Mark Bowdens Worm – Der erste digitale Weltkrieg

Wer bei Computerwürmern an kleine, ekelige Tierchen denkt, die sich langsam durchs Gehäuse fressen, der hat sich schon für die Lektüre von Mark Bowdens Worm – Der erste digitale Weltkrieg qualifiziert.

Bowden ist ein amerikanischer Journalist, der hierzulande vor allem dadurch bekannt sein dürfte, dass er die Vorlage für Ridley Scotts Film Black Hawk Down geschrieben hat.

Kabale vs. Conficker

Würmer im Internet und auf Computern sind eine besonders heimtückische Form von Schadsoftware. Ihr Ziel ist es, den Rechner eines ahnungslosen Users zu einem Zombie in einem Botnet zu machen, also in einem Netz aus einzelnen Computern, deren Rechenleistung kombiniert wird, um damit Verbrechen zu begehen.

Das Perfide an Würmern ist, dass der User nichts von dem Befall seines Rechners merkt, da der Wurm für unbestimmte Zeit schlummert. Selbst wenn er aktiviert wird, muss das nicht auffallen.

Am Ende steht dem Programmierer eines Wurms ein Netz aus Dutzenden, Hunderten, Tausenden oder sogar Millionen Rechnern zur Verfügung, mit deren Leistung er allen möglichen Schaden anrichten kann – bis hin zum Lahmlegen beträchtlicher und vitaler Teile des gesamten Internets.

Bowden widmet sich einem ganz besonders heimtückischen Wurm, der seit 2008 sein Unwesen treibt und den klangvollen Namen Conficker trägt. Genauer: Bowden schildert den dramatischen Kampf der Kabale, einer Gruppe von Abwehr-Spezialisten, gegen Conficker. Nach jedem gelungenen Versuch der Kabale, den Virus-Code zu knacken oder Gegenmaßnahmen zu ergreifen, taucht eine neue Version des Codes auf.

Ein spannender Wettlauf. Es gelingt der Kabale, durch kluges Tricksen, Conficker im Zaum zu halten. Mehr aber auch nicht.

Sehr schön zeigt Bowden auf, mit welche natürlichen Grenzen dem Kampf gegen Viren und Schadsoftware im Internet gesetzt sind. Ich sage es mal so: Ich würde nach der Lektüre des Buches keine illegale Windowskopie mehr auf einem Rechner installieren und jedes Update herunterladen, bevor es veröffentlicht wird.

Nahezu fassungslos stehe ich den Schilderungen des Autors gegenüber, wenn er erzählt, wie ignorant offizielle Stellen mit der Gefahr, die Softwarewürmer und andere schädliche Programme bedeuten, umgehen. Offenbar hinkt hier gerade die in Hollywood so sehr glorifizierte US-amerikanische Buchstabensuppe der Realität im World Wide Web extrem hinterher.

Laut Mark Bowden wird das Internet von konservativen Politikern und Staatsdienern immer noch als ein Spielplatz für Nerds angesehen, die gerne unter sich sind und mit dem Rest der Welt nichts zu tun haben. Das Bewusstsein, das heutzutage praktisch alles und jeder auf das Internet angewiesen ist und sensible Teile des öffentlichen Lebens angreifbar sind, ist praktisch nicht vorhanden.

Besonders interessant fand ich auch, wie sehr sich die Kabale untereinander uneins ist und welche zwischenmenschlichen Schwierigkeiten den Kampf der Virenwächter unnötig erschweren, während sich die Bösewichte im Schatten die Hände reiben.

Was die Sache schwierig macht, aber auch den besondern Reiz der Thematik bildet: Conficker hat sich zwar (bis heute) weltweit auf unzähligen Rechnern eingenistet. Allerdings hat der Wurm seinen eigentlichen Zweck noch nicht verraten. Das Vernichtunspotenzial des Programms ist gewaltig, die Möglichkeit für das organisierte Verbrechen, mit dem Wurm viel Geld zu verdienen, beträchtlich. Wieso tut er das nicht?

Ist Conicker das Werk einer feindlichen Macht? Eines Geheimdienstes oder des Militärs? Oder ist er das Werk der organisierten Cyberkriminalität? Ein schlechter Witz verantwortungsloser Hacker? Was soll er eigentlich bewirken?

Somit besitzt Worm – Der erste digitale Weltkrieg zwangsweise ein offenes Ende.

X-Men vs. Fußnoten

Das Thema ist relevant, gut aufbereitet und hochgradig spannend. Ganz nebenbei und ohne Anstrengung taucht man mit Worm – Der erste digitale Weltkrieg als Leser in die Welt der Computer und Massenkommunikation ein, während man den Eindruck hat, kein trockenes Sachbuch, sondern eine ausführliche und aufregende SPIEGEL- oder ZEIT-Reportage zu lesen.

Bowdens Sprache ist flott, kumpelhaft und trotz der hohen Informationsdichte verständlich. Er hat mich nicht abgehängt, ich habe Neues gelernt, aber vollkommen unbeleckt bin ich in der Materie auch nicht. Offensichtlich gehöre ich genau in seine Zielgruppe. Ob und wie das Buch für andere interessant und aufschlussreich ist, die sich besser oder schlechter in der Materie auskennen, kann ich nicht beurteilen.

Als Fan haben mir hier besonders Bowdens Vergleiche der Kabale mit den X-Men aus dem Superhelden-Genre gefallen. Bowden taucht nicht nur tief in die Nerd-Kultur ein, er benutzt auch deren Sprache. Ein literarisches Mittel, das natürlich ganz hervorragend in ein Buch mit dieser Thematik passt und beweist, dass Mark Bowden ein echter Kenner ist. Für mich hat das einen beträchtlichen Teil des Lesevegnügens ausgemacht.

Ohnehin ist Mark Bowden für dieses Thema offensichtlich ein Glücksfall. Er trifft stets genau den richtigen Ton, der den Leser einerseits eine sehr eigene Welt aus Fachausdrücken, technischen Entwicklungen und verschrobenen Persönlichkeiten betreten lässt, ihn aber andererseits auch nicht mit zu viel Exotik überhäuft, so dass er den Faden verliert.

An den richtigen Stellen zeigt Bowden dem Leser, was er sehen muss. Es entstehen dramatische und spannende Szenen lebendig vor dem inneren Auge. Andererseits weiß der Autor auch sehr gut, wann Show Don’t Teil nicht angebracht ist, um den Leser schnell mit Informationen zu versorgen.

Etwas gestört hat mich die Häufung von Fußnoten auf den ersten Seiten. Den Sinn und Zweck eines Personenregisters sehe ich bei dem Stoff und der dem Format geschuldeten Kürze bei der Figurendarstellung ja ein. Die Funktionalität eines lexikonartigen Anhangs und seitenlanger Anmerkungen, die beinahe schon ein eigenes Buch ergeben, hingegen nicht.

Ich frage mich, wieso Bowden darauf verzichtet hat, diese Dinge gleich im Fließtext unterzubringen. Immerhin ist er ein sehr fähiger Autor, der wichtige und komplexe Details klar und einfach erläutern und Texte übersichtlich organisieren kann. Das hat er im restlichen Text bewiesen.

Wozu soll dieses kleine Handbuch des PC-Jargons gut sein? Ich bezweifle, dass in Zeiten von Wikipedia und vor allem bei dieser Thematik und dem Schreibstil, ein Leser das Buch später als Nachschlagewerk benutzt. Entweder ist es sehr mühselig, beim Lesen ständig hin und her zu blättern oder ich ignoriere den Anhang. Ich hatte mich für Letzteres entschieden und habe ihn beim Lesen auch nicht vermisst.

Doch das ist nur ein kleines Manko, das das Lesevergnügen kaum beeinträchtigt.

Was mir am Buch wirklich nicht gefällt

Weder vom Cover noch vom Klappentext her ist ersichtlich, ob es sich bei Worm um einen Roman oder ein Sachbuch handelt. Da ich mich nicht gerne spoilern lasse, lese ich prinzipiell über Bücher so wenig wie möglich, bevor ich einen Buchdeckel aufschlage.

Aufgrund der Aufmachung und des Klappentextes ging ich davon aus, dass es sich um einen Roman handeln würde (und dass das nicht nur mir so ging, zeigen beispielsweise diese Besprechungen von Hufies Lesestall oder dradio). Der Anfang ist auch recht romanhaft. Gerade als ich mich darüber wunderte, wie ein Lektor einem Autor so viel Infodump durchgehen lassen kann, kapierte ich, dass es sich um ein Sachbuch handelt.

Schließlich konnte ich den Text auch genießen. Aber ein eindeutiger Hinweis hätte mir gefühlte zwanzig Seiten Irritation erspart.

Fazit: Kurzweilige Unterhaltung trotz hoher Informationsdichte, die zum Nachdenken anregt

Tatsächlich hängt Worm zwischen Sachbuch und Roman. Es gibt Figuren, die wie im Roman behandelt werden, es gibt die „Human Story“ und literarische Mittel, wie man sie von vom New Journalism beeinflussten Magazinen her kennt. Diesen Stil muss man mögen, wenn man Worm genießen will. Mir jedenfalls gefällt er.

Ich finde das Buch lesenswert. Für Thriller- oder SF-Autoren ist es eine lohnende Anschaffung, die viel Recherche erspart und sogar als stilistische Blaupause dienen kann.

Besonders schön für Autoren ist auch die Tatsache, dass das Buch eine Menge Fragen aufwirft, aber die letzten entscheidenden Antworten schuldig bleibt – weil es halt einfach noch keine Antworten auf die Fragen gibt: Wer steckt hinter Conficker? Und welchen Zweck soll der Wurm eigentlich erfüllen?

Für einen Schriftsteller ist das gerade zu eine Einladung, die Leerstellen mit eigenen Ideen zu füllen.

Natürlich ist Worm auch einfach eine spannende und aufschlussreiche Lektüre für Nichtautoren, die eine kleine Fortbildung in Sachen Gefahren aus dem Internet absolvieren und beim Lernen auch noch spannend unterhalten werden wollen.

Das Buch hat vier von fünf Sternen verdient, wie ich finde.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet hier auf der Website des Musikexpress zwei Probekapitel.


Mark Bowden: Worm. Der erste digitale Weltkrieg

Aus dem Amerikanischen von Thomas Pfeiffer
Berlin Verlag, Berlin 2012
320 Seiten, 19,90 Euro, auch als E-Book erhältlich für 15,99 Euro

Links zur Rezension auf einen Klick:

Vielen Dank an Blogg dein Buch und den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s