Warum Adverbien böse sind

In nahezu jedem Schreibratgeber kommt früher oder später der Rat, Adverbien (so der Plural von Adverb, manche haben diese Dinger als Umstandswörter kennengelernt) im Roman zu meiden. Stephen King betont dies in seinem Buch „Über das Leben und das Schreiben“. Sein Sohn, der unter dem Namen Joe Hill erfolgreich schreibt, erzählt Anekdoten darüber, wie Daddy in seinen Manuskripte energisch mit dem Rotstift gegen Adverbien vorgeht. Aber wieso sind ausgerechnet Adverbien so verpönt?

Was genau sind eigentlich Adverbien?

Richtig. Bevor wir aneinander vorbeireden, klären wir noch schnell, worum es hier eigentlich geht: Adverbien modifizieren andere Wörter, wie Verben, Adjektive oder andere Adverbien. Genauer: Adverbien bestimmen einen Umstand, sagen also wie, wann oder wo etwas ist oder geschieht. In diesem kurzen Absatz habe ich gleich zwei waschechte Adverbien benutzt: „aneinander“ und „eigentlich“.

Und was ist nun so schlimm an Adverbien?

Bei „aneinander“ und „eigentlich“ wird der qualitative Unterschied bereits deutlich: „Bevor wir aneinander vorbeireden …“. Hier kann ich das Adverb eher nicht weglassen. „Bevor wir vorbeireden …“ ergibt kaum einen Sinn. Ich muss vorbeireden noch genauer bestimmen, da sich der Leser sonst fragt, wer hier eigentlich genau vorbeiredet. Das ist jedoch eher eine löbliche Ausnahme. „…, worum es hier eigentlich geht.“ zeigt ganz gut, dass Adverbien häufig Füllwörter sind. Denn der Nebensatz ergibt auch ohne „eigentlich“ einen Sinn, ist lesbarer und kürzer.

Die Qual der Wahl: Schönheit oder Tempo?

Adverbien schmücken einen Text. Ich erreiche mit gut gewählten Adverbien nicht nur, dass der Leser sich etwas genauer vorstellen kann, sondern kann unter Umständen auch ironische Kommentare in ihnen verstecken, eine Figur genauer charakterisieren usw. Das sind eigentlich gute Sachen – wenn ich auch wirklich die passenden Adverbien finde und es mit ihnen nicht übertreibe.

Wenn ich als Autor spannend schreiben will, will ich in der Regel beim Leser ein hohes Lesetempo erreichen. Ich möchte den Leser dazu verführen, schnell durch mein Buch zu blättern, die Seiten zu verschlingen. Anschauliche Informationen laden zum Verweilen auf der Seite ein. Sie signalisieren dem Leser: Hey, schau her, ich beschreibe jetzt ein tolles Schloss. In all seinen Einzelheiten. Bleib hier also mal einen Moment sitzen und stelle es dir ganz genau vor.

Das ist in Ordnung, wenn dieses Schloss auch eine Bedeutung hat. Zum Beispiel könnte es sein, dass in meinem Mystery-Thriller Hinweise auf die Lösung des Rätsels in der Beschreibung des Schlosses versteckt sind. Ist dies nicht der Fall, halte ich den Leser nur davon ab, meinen Roman als Pageturner zu genießen. Dann schreibe ich eher Lyrik, also was für Genießer, die gerne in ausführlichen Beschreibungen und Sinneseindrücken schwelgen.

Selbst, wenn ich gerne besonders anschaulich und schön schreiben möchte, lohnt es sich, jedes einzelne Adverb zu prüfen: Brauche ich es wirklich? Kann ich es durch andere, bessere Wörter (anschaulichere Substantive und Verben) ersetzen, die den gleichen oder sogar einen besseren Effekt erzielen?

Adverbien tilgen für Fortgeschrittene

Häufig kann ich Adverbien durch aussagekräftige Verben ersetzen. Mein Lieblingsbeispiel: „Das Auto fuhr schnell um die Ecke.“ (Okay, „schnell“ ist eigentlich ein Adjektiv, wird hier aber adverbial benutzt, also wie ein Adverb. Für unsere Zwecke ist es in diesem Beispiel also ein Adverb. Verwirrend? Hey, ich hab das nicht erfunden.)

In dem Satz kann ich das Adverb einfach streichen, wenn ich zum Beispiel das Verb „rasen“ einsetze: „Das Auto raste um die Ecke.“ Die Aussage bleibt mehr oder weniger die gleiche, aber der Text wird kürzer und, wie ich finde, auch noch anschaulicher. In solchen Fällen greife ich zum Rotstift, streiche das Adverb und ersetze es durch ein anschauliches Verb.

Eine weitere Gefahr ist die der Redundanz. Mit anderen Worten, ich übertreibe die Anschaulichkeit. Eigentlich liegt es auf der Hand: „Das Auto raste schnell um die Ecke.“ wäre das Schlimmste, was ich aus diesem Satz machen könnte, denn rasen bedeutet ja bereits, dass das Auto sich mit großer Geschwindigkeit bewegt.

Okay. Das Zweitschlimmste. „Das Auto raste gemächlich um die Ecke.“ wäre das Schlimmste. Ich denke, es ist offensichtlich, wieso. Das Beispiel klingt vielleicht lächerlich. Trotzdem passieren mir in meinen ersten oder zweiten Entwürfen ähnliche Fehler nur allzu häufig und ich muss in den Überarbeitungsphasen wie ein Schießhund aufpassen, so was nicht stehen zu lassen. Nicht immer sind diese Fehler so plakativ wie in dem Beispiel. Adverbien sind einfach tückisch.

Praktische Umsetzung

Es hilft nichts, ich muss meine Texte ganz genau lesen, Satz für Satz, Wort für Wort, um überflüssige Adverbien zu erkennen und zu tilgen. Ich mache es wie mit anderen Füllwörter auch. Ich mache mir eine Liste mit den häufigsten Adverbien, die ich gerne benutze. Dann gehe ich das Manuskript mit der „Suchen und Ersetzen“-Funktion durch, um diese Biester aufzuspüren. Stoße ich auf eins, wird es ohne zu zögern gelöscht.

Wenn ich dann ein weiteres Mal den Text lese, wird mir schon auffallen, ob etwas fehlt oder nicht. In fast allen Fällen stelle ich im Nachhinein fest, dass der Text ohne Adverbien besser dran ist. Zur Not lese ich meine Texte laut. Wenn ich über meine eigenen Formulierungen stolpere, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass sie geändert werden müssen.

Das reicht natürlich nicht aus. Ein aufmerksamer und geschulter Testleser ist durch nichts zu ersetzen.

Und wie gehst du mit Adverbien um?

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29 Antworten auf “Warum Adverbien böse sind”

  1. Ich habe früher auch mit einer selbst erstellten Liste und einem kleinen Makro jagt auf diese Biester gemacht. Inzwischen nutze ich für die Überarbeitung „Papyrus Autor“. Die Stilanalyse in dem Programm ist einfach nur klasse. Ob Füllwörter oder Wortwiederholungen, zu lange Sätze, das Programm zeigt auf Wunsch quasi alles störende an. Das Programm kostet einiges, aber lohnt sich definitiv für jeden der viel schreibt.

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    1. Hey, Sascha! Ja, Papyrus Autor ist mir ein Begriff. Axel benutzt das Programm auch gerne. Mir ist es bisher für das, was es tut, einfach zu teuer. Aber vielleicht ringe ich mich irgendwann einmal dazu durch. Ich danke dir, dass du meinen Artikel um diesen Tipp ergänzt hast.

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  2. Lieber Marcus,

    danke für diesen Artikel! Gebe dir Recht und gehe sogar noch einen Schritt weiter: Klare Sprache ist ein Muss, und die erreicht man nur, wenn man Adverbien und Adjektive auf ein Minimum reduziert. Gerade in der szenischen Beschreibung wichtig.

    Ich nehm mir dir Freiheit, auf einen meiner Artikel zu verlinken:
    http://www.lapideus.at/pfeif-aufs-adjektiv-vergiss-das-adverb/

    Liebe Grüße,
    Lapideus

    ps: Meine Meinung zu einem Kommentar auf dieser Seite: Stil kann keine Sache sein, die man von einem Tool überprüfen lässt.

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    1. Danke für das Lob und den Link auf deinen Artikel.

      Was deine Vorbehalte gegen Papyrus Autor angeht: Ich denke, die beruhen auf einem Missverständnis. Die Rechtschreibprüfung überlasse ich ja auch nicht allein der Textverarbeitung. Trotzdem ist sie eine gute Hilfe.

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  3. Also Adverbien und Adjektive verlangsamen das Tempo, wenn man es also drosseln will, sollte man sie, wenn auch die richtigen verwenden. Wenn nicht, sollte man sie streichen.
    (Rasen wäre immer einem „fuhr schnell“ vorzuziehen. Langsam rasen könnte man in einem humorvollen Buch verwenden, wenn man erklärt, was damit gemeint. Egon war Fan des langsamen Rasens, darunter verstand er, dass man nie schneller fuhr als 130 Stundenkilometer. )

    Ich weiß nicht. Aber will man als Leser immer so schnell durch den Text gehetzt werden? Oder ist nicht gezielte Geschwindigkeitsveränderung noch besser?

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  4. Klar, Füllwörter müssen raus, wenn sie keinen Sinn ergeben.

    Diejenigen, die auf solche Holzhacker-Regeln stehen, sollten sich klarmachen, daß es weitere Kriterien gibt, die den Einsatz bestimmter Stilmittel rechtfertigen. Wir schreiben ja nicht alle hochgradig effektiven, stromlinienförmigen Werbetext.

    Je nach Erzählperspektive, kulturellem Hintergrund, zeitlicher Zuordnung und Sprachrhythmus können Füllwörter sehr sinnvoll sein. Die simple Prüfung, ob der Satz auch ohne das Füllwort funktioniert, reicht da nicht aus.

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      1. Die Perspektive kann Adverbien (wenigstens teilweise) rechtfertigen, schätze ich. Wenn zum Beispiel ein Kind erzählt, wird da öfter ‚total‘ und ‚ziemlich‘ in Gebrauch treten, oder?

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  5. Klasse Artikel, Marcus! Und noch ein Gedanke: Adverbien und Adjektive verhindern das Kopfkino des Lesers, insbesondre dann, wenn der Autor seine Figuren nicht handeln lässt, sondern beschreibt. Beim Beschreiben sind Adverbien und Adjektive allzu schnell am Start und dann hast du den Salat …

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  6. Ich habe Steven Kings „About Writing“ (auch) gelesen, genau wie jede Menge andere Schreibratgeber, was man tun soll und was nicht. Das hat mich (sehr) verunsichert. (Wirklich. Zu sagen, dass es mich (nur) verunsichert hätte, ohne sehr, wäre nämliche eine Untertreibung.) Das ist dann so weit gegangen, dass ich wie eine Wahnsinnige Adverbien gestrichen habe. Der Text hat dadurch nicht gewonnen und ich war am Ende meiner Nerven.
    Ich denke, es geht nicht einfach nur um Adverben. Es geht um Redundanz im Allgemeinen. Es geht darum, zu überlegen: Was braucht der Text? Braucht er dieses Kapitel? Diese Szene? Diesen Absatz? Diesen Satz? Und wie in vielem ist es auch hierbei so: Ein Text kommt meist mit weniger aus, als notwendig.

    Ein Freund hat mir da (sehr!) geholfen. (Hahaha diese Adverbien 🙂 ) Er sagte: Deine Kurzgeschichten sind Wahnsinn. Einfach, prägnant, weil du gewusst hast, du hast nicht viel Platz. Du musst nicht alles erklären – der Leser kann sich das schon selbst zusammenreimen.
    Seitdem ich daran denke, geht das Schreiben viel leichter von der Hand und ich muss nicht bei jedem Adverb das Gefühl haben, etwas falsch zu machen.

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    1. Hallo, Katharina! Vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht. Ich denke, was du durchmachst, ist vollkommen normal. Immer, wenn ich gezwungen werde, meine Schreibgewohnheiten zu überdenken und etwas Neues auszuprobieren, reagiere ich auch erst einmal panisch und versuche das Gelernte 10000-%ig umzusetzen. Im Fachjargon nennt man so was Hyperkorrektur. Natürlich sind nicht alle Adjektive und Adverbien böse. Es gilt nur darauf zu achten, sie nicht zu häufig zu verwenden und – wie du richtig sagst – Redundanzen zu vermeiden.

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    2. Sogar Redundanzen können, wie alle bewussten Regelbrüche, Stilmittel sein.
      Zu viele Ratgeber zu lesen kann dann gefährlich werden, wenn man vergisst, sie wieder zu „vergessen“. Ratgeber sollen die Achtsamkeit erhöhen.
      Sie können nicht konkrete Anleitungen für kreative Arbeit geben.
      Sie sollen beim Üben helfen. Da und nur da ist es sinnvoll, genau nach Anleitung vorzugehen.

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  7. Hey, ich bedanke mich innerlichst für diesen wunderbaren kleinen Artikel. Ich versuche aktuell, mir das Adverbieren abzugewöhnen, da kann so eine Begründung mehr sehr hilfreich sein. 🙂 Der Beitrag ist dir sehr gelungen, gut erklärt und vor allem auf Augenhöhe. Dankeschön! ^^

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