Das Geheimnis spannender Szenen: spät rein, früh raus

Es passiert mir immer wieder. Ich schreibe in meinem Roman eine Szene, die ich für wahnsinnig spannend halte. Trifft diese wahnsinnig spannende Szene dann auf einen Testleser, zeigt sich nur zu oft, dass dieser sie weit weniger spannend findet als ich. Meistens finde ich bei der anschließenden Analyse heraus, dass das drei mögliche Gründe hat:

  1. Ich habe die Szene zu früh begonnen.
  2. Ich habe die Szene zu spät beendet.
  3. Beides.

Zu früh begonnen? Zu spät beendet? Was soll das heißen?

Jede Szene hat einen Höhepunkt, der aus einem Konflikt, einer Auflösung, einer Enthüllung oder etwas ähnlichem besteht. Hat eine Szene keinen Höhepunkt, kann ich sie gleich in den Müll werfen, denn dann ist sie auch nicht spannend. Beim Schreiben eines Krimis oder Thrillers haben Szenen ohne Spannung nichts zu suchen. Aber auch jedem Roman eines anderen Genres tut Spannung natürlich gut.

Hat eine Szene aber einen Höhepunkt (und eigentlich hat fast jede einen, ich muss ihn nur finden und dann auf Hochglanz polieren, darum geht es beim dramatischen Schreiben), ist noch die Frage zu beantworten, wo genau ich ihn platziere. Hier lautet die Antwort ganz schlicht: so nahe wie möglich am Anfang und und so kurz wie es geht vor dem Ende der Szene.

Spät rein bedeutet also, dass ich mich nicht lange damit aufhalte, die Lebensgeschichte der Perspektivfigur zu erzählen, kein Absätze mit ihren Sinneseindrücken verschwende oder umständliche erkläre, wie und warum sie in die Situation gelangt ist, in der sie gerade steckt.

Früh raus heißt, dass die Szene auch beendet wird, kurz nachdem der Konflikt der Szene entweder gelöst wurde oder ins Desaster geführt hat. In beiden fällen ist es wichtig, so schnell wie möglich zur nächsten Szene zu kommen, denn der Leser braucht entweder einen neuen Konflikt, damit die Geschichte nicht langweilig wird, oder will unbedingt wissen, was der Held sich einfallen lässt, um aus dem Desaster wieder rauszukommen. Das ist das Handwerk für jeden, der Krimis und/oder Thriller schreiben will. Und auch für jeden anderen Autor von spannender Literatur.

Aber der Leser braucht doch Informationen, um zu verstehen, worum es in der Szene geht!

Ja, natürlich braucht er die. Aber meistens unterschätze ich als Autor beim Schreiben eines Buches den Leser. Soll heißen: Er benötigt viel weniger Informationen, als ich geglaubt habe.

  1. Leser sind nicht doof.  Die meisten Leser können sich den größten Teil der Informationen auch aus Andeutungen zusammenreimen.
  2. Weniger ist mehr. Ich muss mir in jeder Szene sehr genau überlegen, welche Informationen der Leser tatsächlich unbedingt benötigt, um den Konflikt zu verstehen. Alles andere lasse ich weg.
  3. Wiederholungen haben in Texten nichts zu suchen.  Wie jeder Mensch neige ich dazu, mich zu wiederholen, indem ich den gleichen Inhalt in verschiedene Worte verpacke. Im Alltag passiert das ständig, wenn ich mich unterhalte oder etwas erkläre. Und das ist auch gut so, denn Gesprochenes ist sehr flüchtig. Je öfter ich eine Information wiederhole, desto wahrscheinlicher ist es, dass mein Gesprächspartner auch behält, was mir wichtig ist.

Will ich jedoch ein Autor spannender Literatur werden, ist es tödlich, mich in meinem Buch zu häufig zu wiederholen, da der Leser zu schnell den Eindruck gewinnen kann, dass ich ihn für einen Schwachsinnigen halte. Und wer will das schon? Natürlich kann ich mich im Roman auch mal wiederholen, doch dann hänge ich eine große Flagge an diese Information: „Hey, Leser das hier ist echt wichtig, also merk es dir gefälligst.“ Ist die Information auch tatsächlich wichtig, ist alles in Ordnung. Ist sie es nicht, fühlt sich der Leser hinters Licht geführt.

Klingt alles logisch – und wieso fällt „Spät rein, früh raus“ dann so schwer?

Weil ich als Autor Szenen erst einmal aus der Autorenperspektive schreibe. Das bedeutet, dass ich alle Informationen in eine Szene packe, die ich für meinen Schreibprozess benötige, um das Geschehen und den Konflikt selbst zu verstehen. Daran ist nichts Schlechtes. Immerhin muss ich ja die ganze Szene erst entwickeln. Kreatives Schreiben funktioniert so.

Selbst als eingefleischter Outliner habe ich noch lange keine genaue Ahnung davon, wie die Szene nun im Detail aussieht, bevor ich sie schreibe. Deswegen muss ich mir im ersten Entwurf viel erarbeiten. Das steht dann auch nachher alles so im Text. Dieser erste Entwurf hat mit dramatischem Schreiben jedoch nicht viel zu tun.

Da der erste Entwurf gleicht eher einem Brainstorming als einem fertigen, spannenden und dramatischen Text. Ich muss mich also in der Überarbeitungsphase bei jedem Satz fragen: Braucht der Leser ihn wirklich? Kann er sich diese Infos vielleicht auch denken? Kennt er sie schon aus vorangegangenen Szenen? Wiederhole ich mich innerhalb der Szene? Komme ich schnell genug zum Konflikt? Beende ich die Szene rechtzeitig? Kann ich also noch später in die Szene rein und noch früher raus?

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18 Gedanken zu “Das Geheimnis spannender Szenen: spät rein, früh raus

  1. Oh ja! Das muss ich mir definitiv nochmal für die Überarbeitung hinter die Löffel schreiben. Langeweile ist tödlich – merke ich auch immer wieder beim Rezensieren. Ich hoffe ich habe gute Betaleser die mir da auch gehörig auf die Finger hauen werden. Momentan schreib ich erstmal weiter und sehe, was kommt. Mal schauen, was noch wird 😉

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  2. Hallo,

    ich denke, der Tipp „früh rein-spät raus, unwichtiges weglassen“ an sich ist wahr, gut, und richtig. Er birgt jedoch eine der meines Erachtens größten Gefahren beim Schreiben, gerade und insbesondere für Action/Thriller/Sci-Fi-Bücher: Das Weglassen oder zu-kurz-kommen eines Sequels. Ich bin selbst blutiger Anfänger und „outline“ gerade noch meine erste Buchidee, aber ich lese viel über das Schreiben.
    Gerade in letzter Zeit populäre Bücher wie Die Tribute von Panem oder die Bestimmungs-Trilogie sind kinoverfilmte Bestseller geworden und haben eine riesige Fangemeinde. Auch die jeweiligen Settings sind stark und relativ frisch. Was mich aber leider so sehr ärgert, ist, dass diese durchaus spannenden Bücher nur „Pop“-Literatur geworden sind. Das gesamte Setting wird lediglich als Trittpferd für eine spannende Achterbahnfahrt über je drei Bücher benutzt, eine Reflektion oder größere Auseinandersetzung mit dem Thema besteht nicht.
    Was mir fehlt, sind die entsprechenden Sequels nach den Szenen, die Stellen, an denen sich die Figuren unterhalten, denken, reflektieren. Das bringt das Lesetempo etwas runter, macht aber aus einer Jugendbuch-Achterbahnfahrt für den Tag am Pool eine intelligente Auseinandersetzung mit einem Setting, ohne die Action oder Dramatik zu verlieren.

    Durchaus ist es bei beiden Buchserien wohl so gewollt und bewusst so geschrieben. Auch mögen viele Leser solche Bücher, vielleicht sogar ausschließlich, und eine größere Auseinandersetzung mit der Umgebung würde gekünstelt wirken. Ich finde jedoch, dass viele Schreibblogs und -Ratgeber zu sehr darauf eingehen, wie man eine spannende Szene an die nächste heftet, um stets den Leser bei Laune zu halten. Bücher mit „langatmigen“ Mono-/Dialogen wie die Wüstenplanet-Sechstologie (was ist Latein-schlau für Sechstologie?) scheinen aus der Mode zu sein, zumindest auf Autorenblogs, und das finde ich schade.

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    • Nein, „Late in out early“ gilt für Scenes wie auch für Sequels. In beiden spielt das keine Rolle. Diese Regel besagt ja nicht, dass der Konflikt, um den es geht, eine Actionszene sein muss. Es gibt viele andere Formen von Konflikten, auch innere.

      „Late in, out early“ heißt ja auch nicht, dass es gar keine Reflexion usw. in einem Roman geben soll. Es heißt nur, dass ich Unwesentliches, das nicht zum Konflikt beiträgt, weglasse und den Konflikt so früh wie möglich beginnen lasse.

      So oder so: Du kannst schreiben was und wie du willst. Aber offenbar sind Romane wie Die Tribute von Panem ziemlich erfolgreich. Sie machen also etwas richtig.

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      • Natürlich, das habe ich auch nicht bestritten, ich habe sie selbst gern gelesen. Ich verstehe auch, dass das Prinzip auch für Sequels anwendbar ist und ganz allgemein ein gute Anweisung für spannendes Schreiben ist. Ich fand den Tipp durchaus sehr lehr- und hilfreich!

        Aber gerade ich in meiner Situation frage mich, welche Handlungsanweisung fürs Schreiben gilt, wenn man an einer Stelle die Intention hat, auch mal eine längere Botschaft zu transportieren, nach der der Leser vielleicht erstmal sogar das Buch weglegen möchte. Zum Nachdenken, weil das gesagte eine interessante Position zu Religion, der Gesellschaft oder dergleichen ist. Ich hatte das bei einigen Büchern bei mir selbst beobachtet, vorwiegend der Wüstenplanetsaga. Daher interessiere ich mich sehr dafür, wie man so etwas geschickt in einen Roman einbaut, ohne den Leser aber zu langweilen oder eine künstlich wirkende Bremse gebaut zu haben.
        Frank Schätzings „Der Schwarm“ wäre auch ein gutes Beispiel für einen rasanten Roman, der aber eine sehr gute Auseinandersetzung mit Thema bietet und zum Nachdenken und sogar zur-Seite-legen anregt.

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        • Wie bereits gesagt: Du kannst schreiben was und wie du willst. Niemand hindert dich daran.

          Der Wüstenplanet ist ein Meilenstein. Super Buch. Habe ich als Jugendlicher verschlungen und bin bis heute der Ansicht, dass es sich dabei um ganz große Literatur handelt. Aber: Die Romane sind auch schon ein halbes Jahrhundert alt. Erzählechtnisch sind sie nicht auf der Höhe der Zeit. Ich würde mich davor hüten, sie mir als Beispiel zu nehmen.

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  3. […] Spät rein, früh raus lautet eine Regel für die Spannung von Szenen. Das Konzept kann auch auf den ganzen Plot erweitert werden. Oft schreibt man sich als Autor warm, braucht eine Handvoll Kapitel um Setting, Plot und Figuren auszubreiten. Manchmal ist man so nach ein paar Kapiteln an dem Punkt, an dem alles etabliert ist und dann kommt die Frage: “Was nun?”. […]

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  4. Auch ich bin ein halbes Jahrhundert alt und ich fände es sehr schade, wenn es in zeitgenössischer Literatur keinen Raum mehr für die tiefere Auseinandersetzung mit einem Thema gäbe.
    Es hängt meines Erachtens vom Genre ab, wie sehr man in die Tiefe und vor Allem in die Breite gehen kann und soll.
    Ein Action Thriller sollte nur die Action geladene Spitze des Eisberges zeigen.
    Den gesamten Unterbau mit seinem mächtigen Fundament aus Weltsicht der Hauptfigur, der Nebenfiguren und des Autors, dem politischem Umfeld des Zeitgeschens mit seinen historischen Zusammenhängen u.s.w. braucht man im fertigen Text nur anzudeuten.
    Im Kopf des Autors muss der Unterbau vollständig vorhanden sein damit alle Charaktere, Konflikte und Handlungen in sich stimmig und glaubwürdig sind.
    Man sollte es vermeiden, Abhandlungen außerhalb von Abhandlungen zu schreiben.
    Die für das Leserverständnis wichtigen Teile des Unterbaus sollten sich eher in Handlungen und Dialogen zeigen.
    Man kann auch Informationsfiguren verwenden, die Briefe oder Zeitungsausschnitte bringen, anrufen, die Fernsehnachrichten einschalten, etc., um die Story historisch zu verorten oder einen Umschwung in den äußeren Verhältnissen anzuzeigen.
    Die Reaktion der Figur auf diese Nachrichten kann manchmal mit einem einzigen Wort oder einer großen Geste mehr über Ihr Weltbild und ihren Charakter verraten, als seitenlange Betrachtungen.
    Das wäre dann wohl der Höhepunkt der Szene, der sowohl die Handlung vorantreibt, als auch den Charakter vertieft.
    Großer Knall – Vorhang zu.

    Wie die Figur in diese Situation hinein geraten ist, ist natürlich wichtig zu wissen.
    Es muss aber nicht in den Anfang der aktuellen Szene geschrieben werden, sondern ergibt sich aus ihrem Charakter, Beruf und der vorhergehenden Handlung.

    Also: Normale, wiederkehrende Handlungen wie ins Büro fahren, Klassenarbeit schreiben, an einer Geburtstagsparty der Freundin teilnehmen oder einsam durch die Wüste reiten wenn man Lucky Luke ist.

    Wenn eine europäische Schülerin einsam auf einem Kamel durch die Wüste reitet, möchte ich als Leser wissen, warum.

    Nur die wenigen Eingangsprämissen können einfach als gegeben betrachtet werden und müssen nicht logisch hergeleitet werden.

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  5. Hallo Marcus (lustig, so heißt meine Hauptfigur, sogar mit „c“) Erstmal ganz herzlichen Dank für die tollen Infos und Tipps, die Du hier zur Verfügung stellst!!! Die Sache mit der Szene „spät rein, früh raus“ verstehe ich nicht ganz. Du schreibst, der Höhepunkt einer Szene sollte so früh wie möglich an den Anfang kommen und kurz vor Ende der Szene. Das würde ja bedeuten, die Szene besteht nur aus dem Höhepunkt…? Evtl. bin ich da etwas begriffsstutzig. Bei „spät rein“ denke ich, der Höhepunkt soll relativ spät in der Szene auftauchen.

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