Top 10 Alfred Hitchcock Filme

Ich habe mich schon gelegentlich als Hitchcock-Fan geoutet. Wer Thriller schreiben will, sollte meiner Meinung nach einen Blick auf den einen oder anderen „Hitch“-Film werfen, um zu lernen. Hier meine Vorschläge für den nächsten DVD-Abend:

10. 39 Stufen

Richard Hannay lernt Annabelle Smith kennen, die verfolgt wird. Alles dreht sich um die geheimnisvollen „39 Stufen“. Richard gibt nicht viel auf die Geschichte, bis er in der Nacht Annabelles Leiche findet. In ihrer Hand hält sie eine Karte von Schottland, auf der ein Punkt markiert wurde. Richard muss dorthin, nicht nur, um das Geheimnis der „39 Stufen“ zu klären, sondern auch, um seine Unschuld zu beweisen – denn die Polizei hält ihn für den Mörder.

Ich finde, dass Hitchcock erst ab den 1940ern richtig gut wurde. Trotzdem lohnen sich wenigstens zu Studienzwecken auch einige seiner früheren Filme. Die „39 Stufen“ von 1935 ist einer der besseren. Ich liebe die schwebende, geheimnisvolle Atmosphäre, die den Zuschauer lange Zeit im Ungewissen lässt. Plot und Szenenaufbau sind nicht mehr zeitgemäß, die Atmosphäre des Films schon. Hier lohnt sich eine Analyse, wie Hitchcock sie erzeugt.

9. Marnie

Marnie Edgar ist eine Kleptomanin mit einem Kindheitstrauma. Wenn sie rot sieht (buchstäblich, nicht metaphorisch), bekommt sie Panikattacken. Mark Rutland, Marnies neuer Vorgesetzter, hat ihre Kleptomanie schnell erkannt. Allerdings hat er sich auch in Marnie verliebt. Deswegen liefert er sie nicht der Polizei aus, sondern zwingt sie, ihn zu heiraten. Wird es ihm gelingen, das Geheimnis aus Marnies Kindheit zu enthüllen, um sie zu heilen?

Wie die meisten Hitchcock-Filme ist „Marnie“ spannend, glänzend gefilmt und voller Geheimnisse. Insofern kann man den Film genießen. Die Küchen-Psychologie hinter der Handlung verhindert leider eine höhere Platzierung. Trotzdem ein Klassiker, der sich lohnt. „Marnie“ hat eine der spannendsten Szenen, die ich je in einem Film gesehen habe. Allein wegen dieser Szene lohnt es sich, den Film als Autor genauer zu betrachten. Wer errät, welche das ist, darf sie in den Kommentar schreiben.

8. Über den Dächern von Nizza

John Robie war einmal ein berüchtigter Juwelendieb. Heute ist er im Ruhestand. Ärgerlich nur, dass sich die Polizei wieder für ihn interessiert. Der Grund: Jemand kopiert seinen Stil von damals und räumt ordentlich ab. Natürlich glaubt niemand an Johns Unschuld, so dass er auf eigene Faust den Meisterdieb suchen muss, während ihm die Polizei im Nacken sitzt.

Ein echter Klassiker von 1955, der nur deswegen auf den unteren Plätzen ist, weil er kein reiner Thriller ist, sondern eher eine Thriller-Komödie. Das ist kein Manko, doch damit ist „Über den Dächern von Nizza“ ein eher ungewöhnlicher Hitchcock-Film. Humor spielt zwar bei ihm immer eine Rolle, doch steht er selten im Vordergrund (wie komisch der Film tatsächlich ist, kann man jedoch nur im Original genießen. Die Synchronfassung zerstört fast den gesamten Wortwitz).

Gleichzeitig macht dies den Film zu einem der Sehenswertesten für den heutigen Zuschauer. So locker ist kein zweiter Hitchcock-Film. Wer sich also inspirieren lassen möchte, gleichzeitig spannend und komisch zu schreiben, dem kann ich „Über den Dächern von Nizza“ nur ans Herz legen.

7. Rebecca

Kommen wir zum ersten, echten Thriller-Hit: „Rebecca“ von 1940 ist Hitchs erster amerikanischer Film: Eine schüchterne  Gesellschafterin lernt in Monte Carlo Maxim de Winter kennen, einen reichen und gut aussehenden Witwer. Es dauert nicht lange, bis die Gesellschafterin die neue Miss de Winter wird und mit ihrem neuen Gatten auf dessen berühmtes und berüchtigtes Anwesen Manderley nach Cornwall zieht.

Mit dem neuen Wohnsitz findet das junge Glück ein jähes Ende: Die Haushälterin, Mrs. Danvers, scheint noch unter einem mehr als befremdlichen Einfluss der verstorbenen Rebecca de Winter zu stehen und macht der neuen Mrs. de Winter das Leben zur Hölle. Die Lage spitzt sich zu, als Rebeccas Leiche gefunden wird und Maxim unter Mordverdacht gerät.

Tolle Lovestory, wendungsreicher Plot, geniale Figurenkonstellation, beunruhigende Atmosphäre, große Schauplätze, packende Emotionen – so werden Thriller gemacht. Hier kann man alles lernen.

6. Bei Anruf Mord

Margot Wendice hat eine Affäre. Die hätte sie lieber nicht haben sollen, denn nun will ihr Mann Tony sie lieber tot sehen, als länger mit ihr verheiratet zu sein. Doch Tony will sich nicht selbst die Hände schmutzig machen, sondern erpresst Charles, damit er den Mord für ihn begeht. Wie nicht anders zu erwarten ist, geht die Sache schief. Margot erweist sich als zäh und tötet Charles im Kampf. Tony muss improvisieren und richtet alles so her, dass seine Frau als Mörderin dasteht. Prompt wandert sie ins Gefängnis, doch ein Inspektor schöpft Verdacht und stellt Tony eine Falle, um Margots Unschuld zu beweisen.

Einer von drei Hitchcock-Filmen, die auf einem Drama beruhen. Wie auch bei den anderen beiden Beispielen (Platz 4 und 5), spielt deswegen „Bei Anruf Mord“ von 1954 fast ausschließlich in einem Raum, wodurch der Thriller an Raffinesse und Sogwirkung gewinnt. Aber „Bei Anruf Mord“ lohnt sich nicht nur, um zu lernen, wie man auf kleinem Raum Spannung erzeugen kann. Figurenzeichnung, Figurenkonstellation und Plot sind exzellent.

5. Das Fenster zum Hof

So langsam kommen wir in Bereiche, in denen ich mich kaum entscheiden kann, welcher Film nun der bessere ist. Die Plätze 5 bis 1 halte ich alle für beinahe gleichermaßen empfehlenswert (mit Ausnahme von Platz 1).

Jeff sitzt im Rollstuhl. Gipsbein. Aus Langeweile beobachtet der Fotojournalisten tagein tagaus seine Nachbarn. Bald schon ist er von seinem Fenster nicht mehr wegzukriegen, was vor allem an Mr. Thorwald liegt. Denn es sieht ganz danach aus, als habe dieser seine Frau getötet, zersägt und in kleinen Portionen aus der Wohnung geschafft. Dumm nur, dass das Jeff niemand glauben will und er selbst auch nichts unternehmen kann, so lange er im Rollstuhl sitzt.

Spannung auf aller engstem Raum. Ein Rollstuhl, ein Fenster – mehr braucht Hitch nicht. Bewundernswert. Wer glaubt, spannende Thriller benötigen Blut und Gewalt, wird hier eines Besseren belehrt. Wie kein zweites Beispiel hält „Das Fenster zum Hof“ Figuren im Schmelztiegel und erzeugt darüber die gesamte Spannung. Extrem lehrreich.

4. Cocktail für eine Leiche

Einer meiner absoluten Lieblingsthriller. Über ihn habe ich schon an anderer Stelle geschrieben.

3. Psycho

Wer Hitchcock sagt, meint meistens „Psycho“ von 1960. Der Mord unter der Dusche dürfte eine der bekanntesten Szenen der Filmgeschichte sein. Doch der Film hat noch viel mehr zu bieten.

Marion Crane klaut ihrem Arbeitgeber 40.000 Dollar. Ihre Flucht führt sie in das abgelegene Bates-Motel. Was sie nicht ahnt: Der Betreiber des Motels, Norman Bates, hat eine ganz besondere Beziehung zu seiner Mutter …

Vorsicht Spoiler (wirklich nicht lesen, wenn du „Psycho“ noch nicht kennst und ihn demnächst sehen willst, was du unbedingt tun solltest): „Psycho“ ist schon allein deswegen einer der sehenswertesten Hitchcock-Filme, da er in Reinform die Zutaten seines Erfolgsrezepts beinhaltet wie kein zweiter. Hitchs spezieller Weg, Spannung zu erzeugen, gipfelt hier sogar in der extrem überraschenden Wendung, dass Marion Crane als Heldin des Films am Wendepunkt der Handlung stirbt und durch ihre Schwester ersetzt wird. Nicht zum Nachmachen zu empfehlen, aber hier gelingt es mehr als hervorragend. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wer selbst Thriller schreibt, deren Schwerpunkt auf Plots mit überraschenden Wendungen liegt, muss einen analytischen Blick auf „Psycho“ werfen.

2. Der unsichtbare Dritte

Roger Thornhill ist nicht George Kaplan. Dummerweise glaubt ihm das keiner. Vor allem nicht die bewaffneten Männer, die ihm auf den Fersen sind. Er wird entführt und verhört, soll zur Kooperartion gezwungen werden – was Roger beim besten Willen nicht kann, denn er hat nicht die geringste Ahnung, worum es überhaupt geht. Zum Glück kann er fliehen, aber das seltsame Ereignis lässt ihn natürlich nicht los. Er beginnt Nachforschungen anzustellen, wer George Kaplan ist. Natürlich ist das nicht so einfach, zumal die Ereignisse sich zuspitzen, als Roger auch noch des Mordes verdächtigt wird.

In „Der unsichtbare Dritte“ von 1959 steht der Plot im Vordergrund und besitzt im Vergleich zu „Psycho“ eine extrem geradlinige Handlung. Sie spitzt sich von Szene zu Szene zu und ist raffiniert und geheimnisvoll. Super Anschauungsmaterial fürs Plotten.

1. Vertigo

Seit einem Unfall leidet der Ex-Cop Scottie unter Höhenangst. Sein alter Kumpel Gavin heuert ihn an, seine Frau Madeleine zu beschatten. Er mache sich Sorgen um sie, denn sie sei von ihrer Großmutter besessen, die sich im Alter von 26 Jahren umgebracht habe. Madeleine ist nun auch 26, imitiert ihre Großmutter und pilgert zu den Stationen ihres Lebens. Erst will Scottie von dem Fall nichts wissen, als er Madeleine jedoch begegnet, verliebt er sich sofort in sie. Von nun an beschattet er sie auf Schritt und Tritt.

Die beiden beginnen sogar eine Affäre, doch Madeleine ist von ihrem Todeswunsch nicht abzubringen. Schließlich gelingt es ihr, sich auf einem Ausflug mit Scottie von dem Glockenturm einer spanischen Mission zu stürzen, was Scottie wegen seiner Höhenangst nicht verhindern kann.

Scottie kann sich nur schwer von dem Verlust erholen und landet in einer psychiatrischen Klinik. Monate nach seiner Entlassung begegnet Scottie der Verkäuferin Judy, die Madeleine ziemlich ähnlich sieht. Nur Frisur und Haarfarbe, Kleidungsstil und Sprechweise sind anders.

Im Gegensatz zu Scottie erfährt der Zuschauer praktisch sofort, dass Judy tatsächlich auch Madeleine ist. Scottie ist auf eine Intrige hereingefallen. Judy hat sich von Anfang an als Madeleine ausgegeben. Die wahre Madeleine war längst tot, als sie vom Glockenturm gestoßen wurde, was Scottie nicht wissen kann, da er wegen seiner Höhenangst den Turm nicht erklimmen konnte.

Wie gesagt, Scottie ahnt von alledem noch nichts, will aber Judy gerne näher kennenlernen. Judy weiß, was auf dem Spiel steht. Allerdings hat sie sich auch in Scottie verliebt und hofft nun auf eine zweite Chance. Stückchenweise überredet Scottie Judy dazu, sich in Madeleine zurück zu verwandeln. Er ist verliebt, besessen und psychisch nicht ganz gesund, aber dumm ist er nicht. Er erkennt bald, dass Judy Madeleine ist und kann sich die Intrige mehr oder weniger zusammenreimen. Wie auch Judy, gibt er aber nicht zu erkennen, dass er mehr weiß. Schließlich fährt er mit ihr zur Mission und erklimmt, nun endlich von seiner Höhenangst geheilt, den Glockenturm, um Judy mit ihrer Tat zu konfrontieren. Er eröffnet ihr, dass er sie durchschaut hat und will schließlich nur noch wissen, warum ihm all dies angetan wird. Judy gesteht, beteuert, wie sehr sie ihn liebt, doch die Wendung zum Guten bleibt aus: Sie verunglückt und stürzt vom Turm.

„Vertigo“ gilt meiner Meinung nach zurecht als Hitchcocks Meisterwerk. Ähnlich wie in „Psycho“ wechselt Hitchcock auf dem Wendepunkt der Handlung das Thema, indem er dem Zuschauer alle Geheimnisse verrät. Von diesem Moment an geht es nicht mehr um das Geheimnis von Madeleines Besessenheit von ihrer Großmutter, sondern darum, dass Scottie so sehr von Madeleine besessen ist, dass er Judy in die vermeidlich Tote verwandeln will. Es gibt zwar noch ein Mysterium – nämlich die Frage, ab wann Scottie begreift, dass er Opfer einer Intrige ist und Judy tatsächlich Madeleine ist (bzw. umgekehrt), im Vordergrund steht jedoch der Nervenkitzel, den der Zuschauer dabei erlebt, während sich die perverse Beziehung zwischen Judy und Scottie entwickelt.

Doch nicht allein wegen seines wendungsreichen Plots und der hervorragenden Figurenentwicklung ist „Vertigo“ sehenswert. Der Film besitzt auch – gerade im ersten Drittel – eine wunderbare, geisterhafte Atmosphäre, die durch das Zusammenwirken von Erzählkunst, stimmungsvollen Bildern und einem der besten Soundtracks der Filmgeschichte erzeugt wird.

Für eine Weile bleibt der Zuschauer im Ungewissen, ob Madeleine nicht vielleicht doch ihre wiedergeborene Großmutter ist. Um so heftiger treffen einen die überraschenden Wendungen und damit auch die atmosphärischen Wechsel des Films. Im Prinzip macht man als Zuschauer Scotties psychische Verwirrung mit, wird hin und her gerissen – weiß aber trotzdem mehr als er, was jedoch die Spannung nicht zerstört, wie man meinen könnte, sondern sogar noch verdichtet. Unkonventionell und trotzdem gelungen, tiefgründig und spannend, mitreißend, aber nicht platt.

Und welcher Film von Hitch ist dein Favorit?

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19 Gedanken zu “Top 10 Alfred Hitchcock Filme

  1. Ich habe mir Vertigo angeschaut. Was mir aufgefallen ist, wie großartig der Film fotografiert ist, unglaublich elegante Bilder.
    Es ist auch spannend, wie der Film den Stil der Spannung wechselt, zuerst gibt es Rätselspannung (Was ist das Geheimnis der Frau?) und dann wechselt er zur Suspence. (Der Zuschauer weiß mehr und fragt sich: Wann findet der Held heraus, dass er auf einer Zeitbombe sitzt?)

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  2. ACHTUNG SPOILER!!!!!

    „Wer selbst Thriller schreibt, deren Schwerpunkt auf Plots mit überraschenden Wendungen liegt, muss einen analytischen Blick auf “Psycho” werfen.“

    Ja, aber Vorsicht ist geboten – das ist für Fortgeschrittene. Generell ist es nicht ratsam, die Hauptperson mitten im Plot umzubringen und dem Leser / Zuseher dann zu überlassen, ob er sich mit einer ermittelnden Nebenfigur oder dem irren Killer identifizieren will. Das Drehbuch von Robert Bloch ist gar nicht soooo gut (bei aller Verehrung für Bloch), es ist in diesem Falle wirklich Hitchcocks Regie, die das ganze rettet. Die einzige Ausnahme von der Regel, dass aus einem… hm… mittelmäßigen Drehbuch niemals ein guter Film wird, die ich kenne.

    Meine Lieblingshitchcocks: Vertigo, Cocktail für eine Leiche, Die Vögel und – natürlich – Psycho. 😉

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    • Ja, natürlich. Die Plotwendung ist natürlich nicht zur Nachahmung empfohlen. Da hast du vollkommen recht. Die Vögel finde ich eigentlich gut, nur das Ende gefällt mir nicht. Deswegen landete er nicht unter meinen Top 10.

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  3. ´

    Über kaum einen anderen Regisseur wurde wohl über die Jahre von Filmkritikern & Chronisten mehr geschrieben, analysiert und spekuliert. Und eben weil der gute Mann (ähnlich wie z.B. Akira Kurosawa oder Fritz Lang) sooo viele sehenswerte Werke hinterlassen hat, ist es nicht ganz einfach, sich da festzulegen. Meine persönlichen Favoriten wechselten bisher auch immer mal nach der ein oder anderen Retrospektive.

    In den 80er und frühen 90er Jahren waren ‚North by Northwest‘, ‚Notorious‘, ’39 Steps‘ & ‚Psycho‘ meine Lieblinge. Danach gefielen mir plötzlich ‚Vertigo‘ , ‚Strangers on a Train‘ & ‚Family Plot‘ am besten.

    Mittlerweile stehen ‚The Wrong Man‘, ‚Frenzy‘ & ‚Shadow of a Doubt‘ ganz oben in meiner Gunst.

    ‚The Wrong Man‘ war übrigens auch einer der Lieblingsfilme von Francois Truffaut – und wird nicht von ungefähr noch von einigen anderen renommierten Kritikern als Hitchcocks am meisten unterschätzter Streifen eingestuft, siehe:

    http://www.combustiblecelluloid.com/classic/wrongman.shtml

    http://homepages.sover.net/~ozus/wrongman.htm

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    • The Wrong Man kenne ich nur vom Titel. Tatsächlich gehört er zu den wenigen Hitchcock-Filmen, die ich noch nicht gesehen habe. Werde ich aber bald nachholen. Vielen Dank für den Tipp.

      Sei nicht böse, aber den Link zum Trailer musste ich aus deinem Kommentar entfernen, da ich nicht sicher sein kann, dass damit keine Urheberrechte verletzt werden.

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  4. ´

    Hab‘ mir ‚Shadow of a Doubt‘ gestern Abend nach Jahren mal wieder angeschaut. Immer wieder sehenswert, aber mittlerweile doch ’n bissl angestaubt. (Gleiches gilt für ‚Notorious‘.) Sehr detailreich und liebevoll auf jeden Fall die Zeichnung der idyllischen Kleinstadtfamilie – Vater, Mutter, Kinder & Nachbarn.

    Natürlich musste man damals besondere Rücksicht auf die Zwänge der Zensur nehmen. In völliger künstlerischer Freiheit hätte ich mir gewünscht, dass Hitch hier ein brisantes Inzestmotiv ungeniert ausspielt: Der attraktive Onkel weiht seine junge Nichte, die sich ja zumindest am Anfang schwer zu ihm hingezogen fühlt, früh in seine dunklen Geschäfte ein; er verspricht einen Schlussstrich unter seine kriminelle Vergangenheit (bzw. gibt dies zumindest vor) und verführt die junge Charlie im Schlafgemach nach allen Regeln der Kunst.

    Als sie ihm nach regelmäßigen Beischlafzuwendungen immer höriger wird, taucht plötzlich der Polizist als bedrohlicher Gegenspieler auf und flirtet ebenfalls heftig mit dem Mädchen. Sie gibt nach und entwickelt sich vom einst keuschen & strebsamen Schulmädchen nun immer mehr zum nymphomanen Biest, das sich zwei reifere Liebhaber gleichzeitig leistet. Was nicht nur zu allerlei Verwicklungen, sondern schließlich auch zu einem tödlichen Showdown zwischen dem Cob und dem Erbonkel führt. Diese Story hätte womöglich eher das Potenzial zu einem waschechten Noir-Klassiker besessen….

    Auch die Filmmusik von ‚Shadow of a Doubt‘ kommt für meinen Geschmack an einigen Stellen etwas altbacken und übertrieben melodramatisch rüber. Der Soundtrack des 13 Jahre später entstandenen ‚The Wrong Man‘ ist im Vergleich dazu stimmiger und absolut zeitlos, besser könnte man das auch heute nicht neu komponieren.

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  5. ´

    Auch ein Wiedersehen von ‚Strangers on a Train‘ (1951) lohnt meiner Meinung nach.

    Möglichst in der vor ein paar Jahren im Archiv entdeckten und erstmals veröffentlichten sog. Extended Preview-Fassung. Drei MInuten länger als das US-Original, und rund zehn Minuten mehr als in der doch arg beschnittenen deutschen Fassung.

    Mittlerweile für circa acht Euronen auf einer Doppel DVD erhältlich, welche alle drei Schnittfassungen zum Vergleich enthält:

    http://moviemet.com/review/strangers-train-dvd-review#.UaIav9iYXc

    Rangiert nicht ganz vorne unter meinen Top Five, aber doch in meiner persönlichen Top 12 Liste. Manche Kritiker zählen ihn zu Hitchcocks Schlüsselwerken, weil er so ziemlich alle häufig wiederkehrenden Motive im Schaffen dieses Regisseurs enthält, gute Haupt-und Nebendarsteller sowie vor allem eine sehr stimmungsvolle, kontrastreiche Schwarz-Weiß Fotografie bietet (von Kameramann Robert Burks, später u.a. auch bei ‚Vertigo‘ im Einsatz).

    Zwar ist das Finale auf dem Kirmes Karussell recht rasant und dramatisch. Doch die stärksten Momente des Films sind für mich – neben dem Mord am Seeufer – jene Szenen, in denen Bruno ungefragt in die Empfänge des Senators und anderer Honoratioren reinplatzt und die Gesellschaft dort abwechselnd amüsiert, verwirrt oder verstört. Unnachahmlich, wie zwei ältere Damen, angestachelt von Bruno, plötzlich über den perfekten Mord referieren (wie einst der Familienvater mit seinem jungen Nachbarn in ‚Shadow of a Doubt‘), bevor die Partystimmung unversehends umschlägt und prompt in eine fast fatale Würgeeinlage mündet. Auch die Begegnungen zwischen Bruno und seiner neurotischen Mutter triefen teils vor sarkastisch-bitterem Humor; ebenso einige Auftritte von Hitchcock Tochter Patricia in der Rolle der Barbara Morton.

    Alles in allem steht ‚Strangers on a Train‘ deshalb für mich nahe an einer pechschwarzen Komödie, etwa in der Nachbarschaft von Alexander Mackendricks ‚Ladykillers‘ (England 1955).

    Hier noch zwei int. Kritikerstimmen….

    http://www.mountainx.com/movies/review/strangers_on_a_train#.UaNP1diYXct

    http://www.guardian.co.uk/film/filmblog/2012/aug/02/my-favourite-hitchock-strangers-train

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  6. ´

    Auch das Bonus-Material auf der empfohlenen Doppel-DVD ist sehenswert:

    Regisseure & Filmkritiker kommentieren einzelne Szenen unter technischen wie auch unter dramaturgischen Gesichtspunkten und ziehen Vergleiche zu anderen Werken Hitchcocks.

    Hauptdarsteller Farley Granger berichtet in einem Interview aus dem Jahre 2004 über die Dreharbeiten; zudem kommen der Sohn vom früh verstorbenen Robert Walker (im Film Bösewicht Bruno) sowie Hitchcocks Tochter Pat plus Enkelkinder zu Wort.

    Seltene Aufnahmen aus dem Privatarchiv zeigen die Familie Hitchcock kurz nach ihrer Übersiedlung in die USA in den frühen 40er Jahren privat beim Rumtollen im Garten, Grillen etc.

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  7. Hier der LInk zu einer Seite mit zahlreichen Aufnahmen von Originalschauplätzen in und um San Francisco, an denen Hitch damals gedreht hat. Insbesondere für Liebhaber von ‚Vertigo‘ interessant:

    http://www.footstepsinthefog.com/

    Apropos ‚Vertigo‘:

    Mittlerweile gibt’s drei deutsche Tonfassungen: eine aus den späten 50ern, eine aus dem Jahre 1983 sowie eine nach der Jahrtausendwende erstellte. Zwar ist ‚Vertigo‘ vor allem ein Fest der poetischen Bilder – dennoch sollte man das US-Original unbedingt einer alemannischen Knödl-Synchro vorziehen….

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  8. ´

    Noch ein paar renommierte Kritikerstimmen zu ‚The Wrong Man‘:

    >>In den besten Hitchcock-Filmen ist die Bedrohung so intensiv beschworen, dass das Happy-End als Beschwichtigungsmanöver durchschaubar wird; kaum ein anderer Film irgendeines Regisseurs hat so eindringlich die Not des Individuums beschrieben, das in den Mechanismus des modernen Polizeistaates gerät, wie ‚The Wrong Man’….<>Hitchcock zeigt uns einen Film über die Funktion des Angeklagten, über die Rolle des Angeklagten, über den angeklagten Menschen, über die Fragwürdigkeit menschlicher Zeugenaussagen und der Justiz; nur dem äußeren nach ist es ein Dokumentarfilm…. Auf jeden Fall ist es wahrscheinlich sein bislang bester Film, weil er am weitesten in die Richtung vorstößt, die Hitchcock seit langem schon eingeschlagen hat….<<

    Francois Truffaut, 1957 ('Die Filme meines Lebens', S.94)

    Neben 'The Wrong Man' zählt auch 'I Confess' zu den in meinen Augen zuweilen unterschätzten Hitchcock-Titeln.

    Während Kameramann Robert Burks in 'The Wrong Man' die Straßen New Yorks und in 'Vertigo' San Francisco höcht stilvoll eingefangen hat, besticht 'I Confess' durch ungeheuer atmosphärische Bilder von Quebec.

    Manche Originalschauplätze in dieser alten kanadischen Stadt haben sich bis heute wenig verändert.

    Unten der Link zu einer liebevoll gestalteten Seite, die vielen Filmfotos jeweils eine neuere Aufnahme vom gleichen Ort aus dem Jahr 2002 gegenüberstellt:

    http://www.hitchcockwiki.com/wiki/Location_trip_to_Quebec,_Summer_2002

    ´

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  9. Im vorherigen Kommentar hab ich versehentlich eine Quellenangabe unterschlagen:

    Der erste Teil des Zitates oben ist dem Standardwerk ‚Geschichte des Modernen Films‘ der deutschen Filmhistoriker Ulrich Gregor & Enno Patalas entnommen (Seite 96).

    Der zweite Teil stammt wie gehabt aus der Feder des bekannten französischen Autors, Filmkritikers & Regisseurs Francois Truffaut….

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  10. Leider bleiben frühe Werke, wie „The Pleasure Garden“ oder der „Bergadler“ ohne Erwähnung. Zu unrecht, denn bei den ersten Schritten zeigt sich bereits manches.

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