Mehr Spannung durch Try-Fail-Cycles

Frodo will den Ring vernichten, Luke will das Imperium bekämpfen und Harry Valdemort besiegen. Spannung im Roman entsteht dadurch, dass der Held unbedingt etwas will – und (wenn es sich nicht um eine Horror-Story handelt) auch erreicht.

Aber wie langweilig wäre es, wenn Helden ihre Ziele ohne Hindernisse erreichen würden. Hier kommen Try-Fail-Cycles ins Spiel (auf Deutsch in etwa Kreislauf aus Versuch und Scheitern).

Frodo ist ja keineswegs auf einem lockeren Spaziergang nach Mordor gejoggt und hat dann den Ring ins Feuer gepfeffert. Erst hat er seinen Freund Gandalf verloren, dann hat er die Geneinschaft verlassen müssen, wäre im Kampf gegen Kankra beinahe gestorben usw.

Spannung durch Scheitern

Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass es spannend sein soll, dem Helden beim Scheitern zu erleben. Doch dafür gibt es gute Gründe:

Das Scheitern eines Plans der Hauptfigur zeigt, dass sie fehlbar ist. Erst wenn auf diese Weise dem Leser vorgeführt wird, dass nicht alles gut ausgehen muss, kann er mit der Hauptfigur mitzittern.

Spannung entsteht auch durch das Leid, das der Held durch sein Versagen erfährt. Habe ich zu Beginn meines Romans alles richtig gemacht, identifiziert sich der Leser mit dem Helden und leidet mit.

Durch Scheitern entstehen Konflikte. Äußere – dadurch, dass der Held bereits einmal an seiner Aufgabe gescheitert ist und sich nun mehr anstrengen muss. Innere – weil der Held sich immer stärker selbst überwinden muss, um sich der nächsten Aufgabe trotz seines Scheiterns zu stellen.

Auch Helden müssen sich Siege verdienen. Geht der erste Plan des Helden auf, könnte für den Leser der Eindruck entstehen, dass der Held jemand ist, dem einfach alles in den Schoß fällt. Ich jedenfalls hasse solche Leute.

Ein Problem, dass beim ersten Versuch überwunden werden kann, ist eigentlich kein Problem – denn es ist ja leicht zu lösen.

Ein Held scheitert also nicht einfach so, sondern um dem Leser zu zeigen,

  • dass wirklich etwas auf dem Spiel steht,
  • dass das Problem, dem er sich stellen muss, eine wirklich harte Nuss ist und
  • um aus seinen Fehlern zu lernen.

Struktur einer Handlung mit Try-Fail-Cycle

  1. Ausgangssituation
    Die Hauptfigur erhält einen Auftrag, stellt sich einem Problem etc. Sie entwickelt einen Plan.
  2. Erste Try-Fail-Sequenz
    Der erste Plan, den Auftrag zu erfüllen, das Problem zu lösen usw. scheitert, die Aufgabe wird schwieriger, die Verzweiflung wächst, der Held muss sich noch mehr anstrengen, um sein Ziel zu erreichen und lernt somit dazu und/oder entwickelt sich weiter. Er schmiedet einen neuen Plan.
  3. Zweite Try-Fail-Sequenz
    Mit seinen neuen Fähigkeiten und dem neuen Plan stellt sich der Held seiner Aufgabe erneut – und scheitert nochmal. Die Verzweiflung wächst und somit auch die Anstrengungen unserer Hauptfigur.
  4. Dritte Try-Fail- (oder Win-?) Sequenz
    Das Spiel können wir noch beliebig lange fortsetzen – bis der Held endlich seine Entwicklung abschließt und schließlich bereit ist, seine Aufgabe zu erfüllen. Häufig führt der dritte Versuch zum Erfolg (mehr dazu gleich).
  5. Auflösung
    Der Held erreicht endgültig sein Ziel, was in der Regel im Sieg über den Schurken und in dem Erlangen eines Preises (materiell oder ideell) besteht.

Dreimal sollst du scheitern

Drei Try-Fail-Sequenzen sind für einen durchschnittlich langen Roman durchaus angemessen. Die erzählerische Logik gebietet jedenfalls, dass es mehr als einen geben muss, und zu viele sollten es nicht sein, denn irgendwann wird’s unglaubwürdig und der Held erscheint inkompetent.

Wie so häufig ist drei eine magische Zahl. Wer beim nächsten Kinobesuch darauf achtet, wie oft der Held dem Schurken begegnet und Prügel kassiert, bevor er siegt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit drei Try-Fail-Cycles identifizieren können.

Die Merkmale eines Try-Fail-Cycle

  • Jedes neue Problem ist schwieriger als das vorherige – es steht mehr auf dem Spiel, die Konsequenzen des Scheiterns sind größer, die Bedrohung wächst.
  • Jedes Scheitern hat einen Preis, den der Held im Voraus kennt. Trotzdem stellt er sich der Aufgabe. Der Preis des Scheiterns bewirkt, dass die Situation komplizierter wird. Mit anderen Worten: Der Konflikt verschärft sich und die Spannung erhöht sich.
  • Der letzte, erfolgreiche Versuch fordert den größten Preis, der eng verbunden ist mit dem Helden. Er muss etwas opfern, eine negative Eigenschaft überwinden oder eine Verletzung davontragen, die ganz individuell mit seiner Geschichte und Persönlichkeit zusammenhängt.

Mehr zum Thema in diesen hervorragenden Videos:

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11 Antworten auf “Mehr Spannung durch Try-Fail-Cycles”

  1. Hallo Marcus

    Wie immer ein interessanter Beitrag – der in mir aber Widerspruch wachruft.

    Du schreibst: „Spannung im Roman entsteht dadurch, dass der Held unbedingt etwas will – und (wenn es sich nicht um eine Horror-Story handelt) auch erreicht.“
    Ich denke, es gibt noch weit mehr Gattungen als bloss die Horror-Story, wo der Held das, was er will, nicht – oder nicht vollständig – erreicht.

    Auch bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich das Scheitern an und für sich ist, dass Spannung erzeugt. Ich jedenfalls finde es nicht spannend, dem Held beim Scheitern zuzusehen, aber ich bin neugierig, wie er a) damit umgeht und b) was er als nächstes anstellt, um sein Ziel doch noch zu erreichen. Das heisst: Nicht das Scheitern an und für sich ist spannend, sondern die Reaktion des Helden darauf.

    Ich weiss auch nicht, ob das Leid des Helden wirklich etwas mit Spannung zu tun hat. Warum entsteht Spannung, wenn der Held leidet – und ich mit ihm? Für mich erhöht dies das Leseerlebnis, aber nicht eigentlich die Spannung.

    Dies ein paar spontane & subjektive Gedanken.

    Lieber Gruss
    Ursula

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    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, den ich als eine sinnvolle Ergänzung und gar nicht als Widerspruch empfinde. Ich stimme dir in allen Punkten zu und schiebe das Widersprüchliche nur auf Missverständnisse. Das liegt einfach an der gebotenen Kürze eines Blogartikels.

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      1. Und genau dafür gibt es die Kommentarfunktion 🙂
        Was mir übrigens an deinen Artikeln gut gefällt, ist die klare Struktur. Ich weiss schon, warum ich die Finger von dieser Art von Blog-Artikeln lasse …

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