Wirklich spannend schreiben

So wichtig es auch ist, sich Gedanken über Figuren und deren Eigenschaften zu machen, Plots zu planen, Try-Fail-Cycles in die Story zu integrieren, den Sog der Gefühle von den Figuren auf den Leser zu übertragen und den Protagonisten im Schmelztigel der Ereignisse zu halten – all dies führt zu keinem wirklich spannenden Roman, wenn ich darüber die allerwichtigste Zutat für einen echten Pageturner vergesse: den Konflikt. Sagte ich gerade den Konflikt? Ich meinte natürlich Konflikte, viele, viele Konflikte.

Konflikte sind das Herzstück einer spannenden Geschichte. Treffen zwei Interessen, ein Wunsch und ein Hindernis, aufeinander, kommt es automatisch zu Spannungen – und damit zu einer spannenden Geschichte für den Leser. Je entgegengesetzter die Zielsetzungen, je stärker der Wunsch, je größer das Hindernis, desto stärker ist die Wirkung des Konflikts.

1. Äußere Konflikte

Trifft ein Wunsch auf einen Widerstand, entsteht noch lange kein packender Konflikt. Sagen wir, der Held meines Romans, nennen wir ihn Ricky, ist ein Schwächling, der größte Schwächling aller Zeiten. Trotzdem hat er es sich in den Kopf gesetzt, Boxer zu werden. Eigentlich eine gute Ausgangslage für einen äußeren Konflikt. Der Wunsch meines Helden, Boxer zu werden trifft auf den Widerstand, dass alle anderen stärker sind als er.

Der Leser reibt sich in der Erwartung einer spannend Story die Hände, will nun mit Ricky mitzittern, während er ihn auf seinem Weg zum Boxweltmeister begleitet, doch im ersten Kapitel steigt Ricky in den Ring, bekommt mordsmäßig eine verpasst, geht auf die Bretter und landet im Krankenhaus. Ende.

Was fehlt? Das Gleichgewicht der Kräfte. Ein äußerer Konflikt kann nur spannend werden, wenn Wunsch und Widerstand auch mit gleicher Power unterfüttert sind. Der Held, der den Wunsch hegt, muss also auch auf irgendeine Weise die Kompetenz besitzen, seinen Wunsch in die Tat umzusetzen.

Manchmal scheint bei einem äußeren Konflikt eine Seite überlegen zu sein. Beispielsweise in James Camerons „Terminator“. Der T-800 ist nahezu allmächtig: übermenschlich stark, spürt keine Schmerzen, unendlich ausdauernd, Kugeln bewirken bei ihm höchstens ein paar Kratzer usw. Sarah Connor hingegen ist eine zarte, junge Frau und wirkt im Gegensatz zur Tötungsmaschine extrem zerbrechlich.

Der Trick: Sarah Connor besitzt einen außergewöhnlich starken Überlebenswillen. Wo andere sich längst ihrem Schicksal ergeben und ihrem Leiden ein Ende bereiten würden, indem sie aufgeben, kämpft sie noch verbissen weiter.

2. Innere Konflikte

Besteht der Widerstand für den Wunsch des Protagonisten nicht in Form einer Kampfmaschine aus der Zukunft oder eines Schwergewichtboxers, sondern aus entgegengesetzten Motiven, Gefühlen, Verpflichtungen usw., entsteht ein innerer Konflikt.

Ricky wurde in der ersten Runde im Ring auf die Bretter geschickt. Im Krankenhaus raten ihm die Ärzte dazu, seinen Karrierewunsch an den Nagel zu hängen, wenn er weiterleben will. Er hat eine böse Kopfverletzung erlitten. Eine weitere Runde im Ring wird ihn mit Sicherheit das Leben kosten. Doch Rickys kleine Tochter ist schwer krank. Er hat kein Geld, um die Kosten für die Medikamente zu zahlen. Einzig das Preisgeld kann seinem Kind das Leben retten. Was soll er tun? Sein Leben gegen das seines Kindes?

Angst vs. Liebe. Ein wunderbarer, klassischer innerer Konflikt.

3. Konflikte durch Dilemmata

Besonders starke und für den Leser interessante Konflikte entstehen durch Dilemmata. Ein Dilemma ist ein Konflikt, dessen mögliche Lösungen im Prinzip alle gleich schlecht sind. Der gute Ricky hat so ein Dilemma, denn entweder stirbt sein Kind oder er. Natürlich ist das keine besonders gute Dilemma-Situation, denn jeder erwartet natürlich, dass Ricky gegen jede Wahrscheinlichkeit und Vernunft in den Ring steigt. Ein tolles Dilemma hat keine so einfach Lösung. Es ist gar nicht so leicht, ein echtes, packendes Dilemma zu finden. Aber es lohnt sich, danach zu suchen.

4. Haupt- und Nebenkonflikte

Jede echte Story besitzt einen Hauptkonflikt oder auch zentralen Konflikt. Das ist im Prinzip der Kern der Handlung, worum es in der Geschichte eigentlich geht, der Wunsch, der sich am Ende der Geschichte für die Hauptfigur erfüllt, indem sie den größten, letzten Widerstand endgültig überwindet.

Das heißt aber noch lange nicht, dass dies der einzige Konflikt sein muss, um den es in der Geschichte geht.

Ricky braucht beispielsweise dringend einen Trainer, der ihm hilft, im Ring zu bestehen. Der alte, bärbeißige Buck soll weit und breit der beste sein. Aber natürlich ist Buck davon überzeugt, dass Ricky keine Chance hat. Deswegen würdigt er ihn keines Blickes. Wer gibt sich schon gerne mit einem Looser ab? Außerdem hat Buck gerade eigene Probleme, die ihn zum Alkoholiker werden ließen.

Ricky muss sich beweisen und Buck von der Flasche wegbekommen, bevor er ihn als Trainer gewinnen kann.

Und wenn Buck trocken und willens ist, Ricky zu helfen? Ist doch klar, dann droht Rickys Frau damit, ihn zu verlassen, wenn er seinen Plan in die Tat umsetzen will, denn schließlich ist das ja glatter Selbstmord und sie will nicht mit ansehen, wie ihr Mann sich selbst hinrichtet.

In jeder Szene darf die Perspektivfigur nicht einfach so bekommen, was sie will. Stets muss etwas auf dem Spiel stehen, immer wieder muss es Wunsch und Widerstand geben, auch bei den kleinen Dingen im Leben.

5. Warum Konflikte so schwer zu schreiben sind

Okay, Konflikte sind gut. Am besten also, ich habe gleichzeitig äußere und innere Konflikte und gestalte diese auch noch so, dass sich die Figuren in einem Dilemma befinden. Eigentlich ganz leicht, sollte man meinen. Trotzdem tue ich mich mit Konflikte immer wieder schwer.

Warum?

Zunächst einmal bin ich ein harmoniebedürftiger Mensch, so wie die meisten von uns. Da habe ich mir so viel Mühe mit einer tollen Hauptfigur gegeben, nun will ich auch, dass es ihr gut geht. Wenn ich nicht aufpasse und mir die Notwendigkeit für Konflikte vor Augen führe, lasse ich meine Hauptfigur nicht durch die Hölle gehen, sondern hege und pflege sie wie ein Tamagotchi.

Immer wieder merke ich in Überarbeitungen, dass ich Konfliktpotenziale im ersten Entwurf bei weitem nicht ausschöpfe. Es gibt eine Art innerer Sperre, die mich daran hindert, meine Figuren so richtig ins Elend zu stürzen und mit unlösbaren Dilemmata zu konfrontieren. So blöd das vielleicht klingen mag, aber das ist emotional auch eine anstrengende Sache. Doch wer seine Leser unterhalten möchte, muss da durch.

Hinzu kommt, dass es – wie immer im Leben – auch bei Konflikten darum geht, das richtige Maß zu treffen. Einerseits muss eine Romanfigur mehr und viel stärkere Konflikte durchmachen als wir sie im Alltag erleben. Andererseits besteht hier die Gefahr, es zu übertreiben, so dass der Leser abstumpft.

Wie schaffst du es, in deinen Texten Konflikte gekonnt auf die Spitze zu treiben?

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14 Antworten auf “Wirklich spannend schreiben”

  1. Ein sehr interessanter und wahrer Artikel! 🙂 Und deckt sich mit meiner eigenen Erfahrung. Je länger ich mit einer Figur zu tun habe, desto schwerer fällt es mir, sie in eine unangenehme Lage zu bringen. Sehr hinderlich beim Plotten. Dann ist mir aufgefallen, wie gerne und flüssig ich Figuren in Kurzgeschichten in übelste Situationen stecke, ganz ohne schlechtes Gewissen oder ethische Bedenken. Hat etwas gedauert, aber inzwischen schreibe ich ganz viele mögliche Szenen einfach als Kurzgeschichten, und was koheränzmäßig zusammenpasst, wird zugeschnitten, zusammengeführt und bekommt einen übergeordneten Spannnungsbogen. Das Ergebnis ist definitiv spannender als in der üblichen Planung, manche interessante Wendung kriege ich nur so hin und mindestens 8 bewahrungswürdige Nebencharaktere sind auch mit dieser Technik entstanden. Allerdings verliere ich mich leichter in unrelevanten Nebenhandlungen. … Naja. Hab ja momentan eine Auszeit ohne Vertragsbindung und bestimme mein Tempo selbst. 🙂

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  2. Willi ist Ricky? *grins* manchmal geht einem auch die Fantasie durch. Nein im Ernst Marcus ein ganz toller Blogpost. Ich glaube jetzt verstehe ich, warum ich zwei Konflikte in meinem Charakterblatt immer beschreibe und was der Unterschied ist. Hast eine wirklich tolle Art die Dinge zu erklären 🙂
    Lieber Gruß und schönes Wochenende Kerstin

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