Magie beim Schreiben

Viel Vergnügen bei folgendem Gastartikel von Stephan Waldscheidt. Ich freue mich sehr darüber, dass Stephan mir diesen Auszug aus seinem Ratgeber „Autors kleiner Helfer“ zur Verfügung gestellt hat.

Kann man über Magie beim Schreiben schreiben? Oder sollte man die Magie nicht lieber sich selbst überlassen? 

Ist sie nicht ein scheuer Vogel oder, noch genauer, ein flüchtiges Elektron, das nicht beobachtet werden kann, ohne es zu stören und bis zur Unkenntlichkeit zu verändern?

Was sind magische Momente in einem Text? Als beliebtes Motiv in Fantasy-Romanen müssen Tore zwischen den Welten herhalten, die von Magie geöffnet werden: einem Zauberspruch, einer magischen Formel. Genau da liegt Ihre edelste Aufgabe als Autorin oder Autor: für den Leser ein solches Tor zu öffnen, durch das er einen Blick werfen kann auf mehr als auf die bloßen Worte und die Geschichte, die Sie erzählen.

Oft ergeben sich solche Momente per Zufall beim Schreiben, zumal verschiedene Leser verschiedene Tore sehen und durch sie hindurchtreten können. Magie hängt zusammen mit dem Thema und mit starken Gefühlen. Ein Roman ohne ein starkes Thema, hat keine Chance, Magie zu entwickeln. Ebenso wenig schafft das ein Roman, der nur in flachen oder melodramatischen Gefühlen schwelgt.

Magie ist etwas sehr Persönliches und etwas sehr Allgemeines. Beides muss enthalten sein, damit Magie entsteht.

Magie lässt sich nicht mit dem Verstand erfahren. Das Credo des kleinen Prinzen, man sehe nur mit dem Herzen gut, stimmt zumindest für Magie: Um Magie zu erkennen, brauchen Sie einen feinen Sinn für Gefühle. Magie setzt eine Gefühlsmembran in Schwingungen.

Der Leser muss sich selbst angesprochen fühlen, zunächst und vor allem aber muss er fühlen. Durch das magische Tor betritt der Leser die Geschichte und wird ein Teil von ihr so wie die Geschichte zu einem Teil von ihm wird. In manchen Fällen hält diese Bindung so lange, bis er das Buch zuklappt. In anderen aber verweilt sie länger, als kleines Phantomglück (der Gegenpol zum Phantomschmerz), weit über das Ende des Buchs hinaus, sie begleitet den Leser, ja, verändert ihn vielleicht sogar.

Die Magie ist für einen Leser beispielsweise diese Stelle, wo das Mädchen mit seinem Hund im Moor verschwindet. Sie erinnert ihn daran, wie er sich von einem Mädchen verabschie- dete, damals, als Teenager. Zugleich verschmilzt dieser bittersüße Abschied mit einer Reise ins schottische Hochmoor, die er erst einige Monate zuvor mit seiner Familie unternahm.

Das Gefühl, das der Autor dem verschwindenden Mädchen mitgibt, fühlt sich für den Leser genauso an wie seine eigenen Empfindungen.

Die Magie aber weist zugleich über den Einzelnen hinaus. Der Leser spürt das, er fühlt, dass die Geschichte größer ist als das, was zwischen die Buchdeckel passt. Er spürt auch, dass die Geschichte größer ist als er selbst. Magie zeigt das, was auf alle oder zumindest auf sehr viele Menschen zutrifft.

Magie hängt auch damit zusammen, was der Leser findet, auf der anderen Seite des Tors. Ein magischer Moment existiert dann, wenn er etwas Vertrautes entdeckt, das ihm zugleich vollkommen neu ist. Etwas, auf das er sein Leben lang gewartet hat und das ihn doch überrascht.

Magie, das sind Literatur gewordene Gegensätze, die sich nicht nur anziehen, sondern die einander brauchen, um überhaupt zu existieren.

Magie, das sind einfache Worte, die wir alle schon unser Leben lang kennen, und die doch zum ersten Mal etwas sagen, was wir noch nie zuvor gehört haben. Wörter, die einzeln ver- traut klingen und in ihrem magischen Zusammenspiel ein ganz neues Lied erschaffen.

Magie ist, wenn der Leser das Universum in einem Wassertropfen sieht.

Magie ist, wenn die Angst so groß geworden ist, dass sie in Tapferkeit und Mut umschlägt. Wenn der Hass an sich selbst zerbricht und eine Liebe übrigbleibt, die zu zart ist, lange zu überleben.

Magie ist, wenn sich der Leser als eigenständiger Teil der Masse und als die Masse selbst fühlt.

Magie ist schwarz und weiß zugleich und doch das Gegenteil von Grau.
Magie ist alles außer Magie. Magie ist nichts und enthält sich selbst unendlich oft.

Magie in einem Text ist etwas, das sich nicht beobachten lässt, weil es beim Beobachten zer- fällt.

Magie macht so in »Das letzte Einhorn« , was sie will.

Alles aber, was sich schwer beschreiben lässt, lädt zu drei Dingen ein: zu Esoterik verbrämt, zu Kitsch verunstaltet, zu Banalem vereinfacht zu werden.

Wie schaffen Sie echte Magie statt Esoterik?

Sie erschaffen Magie, indem Sie aufrichtig bleiben und ehrlich. Indem Sie sich den Fragen stellen, die Ihre Geschichte stellt.

Flüchten Sie sich nicht hinter bedeutungsleere Wörter und Floskeln, erfinden Sie keine komplizierten neuen Begriffe, sondern ergründen Sie die Kraft der vertrauten Wörter und treiben Sie ihre Kraft zum Äußersten.

Geheimnissen Sie nichts in die Dinge hinein, sondern legen Sie die Geheimnisse offen. Bis die Magie sich zeigt, ohne ihr tieferes Geheimnis preiszugeben.

Beispiel. In ägyptischen Gräbern der Pharaonenzeit hat man Vasen gefunden, die so voll- kommen gefertigt sind, dass man heute selbst mit Lasertechnik kaum in der Lage wäre, eine solch runde Form zu erschaffen. Sie könnten sagen, das waren Außerirdische. Oder Sie könnten Details der Vasen schildern und verschiedene Deutungsmöglichkeiten anführen. Das abschließende Urteil sparen Sie sich. Weil Sie nicht wissen, wie es war. Gehen Sie nur so tief in das Geheimnis, wie Sie gehen können, ohne zu einem Blender oder Betrüger zu werden. Überlassen Sie die Spekulationen und das Urteil dem Leser.

Magie heißt eben auch, Fragen aufzuwerfen und nur die Antworten zu geben, die Sie, durch Ihre Geschichte, belegen können.

Setzen Sie keine Nebelwerfer ein, um unscharfe Ränder zu erzeugen. Sondern zeigen Sie die Ränder der Dinge, zeigen Sie sie so scharf, wie Sie nur können. Echte Magie hält jedem noch so scharfen Blick stand. Mehr noch: Sie schärft den Blick für Details und erlaubt eine Ahnung dessen, was sich dahinter verbirgt.

Wie schaffen Sie echte Magie statt Kitsch?

Wer Kitsch macht, ist ein Fälscher. Es lädt echte Dinge oder authentische Situationen mit Gefühlen auf, ohne sie zu empfinden und ohne sie den Leser spüren zu lassen. Kitsch schleift Kanten ab. Kitsch verzuckert. Kitsch pfropft einer Geschichte ein glückliches Ende auf, obwohl nur ein tragisches Ende der Geschichte gerecht geworden wäre. Kitsch erschafft unmündige Leser. Weil Kitsch ihnen nicht zutraut, dass sie ihre eigenen Gefühle empfinden. Kitsch ist ein Diktator. Er sagt dem Leser, wie er etwas zu empfinden hat.

Magie überlässt die Gefühle dem Leser. Magie hat Selbstvertrauen. Magie überzuckert nicht, sondern arbeitet den Eigengeschmack einer Geschichte heraus. Magie tritt bescheiden auf. Dass sie das Scheinwerferlicht scheut, verschafft ihr bei manchen einen Ruf als Hexe oder schwarze Spinne, die im Hintergrund und unerkannt ihre Fäden spinnt. Magie aber hat nichts zu verbergen. Magie weiß nur, dass man ihren wahren Charakter am besten dann erkennt, wenn der Autor ihr die passenden Freiräume in seinen Zeilen und zwischen seinen Worten lässt.

Ein Sonnenuntergang kann kitschig sein oder voller Magie. Wer ihn mit schluchzenden Geigen unterlegt oder mit honigtriefenden Adjektiven, der entwertet ihn, der wird ihm nicht gerecht. Der verkitscht ihn.

Wenn Sie aber dem Leser den Sonnenuntergang zeigen, wie er ist, und das Große, das Einzig- artige, das Vertraute und zugleich Fremde herausarbeiten, machen Sie das Verschwinden der Sonne hinter dem Horizont zu einem magischen Moment. Magie schafft keine Gefühle, son- dern Sie schafft eine Bühne für diese Gefühle.

Wie schaffen Sie echte Magie statt Banalitäten?

Banales ist Alltag. Stellen Sie dem Alltag die Hoffnung auf Abwechslung zur Seite.

Banales ist das Vertraute. Zeigen Sie dem Leser das Fremde im Vertrauten.

Banales ist das Einfache, allzu Simple. Offenbaren Sie dem Leser das Komplexe im Einfachen.

Banales ist das, wo niemand genauer hinschaut. Belohnen Sie das Hinschauen mit über- raschenden, mit neuen Einblicken.

Banales ist flach. Loten Sie die Tiefen aus.

Banales ist gefühlsarm. Zeigen Sie die Leidenschaft, die in den vermeintlich toten Gefühlen noch schlummert.

Die Magie in der Sprache

Zur Magie gehört auch der richtige Einsatz der Sprache. Jedes Wort ist eine Welt, jeder Wortklang beschwört Gefühle herauf, doch erst ihr harmonischer Zusammenklang sorgt für Magie. Das hat weniger mit Poesie zu tun als mit dem Wahren, dem Schönen, dem Guten. Einen Unterschied zwischen Alltag und Magie macht die Wahl des treffenden Wortes aus.Wenn eine Schwalbe schwebt, ist das etwas anderes, als wenn sie fliegt oder flattert, wenn sie gleitet, segelt sie nicht, wenn sie schwirrt, dann stürzt sie nicht.

Wenn Sie das alles oder zumindest einiges davon beim Schreiben berücksichtigen, haben Sie gute Chancen, Magie in Ihren Texten aufscheinen zu lassen.

Denken Sie daran: Magie erfordert immer, dass auch der Magier sich in sie einbringt, einen Teil von sich offenbart oder opfert. Suchen Sie den ersten Funken eines magischen Textes in Ihrem Innern, Ihren Gefühlen, Ihren Sehnsüchten und Träumen.

Verzaubern Sie uns.

Autors kleiner Helfer

INHALT

  • Mehr Zeit zum Schreiben finden
  • Ihr perfekter Ort zum Schreiben
  • Selbstzweifel besiegen
  • Sich immer wieder motivieren
  • Disziplinierter werden
  • Mit Kritik umgehen und richtig kritisieren
  • Die passende Schreibgruppe finden
  • Schreibblockaden vermeiden und überwinden
  • Magie in Ihre Texte bringen

UMFANG
ca. 240.000 Anschläge ~ 140 Buchseiten

FORMAT
Kindle (.mobi). Lesbar auf Kindle, Kindle Fire, iPad, iPhone, allen Tablets und Smartphones mit Android, auf Windows PCs, Laptops & Netbooks, auf Apple.

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Stephan Waldscheidt ist freier Schriftsteller und Autoren-Coach. Geboren 1967 in Saarbrücken. Aufgewachsen im Saarland. Studierter Konsumentenforscher. Passionierter Kuchenbäcker, Kaffeetrinker, Kinogeher. Überzeugter Fußgänger, Wanderer, Reisender. Wohn- und lebhaft zwischen Karlsruhe, Schwarzwald und Elsass.

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