John Scalzi: Geisterbrigaden

Achtung: Wenn du Krieg der Klone von John Scalzi noch nicht gelesen hast, wirst durch diese Rezension gespoilert. Ich hab‘ dich gewarnt …

Die Koloniale Union (KU) ist von tödlichen Feinden umzingelt. Überall machen sich die Menschen unbeliebt. Kein Wunder, dass die Koloniale Verteidigungsarmee (KVU) mit einfachen Menschen als Soldaten nicht mehr auskommt.

In „Krieg der Klone“ zeigte uns John Scalzi, wie Senioren von der Erde angeworben werden, um ihr Bewusstsein in genetisch hochgezüchtete Twen-Versionen ihrer selbst transferiert zu bekommen. Kurz hatten wir dort auch einen Blick auf die Geisterbrigaden werfen dürfen, jene aus dem Genpool Gefallener gezüchteten Spezialeinheiten, die ebenso berühmt wie berüchtigt sind.

Wenn du dich also darauf freust, die Hauptfigur aus „Krieg der Klone“, John Perry, wiederzutreffen – dann freue dich lieber auf was anderes.

Worum geht’s?

In „Geisterbrigaden“ steht eine Spezialeinheit der KVU im Mittelpunkt der fulminanten Handlung.

Die Mitglieder der Geisterbrigaden bestehen aus den geklonten Körpern verstorbener Soldaten, deren Gehirne mit künstlich erzeugten Bewusstseinsmustern gespeist werden, die nur einen Zweck kennen: den Kampf. Den beherrschen sie so gut wie sonst niemand. In allen anderen Belangen sind sie nicht viel weiter als Kleinkinder – was sie im Prinzip auch sind, denn die menschlichen Kriegsmaschinen werden binnen weniger Monate im Tank gezüchtet.

In der Theorie sollten sie seelenlos sein (daher auch die Bezeichnung Geisterbirgade), aber natürlich setzt sich der menschliche Faktor durch.

Wie wir schon in Krieg der Klone gelernt haben, erinnert sich auch der geklonte Körper wenigstens teilweise an die Erfahrungen seines Originals, so sehr auch versucht wird, diese Erinnerungen zu unterdrücken. Ein Effekt, den sich die skrupellosen Militärs der KVA zu Nutze machen wollen.

Denn die Alien-Gesellschaften der Obin und die Rraey haben sich gegen die Menschen verbündet, um uns lästige Parasiten, die ihnen den Lebensraum wegnehmen wollen, zu vernichten. Das kann sich die KVA nicht gefallen lassen, vor allem nicht, weil der geniale Wissenschaftler Charles Boutin zum Feind übergelaufen ist.

Niemand weiß, was Boutin vorhat, also greift die KU zu einem ebenso durchtriebenen wie skrupellosen Trick: Sie züchtet aus Boutins DNA einen Klon, Jared Dirac, in der Hoffnung, dass Boutins Erinnerungen sich langsam in seinem Klonhirn durchsetzen und sie ihn so aushorchen können, um herauszufinden, was der Überläufer ausheckt.

Für Autoren interessant: Spannend, kurzweilig, aber nicht platt

Wer den ersten Band „Krieg der Klone“ kennt, ahnt, dass John Scalzi diese Ausgangssituation für eine spannende Mischung aus Action und schillernde Anekdoten in seinem Setting nutzt. In „Geisterbrigaden“ würzt er seinen Kessel Buntes noch mit einer Prise derber Sozialkritik mehr als im Vorgänger, verliert jedoch trotzdem nicht den Fokus.

Der Vergleich zum vorigen Band ist praktisch zwingend, denn „Geisterbrigaden“ ist weniger eine Fortsetzung als eher eine Art Reboot von „Krieg der Klone“. Gleiches Universum, sehr ähnliche Story, aber anderer Fokus.

Für Autoren ist es deswegen besonders spannend, „Geisterbrigaden“ möglichst schnell nach „Krieg der Klone“ zu lesen, weil sich hier Scalzis Fortschritt als Schriftsteller wunderbar erkennen lässt.

Ein bisschen hat mich zu Beginn der Perspektivwechsel irritiert. Während Krieg der Klone konsequent aus John Perrys Sicht erzählt wurde, verwendet Scalzi in Geisterbrigaden mehrere Perspektivfiguren und ausschließlich personale Erzähler.

Auf den ersten Seiten war ich darüber hoch ein wenig enttäuscht. Aber schon gegen Ende des ersten Kapitels gibt es eine überraschende Wendung, die nur in diese Perspektive möglich ist, so dass ich schnell mit dem Perspektivwechsel versöhnt worden bin.

Scalzi hat einen sehr interessanten und eigenwilligen Weg gefunden, seine Buchreihe fortzusetzen. Er folgt weniger dem Harry-Potter-Prinzip, bei dem mit jedem Roman die Story der gleichen Figuren weitererzählt wird, als den Fußstapfen von Terry Pratchett, der mit jedem neuen Band andere Figuren seiner Welt ins Rampenlicht zerrt.

Auf den zweiten Blick ist das eine wirklich gute Entscheidung, denn so wird Scalzi dem Anspruch der Space Opera, ein wirklich großes Universum zu zeigen, gerecht. Hatte man bei „Krieg der Klone“ noch gelegentlich das Gefühl, einen Hard-Boiled-Krimi im Weltraum zu lesen (was allein der Perspektive und Scalzis lakonischem Erzähler geschuldet war), so kommt bei „Geisterbrigaden“ bestes SF-Feeling auf.

Aber auch ohne analytischen Blick macht Geisterbrigaden einfach Spaß. Scalzi spinnt spannendes und witziges Weltraumgarn, das direkt auf das Unterhaltungszentrum des Gehirns abzielt.

Wenn du literarische, tiefgründige SF suchst, suche weiter. Willst du über 400 Seiten geballte und solide geplottete und geschriebene Sci-Fi-Unterhaltung mit tollen Figuren, dann ist Geisterbrigaden genau das Richtige für dich.

Mehr Infos über das Buch auf der Verlagswebiste:

http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Geisterbrigaden-Roman/John-Scalzi/e220591.rhd;jsessionid=0D10E5C3EC8A3EE59D17159C82A4859B

Originaltitel: The Ghost Brigades
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen

DEUTSCHE ERSTAUSGABE

Taschenbuch, Broschur, 432 Seiten
ISBN: 978-3-453-52268-8
€ 8,95 [D] | € 9,20 [A] | CHF 13,50* (* empf. VK-Preis)

Verlag: Heyne

Erscheinungstermin: 5. November 2007/als eBook 2. Oktober 2009

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