So überlebst du den NaNoWriMo

Der NaNoWriMo (National Novel Writing Month) ist ein Wettbewerb mit dir selbst: Schaffst du es, in dreißig Tagen 50.000 Wörter zu schreiben? Ein wahnsinniges Unterfangen, sollte man meinen. 50.000 Wörter, das sind 1667 Wörter am Tag! Und das trotz Beruf, Familie, gesellschaftlichen Pflichten und, und, und. Jeden Tag, Montag bis Sonntag, ja, auch am Wochenende.

Klingt verrückt, ist es aber nicht. Ich bin der lebende Beweis, letztes Jahr habe ich es geschafft, so wie wahrscheinlich viele, viele andere Menschen auf der ganzen Welt. Was für dich zunächst verrückt und unmöglich klingen mag, erweist sich am Ende als ein riesiger Spaß, wenn du dich erst einmal darauf einlässt.

Weder ich noch die vielen, vielen anderen Teilnehmer des NaNoWriMos sind besonders genial, talentiert, intelligent, diszipliniert, inspiriert oder was auch immer. Den NaNoWriMo zu überstehen ist eher eine Frage der Planung, der Technik und der Motivation.

Wie ich es letztes Jahr geschafft habe, den NaNoWriMo zu bestehen und was ich mir dieses Jahr vorgenommen habe, verrate ich dir im Folgenden:

1. Ansprüche senken

Klingt erst einmal doof, denn du willst ja gute Arbeit abliefern. Aber: Der NaNoWriMo trainiert dich darauf zu erkennen, dass es beim ersten Entwurf eines Romans (und nichts anderes schreibst du im NaNoWriMo) nur ein einziges Ziel gibt – fertig werden. Alles andere ist diesem Ziel untergeordnet.

Wie viele angefangene Romanmanuskripte, tolle Ideen, Rechercheergebnisse und geniale Figuren hast du in der Schublade liegen, die nie zu einem befriedigenden Ende geführt haben? Keine? Okay, gratuliere. Lass das mit dem NaNoWriMo.

Wenn du aber wie ich zum großen Rest der schreibenden Menschheit gehörst, dann weißt du genau, wo das Problem beim Schreiben liegt. Ideen sind nicht das Problem. Recherchieren ist keine große Sache. Figuren entwickeln und alle anderen Schritte, die zum Romanschreiben notwendig sind – schafft jeder mit links (hüstel …).

Aber wirklich mit einem Romanentwurf fertig werden, das gelingt nur den wenigsten. Und es gelingt nicht den Talentiertesten, Intelligentesten oder Belesensten – es gelingt denen, die wissen, dass der erste Entwurf immer Mist ist (frei nach Hemingway, er drückte sich drastischer aus, aber, he, vielleicht lesen hier auch Kinder mit).

Der NaNoWriMo zwingt dich dazu, nicht viel über das nachzudenken, was du schreibst. Er zwingt dich dazu, nicht ewig an einem geschriebenen Satz herumzubasteln. Er zwingt dich dazu viel und schnell zu schreiben, ohne dass dein innerer Kritiker ständig an dir herumnörgelt.

Den Anspruch, Druckreifes, Geniales oder Weltbewegendes von dir zu geben, musst du streichen. Das ist das ganze Geheimnis, um die 50.000 Wörter zu schaffen.

Na gut, fast … Es gibt noch:

2. Planung, Planung, Planung

Okay, den Anspruch zu senken, ist nicht das ganze Geheimnis. Sagen wir, es ist das größte Geheimnis. Das nächste, was du brauchst, um den NaNoWriMo zu überstehen, ist ein Plan. Ich zumindest habe im letzten Jahr – wie immer beim Schreiben – zuvor ein Stufendiagramm erstellt.

Dieses Stufendiagramm hatte 30 Kapitel – du ahnst wieso. Jeden Tag nahm ich mir ein Kapitel vor. Schon vor dem 1. November wusste ich, was in jedem Kapitel passieren soll. Hätte ich das nicht gehabt, hätte ich es nicht geschafft, ganz sicher. Das Stufendiagramm sagt mir, was ich wann zu schreiben habe, ohne dass ich lange darüber grübeln muss, was als nächstes passieren könnte.

Der Trick ist also, die eigentliche geistige Arbeit aus dem November auszulagern. Das ist das, was ich im Oktober tun werde. In diesen vier Wochen werde ich an meiner Grundidee basteln, Clustern, was das Zeug hält, Figuren entwerfen, mit dem Sieben-Punkte-System einen ersten Plot entwickeln und daraus ein Stufendiagramm mit 30 Kapiteln entwerfen.

3. Motivation

Das Gute am NaNoWriMo: Er ist auch schnell vorbei. Der Zeitraum ist überschaubar. 30 Tage, das hast du schnell hinter dir. Schneller als du glaubst. Ehrlich, der NaNoWriMo vergeht wie im Flug. Er hat schon etwas Rauschhaftes – oder sagen wir: Man ist so im Workflow, dass die Zeit verschwimmt. Diese Erfahrung will ich in keinem Fall missen und du solltest sie nicht verpassen. In den Workflow zu kommen – das gelingt natürlich nur, wenn du motiviert bist.

Manche können am besten abends oder nachts schreiben, wenn die Familie im Bett ist und das Telefon nicht mehr klingelt. Ich für meinen Teil bin nach einem Arbeitstag so gaga, dass abends schreiben für mich ausscheidet.

Ich schreibe lieber morgens. Zur Not, falls ich früh aus dem Haus muss oder so, stehe ich einfach früher auf.

Bevor ich irgendetwas anderes am Tag mache, schreibe ich erst einmal mindestens eine Stunde. Morgens ist dabei für mich einfach die beste Zeit. Ich bin frisch und ausgeruht, der Kopf ist frei, das Telefon klingelt noch nicht (wehe!) und draußen und drinnen ist es still.

Besser sind zwei Stunden, aber das klappt nicht immer. Dann muss im Laufe des Tages noch eine Stunde her. Diese Stunde muss ja nicht am Stückt sein. Zehn Minuten hier, eine Viertelstunde dort – das schaffst du schon.

Wenn es dir gelingt, zwei Stunden am Tag zu schreiben, musst du nur 834 Wörter in einer Stunde runterreißen. Klingt doch schon gar nicht mehr so viel, oder? Ich gebe zu, ich tippe schnell. Aber auch das lässt sich trainieren.

Zur Erinnerung: Zeit zum Überarbeiten, Grübeln, Nachschlagen bleibt da nicht. Das ist aber auch der Sinn der Sache. Vergiss Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung! Wirf Lexikon und Thesaurus in die Tonne! Verzichte darauf, jeden Quark zu googeln.

Das alles gehört in die Überarbeitung, aber nicht in den ersten Entwurf, in die entscheidende Phase des NaNoWriMo. Dezember ist ja auch noch ein Monat …

Ich habe auf diese Weise meine Schreibgewohnheiten, meine Routine,  entscheidend geprägt (und noch viel wichtiger: meinen inneren Kritiker besiegt) und schaffe es seitdem eigentlich (fast) immer mindestens 1667 Wörter am Tag zu schreiben (Okay, ich bin auch nur ein Mensch und manchmal einfach faul …).

Das ist der tiefere Sinn hinter dem NaNoWriMo. Ich glaube gelesen zu haben, dass es rund vier Wochen dauert, eine neue Gewohnheit zu prägen. Also, selbst wenn du es nicht schaffen solltest, 50.000 Wörter zu schreiben, dann hast du trotzdem gewonnen, wenn du einen Schreibrhythmus gefunden hast, wenn du dein Leben so organisiert hast, dass du täglich etwas Zeit zum Schreiben findest.

Für die Motivation noch wichtig: Melde dich auf der Website vom NaNoWriMo an, erstelle ein Benutzerkonto und verwende die vielen kleinen schicken Tools, die dort für dich bereitstehen. Hier kannst du dich nicht nur der Welt vorstellen und dein Projekt bewerben. Du kannst auch mit kleinen Programmen Statistiken über deinen Fortschritt erstellen. Nichts motiviert so sehr wie eine kleine Kurve, die ständig ansteigt und die genau anzeigt, wo du gerade stehst und – vor allem – was du bereits alles geleistet hast.

Am Ende bekommst du, wenn du es schaffst, sogar eine Urkunde! Und einen kleinen Button für deine Website (bei mir ganz unten links). Wenn das kein Ansporn ist!

Und nur so zum Protzen, hier meine Urkunde vom letzten Jahr, die seitdem eingerahmt über meinem Schreibtisch hängt, direkt vor meiner Nase, damit ich sie immer als erstes sehe, wenn ich mal von der Tastatur aufblicke:

Aber damit ist es noch nicht getan. Weitere Motivation kannst du dir auf FacebookTwitter, auf der NaNoWriMo-Website, in diversen Podcasts (ja, auch bei den Die SchreibDilettanten) und Foren holen.

Ganz Engagierte können sich sogar in Schreibtreffs versammeln, in Cafés oder Kneipen in allen größeren deutschen Städten. Für mich ist das nix, denn die Zeit, die ich brauche, um dahin zu fahren, verwende ich lieber zum Schreiben. Aber vielleicht bist du ja anders gestrickt. Und neue Leute kennenlernen ist nie verkehrt (vor allem, wenn sie Autoren sind wie du).

Vergiss nur nie: Du bist nicht alleine. Im Gegenteil! Als Teilnehmer am NaNoWriMo bist du Teil einer weltweiten, großen Community aus Autoren, die alle im November genau das gleiche machen (und darunter befinden sich auch einige Bestseller-Autoren, wie beispielsweise die Jungs – und das Mädel – von Writing Excuses, also nicht nur unveröffentlichte Autoren). Wenn das nicht motiviert, weiß ich auch nicht mehr weiter.

4. Schmutzige Tricks

Gut, da du bis hierhin durchgehalten hast, kommen wir zu den ganz geheimen Geheimnissen: Am Anfang, so die erste Woche, wirst du vor Motivation nur so strotzen. Gut so. So muss das sein. Schreibe was das Zeug hält! Wahrscheinlich wirst du in den ersten Tagen sogar viel mehr als die 1667 Wörter täglich schaffen. Vielleicht 2000 oder 3000.

Mein Tipp: Halte dir das erste Wochenende im November so frei wie möglich und tippe um dein Leben. 10000 Wörter kann man da schon an zwei Tagen schaffen, wenn sonst nichts ansteht.

Das Dümmste, was du tun könntest, wäre, dich in dieser Phase selbst zu bremsen. Lass es raus, schreibe, was das Zeug hält! Denn es kommt im Laufe des Novembers noch anders. Falls nicht, halleluja. Aber wenn man sich auf etwas verlassen kann, dann darauf, dass ein Plan nie funktioniert.

Die Kinder werden krank, wichtige Feiern, die man nicht absagen kann, fressen Zeit, der Chef erhöht das Arbeitspensum und so weiter. So doof, wie es kommt, kann man nicht denken. Es werden die Tage kommen, in denen du keine 1667 Wörter schaffst, vielleicht nicht einmal tausend.

Meistens ist das der berühmte Hänger in der Mitte. Ich habe den immer, bei jedem Projekt. Ist halt so. Dann ist es gut, wenn du ein kleines (besser: ein größeres) Polster hast.

Wenn du einen Hänger hast – nur nicht hinschmeißen. Poste das in einem Forum, teile dein Leid mit Gleichgesinnten auf Twitter, veröffentliche deine Sorgen auf deinem Blog oder (beste Möglichkeit), rede mit jemandem persönlich, der auch am NaNoWriMo teilnimmt. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Sprich konkret über deine Schwierigkeiten. Du weißt beim Plot nicht weiter? Hast dich verrannt? Deine Figuren machen, was sie wollen? Dein Plan funktioniert nicht mehr?

Das Schlimmste, was du nun tun könntest, wäre, lange selbst darüber zu grübeln. Besprich das so schnell wie möglich mit jemand anders. Häufig ist man betriebsblind. Jemand, der unverbraucht draufguckt, findet unter Umständen ganz schnell eine Lösung – oder hat mindestens ein paar tröstende oder motivierende Worte für dich.

Schließlich ist es auch sehr wichtig, sich mit dem Romanmanuskript nicht zu überfordern. Soll heißen: Nimm einer Perspektive, mit der du gut klarkommst (schreibst du gerne in der ersten Person, nimm diese, lieber in der dritten, dann wage keine Experimente). Versuche, mit so wenig Figuren wie möglich auszukommen. Erzähle nur einen Handlungsstrang. Wähle einen geradlinigen Plot. Lasse die Handlung an einem möglichst überschaubaren Ort spielen. Und so weiter. Du weißt, worauf ich hinauswill.

Wenn du es anspruchsvoller und komplizierter haben möchtest: Überarbeite die Sache im Dezember. Für den November muss alles so simpel wie möglich sein.

Was hast du dir für den NaNoWriMo vorgenommen? Was sind deine Erfahrungen? Oder hast du noch fragen?

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9 Gedanken zu “So überlebst du den NaNoWriMo

  1. Pah, Vorbereitung ist was für Luschen! Dieses Jahr müssen zwei Wochen bei mir reichen. Story? Tolle Charaktere – das kann doch jeder 😉 Dieses Jahr: Mein Versuch im (fast) Discovery-Writing.

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  2. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal etwas Nano-iges gemacht.
    Im August hab ich am Camp NaNo teilgenommen und (wegen Urlaubs) die 50k in drei Wochen runtergerissen.
    Das war… interessant.
    Nächsten Monat werde ich den NaNoWriMo nutzen eine Sache voranzutreiben, die schon länger da liegt. Es wird bestimmt wieder interessant. 🙂

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