In 6 Schritten zum spannenden Thriller

Folgende sechs Schritte durchlaufe ich bei der Planung eines Thrillers, um die Grundlagen für einen wirklich spannenden Roman zu legen:

1. Schritt: Der große Knall am Anfang

Etwas wirklich Mitreißendes, Spektakuläres, Gruseliges, Beeindruckendes (du weiß, was ich meine) sollte in der ersten Szene meines Romans geschehen. Am besten schon im ersten Satz. Ich als Thriller-Leser verzeihe dem Autor, wenn in der Eröffnungsszene die Figuren oberflächlich und ihre Handlungsweise wenig nachvollziehbar bleiben – wenn ich dafür mit etwas wirklich Mitreißendem belohnt werde.

Das Problem ist hierbei, dass ich als Autor häufig eine Weile brauche, um mich für eine Geschichte warm zu schreiben. Discovery-Writer müssen beim Schreiben ein Gefühl für Setting und Figuren entwickeln – und Ideen für die Handlung. Das kann ein paar Seiten dauern. Aber auch Outliner wie ich müssen sich manchmal mit vielen Worten in eine Szene hineinfinden.

Hier hilft nur ein radikaler Schnitt, der das Prinzip „Spät rein, früh raus“ beachtet. Ich schaue mir meine Eröffnungsszenen stets genau an. Was ist das eigentlich Spannende? Alles davor und danach wird gekürzt. Das tut weh, aber es lohnt sich.

2. Schritt: Es steht was auf dem Spiel. Wirklich.

In meinem Thriller muss etwas Bedeutendes auf dem Spiel stehen. Es darf nicht um einen gemütlichen Mord im Ferienlager gehen. Es muss schon mindestens ein Serienkiller sein, der dringend gestoppt werden muss. Das Problem an dieser Stelle ist das richtige Maß zu finden. Zu viele Thriller, in denen das Schicksal des ganzen Planeten auf dem Spiel steht, kann es nun auch wieder nicht geben. Da stumpft der Leser ab.

Außerdem ist es sehr wichtig, die Bedrohung von den Figuren des Romans auf den Leser zu übertragen. Sind die Figuren sympathisch und die persönliche Bedrohung für sie groß, ist es eher unwichtig, ob sie von einem Supervirus bedroht werden, der die ganze Menschheit auslöschen kann oder vom Nachbarn mit der Sammlung exotischer Ritualdolche.

3. Schritt: Tempo, Tempo, Tempo!

Thriller brauchen Tempo. Die Handlung sollte rasant sein, die Dialoge knapp und unterhaltsam, die Einheit von erzählter Zeit (also der Handlung des Romans) und Erzählzeit (also der Zeit, die der Leser braucht, um das Buch zu lesen) möglichst deckungsgleich. Deswegen spielen viele Thriller an einem Tag oder sogar nur in wenigen Stunden.

Viele Autoren unterstützen das Tempo dadurch, dass sie ihre Szenen und/oder Kapitel mit Zeit- und Datumsangaben versehen, wie bei einer Stoppuhr. Ich finde das gut. Doch es reicht nicht. Das Tempo eines Thrillers wird auch durch kurze Kapitel, schnelle Szenenwechsel und knappe Sprache erzeugt. Ich frage mich bei jedem Satz, wie er noch kürzer, jedes Wort noch bedeutungsvoller werden kann. Der Lesefluss ist bei einem Thriller entscheidend.

4. Schritt: Immer in Bewegung bleiben

Bewegung sorgt für Aufmerksamkeit. Der Mensch ist so eingerichtet, dass er bewegten Objekten mehr Beachtung schenkt als unbewegten. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass wir so sind. Bewegtes ist entweder eine Bedrohung oder eine potenzielle Beute. Und beides ist in jedem Fall wichtiger, als der Stein im Sand.

Je mehr Bewegung in einem Thriller stattfindet, desto spannender wird er für den Leser. Ich lasse deswegen Figuren häufig von einem Ort zum nächsten wechseln, auf der Flucht oder bei einer Verfolgung sein. Verflixt, das Liebespaar muss wenigstens über den Boulevard schlendern anstatt im Restaurant sitzen, wenn mir nichts Besseres einfällt.

5. Schritt: Die richtige Dosis Realismus

Thriller sind spektakuläre Fiktion, die zur Übertreibung neigt. Das ist in Ordnung, denn der Leser will ja mit Dingen beeindruckt werden, die jenseits seines Alltags sind. Trotzdem muss für ihn alles glaubwürdig bleiben. Ein Balanceakt, der nicht leicht zu bewältigen ist.

Die Ausgangsidee eines Thrillers sollte deswegen stets in der Realität verhaftet bleiben. Ein tatsächlich geschehens Ereignis oder ein plausibler, realer Sachverhalt sollten im Kern einer Thrillerhandlung stecken. Von dort aus kann ich dann den Leser auf eine fantastische Reise entführen.

6. Schritt: Mehr Plot als Figuren

Thriller leben vom Plot, also rasanter Handlung, brillanten Einfällen und überraschenden Wendungen. Natürlich braucht jeder Thriller mindestens eine sympathische Figur, mit der der Leser sich identifizieren kann. Kann der Leser zur Hauptfigur keine Beziehung aufbauen, kann er auch nicht mitleiden und -zittern.

Trotzdem will der Leser hauptsächlich etwas erleben und kein Figurendrama betrachten. Die Frage, die den Leser in einem Thriller interessiert, ist nicht, ob der Held einen wichtigen Schritt in seine psychologischen Entwicklung durchmacht (obwohl er auch das tun sollte), sondern ob er es schafft, den Virus zu stoppen, der die Menschheit vernichten könnte.

Was macht für dich einen spannenden Thriller aus?

Diese Artikel könnten dich ebenfalls interessieren:

Advertisements

16 Antworten auf “In 6 Schritten zum spannenden Thriller”

  1. Das Hauptproblem mit Thrillern ist, dass der Begriff heute in zwei verschiedenen Weisen gebraucht wird. Die einen (wie Du und übrigens auch ich) halten es für eine FORM, den plotgetriebenen Spannungsroman. Andere aber benutzen es wie ein GENRE: Krimi, Horror, Romanze, Thriller. Da muss man immer erstmal erkunden, wovon der Gegenüber genau spricht. 😀

    Dein Punkt 1, der Einstieg, macht mich nachdenklich, gerade, weil ich im Moment an einer Thriller-Novelle arbeite und auch genau so einsteige: Jemand erwacht aus einer Bewusstlosigkeit in einer grauenvollen, gefährlichen Situation und muss schnell Entscheidungen treffen (nein, das ist keine Werbung, das Buch gibt es noch nicht 😉 ). Typischer Thrillereinstieg, und ich mache das auch gerne so. Und es ist im Moment sehr modern. Aber muss das wirklich so sein? Gibt es nicht auch andere Möglichkeiten, den Leser sofort in den Plot zu ziehen. Zoran Drvenkar fällt mir ein, der seine Geschichten oft damit beginnt, dass er seine Figuren in ungewöhnliche Situationen setzt oder sie ungewöhnlich handeln lässt, noch ohne echte Bedrohung. Eine weitere Möglichkeit wäre, den Leser direkt anzusprechen.

    Wie gesagt – ich wähle auch in der Regel Deine Methode. Aber ich glaube, es ist auch möglich, den Leser anders in den Plot zu ziehen, gerade, wenn man sich an die „Spät-Rein-Regel“ hält.

    Gefällt mir

  2. Ich stimme dir vollkommen zu. Brandon Sanderson sagte zu dem Thema sinngemäß in einem Seminar: Thriller sind einfach Romane, in denen die Spannung im Vordergrund steht, das Genre spielt keine Rolle. So sehe ich das auch. Thriller oder Horror (eigentlich auch Romance) sind Effekte, die ich beim Leser erreichen will, keine irgendwie definierten Genres.

    Gefällt mir

  3. Hallo Marcus

    Toller Artikel – wie immer!

    Auch wenn das jetzt abgedroschen klingt, aber für mich ist ein Thriller dann spannend, wenn ich das Licht erst um 02.00 lösche, obwohl ich eigentlich um Mitternacht schlafen wollte.

    Ich bin ganz ehrlich. Wenn ich vor lauter Spannung immer weiterlesen will, ist mir auch egal, ob der Charakter der Hauptfigur viel Tiefe etc. hat. Ich mag zum Beispiel David Baldacci sehr gerne. Wenn man aber die Charaktere seiner Protagonisten mal genauer betrachtet, kann einem schon etwas anders werden 🙂

    Viele Grüße

    Gian

    Gefällt mir

    1. Hallo, Gian! Von Baldacci habe ich natürlich schon viel gehört. Wenn du ihn empfehlen kannst, setze ich ihn mal auf meine Leseliste.

      Gratulation zu deinem Blog. Sieht sehr informativ aus. Werde ihn in meine Blogroll aufnehmen.

      Gefällt mir

      1. Hallo Marcus

        Vielen Dank für das Kompliment und die Aufnahme in die Blogroll!

        Ja, ich kann Baldacci empfehlen. Allerdings bin ich der Meinung, dass seine frühen Werke besser sind, als die letzten. Also beim Präsidenten anfangen 🙂

        Viele Grüße
        Gian

        PS: Ich habe dich übrigens in meinem letzten Artikel und #7 verewigt 🙂

        Gefällt mir

  4. Hallo Marcus,

    was hältst du von Thrillern, in denen der Serienmörder selbst der Prota ist und von einem seiner Opfer (das auf Rache sinnt), das er nicht töten konnte, verfolgt wird? Ich finde es auch schwierig, einen Thriller als Genredefinition zu nutzen. Und was ist mit dem restlichen Setting? Wenn der Thriller in einer Sci-Fi – oder Fantasywelt spielt, in der Gegenwart pder in einem postapokalyptischen Setting? Wie ordnet man sowas als Autor ein? Ist es dann eher Fantasy/Postapokalype/… oder Thriller? Oder darf man ein Mischgenre wie Sci-Fi-Thriller angeben, wenn man sich an Agenten und Verlage wendet?

    Gefällt mir

    1. Ich denke, den Mörder zur Hauptfigur zu machen ist nicht mehr neu und damit nur dann eine gute Idee, wenn man da einen wirklich guten neuen Twist einbringen kann.

      Tja, mit Genredefinitionen ist das so eine Sache. Ich bin kein Lektor, Agent oder Verlagsmitarbeiter und habe auch noch lange nicht so richtig verstanden, wie diese Leute denken (wenn es da überhaupt ein einheitliches Schema gibt).

      Ich würde sagen, dass es bestimmte Dinge gibt, die sich in den Vordergrund drängen. Ich vermute, dein Thriller kann so spannend sein wie keine anderer – wenn er in einem SF-Setting spielt, ist er für die meisten schlichtweg ein SF-Roman.

      Das habe ich ja auch bei manchen Leserreaktionen zu Tödliche Gedanken zu spüren bekommen. Es gab Leute, die die übernatürlichen Elemente als Knock-Out-Kriterium gesehen haben, obwohl sie meinten, dass der Roman total spannend und unterhaltsam war. Aber da er halt kein „echter“ Thriller ist, würde sie ihn nicht weiterempfehlen.

      Wenn man sich also an Agenten und Verlage wendet, würde ich zur Zeit raten, schlichtweg keine Manuskripte mit SF- oder Fantasy-Elementen einzureichen, wenn man angenommen werden möchte. Ich kann mich aber auch irren.

      Gefällt mir

      1. Ok, dann sind wir ja derselben Meinung 🙂 Schade oder, dass es gerade mit Sci-Fi so mau aussieht. So ein tolles Genre! Nach dem Herrn der Ringe ist mir diese ganze Fantasy-Welle aber auch auf die Nerven gegangen.

        Wahrscheinlich fährt man immer am klügsten, wenn man Verlagen Krimis und Liebesgeschichten anbietet >.<

        Gefällt mir

        1. Krimis und Liebesromane zu schreiben ist nur dann eine gute Idee, wenn man diese Genres auch wirklich mag.

          Ja, ich liebe SF und würde mir auch wünschen, dass das Genre mehr reißen kann. Tut es aber nicht. Nahezu alle Agenturen, die ich kenne, lehnen es ab, SF zu vertreten. Damit hat man als SF-Autor durch die Vordertür kaum eine Chance, einen Verleger zu finden.

          Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s