5 Fragen und Antworten zur Prämisse

Prämisse – das Wort klingt anstrengend. Okay, Prämissen sind auch irgendwie anstrengend. Aber wenn man sich mit den widerspenstigen Biestern erst einmal gründlich auseinandergesetzt hat, machen sie einem das Schreiben viel leichter.

1. Was bitte ist denn eine Prämisse?

Um ehrlich zu sein, so richtig weiß das wohl keiner. Der nicht ganz unbekannte James N. Frey arbeitet in seinen Schreibratgebern, vor allem in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, mit diesem Begriff. Er beruft sich auf den auch nicht ganz unbekannten Lajos Egri, der wiederum auf den Schultern von Riesen steht.

Das Problem mit dem Begriff ist, dass es viele Definitionen gibt, die alle irgendwie ähnlich sind, aber im Detail doch etwas anderes meinen. Verwirrend. Manche meinen mit Prämisse die Ausgangssituation eines Plots, andere die Grundidee eines Romans.

Ich verwende Prämissen im Sinne Freys und Egris: Eine Prämisse ist eine Behauptung, die durch den Plot einer Story bewiesen wird.

Das klingt ziemlich abstrakt, deswegen mache ich es an einem Beispiel konkreter. Sagen wir, ich will einen Krimi schreiben. Eine Frau liebt ihren Ehemann schon lange nicht mehr. Er sie auch nicht. Aber er ist verflixt reich. Dummerweise hat sie einen Ehevertrag unterschrieben, nach dem sie keinen Cent bekommt, wenn sie sich scheiden lässt. Also beschließt sie ihn umzubringen.

Natürlich gibt es einen klugen Detektiv in der Geschichte, der nach vielen Ermittlungen und spannenden Wendungen der Witwe auf die Schliche kommt und der Frau das Handwerk legt. Er stellt sie am Ende des Romans, will sie verhaften, aber sie versucht zu fliehen und kommt dabei um (stürzt mit ihrem Wagen bei einer Verfolgungsjagd die Klippe hinab, fällt in den Pool, bricht sich auf der Treppe das Genick oder was weiß ich).

Die Prämisse dieser Geschichte lautet: Habgier führt zum Tod. Die Frau ist habgierig, denn sie will sich ja von ihrem Mann trennen und das Geld behalten. Ihre Gier führt in den Untergang, denn sie löst eine Kette von Ereignissen aus, an deren Ende sie stirbt.

2. Wie finde ich eine Prämisse?

Lajos Egri sagt, eine Prämisse sei eine Art Formel, die aus drei Dingen besteht: Hauptfigur + Konflikt = Lösung. Ich schreibe das so auf, weil es praktisch ist. Du kannst dir das ausdrucken und über den Schreibtisch hängen. Ich habe das jedenfalls gemacht und es hilft mir.

Etwas ausführlicher und weniger formelhaft ausgedrückt: Eine Prämisse fußt zunächst auf einer Eigenschaft der Hauptfigur. Diese Eigenschaft führt dazu, dass ein Konflikt entsteht. Das Bemühen der Figur, diesen Konflikt zu lösen, ist die Story. Die Lösung ist das Ende.

Um also eine Prämisse zu finden, muss ich zunächst wissen, wer die Hauptfigur meines Romans ist. In unserem Beispiel würde ein Krimi entstehen, in dessen Zentrum die Mörderin steht, denn die Prämisse, Habgier führt zum Tod, fußt auf ihr. Will ich einen Krimi, in dem der Ermittler im Vordergrund steht, brauche ich eine andere Prämisse. Oder einen habgierigen Ermittler, der durch diese Charaktereigenschaft stirbt oder auf eine andere Weise ruiniert wird (Vielleicht erpresst der Ermittler die reiche Witwe, anstatt sie dem Gesetz zu übergeben, um auch ein Stück vom Kuchen zu bekommen und sie bringt ihn dafür um.).

Ich muss also zunächst wissen, wer die Hauptfigur meiner Story ist und welche Eigenschaften sie besitzt. Welches Ziel hat sie? Was steht ihr beim Erreichen des Ziels im Weg (Konflikt)? Wie verändert sie sich, um das Hindernis zu überwinden (Lösung)?

3. Wenn ich denn eine Prämisse habe – was genau mache ich damit?

Die Prämisse hilft dir, den Plot zu entwickeln.

Hauptfigur + Konflikt = Lösung ist ein Anstoß für deine Kreativität, eine Aufforderung, die Platzhalter mit Leben zu erfüllen. Wer ist der Held oder die Heldin der Story? Was will sie? Wie wird sie davon abgehalten, ihr Ziel in die Tat umzusetzen? All das muss auf den ersten Seiten eines Romans irgendwie gezeigt werden.

Anschließend muss gezeigt werden, wie die Hauptfigur versucht, den Konflikt zu lösen, bis es schließlich zur Lösung kommt. Wenn ich alle Platzhalter mit konkreter Handlung und Charakterentwicklung gefüllt habe, dann habe ich das Grundgerüst für eine  zusammenhängende Geschichte mit Anfang, Mittelteil und Ende. Mehr noch, ich habe eine Struktur für meinen Plot, die einen Leser zufrieden stellen kann. Die Prämisse stellt sicher, dass der Leser meines Romans das bekommt, was er möchte: Eine spannende Figurenentwicklung und eine konfliktreiche – also spannende – Geschichte mit einem befriedigenden Ende.

Aber die Prämisse kann noch mehr. Oft ist Schreiben kein linearer Prozess (zumindest ist das bei mir so und ich würde darauf wetten, dass ich damit nicht alleine bin). Szenen spuken dir im Kopf herum, vielleicht ist der Stein des Anstoßes für deinen Roman ein tolles Ende oder einfach nur ein Thema, das dich begeistert.

Auch dann hilft die Prämisse. Zunächst musst du einfach einen Schritt zurück machen, wenn du beispielsweise mit dem Ende begonnen hast. Wie muss eine Figur aussehen, die dieses Ende durchlebt? Was ist das möglichst genaue Gegenteil von diesem Ende und wie müsste ein Konflikt aussehen, der dorthin führt?

Darüber hinaus kann die Prämisse als Berater dienen, der dir sagt, ob etwas in deinen Roman gehört oder nicht. Passen eine Szene, eine Entscheidung, die die Figur trifft, oder ein Ereignis, das ihr geschieht, zur Prämisse? Mit anderen Worten: Ist ein bestimmtes Element ein Argument, das dazu dient, die Prämisse zu beweisen? Dann gehört es in den Roman. Tut es das nicht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du es entweder weglassen musst oder so umarbeiten solltest, dass es zur Prämisse passt.

Die Prämisse kann noch viel mehr: Sie sagt dir auch ungefähr, wie die Szene und sogar das Ende eines Romans beschaffen sein müssen. „Habgier führt zum Tod“ bedeutet für die Handlung unseres Beispiels, dass die Frau durch ihr eigenes Tun umkommen muss. Sie darf nicht zufällig umkommen. Sie darf nicht durch die Hand des Ermittlers sterben. Ihr Tod muss eine logische Konsequenz aus ihrer Habgier sein. Vielleicht weht bei der Verfolgungsjagd das Testament ihres Mannes aus dem Kabriolet und sie springt ihm vollkommen von Sinnen über eine Klippe hinterher. Es gibt viele Möglichkeiten. Aber die Prämisse hilft dir dabei, eine auszuwählen, die für den Leser auch ein befriedigendes Ende darstellt.

Das klingt einengend und diktatorisch, aber Leser belohnen diesen schmerzhaften Prozess in der Regel damit, dass sie den Eindruck haben, eine dichte und spannende Geschichte zu lesen.

4. Muss ich mir unbedingt Gedanken über meine Prämisse machen?

Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es haufenweise erfolgreiche Autoren gibt, die sich noch nie im Leben Gedanken über Prämissen gemacht haben. Die Chancen stehen jedoch gut, dass diese Autoren das Einmaleins des Geschichtenerzählens bereits mit der Muttermilch aufgesogen haben, so dass sie unbewusst wenigstens etwas Ähnliches wie eine Prämisse verwenden. Sie haben es einfach im Blut, den Konflikt einer Story nicht aus den Augen zu verlieren. Manche Menschen sind so. Ja, ich hasse sie auch.

Es gibt auch erfolgreiche Romane, denen man anmerkt, dass sie so was wie eine Prämisse gar nicht haben. Meistens werden solche Romane als Kunst bezeichnet. Natürlich kann man anstreben als Romanautor in diesem Sinne Künstler zu sein. Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass viele Lektoren es gar nicht schlecht finden, wenn Romane einen roten Faden besitzen.

5. Ist die Prämisse die Botschaft meines Textes?

Zunächst einmal muss ich festhalten, dass ich prinzipiell Botschaften, Autorintentionen und diesem ganzen „Du musst als Autor was zu sagen haben.“-Ding ziemlich skeptisch gegenüberstehe.

Ja, Romane können Erfahrungen transportieren und aufregende Erlebnisse für den Leser darstellen. Sie bereichern den Alltag, schulen die Vorstellungskraft, manchmal lernt man sogar was aus ihnen über alle möglichen Themen, die menschliche Natur und bestenfalls auch noch sich selbst. Das ist alles ganz, ganz toll.

Aber zunächst einmal sollte ein Roman packend sein. Packe ich den Leser nicht, erreiche ich ihn auch nicht. Das Verwenden einer Prämisse garantiert mir nicht, jeden Leser auf der Welt zu packen, aber sie erhöht doch die Chancen, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Die Prämisse bewirkt, dass eben keine wie auch immer geartete Botschaft im Zentrum des Romans steht. Sie ist, wie oben bereits gesagt, schlichtweg nur eine Behauptung, die bewiesen wird, wodurch die Story einen roten Faden, einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende bekommen.

Diese Behauptung muss auch nicht moralisch gut oder politisch korrekt sein. Die oben angerissene Story könnte auch mit der Prämisse „Habgier führt zu Zufriedenheit.“ geschrieben werden. Wieso keinen Krimi schreiben, bei dem Ermittler und Mörderin entdecken, dass es ganz okay ist, den Griesgram unter die Erde zu bringen und sich mit seinem Geld einen schönen Lenz zu machen? Ja, moralisch nicht ganz einwandfrei, ganz gleich was für ein schlimmer Mensch der Gatte gewesen sein mag – aber, hey, es ist deine Prämisse und deine Story.

Wie organisierst du deine Plots?

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19 Gedanken zu “5 Fragen und Antworten zur Prämisse

  1. Hallo Marcus.

    Gratulation zu deinem Blog! Wirklich sehr lesenswert – Google sei Dank bin ich da drüber gestolpert.

    Bezügliche der Frage Plot organisieren. Ich gehöre eindeutig zum Typ Drauflosschreiber. Soll heißen: Ich habe eine Idee, entwickle diese weiter (im Kopf) und lege dann los. Ich organisiere anfänglich überhaupt nichts. Irgendwann beginne ich dann Biografien anzulegen, sprich jede Figur bekommt eine eigene Worddatei. Zusätzlich lege ich eine Excel Datei an, auf der ich jeweilige Ereignisse notiere, damit die Chronologie stimmt und ich mich innerhalb des Manuskripts orientieren kann.

    Ich gebe zu, diese Methode kann ziemlich anstrengend werden und ist garantiert nicht jedermanns Sache. Doch für mich klingt schon alleine das Wort Organisieren nach Arbeit – und schreiben soll keine Arbeit sein – nicht für mich.

    Allerdings gebe ich zu (wenn auch nur widerwillig), dass mir ab und zu mehr Struktur nicht schaden würde :-).

    Grüße aus der Schweiz
    Gian

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    • Hey, Gian, vielen Dank für das Lob. Ich freue mich sehr, dass du meinen Blog gefunden hast. Du scheinst mir ein typischer Discovery-Writer zu sein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur weil ich ein Outliner bin, müssen das nicht alle anderen auch sein. Ich wünsche dir auf jeden Fall noch viel Erfolg.

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  2. Hallo Marcus,

    danke für deinen ausführlichen Beitrag zum Thema und deine zahlreichen wirklich lesenswerten Artikel.

    Ich persönlich finde eine Prämisse sehr hilfreich und bin davon überzeugt, dass sich jede gut gemachte Geschichte auf eine Prämisse zurückführen lassen sollte. Der Konflikt sollte sich dabei immer im Hauptcharakterzug der Hauptfigur (Habgier führt zu Tod) widerspiegeln. Bei deinem oben genannten Beispiel – und offensichtlich trifft das für Krimis allgemein zu – gibt es dann auch immer eine „wirkliche“ Lösung (Tod, als Er-Lösung). Aber wie ist bei anderen literarischen Gattungen?

    Ich schreibe gerade einen Entwicklungsroman (Prämisse?: Übereifer führt zum Ausbrennen) an dessen Ende die Hauptfigur ihr gesamtes bisheriges Weltbild infrage stellt. Eine längere Zeit konnte ich aber keine „wirkliche“ Lösung finden. Die Frage die mich längere Zeit beschäftigt ist immer noch, was ist die „wirkliche“ Lösung am Ende?

    1. die Erkenntnis, indem sich die Hauptfigur eingesteht, unerreichbare Ziele verfolgt zu haben.
    oder
    2. die Erkenntnis im Mittelpunkt (Midpoint, 7-Point-System Dan Wells) der Geschichte, schafft für die Hauptfigur die Möglichkeit umzukehren und die Entwicklung in eine andere Richtung zu lenken, aktiv auf den Höhepunkt zu zusteuern (Lösung, Ablegen des Übereifers? … )

    Was mir hier bisher weitergeholfen hat, ist die Verwendung einer Fabel (Hoffnung ist ein Mangel an Information). Mal sehen wie weit ich damit komme.

    Btw: Prämissen lassen sich prima googlen, einfach mal … Habgier „führt zu“ … eingeben.

    Beste Grüße und Guten Rutsch aus Basel,
    Gernot

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    • Hey, Gernot, vielen Dank für das Interesse an meinen Artikeln. Es freut mich sehr, wenn sie dir gefallen. Der Tipp, Prämissen zu googlen, ist super. Da wäre ich nie drauf gekommen. Ansonsten wünsche ich dir viel Erfolg mit deinem Entwicklungsroman. Klingt spannend.

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  3. sehr hilfreicher Beitrag. Ich habe meinen ersten, noch unveröffentlichten Roman ohne Prämisse geschrieben und es ist mir noch nicht gelungen, sie zu formulieren. (James N. Frey ist mir erst mittendrin vor die Füße gefallen). Jetzt habe ich eine Ausgangssituation und einen noch sehr groben Plot für die nächste Geschichte, und diesmal werde ich schon zu Beginn eine Prämisse finden (hoffe ich).
    🙂

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