Form durch jedes der Bücher trieft; aber dennoch, wie gesagt, Nachfrage aus Neugierde.)

    Viele Grüße,
    Thomas

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    1. Ich muss gestehen, dass ich in einen Bond-Roman nur mal reingelesen habe und halt einige Filme kenne. Nach dem Ausschnitt hatte ich nicht den Eindruck, dass Filme und Romanvorlagen sich großartig unterscheiden. Aber ich gebe gerne zu, kein James-Bond-Experte zu sein.

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      1. Moin!
        Ich hab begonnen die Reihe zu lesen, als sie im Herbst begann, in einer neu übersetzten, ungekürzten Fassung zu erscheinen und ich neugierig wurde. Und ja, all diese Superagenten-Züge, die hat Bond auch. Umgekehrt beispielsweise auf die ‚Bond-Girls‘ bezogen bringen es die ersten fünf Romane u.a. auf eine, die ihn abblitzen lässt, weil sie schon jemanden hat, eine, die grausam und durchaus mitverschuldet zu Tode kommt, was noch über Romane hinweg zumindest erwähnt wird, eine, die ihn an einer Stelle retten muss, weil er zu schwer angeschlagen ist und eine, in die er sich wirklich, ehrlich verliebt. (Ich hab die Reihenfolge übrigens was geshuffled, um Spoiler-Ableitungen zu vermeiden.)
        Aber bevor das einer missversteht: Es ist jetzt dennoch bisher keine Reihe der wirklich emanzipierten (oder in manchen der Bücher: ernstzunehmenden) Frauenfiguren; aber es zeigt zumindest deutlich, dass das Spektrum der Bücher sehr viel weiter geht als das der meisten Filme. Und Bond selber hat – gerade in Casino Royale – ein paar wirklich, wirklich hassenswerte, schon frauenfeindliche Züge.

        Aber gut, ich wollte auch gar nicht den Artikel hijacken; ich denke, wenn die Reihe mal fertig ist, werde ich mir das eh mal als eigenes Artikelthema vornehmen. Aber das wird dauern, die übersetzen ja noch bis in 2014 hinein weiter 😉

        Wie ich eingangs schon schrieb: Dem eigentlich Artikel stimme ich gerne zu 🙂

        Viele Grüße,
        Thomas

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      2. (Wir scheinen die maximale Kommentartiefe erreicht zu haben, daher als Antwort auf den letzten Beitrag von dir, auf den man mich antworten lässt ;))

        Ich würde dir glaube ich zu „Casino Royale“ raten. Das war der, der in mir auch etwas wider Erwarten die Lust auf mehr geweckt hat, und zugleich auch ganz gut diverse Facetten und Eigenarten Flemings ganz gut zeigt. Außerdem stehst du dann in der Chronologie vorne und auch wenn die Bezüge in den Büchern aufeinander mehr oder weniger auf das Fallenlassen von Stichworten beschränkt sind, so ist’s halt eben doch der Anfang.
        Die einzige Einschränkung hier: „Casine Royale“, also der Film, folgt dem Buch erstaunlich präzise. In diesem einen Punkt ist es nicht symptomatisch; andere wie beispielsweise später „Moonraker“ (Band 3) übernehmen dann gerade mal den Namen des Buches und des Schurken, und sogar da nur mit Abstrichen.

        Viele Grüße,
        Thomas

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        1. Okay, also Casino Royale. Hm. Den Film fand ich eher mau, vielleicht überzeugt mich der Roman.

          P.S.: Deinen Link musste ich leider rausnehmen. Urheberrechtlich ist es leider nicht ganz einwandfrei, hier im Blog auf Videos zu verlinken, deren Urheberrechte man nicht hat.

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      3. Du kannst ja mal berichten, wie das Leseerlebnis dann war – Garantien gebe ich hier sowieso nicht raus, aber ja, vielleicht gefällt das Buch ja 🙂
        Wie gesagt, hohe Literatur ist es nicht, aber das behauptet ja auch keiner …

        Und mit dem Link, kein Thema, immerhin hast du ihn ja dann gesehen, das war ja vor allem der Sinn und Zweck der Übung ^^

        Viele Grüße,
        Thomas

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  2. Ich lese gerade ein Buch korrektur, das quasi die Autobiographie der Person ist, die es geschrieben hat – mit dem Unterschied, dass die Protagonistin eine Vampirin ist. Ich tue mir damit sehr schwer, da ich die Person a) kenne und b) sehe, dass sich durch den autobiographischen Zug einfach gewisse Spannungslücken ergeben. Andererseits ist es schwierig, dieser Schriftstellerin zu sagen: „Hey, dein Leben allein ist nicht spannend genug, es braucht mehr.“ Bin noch am Rätseln, wie ich ihr das entsprechende Feedback geben soll!

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    1. Sag ihr bitte nicht, dass Leben nicht spannend genug ist, sag ihr vielleicht, wie sie den Roman spannender gestalten kann. Sei so konkret wie möglich, vielleicht nicht nur eine Idee, sondern mehrere, damit sie entscheiden kann, welche davon ihr am besten gefällt. Keine Angst, die Autorin zu bevormunden.

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  3. Den Ratschlag, darüber zu schreiben, was einen interessiert, nicht darüber, was man kennt, finde ich gut. Daumen hoch!

    Geschlechterwechsel, auch wenn ich ihn auch schon gemacht habe, sehe ich als schwierig an, Eine glaubwürdige Figur zu erschaffen, ist schwierig, sehr schwierig sogar.

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  4. Du hast wirklich recht, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, bin ich auch schon oft in die Alter-Ego-Falle getappt.
    Vor allem, als ich mit dem Schreiben angefangen habe, so mit zwölf/dreizehn Jahren, da habe ich mich immer zur Hauptperson auserkoren, habe sie erleben lassen, was ich erleben wollte und habe ihr sogar meinen Namen gegeben 🙂
    Aber du hast recht, wenn man die Hauptfigur so macht, wie man selbst nicht sein möchte, dann ist das ein guter Weg, um der Falle aus dem Weg zu gehen^^

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