Polit-Thriller für Feinschmecker: Borgen – Gefährliche Seilschaften (Rezension)

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dänische TV-Serien für mich zu entdecken. Mal ehrlich: Ich denke an viele gute Dinge, wenn ich an Dänemark denke, aber nicht unbedingt an Qualitätsfernsehen. Umso mehr hat mich die dänische Fernsehserie „Borgen“ umgehauen.

Der deutsche Titel „Gefährliche Seilschaften“ sollte schnell vergessen werden. Ich gebe ihn hier nur an, weil man mit ihm die Serie leichter googlen kann. Aber mit Seilschaften hat die Serie eigentlich wenig zu tun, schon gar nicht mit gefährlichen. Der Titel suggeriert einen reißerischen Inhalt, den die Serie nicht besitzt. Hat sie auch nicht nötig. „Borgen“ lebt von einem subtilen Thrill, der dafür umso ergreifender ist.

Worum geht es? Im Prinzip um dänische Politik. Vor allem um die Dinge, die hinter den Kulissen stattfinden. Den Machern der Serie ist es hervorragend gelungen, einerseits dänisches Lokalkolorit einzufangen, andererseits aber eine Perspektive für die Handlung zu finden, die sie für jeden an Politik oder am menschlichen Drama interessierten Zuschauer spannend macht.

Im Zentrum der Serie steht Brigitte Nyborg, der es entgegen aller Erwartungen gelingt, Ministerpräsidentin Dänemarks zu werden. Nyborg ist eine Spitzenpolitikerin, wie jeder sie sich wünscht: aufrichtig, ehrlich, direkt und alles andere als skrupellos. Eben keine rücksichtslose Machtpolitikerin.

Dabei hebt sich ihre Figur erfrischend von den idealisierten Präsidentengestalten ab, die amerikanische Serien und Filme an dieser Stelle häufig präsentieren. Nyborg ist keine Übermutter, sondern eine Frau wie du und ich, Familienmutter und Ehefrau mit ganz alltäglichen Schwierigkeiten und Freuden.

In zehn einstündigen Folgen erleben wir, wie Nyborg als Präsidentin aufsteigt, ihr Amt ausgestaltet – und vor allem welche Preise sie dafür zahlen muss. Das zentrale Thema der Serie ist der Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit, der ewige Kompromiss, der auf allen Ebenen mit der politischen Tätigkeit verbunden ist. In jeder Folge tun sich scheinbar unlösbare Dilemmata auf.

Da Nyborg keine ominpotente Heldin ist, sondern lediglich ein normaler Mensch, der darum bemüht ist, dass Richtige zu tun, thematisiert die Serie nicht nur ihre Siege, sondern auch ihre Niederlagen. Die politischen Streitfragen werden gelöst, aber die moralischen Dilemmata bleiben häufig am Ende offen. Der Zuschauer wird allein gelassen mit der Frage, ob richtig gehandelt wurde oder nicht. Eine sehr spannende, offene Form der Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt und zeigt, dass Politik einfach komplexer ist, als der Stammtisch es sich vorstellt. Und dass es in der Wirklichkeit eben keine einfachen Lösungen gibt.

Es gibt keine Guten und keine Bösen in der Serie, nur Menschen, die von Ehrgeiz oder Idealen, von Verantwortung oder Selbsterhaltungstrieb motiviert werden. So kann man als Zuschauer zwar stets mitfiebern, es fällt jedoch schwer, uneingeschränkte Sympathien zu entwickeln, was ich sehr angemessen finde.

Nebenbei lernt man als Zuschauer in eine spannende Handlung verpackt viel über die dänische Politik und darüber, wie Politik prinzipiell hinter den Kulissen funktioniert. „Borgen“ zeigt exakt den Teil des Politkbetriebs, der dem Bürger normalerweise hinter verschlossenen Türen verborgen bleibt. Und das auf eine plausible Art und Weise.

Natürlich lebt die Serie, zumindest für mich als deutschen Zuschauer, von der dänischen Atmosphäre, von exotischen Namen und Schauplätzen (super interessant fand ich die Folge, die zum Teil auf Grönland spielt, und mir damit diesen Landstrich näher gebracht hat, als 13 Jahre Geografieunterricht).

Da jede Figur sehr allgemeingültige Wesenszüge besitzt, handelt es sich trotz des speziellen Hintergrunds um eine sehr zugängliche Serie. Schon in der ersten Folge wird somit eine starke Sogwirkung entfaltet, die mich mitgerissen und nicht mehr losgelassen hat.

Wie eingangs bereits gesagt, wartet man auf spektakuläre Großereignisse a la „24“ vergebens (obwohl mich „Borgen“ teilweise stark an „24“ erinnert. Man stelle sich „24“ ohne Terroristen und aufgeregtes Hin- und Hergerenne vor.). In „Borgen“ gibt es keine reißerische Action, keine überlebensgroße Helden. Trotzdem fand ich „Borgen“ nicht weniger spannend.

Das liegt zum Teil auch daran, dass die Serie technisch und künstlerisch einwandfrei ist und sich mit jeder millionenschweren amerikanischen TV-Serie messen kann – und sie sogar an schauspielerischer Leistung, filmischer Qualität und an Tiefgang übertrifft. Es verging keine Minute beim Schauen, in der ich nicht schlichtweg baff war, wie gut die Schauspieler agieren, wie hervorragend die Serie gefilmt ist und wie ausgefeilt das Drehbuch ist.

Beschämend, dass solche exzellenten Serien nicht auch aus den finanziell mehr als gut ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten des deutschen Fernsehens kommen. Ich habe eine ähnliche deutsche Produktion bisher noch nicht gesehen.

Ich kann „Borgen“ nur jedem Fan von Polit-Thrillern ans Herz legen. Auch für Leute, die sich weniger für Politik und/oder Thriller interessieren, kann „Borgen“ spannende Unterhaltung sein, denn die Serie setzt den Fokus auf zwischenmenschliche Konflikte, ohne dabei oberflächlich oder kitschig zu werden. Es geht zwar um dramatisch zugespitzte, aber im Kern realistische Konflikte, die jeder von uns in der einen oder anderen Form aus dem Alltag kennt. Denn am Ende ist Politik auch nur ein Geschäft, eine Arbeitswelt wie jede andere. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand sich nicht in der einen oder anderen Figur wieder erkennt.

Hier liegt auch der Wert für jeden, der selbst Thriller schreiben will. Ich habe selten in einem Thriller so ausgefeilte Persönlichkeiten erlebt. Wer Anschauungsmaterial sucht, wie man gute Figuren entwickeln kann, der macht mit „Borgen“ nichts falsch. Jede Figur ist rund, sympathisch, in sich stimmig und ergreifend.

Selten war ich so traurig, dass eine Serie vorbei war. Ich freue mich riesig auf die zweite und dritte Staffel und werde ganz bestimmt in Zukunft noch anderen dänischen TV-Serien eine Chance geben.

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11 Antworten auf “Polit-Thriller für Feinschmecker: Borgen – Gefährliche Seilschaften (Rezension)”

  1. Hallo Marcus

    Danke für den Tipp. Ich habe auch schon über diese Serie „drübergezappt“. Es wäre mir aber nicht in den Sinn gekommen, ihr eine Chance zu geben.

    Aber so geht es mir oft mit guten TV Serien. Es braucht einen vernünftigen Anstoß.
    Notiz an mich selber: Borgen anschauen.

    Liebe Grüße

    Gian

    PS: Kennst du Homeland? Ist auch einen Blick wert!

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  2. Hi!

    Seit „Kommisarin Lund“ habe auch ich ein Auge Richtung Dänemark in Bezug auf TV Produktionen und Filme geworfen. „Borgen“ ist auf der Liste, danke für die Rezension. Damit habe ich einen weiteren Grund bei der Amazone einzukaufen…

    Liebe Grüße
    h.

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  3. Spätestens seit Triers Riget, auf deutsch Geister, sollte man wissen, dass aus Dänemark gute Serien kommen. Geister ist ebenfalls zu empfehlen. Sehr amüsante Gruselserie.
    Borgen ist natürlich eine gute Serie.

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  4. Borgen rockt aber sowas von.
    Ich kann übrigens empfehlen, das ganze auf Dänisch mit Untertiteln zu schauen. Kriegt dann noch einmal ne ganz andere Dynamik.
    Das witzige ist, nach 4 oder 5 Folgen hast Du das Gefühl, Du verstehst Dänisch 😀

    Ich habe im Flugzeug mal ein Ehepaar angequatscht und ihnen gesagt, wie sehr ich mich grad freue, nur an der Sprachmelodie erkannt zu haben, dass sie Dänisch sprechen. Die beiden haben sich kaputt gelacht, als ich ihnen erklärte warum ich es rausgehört habe. Es waren auch Borgen-Fans 😉

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  5. Und am Donnerstag beginnt endlich die dritte Staffel.
    Allerdings habe ich angesichts der Beschreibung von ARTE leichte Zweifel, ob die Folgen noch genauso plausibel sind wie in den vorangegangenen beiden Staffeln.

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