Wie man eine verdammt gute Fantasy-Story schreibt

Der dritte Streich in meiner Serie über das Schreiben von Genre-Literatur nach Wie man eine verdammt gute Horror-Geschichte schreibt und Wie man eine verdammt gute Science-Fiction-Story schreibt.

Worldbuilding

Der eigentliche Star aus Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ist nicht Frodo, nicht Sam, nicht einmal Aragorn … Er ist Mittelerde.

Dieser zauberhafte Kontinent mit seinen urtümlichen, malerischen Landschaften, der eine jahrtausendealte Geschichte atmet und von vielen märchenhaften Völkern bewohnt ist, steht vielleicht nicht im Zentrum der Story oder weckt die Sympathien des Lesers. Trotzdem ist Mittelerde Dreh- und Angelpunkt der Romanhandlung und das Element, das der Geschichte ihren exotischen Charakter verleiht.

Und Exotik ist für Fantasy Pflicht.

Wichtiger als in jedem anderen Genre ist in einer Fantasy-Story also das Worldbuilding, das Erschaffen einer faszinierenden Welt als Setting meines Romans. Mit anderen Worten, ich muss mir als Autor viele detaillierte Gedanken darüber machen, wie die Welt aussieht, in der meine Fantasy-Story spielt.

Dabei ist es zwar in vielen Romanen üblich, ein mitelalterliches, erdähnliches Setting zu verwenden. Doch Welten wie diese gibt es inzwischen haufenweise. Neue Autoren müssen hier neue Wege gehen, um dem Leser was zu bieten und um nicht in Klischees zu verfallen.

So glänzen beispielsweise die Welten Brandon Sandersons dadurch, dass die klassischen Fantasy-Elemente wie Elfen, Zwerge, Orks und Mittelalter-Flair fehlen. Statt dessen bilden in seinen Romanen ein originelles Setting, Plot und Figuren eine Einheit, die den Leser in eine vollkommen neue Welt entführen. Und das ist schließlich die Funktion von Fantasy. Mittelalter-Fantasy-Welten sind inzwischen bereits so bekannt, dass sie kaum noch ein exotisches Flair erzeugen können.

Noch viel wichtiger als in anderen Genres ist der Detailreichtum. Fantasy-Welten brauchen eine reiche Geschichte und Kultur, Sprachen, Völker und Herrschaftssysteme, die zu allem Unglück auch noch plausibel zusammen passen müssen.

Figuren

Die meisten Fantasy-Storys haben einen Helden oder eine Heldin, der oder die im Zentrum der Geschichte steht. Dabei leben Fantasy-Romane häufig von den vielen Perspektiven, aus denen die Welt dem Leser zugänglich gemacht wird. Während es in anderen Genres oft ausreicht, eine Perspektivfigur zu besitzen, haben Fantasy-Romane häufig mehrere. Deswegen trifft man in diesem Genre recht selten Ich-Erzähler an.

Die Perspektive der Wahl ist der personale Erzähler in der dritten Person („Er-Erzähler“), der eben seine Sichtweise der Welt und der Ereignisse des Romans dem Leser mitteilt. Manchmal gibt es einen auktorialen Erzähler, vor allem in etwas älteren Fantasy-Romanen (wie zum Beispiel im „Der Herr der Ringe“). Manche Autoren glauben deswegen, dass auch sie unbedingt einen auktorialen Erzähler verwenden sollten oder verfallen automatisch in diese Perspektive, ohne sich Gedanken zu machen.

Tolkien hat jedoch vor fast hundert Jahren seine Arbeiten zum „Der Herr der Ringe“ begonnen und wurde vor allem von der Literatur des 19. Jahrhunderts geprägt. Damalige Leser waren also die auktoriale Perspektive gewöhnt, so wie heute die meisten Leser an personale Erzähler gewöhnt sind.

In vielen Fantasy-Romanen ist auf den ersten Blick schwer zu entscheiden, wer denn die Hauptfigur, als oder Held oder die Heldin, ist, denn oft werden in gleichen Anteilen zwei, drei oder mehreren Figuren die Gelegenheit zum Erzählen gegeben. So können verschiedene Facetten der Welt und/oder der Handlung transportiert werden.

Nicht selten ist eine der Perspektivfiguren der Schurke der Geschichte. Wie viele Perspektivfiguren notwendig sind, ist pauschal schwer zu entscheiden. Allerdings gilt wie immer, das man es mit der Anzahl der Figuren im Roman nicht übertreiben sollte und im Zweifelsfall ist weniger mehr.

Jeder Autor sollte bedenken, dass der Leser neue Namen für die Welt, die Figuren, für die Magie usw. eines neuen Fantasy-Settings lernen muss. Wer gerne gelesen werden will, sollte aufpassen, seine Leser nicht zu überfordern.

Figuren vs. Setting

Obwohl das Setting in einem Fantasy-Roman eine zentrale Rolle bei der Vorarbeit für eine Fantasy-Story spielt, stehen am Ende für den Leser doch die Figuren im Vordergrund. Das ist ein wenig paradox, aber trotzdem wichtig.

Figuren und Setting müssen, noch sorgfältiger als in anderen Generes, aufeinander abgestimmt sein und sich gegenseitig bedingen. Deswegen ist das Setting zentral und das Worldbuilding damit der erste und wichtigste Schritt. Trotzdem kann der Leser die Welt nur durch die Augen der Figuren erfahren. Das macht das Schreiben von richtig guter Fantasy so schwierig. Der Leser verzeiht weder schlaffe Figuren, noch eine uninteressante und/oder unlogische Welt

Plotstruktur

Der grundlegende Plot der meisten Fantasy-Romane ist die Heldenreise. Einerseits liegt dies daran, dass Fantasy ein Genre ist, das moderne Mythen erschafft. Die Heldenreise als monomythisches Erzählgerüst bietet sich also an. Andererseits ist so auch die Plotstruktur im Dienst der Welt, denn kaum eine andere – mit Ausnahme der Queste – eignet sich besser, um dem Leser exotisches Setting zu präsentieren.

Aber auch andere Plots sind üblich. So gibt es durchaus Detektivgeschichten in Fantasy-Settings. Allerdings muss sich jeder Autor, der einen solchen ungewöhnlichen Plot für seine Fantasy-Story wählt, fragen, wie er es schafft, seine Welt zu transportieren.

Während die Heldenreise oder die Queste oft Kontinente umspannen können und somit also viele Gelegenheiten bieten, neue Orte, Fabelwesen und Figuren zu präsentieren, spielt die Detektivgeschichte häufig eher in einer Stadt oder sogar in einem noch kleineren, abgelegenen Ort.

Subgenres

Fantasy ist ein weites Feld. Die hier skizzierten Konzepte bauen mehr oder weniger auf der sogenannten High Fantasy auf. Damit wird märchenhafte Fantasy bezeichnet, die Tolkien geprägt hat – das wohl populärste Subgenre.

Ebenfalls populär ist die Low-Fantasy, deren berühmtester Vertreter Robert E. Howards Conan ist.

In den letzten Jahren hat die Urban Fantasy an Popularität gewonnen. Hier dürfte zur Zeit Neil Gaiman einer der bekanntesten Autoren sein.

Fantasy ist vor allem zur Science Fiction durchlässig. Man kann lange darüber streiten, ob Werke wie George Lucas‘ Star-Wars-Filme nun Fantasy oder Science Fiction sind, denn Science (also Wissenschaft) spielt bei Star Wars nun wirklich keine Rolle. Dafür findet man auch hier den Monomythos.

Leider hat sich die Bezeichnung Space Fantasy für dieses Subgenre kaum durchgesetzt, obwohl dies am treffendsten ist.

Ebenfalls nahe an der Fantasy ist das Horror-Genre. Viele Fabelwesen, die in Horror-Literatur auftauchen (Dämonen, Vampire, Werwölfe usw.) spielen auch in zahlreichen Fantasy-Romanen eine Rolle.

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9 Gedanken zu “Wie man eine verdammt gute Fantasy-Story schreibt

  1. Der auktoriale Modus ist für mich der einzige akzeptable, und daher schreibe ich auch prinzipiell auktorial. Das lasse ich mir von niemandem ausreden. Wer das Auktoriale nicht mag, der soll meine Geschicten ganz einfach nicht lesen. Ich werde mich in gar keinem Fall an die vulgäre Masse anpassen.

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