10 Tipps, wie man sich vor Perfektionismus schützt

Mein innerer Kritiker hat einen fiesen Freund: Perfektionismus. Während mein innerer Kritiker mir stets einredet, dass ich nicht gut genug schreibe, sorgt mein Streben nach Perfektion dafür, dass das auch stimmt. Hier zehn Tipps, die mir dabei helfen, meinen Perfektionismus zu überwinden:

1. Denke groß!

Ja, beim Schreiben kommt es auf Details an. Trotzdem ist es wichtig, über die vielen Kleinigkeiten, die beachtet werden müssen, den gesamten Text nicht aus den Augen zu verlieren. Am Ende zählt, ob eine Story spannend ist und ob die Figuren den Leser interessieren. Schluderige Sprache hat in einem Roman oder in einer Kurzgeschichte nichts zu suchen. Aber im Zweifelsfall verzeiht ein Leser eher ein fehlendes Komma als Langweile.

2. Irgendwann muss Schluss sein

Wer wie ich ein Outliner ist, der plant Figuren und Plots. Manche Leute recherchieren auch gerne und (zu) viel. Alles drei sind wichtige Dinge, die einen großen Einfluss auf die Qualität des Projekts haben können. Deswegen gilt es auch hier, Sorgfalt walten zu lassen. Nur eben nicht zu viel. Ich habe Jahre damit verbracht, Welten zu basteln, Plots zu planen, Figuren zu erschaffen und zu recherchieren. Aus diesen Ideen ist nie ein fertiges Manuskript geworden. Dafür habe ich sehr gründlich die Lust an den Projekten verloren.

Mir hilft es, für jede Phase eines Projekts eine Deadline zu setzen. Es ist wichtig, schnell mit dem ersten Entwurf zu beginnen und ihn dann auch zu beenden, ganz gleich, ob ich nun das Gefühl habe, dass alles perfekt ist oder nicht. Eine gute Übung dafür ist der NaNoWriMo.

3. Fehler sind dein Freund

Es ist eine Binsenweisheit, aber eine, die kaum ernst genommen wird: Jeder macht Fehler und man lernt aus ihnen. Das Bestreben, Fehler um jeden Preis zu vermeiden, muss schlimmstenfalls dazu führen, dass ich mit einem Projekt nie beginne, denn es wird unweigerlich fehlerhaft sein. Die Frage ist nicht, ob ich Fehler mache, sondern wie ich mit den Fehlern, die ich mache, umgehe. Ignorieren ist keine Option. Denn auch, wenn ich nicht perfekt sein kann, will ich doch so gut wie möglich sein. Auf Dauer muss ich mir also eine Haltung antrainieren, Fehler zu begrüßen, sie wahrzunehmen, aus ihnen zu lernen und sie abzuhaken.

4. Realistische Vorbilder suchen

So wichtig es ist, sehr gute Literatur zu lesen, um von ihr zu lernen, so wenig taugt sie – zumindest am Beginn der Schreibkarriere – als Maßstab für das eigene Schreiben. Wenn ich meine erste Kurzgeschichte mit dem Spätwerk Hemingways vergleiche, werde ich einfach schlecht abschneiden. Wie sollte es auch anders sein? Der Mann hat sein Leben der Literatur gewidmet und Jahrzehnte Zeit zum Üben gehabt.

Gerade am Anfang sind aus diesem Grund auch Schreibgruppen wichtig, denn hier kann ich mich mit anderen vergleichen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Auch ein Blick hinter die Kulissen der Profis kann helfen. Wenn ich weiß, dass jeder Buchveröffentlichung ein Prozess vorausgeht, in dem der Autor sein Manuskript mehrmals überarbeitet, von Dutzenden Testlesern kontrollieren lässt, einem Lektor zur Korrektur vorlegt und es dann erneut überarbeitet, dann sehe ich meinen ersten Entwurf mit ganz anderen Augen.

5. Das Pareto-Prinzip verinnerlichen

Vilfredo Pareto stellte die Faustregel auf, dass man eine Aufgabe mit 20 Prozent Aufwand zu 80 Prozent Zufriedenheit erledigen kann. Soll heißen: Die letzten 20 Prozent eines Projekts sind die schwierigsten. Das bedeutet, dass häufig auch 90 oder 95 Prozent reichen können, denn diese letzten 20 Prozent sind unverhältnismäßig aufwändig. Die Gefahr, mich in diesem Bereich in Kleinigkeiten zu verlieren (s. 1.) und dabei die Lust am Projekt und mein Selbstvertrauen zu verlieren, sind den Aufwand unter Umständen nicht wert.

6. Fehler sind toll!

Okay, den Punkt hatten wir irgendwie schon, aber er ist so wichtig, dass ich das gerne noch einmal etwas anders sage: Wer genau bestimmt eigentlich bei einem Projekt, was Fehler sind und was nicht? Mal ehrlich, Columbus wollte eigentlich nach Indien. Will ihm das heutzutage jemand noch ernsthaft vorwerfen?

Klar, meine Figurenplanung und mein Stufendiagramm sind wichtige Pläne. Aber unter Umständen kann es auch ein Vorteil sein, davon abzuweichen. Es wäre Unfug, eine geniale Idee, die einfach nur zum falschen Zeitpunkt kommt, zu ignorieren. Pläne sind nur so lange perfekt, bis sie auf die Praxis treffen. Auch im Arbeitsprozess selbst hat Perfektionismus nichts zu suchen.

7. Hilfe geben, suchen und annehmen

Der Perfektionist in mir will alles alleine regeln. Immerhin muss ja ich den Roman schreiben und nicht irgend jemand anders für mich. Sich helfen zu lassen ist wie schummeln. Richtig?

Natürlich nicht. Fremde Augen können oft mehr sehen als die von Betriebsblindheit geschlagenen eigenen Gucker. Die selbstständige Leistung wird dadurch nicht geschmälert. Hilfe in einer Schreibgruppe ist im Idealfall ein Geben und Nehmen. Das ist nicht nur ein netter menschlicher Zug. Häufig erkenne ich in den Fehlern des anderen besser die eigenen. Beim Reden über Lösungen für fremde Schwierigkeiten, werde ich mir häufig auch eigener Probleme bewusst.

Wieso sollte das eine schlechtere persönliche Leistung sein, als wenn ich mir in meiner Kemenate vor Verzweiflung den Kopf an der Tastatur blutig schlage?

8. Kritik vernünftig wahrnehmen

Mit Kritik ist es wie mit Fehlern. Sie ist die Pest, aber sie gehört einfach dazu. Das ist für mich als Perfektionisten besonders schwer zu ertragen, denn immerhin bin ich ja Perfektionist geworden, um mich vor Kritik zu schützen. Bei genauer Betrachtung eine ziemlich dumme Idee, denn Kritiker wird es immer geben.

Es hilft nichts, ich muss mir stets aufs Neue sehr genau angucken, wer mich wofür genau kritisiert. Manche Kritik ist, auch wenn sie schmerzhaft ist, Gold wert. Zuckersüßes Lob ist vielleicht lieb gemeint, aber inhaltslos. Und dann gibt es noch die unersättlichen Nörgler, die aus Prinzip alles schlecht machen. Häufig sind diese Nörgler übrigens frustrierte Perfektionisten, die ihrem Perfektionismus erlegen sind und aus sehr egoistischen Motiven einfach verhindern wollen, dass es anderen besser geht als ihnen.

9. Mach mal Pause

Ehrgeiz ist eine tolle Sache. Nur neige ich als Perfektionist dazu, es damit zu übertreiben. Ich habe mir sagen lassen, dass ein Trick vieler produktiver Menschen darin besteht, Pausen einzulegen, bevor sie ermüden. Das ist im Berufsleben und im Alltag nicht immer möglich. Bei einem Projekt wie einem Roman ist es schon wahrscheinlicher, dass ich mir die Zeit selbst einteilen und Ruhephasen bewusst einplanen kann.

10. Fertig werden

Der Perfektionist in mir will ein Projekt nicht irgendwie beenden – er will es perfekt beenden. Deswegen wird das Projekt nie beendet (wir erinnern uns an die 80:20-Regel). Ich schreibe ewig am ersten Kapitel oder feile am ersten Drittel. Mir ging das Jahre lang so. Meine Schubladen füllten sich mit angefangenen Projekten, die alle nicht gut genug waren. Aber ein halbes Romanmanuskript ist gar kein Romanmanuskript. Ein komplettes fehlerhaftes, ist zwar fehlerhaft – aber immerhin fertig!

Psychologisch ist es für mich eine unglaublich wichtige Erfahrung, ein Projekt auch zu beenden. Denn dann habe ich einen fetten Stapel bedrucktes Papier in der Hand, den ich dem Perfektionisten in mir genüsslich über den Schädel ziehen kann.

Was tust du gegen Perfektionismus?

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10 Antworten auf “10 Tipps, wie man sich vor Perfektionismus schützt”

  1. Ich glaube, diesen Beitrag sollte ich mir ausdrucken und über den Schreibtisch hängen. Danke dafür. Ich muss gestehen, ein wirkliches Rezept habe ich noch nicht gefunden, um mit dem Perfektionismus wirklich leben zu lernen oder ihn Schranken zu weisen. Insbesondere ausufernde Recherche und übertriebene Planung waren bei mir schon der Tod so manchen Projekts…

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  2. Vielen Dank Marcus, Mir hat ungemein geholfen, mich mal einzulesen, wie „selbst philosophieren geht“. Das Vortaste vom Kleinen zum Großen war dabei eine wichtige Regel. Das führt unweigerlich zu der von Dir angesprochenen Sorgfalt, wenn die „Genauigkeit des Wortes“ Berücksichtigung findet. Natürlich hilft auch immer, den Text etwas liegen zu lassen und ihn (sofern man das Talent dafür hat), als Leser, denn als Schreibender zu lesen. Eine genaue Analyse hilft dabei. Ich sitze dann nicht an der Tastatur, sondern bin im Wald oder sonst wo. Baue Gerüste und Mindmaps im Kopf. Vor der Schreibmaschine käme ich mir vor wie eine Zitrone, die sich selbst auspresst. Es gibt geniale Momente beim Schreiben. Doch die Dinge, die man sagen will (vom Kleinen zum Großen), inhaltlich aufzufüllen ist wesentlich effektiver als zu hoffen, einen möglichst guten Text mit dem ersten Wurf gelingen zu lassen.

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