Aliens beschreiben leicht gemacht

Der beeindruckendste Außerirdische aus Film und Fernsehen ist für mich das namenlose Alien aus Ridley Scotts gleichnamigen Film (und dessen Fortsetzungen). Das von H.R. Giger entworfene Fremdwesen kommt nicht nur in einer Reihe toll erzählter Geschichten vor – es hat vom Design her auch einige wichtige Eigenschaften, die den Erfolg der Reihe begründen.

1. Du siehst mich, du siehst mich nicht …

Gerade im ersten Alien-Film wird sehr viel mit der Fantasie des Zuschauers gearbeitet. Fast den gesamten Film über sehen wir das Alien selbst so gut wie gar nicht, aber seine „Begleiterscheinungen“ (Eier, Face-Hugger etc.).

Das Alien kommt aus der Dunkelheit, versteckt sich im Nebel und hält Maximal zwei Körperteile gleichzeitig in die Kamera.

Eine Kralle hier, ein Fangzahn dort – so überlässt der Film Vieles der Fantasie des Lesers und erzeugt dadurch ein Gefühl der Fremdartigkeit.

Vor allem aber hören wir das Alien und sehen es in seinen Taten. Der größte Teil der Beschreibung des Fremdwesens wird also der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Auch als Romanautor halte ich es für schlauer, nicht zu sehr ins Detail zu gehen, wenn ich Aliens oder Ungeheuer beschreibe, denn damit gehe ich auch immer das Risiko ein, die Fantasie des Lesers entweder zu über- oder zu unterfordern.

Wähle ich ein zu fremdartiges Design für mein Alien, hänge ich den Leser ab. Er kann sich kein Bild von der Figur machen und verliert schlechtesten Falls das Interesse an meiner ganzen Geschichte.

Vor allem stellt sich die Frage, wie denn so ein vollkommen fremdartiges Design überhaupt aussehen sollte. Klar kann ich mir vieles vorstellen, doch die Frage ist, wie ich es schaffe, diese Vorstellung dann auch zu transportieren. Das Risiko, dass ich den Leser mit zu vielen Details und ausufernden Beschreibungen und abstrakten Begriffen langweile, ist groß.

Wähle ich jedoch ein zu naheliegendes Design, wie beispielsweise die Vogelmenschen von Flash Gordon, kann sich der Leser dies gut vorstellen. Allerdings kann es schnell passieren, dass ich damit in unfreiwillige Komik abgleite.

 2. Wer kann sich schon was unter einer Energiewolke vorstellen?

Das Geniale an „Alien“ ist jedoch, dass zum Höhepunkt der Story (und auch in den Folgefilmen) das Alien dem Zuschauer schließlich doch in seiner ganzen Pracht zeigt. Dank des herausragenden Designs wird jedoch die Fantasie des Zuschauers nicht hinweggefegt. Vielmehr werden die schlimmen Erwartungen, die der Film zuvor weckt, bestätigt oder sogar übertroffen.

Die Kunst des eigentlichen Designs des Aliens besteht darin, Bekanntes mit Neuem zu kombinieren. Wir haben einige Zutaten, die handfest sind: Krallen, Zähne, eine schwarze, käferartige Haut …

Gleichzeitig sind die einzelnen Elemente auf eine Art und Weise kombiniert, wie wir sie aus der Natur nicht kennen. Gut, zwei Arme und zwei Beine, ein Kopf und ein Schwanz, das sind die Basics, mit denen wir vertraut sind. Aber was soll der seltsam langgezogene Kopf? Ein Chithinpanzer bei einem Wesen dieser Größe kommt in der Natur nicht vor und schon gar nicht ein großer Kiefer, aus dem sich noch ein zweiter herausschiebt …

H.R. Giger hat in diesem Design also Dinge kombiniert, die in uns allesamt unangenehme Assosiationen wecken (Eigenschaften von Insekten und Raubtieren), sie aber auf eine neue Art und Weise angeordnet, die uns verwirrt und damit das Gefühl der Fremdartigkeit vermittelt.

3. Außerirdische im Eigenbau

Für mich als SF-Autor folgen daraus die beiden Prinzipien, einerseits bei Beschreibungen nicht zu sehr ins Detail zu gehen, sondern dem Leser lediglich wesentliche Merkmale zu zeigen, mit denen er etwas assoziieren kann, gleichzeitg aber ein Design im Kopf zu haben, das Bekanntes auf neue Weise kombiniert.

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6 Antworten auf “Aliens beschreiben leicht gemacht”

  1. Völlig richtig! Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Das gilt nicht nur für Aliens, Monster etc, das gilt für jede Figur. Wenn ich sage: „Er war groß, schmal und dunkelhaarig“, dann reicht das fast. Eventuell noch die Augenfarbe und / oder für die Handlung entscheidende Details, aber viel mehr sollte m. E. nicht sein. Wenn er eine wichtige Figur ist lernen die Leser gewisse Eigenschaften (ist er stark oder eher schwach, wie oft rasiert er sich, was für Kleidung trägt er gerne) kennen, sehen (oder hören, fühlen etc.) ihn vielleicht auch mal durch andere Personen, so dass sich nach und nach ein Bild zusammensetzt. Ist er eine Nebenfigur, müssen die mehr gar nicht wissen. Je mehr wir der Phantasie unserer Leser überlassen, desto mehr wird die Figur zu ihrer Figur.

    Totbeschreiberei hingegen: „Sein kurzgeschnittenes dunkles Haar stand wie eine Armee in Habacht über seiner Stirn, die dunklen Augen beschatteten geheimnisvoll seine hohen Wangenknochen, die sich zu einem üppigen roten Mund hinabschwangen, der über einem truthahndünnen Hals etc., etc.,“ führt nicht nur dazu, dass die Figur langweilig wird, es besteht auch die Gefahr, dass wichtige Details untergehen. Gilt für Aliens natürlich noch mehr: „Ach, der hat ätzendes Blut? War mir über den schimmernden Oberkopf, die Anzahl der Kiefer und das Wirbelzählen glatte entgangen.“ 😀

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  2. Abgesehen von Aliens. Ich würde mir wünschen, dass die Science-Fiction-Autoren sich mehr mit Biologie befassen, bevor sie einen Außerirdischen kreieren.

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