Lohnt es sich wirklich, sich mit kreativem Schreiben zu beschäftigen?

„Niemand sollte sich in das Studium kreativer Schreibtechniken vertiefen. Es lohnt sich einfach nicht. Das hier ist kein Medizinstudium. Ich kann niemandem beibringen, etwas zu sagen zu haben.“

Neulich las ich dieses Zitat von der amerikanischen Autorin Ann Patchett, das mich ganz schön ins Grübeln brachte. Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit den Techniken des kreativen und dramatischen Schreibens.

Wer bin ich, dass ich Ann Patchett widersprechen sollte? Immerhin wurde sie vom Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen gewählt (was auch immer das so genau bedeuten mag). Bin ich also auf dem Holzweg? Verschwende ich Zeit?

Ich denke nicht.

Ich schätze an den Techniken des kreativen Schreibens, dass sie sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt: Strukturen, Muster und Regelhaftigkeit von Literatur.

Sich mit kreativem Schreiben zu beschäftigen bedeutet auch, Begriffe zu schaffen, um sich besser über Literatur austauschen zu können. Auch Nicht-Autoren reden vom Plot eines Romans oder von Figuren. Je besser ich mich mit diesen Begriffen – auch als leidenschaftlicher und interessierter Leser – auskenne, desto besser kann ich mich über Literatur austauschen. Als Autor ist es um so wichtiger, sich über Geschriebenes mit anderen auszutauschen. Ohne Begriffe ist das zwar möglich, jedoch viel schwieriger und weniger fruchtbar.

Und für mich ist es extrem wichtig, sich mit anderen über Texte auszutauschen. Das führt schlichtweg zu besseren Texten.

Kreative Schreibtechniken bringen Ordnung in einen chaotischen Prozess. Ein Stufendiagramm beispielsweise kann einem Romanautor viel Arbeit beim Editieren ersparen. Und damit auch eine Menge Frust. Frust zu vermeiden ist absolut zentral beim Schreiben. Es ist schwer genug, sich tagtäglich zu motivieren.

Kommen wir zum zweiten Teil des Zitats. Natürlich ist es Quatsch, jemandem beibringen zu wollen, etwas zu sagen zu haben. Und kreative Schreibtechniken haben damit auch nicht das Geringste zu tun.

Das wäre ungefähr so, als würde ein Architekt im Studium lernen wollen, wie jemand sich in seinem Haus wohlfühlt. Ob ein Haus behaglich ist, hängt letztendlich vom Bewohner ab, nicht vom Architekten. Der Architekt kann sein Bestes geben, aber letztlich hat das letzte Wort nicht er, sondern derjenige, der schließlich sein Leben darin verbringen muss.

Mit einem Roman ist es ganz genauso. Die Techniken des kreativen Schreibens können dafür sorgen, dass ich mich besser ausdrücken kann. Was davon jedoch später beim Leser trotz aller Bemühungen ankommt, kann trotzdem nicht von Autor entschieden werden. Nur die Chancen können verbessert werden. Warum sollte ich mich also nicht darum bemühen, als Autor so viel wie möglich über mein Handwerk zu lernen? Ich empfinde das als Dienst am Leser.

Sollte Patchett gemeint haben, dass Schreiben wichtiger sei, als das Studieren von Schreibbüchern, dann würde ich ihr teilweise zustimmen. Es gibt bestimmt auch das Phänomen, dass man zu viel studiert und zu wenig schreibt. Auf jeden Fall sollte die Zeit, die zum Schreiben da ist, nicht großartig unter der Beschäftigung mit Schreibtechniken leiden. Aber das hält mich nicht davon ab, in der U-Bahn meine Nase in ein Schreibbuch zu stecken oder beim Joggen einen entsprechenden Podcast zu hören.

Okay,  jetzt habe ich Mrs. Patchett doch widersprochen.

Lohnt es sich für dich, kreative Schreibtechniken zu erlernen?

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10 Antworten auf “Lohnt es sich wirklich, sich mit kreativem Schreiben zu beschäftigen?”

  1. Hi Marcus

    Mein erster Versuch mich mit kreativen Schreibtechniken (täglich 10 Minuten von Hand ohne Pause und Ziel zu schreiben, einfach zu schreiben) führte nach noch nicht mal einer Woche zum Einstieg und zur Idee des Romanprojektes, an dem ich nun seit einigen Monaten sitze.
    Ich denke also ja, es lohnt sich und Frau Patchett hat unrecht, zumindest in der Absolutheit wie ihre Aussage auf den ersten Blick daherkommt. Aber jetzt wiederhole ich dich. 😉

    Gruss
    Marc

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  2. Natürlich weiß ich nicht, was Ann Patchett mit ihren Worten genau meinte, aber ich habe den ersten Absatz etwas anders gelesen. „Ich kann niemandem beibringen, etwas zu sagen zu haben.“ Diesem letzten Satz aus dem Zitat würde ich unbedingt zustimmen. In meiner Lesart meint sie, dass die perfekte Beherrschung aller Schreibtechniken der Welt nicht ausreicht, wenn ein Autor keine Ideen hat, kein Thema, wenn er schlicht nichts zu sagen hat.

    Ich moderiere seit etwa acht Jahren in einem Kurzgeschichtenforum. Es kommt immer wieder vor, dass neue Mitglieder Texte einstellen, nach deren Lektüre man sich unabhängig von der handwerklichen Qualität innerlich sagt: „Toll, jetzt habe ich fünfzehn Minuten meiner Lebenszeit damit verschwendet, diesen Text zu lesen.“ Solche Texte sind schlicht banal, nichtssagend, beliebig. Für den Autor mag es eine Relevanz geben, aber es ist eindeutig, dass er sich nie die Frage gestellt hat, warum jemand anderes das lesen sollte, was der Leser (!) – nicht der Autor – von diesem Text hat. Und das kann einem wirklich kein Schreibratgeber beibringen. Das Wichtigste ist, dass ein Autor überhaupt etwas zu sagen hat, was auch für andere relevant ist. Dann kommen die Techniken, dieses Thema unterhaltsam und ansprechend zu präsentieren. Dafür allerdings finde ich, dass sich das Studium kreativer Schreibtechniken absolut lohnt. Ich stimme also dem ersten Satz aus dem Zitat überhaupt nicht zu, dem letzten Satz aber sehr wohl. 😉

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  3. Hallo Marcus,

    das oben genannte deutsche Zitat ist eine Zusammensetzung aus zwei Aussagen von ihr, die im Englischen folgendermaßen lauten: “People like to ask me if writing can be taught, and I say yes. I can teach you how to write a better sentence, how to write dialogue, maybe even how to construct a plot. But I can’t teach you how to have something to say.”
    und
    “No one should go into debt to study creative writing. It’s simply not worth it. Do not think of it as an investment in yourself that you’ll be able to recoup later on. This is not medical school.”

    Ihr zehn Tipps zum Schreiben finden sich unter anderem hier:
    http://www.takepart.com/article/2011/09/13/ann-patchetts-ten-tips-writing-giveaway

    Voneinander getrennt betrachtet ist das doch eine ganz andere Aussage. Schreiben kann man lernen, Etwas-zu-sagen-haben nicht. Und wenn man Geld verdienen will, sollte man lieber Arzt werden. Beiden Aussagen kann ich ohne Einschränkung zustimmen. Wär ich doch Arzt geworden. :o)

    Gruß
    Sabine

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      1. Hallo Marcus,

        das sollte übrigens kein Beitrag werden à la „hätt’ste jetzt mal besser recherchiert“. Meine Reaktion war eher: Ach, die gute Frau Patchett, mit der Aussage hat sie sich ja mal selbst disqualifiziert. Und da meine Erfahrung mit Übersetzungen ins Deutsche (gerade bei Sachen, die Leute angeblich gesagt haben) eher schlecht ist, dachte ich, ich schaue erstmal nach, ob sie das wirklich gesagt hat. Bevor ich darüber schimpfe, dass gut schreiben und etwas zu sagen haben nicht das Gleiche ist.

        Deinen Blog verfolge ich übrigens regelmäßig, seitdem ich ihn entdeckt habe und konnte auch schon viele hilfreiche Tipps mitnehmen. Ganz unabhängig davon, ob ich jetzt was zu sagen habe, wird mein „Sagen“ an sich also hoffentlich etwas besser. Danke dafür.

        LG
        Sabine

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        1. Ich habe deinen Kommentar auch nicht negativ verstanden. Über das Zitat bin ich halt in der verkürzten Form gestolpert. Auf die Idee, dass es noch umfangreicher sein könnte, bin ich nicht gekommen, um ehrlich zu sein.

          Um so dankbarer bin ich für deine Ergänzung und deine Recherchearbeit.

          Vielen Dank für das Lob. Ich freue mich sehr darüber.

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