Schreiben wie Alfred Hitchcock

Bis in die Gegenwart werden die Thriller-Filme Alfred Hitchcocks gesehen und ihr Erfolgsrezept häufig kopiert – auch von denen, die gar keine Filme drehen, sondern lieber ein Buch schreiben. Kein Wunder, denn das Geheimnis hinter Hitchs spannenden Streifen sind elementare Tricks und Techniken, die für jeden Erzähler wichtig sein können, ganz gleich in welchem Medium man sich tummelt, ob man Thriller, Krimis oder auch Liebesromane schreibt. Grund genug, der Hitchcock-Formel auf den Zahn zu fühlen.

1. Überraschende, wirklich große Wendung in der Mitte

Die meisten Plots haben ihren Wendepunkt ungefähr in der Mitte der Handlung. Alfred Hitchcock hat das Prinzip auf die Spitze getrieben, vor allem in „Psycho“, da in diesem Film die Heldin Lila in der Mitte ermordet und anschließend durch ihre Schwester ersetzt wird.

Hitch kann das aber auch subtiler. In „Vertigo“ stürzt Madeleine in der Mitte vom Glockenturm. Bis dahin geht es in der Story darum, dass der akrophobische Ex-Polizist Scotty versuchen will, Madeleine vom Selbstmord abzuhalten, um das Rätsel ihrer Besessenheit vom Tod und der verstorbenen Großmutter. Danach ist das Thema die Besessenheit von Scotty von einer Toten. Die Story bekommt in der zweiten Hälfte einen vollkommen anderen Schwerpunkt.

Für den Zuschauer bedeutet das eine Form der Verunsicherung. Er kann nicht erwarten, dass er am Ende eines Films noch die gleiche Story sieht, die ihm zu Beginn versprochen wurde. Das Gute daran ist ein Höchstmaß an Spannung, dass ich erreichen kann, wenn ich die Sache gut mache. Es besteht allerdings auch die Gefahr, dass ich es mit der überraschenden Wendung übertreibe, so dass das Publikum das Interesse an der Story verliert. Um diese Technik gewinnbringend umzusetzen, braucht es also meisterhaftes Fingerspitzengefühl.

„Psycho“ funktioniert nur, weil die heimliche Hauptfigur des Films eben nicht Lila ist, sondern Norman Bates. Ihn lernen wir alllerdings am Anfang der Geschichte nicht kennen. Aber sobald er auftritt, sind wir von ihm fasziniert und wollen wissen, welches Geheimnis er verbirgt. Nur, wenn es gelingt, den Fokus des Publikums dermaßen zu verschrieben, kann die vollkommen überraschende Wendung in der Mitte der Handlung funktionieren.

2. Die erdrückende Mutterfigur

Die erdrückende, herrschsüchtige Mutterfigur versteckt sich in nahezu jedem Hitchcock-Film. In „Marnie“ ist sie offensichtlich, in „Vertigo“ etwas subtiler und weniger erdrückend in der Gestalt von Scottys Freundin „Midge“, dafür um so erdrückender, aber etwas weniger mütterlich, in „Rebecca“ als Haushälterin Mrs. Danvers.

Schwierigkeiten mit den Eltern, der Konflikt mit Autorität, die Ambivalenz einer Figur, die gleichzeitig geliebt, aber gefürchtet, respektiert und verflucht wird – all diese Themen üben eine starke Sogwirkung auf das Publikum aus, weil sie so grundlegend sind. Jeder hat eine Mutter, das Verhältnis zu ihr ist nie unkompliziert. Auch hier übertreibt Hitchcock meistens, aber diese Übertreibung hat einen Kern, den jeder Mensch nachvollziehen kann und interessant findet. Viel wichtiger: Jeden trifft dieses Thema emotional bis ins Mark. Interesse und Spannung garantiert.

3. Der zu Unrecht Verfolgte

Von den „39 Stufen“ bis hin zum „Unsichtbaren Dritten“ werden häufig Hitchcocks Protagonisten zu Unrecht verdächtigt und müssen fliehen. Ein Kniff, mit dem ein Autor gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt.

Erstens fühlt das Publikum mit einer zu Unrecht verfolgten Figur automatisch mit. In uns allen tob ein Sinn für Gerechtigkeit. Jemand, der unschuldig ist, sollte seine Unschuld auch beweisen dürfen.

Zweitens verleiht dieses Thema einer Geschichte sofort Struktur, nämlich die des Räuber-und-Gendarme-Spiels aus unseren Kindheitstagen. Das Thema spielt also mit infantilen, aber gleichzeitig auch stark verinnerlichten Strukturen von Spannung, die wir alle in uns tragen.

4. Suspense

Hitch hat schnell begriffen, dass es zum wirkungsvollen Erzählen einer Geschichte nicht ausreicht, eine Story abzuspulen. Um das Publikum zu bannen, muss es ein Spiel mit den Emotionen des Zuschauers geben. Meistens besteht dieses Spiel bei Hitchcock darin, dass der Zuschauer mehr weiß als die Figuren der Geschichte.

In „Marnie“ beispielsweise bricht die Hauptfigur in das Büro ihres Chefs ein. Hitchcock zeigt diesen Einbruch in der Totalen. Das Bild ist zweigeteilt. Auf der einen Seite sehen wir Marnie bei ihrem Diebstahl. Auf der anderen Seite eine Putzfrau, die nichts vom Einbruch ahnt, aber jeden Moment einen Schritt nach vorn tun und damit Marnie entdecken könnte. Marnie selbst ahnt nichts von der Putzfrau. Als Zuschauer möchte man sie am liebsten warnen.

Das ist Suspense.

Weniger visuell setzt Hitcock Suspense beispielsweise in „Vertigo“ ein. Hier weiß der Zuschauer ab der Mitte, dass Judy in Wirklichkeit Madeleine ist. Scotty ahnt es vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Doch darum geht es gar nicht. Die Suspense besteht in diesem Fall in der Frage – wann und wie wird Scotty endgültig herausfinden, das Judy ihn belügt? In jeder Szene schwebt ab der Mitte diese Frage mit, so dass die Spannung im zweiten Teil des Films auf hohem Niveau bleibt.

5. Gemischte Charaktere als Helden

Hitchcocks Hauptfiguren sind nie einfach böse oder gut: Norman Bates tut schlimme Dinge, ist aber eigentlich ein mitleiderregendes psychisches Wrack. Scotty ist das Opfer eine Intrige und leidet unter Höhenangst – aber er ist besessen von einer Toten, manipuliert und schikaniert Judy bis hin zum Psychoterror. Selbst in „Über den Dächern von Nizza“ ist die Hauptfigur John Robie ein smarter und charmanter Gentleman – aber auch ein Dieb und nicht nett zu Frauen.

Schon lange vor Serien wie „Dexter“ oder Filmen wie „Oceans Eleven“ etablierte Hitchcock die gemischten und damit interessanten Charaktere im Unterhaltungskino, weil er wusste, welche Faszination von ihnen ausgeht.

6. Psychologie

Psychologie spielt in den meisten Storys von Alfred Hitchcock eine Rolle, meistens implizit, in seinen späteren Filmen auch explizit. „Marnie“ ist im Prinzip von der Storytruktur her eine einzige Therapiesitzung (wenn auch eine stark zweifelhafte). „Psycho“ dreht sich um psychische Krankheit, „Vertigo“ um Phobien und Nekrophilie, „Das Fenster zum Hof“spielt  mit dem Thema Voyeurismus.

Alfred Hitchcock war von den seelischen Abgründen fasziniert und zerrte sie ins Rampenlicht. Auf unterhaltsame Art und Weise wird so das Publikum mit eigenen Ängsten und intimen Wünschen konfrontiert, manchmal so subtil, dass diese Konfrontation eher unbewusst stattfindet. Wie auch immer er es genau einsetzt, hat Hitchcock mit diesem Thema einen Weg gefunden, den Zuschauer dort zu packen, wo es ihm weh tut, peinlich ist oder einfach nur aufwühlt.

7. Setting

Hitchs Filme spielen einerseits in keinen Fantasy-Reichen, Raumstationen oder auf fremden Planeten. Trotzdem finden sie selten in einem Milieu statt, das die meisten Zuschauer auch von zu Hause kennen.

Seine Settings entsprechen der Normalwelt, spiegeln aber den Alltag des Publikums in Extremsituationen oder sind auf übersteigerte Weise inszeniert. Das fällt vor allem in Hitchcocks Meisterwerk „Vertigo“ auf. Der Film besitzt eine eigene, visuelle Magie, die einerseits die Wirklichkeit einfängt, andererseits eine traumhafte Atmosphäre erzeugt. Der Wald ist in „Vertigo“, z.B. so groß und mächtig, wie man ihn in der Wirklichkeit kaum sieht.

Hotelzimmer wirken bei Hitchcock häufig wie das Innere strahlender Paläste. Der Hinterhof in „Das Fenster zum Hof“ ist nicht einfach irgendein Hinterhof, wie ihn jeder hinter seinem Wohnzimmerfenster hat. Er wirkt wie das Ideal eines Hinterhofs.

Hitchcock hat so oft es ging im Studio gedreht, da er über den Set die totale Kontrolle behalten wollte. Es war sein Ziel, glaubwürdige, aber idealisierte Kulissen zu verwenden, damit der Zuschauer sich einerseits in die Settings einfinden konnte, trotzdem aber etwas erlebte, das jenseits des Alltags stattfindet.

Fazit

Die Hitchcock-Formel beruht im Prinzip auf der Erkenntnis, dass es für das wirkungsvolle Erzählen einer Geschichte weniger darauf ankommt, dem Intellekt seines Publikums etwas zu bieten, sondern vor allem darauf, starke Emotionen anzusprechen und durchleben zu lassen. Alle seine Techniken zielen letztendlich darauf ab, den Zuschauer ein Wechselbad der Gefühle durchleben zu lassen, sei es durch das Prinzip der Suspense, sei es durch das Thema der erdrückenden Mutterfigur bis hin zu den Bühnenbauten seiner Filme.

Sich beim kreativen und dramatischen Schreiben an der Hitchcock-Formel zu orientieren bedeutet, sich ebenfalls bei jedem Aspekt des Romans – Figuren, Setting, Plot – zu fragen, inwiefern dieser den Leser emotional berührt. Was trifft ihn, interessiert ihn, wühlt ihn auf und fasziniert ihn so sehr, dass eine sogartige Wirkung von der Story ausgeht – ganz so, wie sie die wirklich guten Filme Alfred Hitchcocks ausüben.

Was meinst du? Taugt die Hitchcock-Formel zum Schreiben von Thriller- und Krimi-Romanen?

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12 Antworten auf “Schreiben wie Alfred Hitchcock”

  1. Hitch hat göttliche Filme gemacht, aber es muss auch gesagt werden, dass sie immer auf ausserordentlich gut komponierten Geschichten basieren. Highsmith (Zwei Fremde im Zug) und DuMaurier (Rebecca, Die Vögel) beispielsweise haben ihm Vorlagen geliefert, die bereits als Roman oder Kurzgeschichte vor Spannung kaum auszuhalten sind. Mit den Bildern und der Musik des Filmes werden sie dann zum runden Ganzen.

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    1. Ausgerechnet Zwei Fremde im Zug und Die Vögel gehören nach meinem Geschmack zu Hitchs schwächeren Filmen. Aber Geschmäcker sind zum Glück verschieden. Ja, Hitchcock hat keine neuen Stoffe geschaffen, sich aber doch meistens weit von ihnen entfernt und seine ganz eigene Handschrift verpasst.

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  2. Highsmith schreibt in „Suspense“ ein paar Worte über diese Zusammenarbeit. Ich glaube für die Autor(inn)en war das nicht immer ganz einfach. Mit Chandler und Steinbeck soll es ja manchmal auch ganz schön gekracht haben 😉
    Jedenfalls hätte auch Hitchcock Mühe gehabt, aus einer grottigen Geschichte ein wirklich spannendes Drama zu machen. Oder kennst Du ein Beispiel, wo er aus Mist Gold produziert hat?

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  3. Bis auf die erdrückende Mutter sicherlich gute Vorschläge.
    Hat Hitchcock nicht auch mit Genrekonventionen gebrochen? Beängstigende weite Felder statt beängstigende Enge, beispielsweise. In Psycho wird die vermeintliche Hauptfigur schon sehr früh ermordet. Ich glaube, hin und wieder muss man gezielt mit solchen Konventionen brechen.

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