Die Hollywood-Formel

Die Hollywood-Formel ist ein kontrovers diskutiertes Plot-Muster, das eng mit der Heldenreise und dem Sieben-Punkte-System verwandt ist. Viele denken bei den Wörtern „Formeln“ oder „Muster“ schnell an Malen-nach-Zahlen und lehnen diese deswegen zum Schreiben von Romanen ab. Als Fan von Strukturen mag ich natürlich die Hollywood-Formel und bin der Überzeugung, dass sie eine Story im Zweifelsfall besser macht. Aber urteile selbst.

Ziel der Hollywood-Formel ist, den Zuschauer eines Films auf eine emotionale Reise zu entführen, die ihm ein Maximum an Spannung erleben lässt. Was für zahllose erfolgreiche Blockbuster und TV-Serien gut ist, kann für Autoren von Thrillern oder Krimis und allen anderen Genres, in denen Spannung wichtig ist, nicht schlecht sein.

Im Prinzip besteht die Hollywood-Formel aus zwei Pfeilern: der Drei-Akte-Struktur und aus dem magischen Beziehungsdreieck.

Der erste Pfeiler: Das magische Beziehungsdreieck

Das magische Beziehungsdreieck besteht aus dem Protagonisten, seiner Beziehungsfigur und dem Antagonisten. Das bedeutet nicht, dass eine Story nur drei Figuren haben muss. Es bedeutet nur, dass eine Story mindestens diese drei Figuren haben sollte (obwohl ich zugeben muss, dass es einige gute Storys mit nur ein oder zwei Figuren gibt. Ausnahmen bestätigen die Regel).

Der Protagonist ist die Figur, die im Zentrum der Story steht. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein sehr konkretes Ziel verfolgt. Statt beispielsweise nur danach zu streben, reich zu werden, sollte der Protagonist danach streben durch den Überfall auf die Bankfiliale in seiner Straße reich zu werden. Nennen wir ihn Harry Berg, einen Pechvogel, der von der Stütze lebt und in einer Ein-Zimmer-Wohnung sein Dasein fristet.

Die Beziehungsfigur ist jemand, der den Portagonisten auf der Reise, die er zum Erreichen seines Zieles antritt, begleitet. Sie ist ein weiser Ratgeber oder eine treue Freundin. Sie kann die Geliebte sein, muss es aber nicht. Wählen wir für unser Beispiel Götz Reichel, der ein paar Jahre für Diebstahl hinter Gittern saß. Er rät Harry dringend von seinem Plan ab, mag ihn aber so sehr, dass er ihn nicht sich selbst überlassen will.

Der Antagonist ist die Figur, die den Protagonisten daran hindern will, sein Ziel zu erreichen. Sie kann, muss aber nicht, der Schurke in der Geschichte sein. In unserem Beispiel passt natürlich am besten ein Polizist. Nein, halt, ich wähle lieber einen Psychologen, der bei der Polizei arbeitet, und sich darauf spezialisiert hat, bei Geiselnahmen die Verhandlungen zu führen. Ich nenne ihn Martin Rosenbaum.

Die Drei-Akte Struktur

Es gibt viele Wege, Plots Form zu verleihen, damit Spannung entsteht. Die Drei-Akte-Struktur ist eine der ältesten und bewährtesten. Sie ist in nahezu jedem großen Hollywood-Film zu finden.

Im ersten Akt werden die Figuren und ihre Ziele vorgestellt. In unserem Fall sollte es also ein paar Szenen mit Harry, Götz und Martin in ihrer Alltagswelt geben. Der Protagonist trifft dort eine schicksalshafte Entscheidung die den Rest der Geschichte beeinflusst bzw. in Gang setzt. Mit anderen Worten: Der Hauptkonflikt wird entwickelt.

Bleiben wir bei unserem Beispiel. Trotz Götz‘ eindringlicher Warnungen besorgt sich Harry eine Maske und eine Pistole. Götz verzichtet auf die Waffe, zieht sich aber auch eine Skimütze über den Kopf, um seinen besten Kumpel wenigstens vor dem Schlimmsten zu bewahren. Zusammen überfallen sie die Bankfiliale.

Es kommt wie es kommen muss, die Polizei umstellt die Bank. Harry nimmt Angestellte und Kunden als Geiseln, obwohl Götz versucht, ihn davon abzubringen. Martin Rosenbaum wird hinzugezogen, um als Profi die Verhandlungen zu übernehmen. Götz beschwört Harry, sich zu ergeben, dann kommen sie wenigstens noch heil aus der Sache heraus. Aber Harry will lieber sterben als ein weiteres Leben in Armut zu leben. Er verlangt einen Hubschrauber für seine Flucht. Der Konflikt ist eröffnet, die Fronten sind geklärt, das Drama kann sich entwickeln. Zeit für den zweiten Akt.

Im zweiten Akt nehmen die Probleme Überhand. Anhand der Versuche und Misserfolge des Helden, den Konflikt zu lösen uns sein Ziel zu erreichen, entwickelt sich die Geschichte. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen erschießt Harry eine Geisel (allerdings nur zum Schein, denn er ist ja unser Protagonist und sollte dem Leser sympathisch bleiben).

Aber Martin Rosenbaum ist ein ganz harter und geht auf Harry Forderungen nicht ein. In seiner Verzweiflung und dank der guten Argumente seines Kumpels Götz lässt Harry die Frauen unter den Geiseln als Zeichen seines guten Willens gehen und hofft, nun den Hubschrauber zu bekomme und fliehen zu können. Doch Rosenbaum hat ihn belogen. Er hat weiterhin nicht vor, Harry mit dem Geld entkommen zu lassen.

Götz verliert endgültig die Nerven. Er versucht, Harry die Waffe abzunehmen. Es kommt zum Kampf und Harry erschießt versehentlich seinen Freund. Jetzt ist alles hin. Nicht einmal ein Freund ist Harry geblieben. Zeit für den dritten Akt.

Zu Beginn des dritten Aktes ist der Held am Tiefpunkt angelangt (In unserem Fall: kein Entkommen, Freund tot, mit Schuld beladen …). Er endet entweder mit dem Sieg des Helden oder mit seiner Niederlage. Er löst den Konflikt, scheitert bei dessen Lösung und besiegt den Antagonisten oder kommt bei dem Versuche um. Alle losen Enden werden aufgegriffen und zu einem befriedigenden Ende gebracht.

Während des Kampfes ist also nicht nur Harrys bester Freund gestorben, sagen wir einfach, die meisten Geiseln konnten auch noch fliehen. Eine alte Frau, die nicht schnell genug wegkam, verbleibt Harry noch als einziges Druckmittel. Da kommt ihm eine Idee. Die alte Dame hat ungefähr seine Statur. Zu seinem Glück scheint sie geistig nicht mehr so recht präsent zu sein.

Harry zieht der Frau seine Klamotten an und seine Maske über den Kopf, drückt ihr die Waffe in die Hand und schickt sie nach draußen.

Die Polizei stürzt sich auf die Frau, entdecken zu spät, dass sie nicht der Bankräuber ist und Harry gelingt bei dem ganzen Trubel in den Klamotten der alten Frau die Flucht. Während er im Taxi mit seiner Beute in den Sonnenuntergang fährt, ruft er ein letztes Mal bei Martin Rosenbaum an und gratuliert ihm dazu, so ein harter Knochen zu sein. Er entschuldigt sich dafür, dass er vielen Leuten Leid verursacht hat, das sei nicht seine Absicht gewesen. Rosenbaum bedauert den Tod von Harrys Freund und schwört, nicht aufzugeben, bis er Harry zur Strecke gebracht hat.

Das Plot-Beispiel, das ich hier entwickelt habe, ist natürlich extrem simpel und nicht besonders einfallsreich. Deine Plots werden viel, viel raffinierter sein. Mir ging es hier vor allem darum, das absolute Grundgerüst aufzuzeigen. Ein solcher Plot könnte mit ein wenig mehr Details noch wesentlich raffinierter sein. Zum Beispiel könnten wir als Nebenfigur eine ehrgeizige Fernsehreporterin einfügen, die auch über Leichen geht, um eine tolle Story zu ergattern. Sie könnte sich in die Bank einschmuggeln und zusätzlich für Trubel sorgen und Harry, der nicht ganz so helle ist, beeinflussen, damit die Situation noch dramatischer und tauglicher für eine gute Story wird. Und so weiter und so weiter …

Wie strukturierst du deine Plots?

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13 Gedanken zu “Die Hollywood-Formel

  1. Hallo Marcus und vielen Dank für den Artikel.

    Mir bleibt eine Sache unklar. Du schreibst oben und auch sonst kann man es öfter lesen, dass der Held ein konkretes Ziel verfolgen soll oder um es mit Frey zu sagen, eine „beherrschende Leidenschaft“ haben soll.
    In dem von Dir erdachten Beispiel kann ich das problemlos nachvollziehen.
    Aber was ist mit Figuren, die durch äußere Umstände in eine Geschichte hineingezogen werden? Die wollen ja meist (zumindest am Anfang) ihre Ruhe haben. Wenn überhaupt, dann beginnen sie ja erst im Laufe der Geschichte ein Ziel zu verfolgen.

    liebe Grüße

    Sarah K.

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    • Beides ist miteinander vereinbar. Nimm zum Beispiel Jack Bauer in der ersten Staffel 24. Von der ersten Szene an wird klar – er will unbedingt seine Familie beschützen. In den ersten Szenen geht es dabei jedoch um innere Konflikte (rebellische Tochter, Spannungen zwischen ihm und seiner Frau wegen des Jobs usw.). Dann wird seine Tochter entführt und er wird in ein Komplott verstrickt. Das Ziel ist das gleiche. Der Konflikt wird nur von innen nach außen getragen.

      Oder nimmm den Herrn der Ringe. Frodo will Gandalfs Auftrag ausführen: verhindern, dass der Eine Ring in die Fänge von Sauron gerät. Zunächst muss er ihn dafür nach Bruchtal bringen. Danach ändert sich das Ziel, denn es stellt sich heraus, dass er vernichtet werden und dafür zum Schicksalsberg gebracht werden muss. Trotzdem ist das Ziel für Frodo in beiden Teilen der Geschichte das Gleiche.

      Nur seine Ruhe haben zu wollen ist eigentlich keine wirklich gute Motivation für eine Romanfigur.

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