Wie man im Roman spannend beschreibt

Räume, Menschen, Handlungen, sinnliche Wahrnehmungen … Die Beschreibung im Roman gibt dem Leser Orientierung. Sie sagt ihm, wie die Figuren sich fühlen, wie sie handeln, was sie sehen usw. Damit sind sie einerseits sehr wichtig. Auf der anderen Seite tötet nichts so sehr die Fantasie des Lesers wie zu ausführliche Beschreibungen. Die Kunst des eindrucksvollen Beschreibens besteht also in Effizienz. Wie schaffe ich es, mit so wenigen Worten wie möglich spannend zu beschreiben?

Wozu und wann brauche ich Beschreibungen?

Häufig kann ich Beschreibungen durch Handlungen oder Dialoge ersetzen. Wann immer dies möglich ist, versuche ich es auch zu tun.

„Mein Güte, wie siehst du denn heute morgen aus? Hat ein Vogel auf deinem Kopf genistet?“ wirkt einfach lebendiger, als wenn ich beschreibe: Nach dem Aufstehen sah seine Frisur aus wie ein Vogelnest.

Er schob die Hornbrille mit dem Zeigefinger ein Stück die Nase hinauf. „Ich weiß auch nicht.“

Mit der Handlung und dem anschließenden Dialog erreiche ich eine größere Anschaulichkeit, als wenn ich nur schreibe: Er trug eine Hornbrille.

Aber manchmal muss (oder will) ich zur Beschreibung greifen. Vielleicht habe ich alle anderen Möglichkeiten schon ausgereizt und muss nun einfach beschreiben, da der Leser sonst durch das Wiederholen von Stilmitteln gelangweilt wird. Oder ich habe in einer Szene noch keine Figuren etabliert, die handeln können. Oder beschreiben ist schlicht der kürzere und einfachere Weg (und der kürzere und einfachere Weg ist fast immer der beste, wenn man mich fragt).

Drei Ebenen der Beschreibung

Beschreibungen finden auf drei Ebenen statt:

  • Dinge, die Figuren in der Szene sehen, hören, riechen, schmecken – die sie also stellvertretend für den Leser wahrnehmen.
  • Gefühle, die die Figuren empfinden und die anders nicht zum Ausdruck gebracht werden können.
  • Erklärungen, die dem Leser eine tiefere Einsicht ins Geschehen vermitteln, wie zum Beispiel Hintergrundwissen zu Figuren, Orten oder Vorgängen.

Grundlegendes zu Beschreibungen

Folgende Eigenschaften sollte jede Beschreibung in meinen Augen erfüllen:

Kürze: Gerade im Thriller oder im Krimi geht es um Handlungen und Enthüllungen. Beschreibungen nehmen immer das Tempo aus einer Szene. Bin ich länger als drei oder vier Sätze beim Beschreiben, überlege ich mir, ob und wie ich kürzen kann.

Ökonomie: Ich sollte mir stets sehr gut überlegen, ob ich etwas unbedingt beschreiben muss. Ist der Gegenstand oder die Handlung wirklich wichtig für die Geschichte? Bringt sie den Plot voran? Zeigt sie etwas, das ich noch nicht gezeigt habe? Muss der Leser das wirklich wissen? Kann ich die Beschreibung auch kürzer fassen, durch aussagekräftige Verben und Substantive, Adjektive und Adverbien sparen?

Anschaulichkeit: Häufig kann ich durch einen Vergleich oder durch eine Metapher mehr sagen als durch viele Worte. Der Leser hat Fantasie und malt sich auf seiner inneren Leinwand sein eigenes Bild. Mit einem Vergleich oder einer Metapher kann ich diese Vorstellung lenken, ohne gleichzeitig seine Fantasie zu töten.

Detailreichtum: Wirklich gute Beschreibungen greifen aus der Vielzahl möglicher Wahrnehmungen in einer Szene ein spezifisches Detail heraus. Dieses wird dann so anschaulich wie möglich beschrieben. Eine Tür ist dann nicht nur eine Tür, sondern eine schmucklose, weiß lackierte Zimmertür mit einer goldfarbenen Klinke, die einen Spalt breit offen steht.

Vielschichtigkeit: Gelungen beschriebene Details erwecken beim Leser einen Eindruck vom Großen und Ganzen. Die oben beschriebene Tür gehört mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in eine Studentenbude. Bestenfalls gilt für Beschreibungen, was für alle Aspekte eines spannende Romans gilt – sie erfüllen viele Funktionen gleichzeitig. Sie führen dem Leser spezifische Details vors innere Auge, um seine Fantasie zu aktivieren, treiben die Handlung voran, sagen etwas über die Perspektivfigur der Szene aus, verstecken wichtige Details, die für einen späteren Zeitpunkt wichtig werden usw.

Wie müssen deiner Ansicht nach Beschreibungen im Roman beschaffen sein?

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22 Gedanken zu “Wie man im Roman spannend beschreibt

  1. Mann, Marcus,

    wieder einmal ein Artikel, den ich mir beim Schreiben an den Rechner pinnen sollte – zumindest vor meiner nächsten Überarbeitung. Du bist echt der Klügere von uns beiden 🙂 Haben wir bei den SchreibDilettanten schon mal was zu dem Thema gemacht?

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  2. Kann man nicht, wenn auch indirekt, alle Gefühle im Dialog darstellen? Die Figur muss ja nicht direkt sagen. Ich neige auch hart zu Dialogen.

    Ich würde das schmucklose und das lackierte vor der Tür sogar weglassen, die weiße Tür mit der vergoldeten oder goldenen oder goldschimmernden Klinke würde mir reichen. Wenn sie verziert wäre, würde man ja die Verzierung erwähnen.

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  3. Nach den vielen Warnungen, bloß nicht den Leser durch Beschreibungen zu langweilen und so viel wie möglich durch Dialoge und Handlung zu zeigen, bin ich ganz froh, diesen Artikel hier von dir zu lesen. Ich denke nämlich auch, ganz ohne Beschreibungen geht es nicht, auf die richtige Dosierung kommt es an. Und genau hierzu fehlte mir bis jetzt der nötige Durchblick. Dein Artikel scheint mir sehr hilfreich zu sein, gerade auch wenn man sich an die Überarbeitung seines Textes macht.

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  4. Ich denke es hängt stark vom Genre ab, wie viel Beschreibung angebracht ist. Fantasy ohne Beschreibung der dem Leser völlig unbekannten Welt kommt eher selten wirklich an, hingegen interessiert den Krimi-Leser selten, ob das Sofa im Wohnzimmer rot oder grün ist, solange es nichts mit der Handlung zu tun hat.
    Aber selbst innerhalb eines Genres gibt es doch starke Unterschiede, wobei es manche Autoren, jedenfalls nach meinem Geschmack, schaffe zu viel zu beschreiben und andere Autoren die rein quantitativ gesehen mehr beschreiben, dann doch wieder zu wenig beschreiben. Für mich hat also auch der Schreibstil damit zu tun, ob ich Beschreibungen als ermüdend empfinde, oder eher als positiv.

    Jedenfalls ein sehr guter Artikel.

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  5. Bin so frei, hier einen Kommentar zu hinterlassen. Ich schreibe gerne Fanfictions und bin u.a. am üben der passenden Beschreibungen: Was ist zuviel ? Was ist zuwenig ? Was soll ich beschreiben und was kann ich eher weglassen, weil der Leser/die Leserin das ja eh kennt ?

    Herzliche Grüße

    Andrea

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        • Ganz allgemein kann ich das nicht sagen. Persönlich ist das nicht so mein Ding. Die Grenze zur Pornografie ist mir aus verschiedenen Gründen zu heikel. Im Einzelfall würde ich das immer in den Dienst der Geschichte stellen. Ist es notwendig, Sex explizit zu erzählen? Warum? Ist es wichtig für den Plot? Wird dadurch eine Figur charakterisiert?

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          • Wenn es darum geht, dass ein Paar sich verliebt und/oder heiratet und/oder Kinder hat, ein ganz normales Paar, da gehört Sex zum Alltag irgendwie dazu, oder ?
            Pornographie schreibe ich eh nicht, nur alltägliche Sexszenen.
            Oder kann sich das der Leser selbst ausdenken: „Aha, ein Kind wird geboren z.B. im Mai und es somit im Juli/im August gezeugt worden. Das „wie“ kann ich mir ja selbst ausmalen.“

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          • Oder: Ein Paar (jung, alt) vollzieht zum ersten Mal die Ehe/die Beziehung. – Wie genau kann/soll man das beschreiben oder soll man es einfach weglassen, wenn es für die Handlung unwichtig ist ?

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            • Wie gesagt, ich finde, es ist eine Frage des Genres. Sobald du Sex zeigst, bist du mit mindestens einem Bein in der Erotik-Ecke. Gibt es einen Mord, der explizit gezeigt wird, vermuten Leserinnen ja auch nicht zu unrecht, dass sie einen Krimi oder Thriller lesen.

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              • Daher wäre also umschreiben oder andeuten besser, so dass der Leser/die Leserin, das „Kopfkino“ (= Phantasie) selbst einsetzen kann, damit es nicht zu erotisch/pervers/derb wird.

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