Der Protagonist als MacGuffin in der eigenen Geschichte

Ich freue mich sehr darüber, heute einen Gastbeitrag Alexander Kuprijanows präsentieren zu dürfen. Alexander betreibt unter www.igrokosmos.de einen lesenswerten Blog über Gamedesign mit einem besonderen Schwerpunkt auf storybasierten Spielen. Wie er mit diesem Artikel beweist, kennt er sich aber auch bestens in anderen Genres aus, zum Beispiel in Comics. Viel Vergnügen!

„Protagonisten müssen eine glaubwürdige und ausgearbeitete Hintergrundgeschichte besitzen, damit sie für den Leser interessant werden.“

Diese allgemein bekannte Weisheit aus Creative Writing 101 gilt nicht, wenn man sich manche Hauptcharaktere in Comics und Graphic Novels anschaut, die so viel Substanz wie eine Scheibe Toastbrot haben – Judge Dredd, Boba Fett, Groo. Vom üblichen, gestalterischen Standpunkt eines Autors fragt man sich, ob und wie ein solcher Pappkamerad-Charakter überhaupt eine Story tragen kann. Geschichten mit solchen Gestalten im Mittelpunkt funktionieren aber dennoch, wenn man einige Besonderheiten beachtet. Als Beispiel eines komplett zweidimensionalen Protagonisten, um den man trotzdem (immer wieder) eine durchaus spannende Geschichte spinnen kann, soll uns Punisher aus dem Marvel-Comic-Universum dienen.

Wer den Punisher nicht kennt: Frank Castle ist ein hochdekorierter Vietnam-Veteran, dessen Familie bei einer Schießerei zwischen verfeindeten Mafia-Clans ausgelöscht worden ist. Seitdem nutzt der Punisher seine Fähigkeiten als Ex-Elitesoldat, um all diejenigen umzubringen, denen er die Schuld am Tod seiner Familie gibt: Ganger, Zuhälter, Waffenhändler, Auftragskiller, Drogenkuriere, Unterweltsbosse. Bei seinem unerbittlichen Rachefeldzug gegen das Verbrechen kennt Castle weder Reue noch Gnade. Sein gefürchtetes Haupterkennungsmerkmal ist ein riesiger weißer Totenkopf, der auf seiner Brust prangt. Außer seiner grimmigen Entschlossenheit und seiner militärischen Erfahrung mit Waffen und Tötungsmethoden jeder Art besitzt der Punisher keine Superkräfte.

Das ist alles, was man über den Punisher wissen muss. Das Interessante dabei: der obere Absatz ist nicht etwa eine Kurzvita, wie man sie sich ähnlich bei Batman, Superman und Spider-Man vorstellen könnte. Es ist Punishers umfassender, gesamter (!) Lebenslauf mit allem drum und dran. An dieser Stelle soll es nicht um Punisher als verbitterten Anti-Helden gehen, der Menschen umbringt, sondern darum, dass er einen MacGuffin in seinem eigenen Geschichte darstellt, ein Objekt, auf das es eigentlich nicht ankommt.

Brutale Action-Thriller brauchen keine Helden

Schauen wir uns den Standard-Plot der erfolgreicheren Punisher-Comics an, um uns zu vergegenwärtigen, wie sie funktionieren. Marvel nutzt den modernen Punisher seit längerer Zeit als Anti-Held, um brutale Action-Thriller zu erzählen. Die Rezeptur lautet hier:

Böse Jungs setzen sich zusammen, um darüber zu schnacken, wie der Punisher durch seine Machenschaften ihr Leben als ehrenwert-verbrecherische Geschäftsmänner ruiniert. Meistens hat jemand eine zündende Idee für einen neuen, sinistren Plan, um den Punisher ein für allemal zu vernichten. Diesmal wird es ganz anders laufen, es kommt ein gewiefter Attentäter, eine neuartige Waffe oder ein besonderer Umstand zum Tragen. Danach beginnen die Übeltäter, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Nun rückt Frank Castle an, der in seiner methodischen Art die ihm entgegengeworfenen Widersacher dezimiert. Dazu gibt er beiläufig Infodumps im inneren Monolog ab, um dem Leser zu schildern, welche Wirkung Vollmantelgeschosse auf den menschlichen Körper haben oder wie man aus Haushaltsmitteln Sprengstoff herstellen kann. Zwischenzeitlich wird Punisher schwer verletzt und gefangen genommen. Der Plan der Bösen scheint aufzugehen, doch Castle kann sich im letzten Augenblick befreien und das Blatt wenden. Letzten Endes kommen die Strippenzieher in einer besonders grausamen Art und Weise ums Leben und der lädierte Punisher setzt seinen Kreuzzug fort.

Wie man daran erkennen kann: der Punisher (wie auch Judge Dredd und Boba Fett) ist als Held für die eigene Geschichte vollkommen uninteressant. Es lohnt sich nicht, auf seine Vergangenheit einzugehen, diese wissen wir spätestens nach dem Lesen seiner Vita zur Genüge. Es lohnt sich auch nicht, Punishers dramatisches Gefühlsleben und damit verbundene mögliche Wandlungen großartig zu beleuchten. Ein solches Vorgehen würde ihn weiterentwickeln und damit aus seiner stereotypen Rolle lösen.

Der Punisher ist wie ein vollautomatischer Schredder, in der früher oder später alle seine Feinde hineingeraten, egal wie sie sich anstrengen. Sein Part beschränkt sich auf das Töten von anstürmenden Gegnerhorden, das Klopfen zynischer Sprüche und die Infodumps über menschliche Anatomie, Kampfmethoden und Waffentechnik.

Viel interessanter sind hingegen die Bösewichter, die sich deutlich mehr Mühe geben müssen, um ihren Erzfeind dranzukriegen. Die Geschichte wird ausschließlich durch ihr Treiben in den Gang gesetzt, der Protagonist reagiert nur. Hierin liegt der Kern des MacGuffin-Tricks: beim klassischen Storytelling soll sich die Geschichte optimaler Weise aus der Hauptfigur und ihren Beweggründen entwickeln. Beim MacGuffin-Protagonisten geht es jedoch gar nicht um die Hauptfigur selbst, bis auf wenige Ausnahmen kann es im Grunde egal sein, ob die Figur Journalist, Dämonenjäger oder Weltraumsheriff ist. Dreh-und Angelpunkt hier ist die Geschichte um den MacGuffin-Helden herum – im Regelfall wird diese von den Antagonisten vorangetrieben.

Der MacGuffin-Protagonist ist kein Serienheld

Nun kann man sagen: in jeder Abenteuergeschichte gibt es einen (Serien-) Helden, der sich gegen Bösewichter durchsetzt, die einen finsteren Plan ausgeheckt haben. James Bond, John McClane, Batman und Indiana Jones sind jedoch weit davon entfernt, stereotype, vergangenheitslose Charaktere zu sein, die nach Schema X vorgehen. Sie sind, soweit es das Format erlaubt, dreidimensionale Gestalten mit Kanten und Marotten.

Das Wichtigste – sie verändern sich gemeinsam mit der von ihnen erlebten Geschichte. Ihr Wesen wandelt sich, während sie die von Bösewichtern geschaffenen Gefahren überstehen. Der MacGuffin-Protagonist jedoch verändert sich niemals, sondern führt in jeder Story nur seine Lückenfüller-Funktion aus. Es ist nun mal nicht wichtig, was in dem verschlossenen Koffer ist, solange die halbe Welt ihm hinterher rennt und sich dadurch Spannung ergibt.

Warum sollte es bei einer stereotypen Figur, bei der sich der Autor offen zu ihrer Eindimensionalität als Actionheld bekennt, anders sein? Sie erfüllt immer noch ihre eingeschränkte Rolle als Plot-Antreiber. Der sich durch Massen von Gangstern metzelnde Punisher ist ein Paradebeispiel für einen MacGuffin-Charakter aus der Comic-Welt.

In der klassischen Fantasy-Literatur ist es Conan, der das Sinnbild des brutalen, aber ehrenvollen Kriegers in der modernen Popkultur maßgeblich geprägt hat. Egal, in welche Bredouille der wortkarge Barbar gerät, er findet immer einen (meist blutigen) Ausweg. In Robert Howards Geschichten geht es fast nie um Conans eigene Persönlichkeit, sondern immer nur um die Abenteuer, die er übersteht.

Der MacGuffin-Protagonist und seine Geschichte

  • Der Protagonist selbst ist eine stereotype Gestalt, deren Rolle man mit einem Wort umreißen kann: grimmiger Rächer, schlechtgelaunter Polizist, hartgesottener Kopfgeldjäger, brutaler Barbar, weiser Anführer. Man sollte auch nicht versuchen, von der Klischeehaftigkeit wegzukommen (wie man es vermutlich im Regelfall als Autor anstreben würde).
  • Die (meist diffuse) diffuse Vergangenheit des Protagonisten kann in einem Satz abgehandelt und darf damit in ganz groben Zügen als bekannt vorausgesetzt werden.
  • Der Protagonist vollführt im Verlauf der Geschichte identische Handlungen, die allesamt stets auf ein und dasselbe hinauslaufen (Menschen retten, Menschen umbringen, Objekte stehlen, Frauen verführen, Bösewichter verprügeln, etc.).
  • Der Protagonist selbst sollte möglichst nicht von dem ihm zugeordneten Klischee abweichen. Er ist und bleibt der eiskalte Rächer, der harte Cop oder die pizzasüchtige Ninja-Schildkröte. Je weniger Entwicklung er durchläuft, umso besser.
  • Die Geschichte des MacGuffin-Protagonisten ist im Prinzip eine Geschichte seiner Feinde und ihres neuen Coups, in dem sich der Protagonist zurecht finden muss. Anstelle von Antagonisten kann auch eine abstrakte Gefahrensituation dienen, die es zu meistern gilt (Durchlaufen eines mit Fallen gespickten Labyrinths, eine Bombe, die man entschärfen muss, etc.)
  • Da auf den Hauptcharakter als interessante Figur wenig Verlass ist, müssen die Bösewichter umso besser entwickelt sein. Im Gegensatz zu dem/den Guten müssen ihre Beweggründe sorgfältig ausformuliert sein und ihre Handlungen müssen viel detaillierter als sonst bei Gegnern üblich beleuchtet werden.
  • Alle Figuren außer dem Protagonisten unterliegt den klassischen Regeln: Die Motivationen aller Figuren müssen konsequent und nachvollziehbar sein. Die Story ergibt sich aus den Charakteren und ihren Fähigkeiten und Interessen, etc.

Graphic Novel-Beispiele für Punisher-Comics, die nach diesem Schema funktionieren:

  • Kitchen Irish
  • Widowmaker
  • Up is Down and Black is White
  • The Long Cold Dark

Filmische Beispiele für MacGuffin-Protagonist/en:

  • „Judge Dredd“ (2012),
  • „Teenage Mutant Ninja Turtles“ (1990),
  • „Mr.Magoo“ (1997).

Besuche Alexanders Blog, um mehr über Game Design, Analysen von Spielinhalten und die Game-Industrie zu lesen. Sein gegenwärtiges, unabhängiges Spieleprojekt DEUCALION ist ein Krimi-Action-Adventure, das in der Weimarer Republik einer alternativen Realität angesiedelt ist.

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3 Gedanken zu “Der Protagonist als MacGuffin in der eigenen Geschichte

  1. Ich muss ehrlich anmerken, Frank Castle hätte niemals eine eigene Marvel-Reihe bekommen sollen. Er ist der optimale Special Guest bei Spidey oder anderen klasssichen Ikonen – aber als eigene, selbständige Figur hat er sein Potential längst aufgebraucht. Leider sehr öde.

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    • Naah, das ist so auch nicht so ganz richtig. Der Punisher ist eine schöne Plattform für Marvel, um Crime-Actionthriller zu erzählen, ohne dass man sich dafür immer einen eigenständigen Charakter aus dem Hut ziehen müsste – und wie es Vertigo macht, wenn es One-Shot-Geschichten aus dem Bereich Horror, Espionage oder Action veröffentlicht. Castle ist einfach der bleihaltige Typ aus den 80ern mit den zynischen One-Linern, ob’s jedem gefält, kann man nicht beantworten. Hast du mal in die neueren Geschichten von Garth Ennis reingeschaut ? „Welcome Back Frank“ ist ein klassischer, schnörkelloser Actionfilm im Comicformat. Sehr dynamisch und witzig ist auch „Punisher VS Bullseye“ von Jason Aaron.

      Ob es öde ist ?

      Jein. Punisher ist natürlich alles andere als intellektuelle Kost vom sozialkritischen Schlage eines Warren Ellis oder Alan Moore – aber mit diesem haben die meisten Comics auf dem Markt zu kämpfen ^^ einen UNterhaltungswert besitzen sie allemal, allein schon wegen der vielen Autoren, die im Laufe der letzten 10 Jahren am Punisher mitgewirkt haben. Hier haben die vielen Köche ausnahmsweise mal nicht den Brei verdorben, sondern ihn noch schmackhafter gemacht, weil Frank Castle keine besondere, kontinuierliche Charakterzeichnung braucht – siehe oben :o)

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