Top 10 Tipps für einen guten Stil

Sprachstil ist eine Frage des guten Geschmacks. Manchmal, aber nur manchmal, auch eine Frage der Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung. Ein Richtig oder Falsch gibt es nur selten. Jeder muss sich fragen, was er gerne liest und schreibt. Hier meine zehn liebsten Zweifelsfragen und wie ich mich entscheide.

10. ’nen oder nen? Apostroph oder nicht?

„Haste mal nen Euro?“ oder Haste mal ’nen Euro?“? „Nimm’s!“ oder „Nimms!“? Beides ist richtig. Die Regel im Duden lautet, dass das Apostroph als Auslassungszeichen auch wegfallen kann, wenn die Lesbarkeit darunter nicht leidet.

Im ersten Fall ist es relativ eindeutig, dass einen zu ’nen verkürzt wurde. Das erkenne ich auch ohne Apostroph. Im zweiten Fall werden nimm und es zu nimm’s zusammengezogen. Hier würde ich auf jeden Fall das Apostroph setzen, da ich persönlich das Gefühl habe, dass nimms nicht wie ein deutsches Wort aussieht.

9. Klischees vermeiden oder suchen?

„Seine Lunge pfiff wie ein Blasebalg.“, „Bäume knickten um wie Streichhölzer.“ und „Sie tollten über saftige Wiesen.“

Solche und ähnliche Metaphern und Vergleiche haben gemeinsam, dass sie zu sprachlichen Klischees geworden sind. Irgendwann hat sie ein Autor mal erfunden. Zu diesem Zeitpunkt waren sie frisch. Heute sind sie abgegriffen.

Wir benutzen täglich bewährte Sprachbilder. „Es regnet in Strippen.“ und „Es zieht wie Hechtsuppe.“. Dagegen ist nichts zu sagen.

Im Roman können solche Klischees einen Leser stören. Manchmal können sie dem Leser aber auch helfen oder einen höheren Zweck erfüllen. Unterhalten sich beispielsweise zwei Menschen in einer alltäglichen Situation, dann verwende ich Klischees, um die Einfachheit der Leute zu charakterisieren.

In Beschreibungen meide ich Klischees unbedingt. Auch in der Sprache der Hauptfigur, die meistens eine besondere Person oder Persönlichkeit sein sollte, verwende ich lieber keine Klischees, sondern bemühe mich, Sprachfiguren zu finden, die ihre Individualität herausstellen.

Meine Faustregel: Im Zweifelsfall das Klischee meiden.

8. Komma, Gedankenstrich und Auslassungspunkte – wann schreibe ich was und warum?

„Er ging, vollkommen überzeugt, davon aus, sie zu treffen.“ „Er war dort – traf sie aber nicht.“

Könnte auch geschrieben werden: „Er ging – vollkommen überzeugt – davon aus, sie zu treffen.“ und „Er war dort, traf sie aber nicht.“

Wann also benutze ich den Gedankenstrich, wann das Komma? Ich halte mich an die Regel, dass der Gedankenstrich eine Zäsur, also einen Einschnitt oder eine Pause darstellt. Ein Gedankenstrich bedeutet, dass dahinter etwas Neues kommt, etwas, das mit dem Gedanken, der davor steht, kaum etwas oder nichts zu tun hat.

Ob und wann das genau der Fall ist, ist häufig Ermessenssache.

„Du kannst doch ni-„, wollte sie sagen, wurde aber unterbrochen. Oder: „Du kannst doch ni …“ usw.

Drei Punkte sind ein Auslassungszeichen. Sie zeigen an, dass da ein Wort oder ein Satz noch weitergehen sollte, das aber aus irgendwelchen Gründen nicht geht. Ich lese häufig auch einen Gedankenstrich, der diese Funktion erfüllt. Ich würd’s aber nicht tun. Ist einfacher, ich persönliche stolpere aber beim Lesen darüber.

Mehr wertvolle Hinweise zu Auslasszungszeichen gibt es auf Stefan Waldscheidts Blog Schriftzeit.

7. Vollständige Sätze oder Ellipsen?

Manchmal kann es effektvoll sein, Ellipsen, also grammatikalisch unvollständige Sätze, zu verwenden.

„Willst nach Hause?“ „Klar.“ „Echt?“ „Ja, echt.“

Oder:

Er ging in das Haus. Sein Haus.

Der Knackpunkt: In der wörtlichen Rede ist es recht üblich, unvollständige Sätze zu verwenden. Denn wir sprechen auch so.

Auch an anderer Stelle kann es effektvoll sein Ellipsen zu verwenden, wie es im zweiten Beispiel deutlich wird. Worüber ich mir dann jedoch bewusst sein muss: Die Aufmerksamkeit des Lesers wird auf die Ellipse gelenkt. Der Leser erwartet instinktiv einen vollständigen Satz, bekommt ihn aber nicht. Also hält er wenigstens intuitiv das, was vom ganzen Satz noch übrig geblieben ist, für besonders wichtig. Das sollte es dann aber auch sein.

6. Absätze: Wann, wie oft und wie lang?

Absätze strukturieren einen Text gedanklich und erhöhen den Lesefluss. Ein Text mit vielen Absätzen liest sich einfacher und damit schneller als ein Text mit wenigen Absätzen. Ich tendiere deswegen dazu, recht viele kurze Absätze zu machen.

Allerdings hüte ich mich auch davor, Absätze zu machen, in denen nur ein Satz vorkommt.

Sollte man nicht zu häufig tun.

Das wirkt dann für den Leser ermüdend.

Vor allem, wenn in einem Absatz nur noch ein Wort steht.

So.

Wie mit allen Stilmitteln, kann man es also auch mit Absätzen übertreiben. Wiederum gilt für mich die Faustregel: Je kürzer ein Absatz ist, desto bedeutender ist das, was darin steht. Ein Absatz, der nur aus einem Wort besteht, ist wie ein Pistolenschuss in der Nacht. Das Wort sollte ein echter Knaller sein.

Aber wann mache ich einen Absatz? Ich würde sagen, immer dann, wenn ein neuer Gedanke kommt.

5. Zahlen – ausschreiben oder als Ziffer?

Kommt für mich auf die Lesbarkeit an. Eins Komma acht ist blödsinnig, da 1,8 einfacher zu lesen ist. Vierundzwanzig finde ich schicker als 24, aber einemillionvierhundertfünfundachatzigtausendkommanulldrei ist eine Zumutung.

4. Lange Sätze oder kurze?

Ich ging. Eigentlich wollte ich lieber bleiben, aber ich musste gehen, denn sonst hätte ich sie einer großen Gefahr ausgesetzt. So oder so. Ich verlor.

Ich mag es, wenn ein Text Rhythmus hat, sich also lange und kurze Sätze abwechseln. Dabei mag ich kurze Sätze lieber als lange Sätze. Auf einen wirklich langen Satz sollten also ein paar kurze kommen, finde ich.

Trotzdem versuche ich immer, einen Satz so kurz wie möglich zu schreiben. Sätze künstlich in die Länge zu ziehen, halte ich für schlecht. Im Zweifelsfall fasse ich mich also lieber kurz.

3. Ausdrucksstarke Verben oder Adjektive und Adverbien?

Ich habe schon einmal erklärt, warum Adverbien böse sind. Ums kurz zu machen: Ich suche immer ein ausdrucksstarkes Verb, das am besten auch noch lautmalerisch ist:

Er polterte die Treppe hinunter. Ist meiner Ansicht nach besser als: Er ging laut die Treppe hinunter.

2. Aktiv oder Passiv?

Schreibe ich lieber „Sie öffnete die Tür.“ oder „Die Tür wurde von ihr geöffnet.“? Eigentlich selbstverständlich: Ich wähle meistens den Aktiv. Sieht einfach besser aus. Wirkt dynamischer

Wie immer gibt es auch Ausnahmen von der Regel: „Er fesselte mich.“ finde ich nicht so gut wie „Ich wurde von ihm gefesselt.“ Denn hier ist die Person, die über den Vorgang berichtet, ja tatsächlich passiv. Aber auch darüber kann man lange streiten.

1. Tags oder Tages? E beim Genitiv oder nicht?

Kleiner aber feiner Unterschied, der über die Lesbarkeit eines Textes entscheiden kann. Prinzipiell lautet die Regel: Bei mehrsilbigen Wörtern ist es üblicher, ohne -es zu schreiben: Zeitraums. Man kann aber auch des Zeitraumes sagen. Richtig ist in diesem Fall beides.

Einsilbige Wörter kann man im Genitiv zweisilbig machen, oder auch nicht: Tags oder Tages. Mit anderen Worten: Es ist egal, tendenziell eher ohne E, finde ich.

Es gibt aber ein paar Fälle, die geregelt sind:

Wenn das Wort auch ohne Genitiv auf S endet. Dann MUSS -es folgen: Haus, Hauses. NIE des Hauss oder Haus‘.

Substantivierungen werden immer nur mit S gebildet: Ich – des Ichs, NIE des Iches. Das Gleiche gilt für Fremdwörter: des Big Macs, nie des Big Maces.

Wörter, die auf -el, -er, -em und -en enden, bekommen immer ein S: Engel – des Engels, nie des Engeles. Genauso wie bei Wörtern, die auf einem Vokal enden: Euro – des Euros, nie des Euroes.

Ich würde mich auf jeden Fall für eines der beiden entscheiden und nicht mal so und mal so schreiben. Ist anders zwar kein Fehler, aber trotzdem nicht schön. Wenn man mich fragt, ich würde immer auf das E verzichten, wenn es geht.

Was sind deine liebsten Stiltipps? Wo bist du andere Meinung? Lass es ich in den Kommentaren wissen!

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25 Gedanken zu “Top 10 Tipps für einen guten Stil

  1. Ich finde die Wikipedia-Liste mit den rhetorischen Stilmitteln interessant. Da kann man sich hin und wieder mal eine Anregung holen, auch wenn manches arg in die Lyrikrichtung geht.

    Vierundzwanzig hätte ich übrigens als Zahl geschrieben. Gibt es da nicht die Regel: natürliche Zahlen bis 10 ausschreiben, ab 11 als Zahl?

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  2. Dass Häuser wie Streichhölzer umknicken, hab ich noch nie gesehen, gehört oder gelesen. Bäume – ja. Aber Häuser?

    Und wenn ich schonmal am Kommentieren bin, hier noch was Generelles – ich les deine Blogeinträge auch als Nicht-Schreiber sehr gerne. Du fasst oft in Worte, was ich meist nur mit einem diffusen „Das ist nur so ein Gefühl“ begründen kann. Irgendwann werd ich auch mal anfangen zu schreiben, und dann klau ich alle deine Tippps! 😉

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    • Hui, stimmt. Sollten auch eigentlich Bäume sein. Danke für die Korrektur. Werde ich gleich ändern.

      Leg los, Jani, schreib! Und klaue, was du brauchst. Freut mich sehr, dass dir mein Blog auch als (noch) Nicht-Autorin was bringt.

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  3. Hallo Marcus,
    wieder ein informativer und hilfreicher Beitrag von dir. Gerade den Punkt Klischees vermeiden finde ich sehr wichtig. Oft merkt man beim Schreiben überhaupt nicht, wieviele Klischees man eigentlich zu Papier bringt. Umso wichtiger ist es dann bei der Überarbeitung darauf zu achten. Mir persönlich fällt es manchmal auch noch schwer ein Klischee überhaupt zu erkennen.
    Sehr gut gefällt mir die Idee, gezielt Klischees in Dialogen zur Charakterisierung der Figuren zu verwenden.
    Liebe Grüße
    Karina

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    • Hallo, Karina! Freut mich sehr, wenn dir der Artikel geholfen hat. Ja, Klischees sind tückisch. Ich denke, um diese auf Dauer erkennen zu können, hilft nur viel lesen und aufmerksam hinhören, wenn Leute etwas sagen. Du hast auch recht, dass man solche Dinge eigentlich nur in der Überarbeitungsphase bemerkt. Und selbst dann wird es schwierig. Ohne Testleser wäre ich da aufgeschmissen.

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