Der Schlüssel zu mehr Produktivität: Schreiben mit Stoppuhr

Lange über Ideen brüten? Grübeln für die perfekte Lösung eines Problems? Ewigkeiten an Formulierungen feilen? All das kann gut sein, um einen guten Text zu schreiben. Es kann aber auch dazu führen, dass ich mich an einer Sache festbeiße und nach Stunden merke, dass ich mal wieder einen Tag damit verbracht habe, nur zwei Wörter zu schreiben, die am Ende doch im Papierkorb landen. Die Lösung für das Problem: Schreiben mit Stoppuhr.

Schreiben mit Stoppuhr? Schreiben ist doch kein Wettkampf

Ich begreife Schreiben unter anderem als eine Art Wettkampf mit meinem inneren Schweinehund. Und der ist ganz schön schlau und hinterhältig. Er sorgt dafür, dass meine Gedanken in jeder Sekunde, die ich unkonzentriert bin, abschweifen.

An guten Tagen, in denen ich ausgeruht bin, ist es kein Problem, den Fokus zu wahren. Aber so viele gute Tage, an denen ich entspannt und geistig frisch und wach bin, gibt es nun auch wieder nicht. Wenn Schreiben in den Alltag mit seinen vielen anderen fordernden Aufgaben integriert werden muss, bin ich schnell abgelenkt.

Ich habe mich eine Weile lang selbst beobachtet und geschaut, was Schreiben von anderen Aufgaben unterscheidet, in denen meine Konzentration höher ist. Für mich der entscheidende Unterschied: die Deadline. Für die meisten Texte, an denen ich schreibe, gibt es keinen verbindlichen Termin, an dem sie fertig sein müssen. Natürlich setze ich mir persönliche Deadlines. Ich plane, wann ich mit welchem Schritt des Projektes ungefähr fertig sein will. Das ist aber noch lange nicht das gleiche wie ein echter Abgabetermin.

Solche Planungen helfen dabei, große Projekte nicht ausufern zu lassen. Aber sie helfen recht wenig bei der tagtäglichen Motivation, sich an den Schreibtisch zu setzen und für einen verhältnismäßig kleinen Zeitraum die Konzentration zu wahren. Wenn ich mit der Stoppuhr schreibe, setze ich mir eine ganz persönliche Deadline für den Augenblick. Nicht in ein, zwei Wochen, nicht morgen, sondern in 20 Minuten muss diese oder jene Aufgabe geschafft sein.

Wie soll ich mir das konkret vorstellen?

Ich setze mich an den Schreibtisch und definiere ein ganz konkretes Ziel – eine Figur ausarbeiten, eine Szene neu schreiben oder verbessern, einen bestimmten Sachverhalt recherchieren usw. Was man halt so macht als Autor.

Dann überlege ich mir realistisch, wie lange ich dafür brauche. Ganz wichtig für mich an dieser Stelle: Die Zeit muss knapp bemessen sein, eigentlich zu knapp. Sagen wir, ich will eine Nebenfigur ausarbeiten. Ich brauche ihren Namen, Hintergrundinfos und Eigenschaften, die sie für den Leser anschaulich machen.

An solchen Dingen habe ich früher Tage gesessen. Jetzt gebe ich mir dafür 20 Minuten. Ich drücke auf die Stoppuhr und los geht’s. In 20 Minuten schreibe ich alles auf, was mir zu der Figur einfällt, hacke den Kram wie ein Besessener in die Datei. In diesen 2o Minuten mache ich dann nichts, aber auch wirklich gar nichts anderes. Ich lasse das Telefon klingeln, den Kaffee Kaffee sein, trenne mich vom Internet usw.

Nach 20 Minuten verbiete ich mir, auch nur einen zusätzlichen Handschlag zu tun. Wenn ich die Deadline nicht ernst nehme, funktioniert es nicht. Ich muss die Aufgabe in der vorgeschriebenen Zeit bewältigen, sonst zerfasert alles. Nach der abgelaufenen Zeit mache ich was anderes.

Erst einen Tag später nehme ich mir die Nebenfigur wieder vor, denn natürlich ist unter dem Zeitdruck eine Menge Schrott entstanden. Aber einige Perlen sind auch unter dem Geschreibsel. Ich gebe mir diesmal 3o Minuten, um den Kram zu überarbeiten, denn Überarbeiten dauert immer länger als schreiben, bei mir jedenfalls.

Ich lasse dann die Sache für einen längeren Zeitraum liegen, vielleicht eine Woche, um Abstand zu gewinnen. Dann gehe ich noch einmal für 10 Minuten drüber. Nach dem dritten Arbeitsschritt muss Schluss sein. Was ich bis dahin nicht geschafft habe, habe ich halt nicht geschafft. Immerhin warten noch viele andere Aufgaben auf mich.

Auf diese Weise habe ich am Ende eine Stunde an einer Nebenfigur gearbeitet. Ein Vorgang, der mich früher teilweise Tage oder sogar Wochen Zeit kostete und auch zu keinen tolleren Ergebnissen führte.

Was wirklich beachtet werden muss

Wirklich wichtig ist für mich zunächst die Definition eines ganz konkreten Ziels. Was will ich am Ende einer Arbeitseinheit erreicht haben?

Dann muss ich realistisch einplanen, wie lange ich für dieses Ziel brauche. Der Zeitraum muss so bemessen sein, dass ich ihn innerhalb einer Sitzung bewältigen kann. Und Sitzung meine ich wörtlich. Ich darf in der Zeit, in der ich an der Teilaufgabe eines größeren Projektes arbeite, nicht durch irgend etwas anderes gestört werden – nicht einmal durch den Gang zur Toilette.

Deswegen haben sich Zeiträume, die länger als 30 Minuten sind als wenig praktikabel erwiesen. Kürzere als 10 Minuten auch nicht, denn die wenigsten Dinge lassen sich halbwegs sinnvoll in dieser kurzen Zeit erledigen.

Perfektionismus muss man für diese Arbeitsweise vergessen. Natürlich sind die Dinge, die ich in dieser Zeit erledige, nicht perfekt. Mit dem Gefühl, etwas Unfertiges oder Halbgares nach einer Arbeitseinheit liegen zu lassen, muss ich leben können. Allerdings ist es produktiver, einen halbfertigen Text in 20 Minuten zu schreiben, als einen Perfekten in 20 Tagen. Um die Dinge besser zu machen, plane ich ja Überarbeitungsphasen ein.

Wie erhöhst du deine Produktivität?

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21 Gedanken zu “Der Schlüssel zu mehr Produktivität: Schreiben mit Stoppuhr

  1. Hallo Marcus,

    ich habe mir diesen Artikel gerade das zweite mal durchgelesen und er hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ja, ich gehöre wohl zu denjenigen, die sich während dem Arbeiten an einer Aufgabe schnell ablenken lassen und vom Hundersten zum Tausendsten gehen. Bei der Entwicklung meiner Figuren passiert es mir oft, daß andere Gedanken durch meinen Kopf schießen und ich unbedingt und sofort ein Detail recherchieren muß. Auch habe ich im Moment noch das Bedürfniss alles so genau wie nur möglich auszuarbeiten, bloß kein Detail aus der Vergangenheit meiner Figuren vergessen. Und das führt unweigerlich dazu, daß ich mit meiner sehr begrenzten Zeit unglaublich lang brauche bis eine Figur fertig ist. Der Schritt, eine Figur für fertig entwickelt zu erklären fällt mir auch wahnsinnig schwer. Mir könnte ja ein paar Tage später noch etwas ganz Tolles einfallen.
    Ich weiß nicht, ob die Methode mit der Stoppuhr für mich funktioniert. Aber ich werde sie auf jeden Fall ausprobieren.

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    • Ich würde dir gerne ans Herz legen, irgendetwas in der Richtung auszuprobieren. Klar geht es immer besser. Für mich ist es da heilsam, mir alte Texte von mir noch einmal anzusehen. Ich bin stets von den Socken, wie schlecht sie sind – obwohl ich teilweise stunden- oder sogar tagelang an ihnen gesessen habe. Als Autor macht jeder eine Entwicklungen durch. Und diese Erkenntnis hat mich dazu gebracht, die Zeit, die ich an etwas arbeite, zu begrenzen. Denn in ein paar Monaten oder Jahren, bin ich ohnehin wieder weiter und würde den Text ganz anders – in meinen Augen besser – gestalten. Die Entwicklung ist dabei wichtiger, als der konkrete Text, an dem ich gerade arbeite. Und diese Entwicklung kann ich auch in kürzerer Zeit hinbekommen, in der ich mehr Text produziere.

      Am Ende zählt ja, dass ich mit seinen Romanen auch mal fertig werde. Denn nur wenn ich ein neues Buch anfange, hat es die Chance, besser zu werden als das vorangegangene. Die Gefahr, dass ich andernfalls auf der Stelle trete, ist mir zu groß.

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      • Du hast vollkommen recht damit, daß man als Autor eine Entwicklung durchmacht. Wenn ich bedenke, was ich in den wenigen Monaten bereits gelernt habe, sehe ich bereits einige Punkte in denen ich mich entwickelt habe. Gestern ist mir etwas klar geworden: Wenn ich versuche meinen ersten Roman so perfekt wie möglich zu schreiben, dann werde ich nie damit fertig. Wenn man keine Fehler macht, dann kann man auch nicht daraus lernen.
        Ich habe gestern die Stoppuhr gleich ausprobiert. Es hat nicht gereicht, in zwanzig Minuten eine komplette Figur zu entwickeln, aber ich habe es endlich geschafft, einen wichtigen Teil meines Antagonisten auszuarbeiten. Seit drei Wochenenden sitze ich daran und konnte bis gestern nicht ein einziges Wort dazu aufschreiben. Ich wusste zwar vage, wie es im Inneren meiner Figur aussieht, welche Gesinnung sie hat, aber es gelang mir einfach nicht, das auch mal geordnet aufzuschreiben.

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  2. Schreiben mit Stoppuhr ist ein tolle Idee! Mir geht es genau so, wie Du beschrieben hast, dass ich nämlich manchmal stundenlang an etwas herumfeile, was dann doch im Papierkorb landet. Vielen Dank für diesen Artikel.

    Viele Grüße Helmut

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  3. Danke für den Beitrag. So etwas ähnliches mache ich momentan auch. Und zwar schreibe ich über die Seite 750words.com zur Zeit meine Beiträge. Und ich muss gestehen, ich arbeite dadurch intensiver und besser. Denn ich komme auch mal ans Ziel.

    Am Wochenende habe ich morgens meine Kaffeephasen, wo ich schreibe, Kaffee trinke und nebenbei Musik höre. Die Ausbeute ist mal so und mal so. Aber wenn ich dann am Nachmittag auf der Seite schreibe, wo es indirekt auch eine Stoppuhr gibt (ich schreibe an einem Stück eine bestimmte Mindestwortzahl), geht es weitaus intensiver voran und ich habe dadurch auch viele Knackpunkte umsetzen können.

    In dem Sinne, ich weiß, dass es klappen kann. Aber das mit der Stoppuhr werde ich auch mal ohne die Seite ausprobieren :o)

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  4. Super Ansatz, das mit der Stoppuhr. Werde ich unbedingt mal demnächst beim Storyboarding oder beim Game-Design-Brainstormen ausprobieren. Bin mir sicher, dass es recht gut klappen wird – man braucht eben eine Deadline, schon kriegt man Sachen automatisch gebacken – naja, das sage ich mir zumindest :o) Kann ich aus persönlicher Arbeit (und nach der Lektüre sämtlicher Prokrastinationsbücher) grundsätzlich auch bestätigen, im Nachhinein ist man immer sehr erstaunt, wieviel man in so kurzer Zeit auf die Reihe bekommen hat.

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  5. Danke für diesen Artikel. Werde die Stoppuhr gleich heute mal ausprobieren. Zwar nicht für eine Figur, aber für eine Szene an der ich schon viel zu lange herumbastle.

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  6. Auch ich sage Danke für diesen bemerkenswerten Artikel!

    Ich schreibe keine Romane, habe die Methode aber an einem Sachtext für mein Blog ausprobiert: Den Text in einem engen Zeitfenster erst mal „runtergebrochen“, dann ein paar Tage liegen gelassen und schließlich in aller Ruhe überarbeitet. Es funktioniert super! Und das Wichtigste: Schreiben macht so viel mehr Freude, als wenn ich jeden Absatz von vornherein versuche, zu perfektionieren. Das Überarbeiten mit frischem, klaren Kopf war dann später das reine Vergnügen!

    Übrigens, ein bisschen geflunkert habe ich dann doch mit der Uhrzeit… aber das Prinzip verspricht Erfolg!

    Liebe Grüße
    Simone

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  7. Danke für Deinen Artikel. Leider ist das bei mir auch so, dass mir tausend Dinge einfallen und ich viel zu lange an einen Text arbeite. Das mit der Stoppuhr kann ich mir gut vorstellen. Derzeit korrigiere ich meinen Kurzroman – zu lange, sollte längst zu kaufen sein … Da könnte man ja noch … usw. Mittwoch ist wieder Schreibtag! (Mit Stoppuhr)

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  8. Dank Deiner Idee mit der Stoppuhr habe ich heute einige Seiten schneller überarbeitet. Wahrscheinlich hätte ich früher eine Woche dazu gebraucht.
    Das System ist simpel. Wir kennen alle die Erfolgsbücher. Setze dir Ziele, schreib’s auf, damit es im Unterbewusstsein verankert ist, teile sie in kleine Häppchen, usw. Eine Seite zu überarbeiten wäre so etwas. Ich setzte mir das Ziel, 30 Minuten für eine Seite. Sollte ich bei einem Satz hängen bleiben, der mir nicht 100% gefiel und ich finde keinen besseren – dann einfach weiter. Es hat funktioniert. Danke

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