Wie man mitreißende Helden schreibt

In vielen Schreibbüchern liest man, dass Figuren in einem Roman „rund“ sein müssen und „Funken sprühen“ sollen.

Was immer das auch so genau heißen mag (wir werden gleich sehen, was genau das bedeutet): Der Gedanke, dass gerade der Held oder die Heldin, also die Hauptfigur eines Romans, eine besonders gut ausgearbeitete Figur sein sollte, leuchtet ein. Schließlich steht und fällt das Interesse des Lesers am Roman mit seinem Interesse an der Hauptfigur.

Aber wie schaffe ich es, dass der Funken zum Leser überspringt?

Ein paar einfache Tricks können helfen:

1. Bekanntes und Neues vermischen

Das Geheimnis, eine interessante Persönlichkeit für die Hauptfigur eines (Unterhaltungs-)Romans zu entwerfen, besteht darin, Altbekanntes und Bewährtes zu nehmen und ihm eine neue Perspektive abzugewinnen.

Der Ermittler eines Krimis verfügt stets über herausragende Beobachtungs- und Kombinationsfähigkeiten (außer, es handelt sich um eine Krimi-Komödie, dann kann der Ermittler auch der größte Trottel auf seinem Gebiet sein). Hätte er diese nicht, wäre er keine würdige Figur für einen Kriminalroman. Die Leser erwarten das zurecht.

Darüber hinaus erwarten die Leser, dass der Ermittler eine Persönlichkeit und ein Privatleben besitzt, die für sie interessant sind und sie überraschen. Hier kommt das Neue ins Spiel.

Sherlock Holmes ist nicht nur der beste Detektiv aller Zeiten. Er besitzt auch eine schillernde Persönlichkeit, die leidenschaftlich Geige spielt, Kokain schnupft und seinen Alltag mit aberwitzigen Experimenten verbringt (Da sind sie, die Funken, die der Held versprüht.).

Deswegen ist Henning Mankells Kommissar Wallander eine im Privaten gescheiterte Existenz, die sich zu allem Überfluss auch noch um den nervigen Vater kümmern muss (was ihn zu einer runden Persönlichkeit macht, denn er existiert nicht nur, um Fälle zu lösen).

In jedem Krimi, der was taugt, wird also der altbekannte Typ des Ermittlers genommen und mit neuen Eigenschaften, die der Leser in dieser Kombination zuvor noch nicht gesehen hat, gemischt. Mit etwas anderen Eigenschaften gilt dies im Prinzip für jeden Genre-Roman.

Frodo aus dem „Der Herr der Ringe“ beispielsweise ist der klassische Held, bereit sich für die Gemeinschaft aufzuopfern, besorgt um seine Liebsten, von Idealismus geleitet – nur ist er eben kein zwei Meter großer Muskelprotz, sondern ein Hobbit mit haarigen Füßen und einer fatalen Schwäche für das zweite Frühstück.

Woher nehmen, wenn nicht …, ach, was soll’s

Wem kein Konzept für eine Heldin oder einen Helden einfällt, der bedient sich einfach bei zahlreichen Vorlagen, die Literatur, Film und Fernsehen zu bieten haben.

Die Fernsehserie „The Mentalist“ beispielsweise nimmt den altbekannten Helden Sherlock Holmes, überträgt ihn in die Gegenwart, gibt ihm ein paar neue Schrullen und den Hintergrund eines Bühnenmagiers.

Nüchtern betrachtet ist er mit seinen herausragenden Ermittlungsfähigkeiten und in seiner Funktion als eigenwilliger Privatermittler immer noch Sherlock Holmes.

Auch Edgar Rice Burroughs hat mit seinem Tarzan nichts weiter getan, als Rudyard Kipplings Mogli von Indien nach Afrika zu versetzen und ihn vom Kind zum Erwachsenen zu machen. Et voila – einer der berühmtesten Helden der Pop-Kultur entsteht.

Und wer bitte kann mir den Unterschied zwischen Karl Edward Wagners Kane und Robert E. Howards Conan erklären?

Stehlen ist immer eine Option – wenn man denn der bekannten Figur einen neuen, frischen Aspekt hinzufügt (deswegen ist Kane kein gutes Beispiel, zeigt aber, wie hemmungslos manche Autoren sind. Das kann Mut machen.).

2. Ein Etikett finden

Herry Potter hat eine gezackte Narbe und James Bond seine unverwechselbare Art, sich vorzustellen (die für Frauen auf der ganzen Welt Grund genug ist, mit ihm ins Bett zu gehen – da haben wir wieder die sprühenden Funken). Robin Hood wäre ohne Pfeil und Bogen nichts und Tarzan ohne Lendenschurz …, äh, lassen wir das.

Romanfiguren, die bei uns hängen bleiben, haben ein herausragendes Merkmal, ein unverwechselbares Etikett, wie eine Marke, die wir mit ihnen verbinden, die wir an ihr lieben und an der wir sie wieder erkennen. Das kann ein visuelles Element sein, aber auch eine herausragende Schrulle, ein Sprachfehler oder eine Phrase, die der Held immer wieder drischt („Au Backe.“).

3. Grundeigenschaften eines Helden/einer Heldin

Die Hauptfigur einer Geschichte muss sich auch so benehmen, dass die Leser sie als solche erkennen können – und damit sich eine spannende Handlung aus ihr heraus entwickeln lässt.

Dazu muss sie

  • aktiv sein,
  • dickköpfig sein,
  • ein Außenseiter sein,
  • ein besonderes Talent besitzen und
  • anziehend auf andere wirken.

Darüber hinaus macht es sich gut, wenn ein Held oder eine Heldin in der Vergangenheit verletzt wurde.

Diese Verletzung kann in einem körperliches Handycap bestehen (nicht umsonst geht Dr. House am Stock), aber auch eine seelische Blessur sein (nicht zufällig musste Bruce Wayne alias Batman als Kind mit ansehen, wie seine Eltern erschossen wurden).

Wieso sollte ein(e) Held(in) verletzt sein? Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Eine Verletzung holt die Hauptfigur auf unsere Ebene und zeigt, dass auch sie ihre Schwächen hat. Die Heldin oder der Held muss kompetent und überlebensgroß sein, damit wir sie oder ihn bewundern können. Damit ist aber die Gefahr verbunden, dass diese Figur uns fremd wird, denn wir alle sind keine Romanfiguren, sondern echte Menschen, die in der Regel auf vergleichbare Weise eben keine Funken sprühen.
  2. Eine Verletzung erzeugt Mitleid. Der Superheld Spider-Man beispielsweise klingt nach einer der dümmsten Ideen der Literaturgeschichte, denn wer mag schon Spinnen? Sie sind eklig und jeder verabscheut sie. Aber sein Schöpfer Stan Lee war so schlau, ihn zu einem Gejagten zu machen, der für seine Heldentaten nur Undank erntet, der im Privatleben stets scheitert, weil er sich für andere aufopfert. Bei so viel Mitleid mag man am Ende sogar Spinnen.

4. In die Tiefe gehen

Romanfiguren brauchen Hintergründe, ein Leben außerhalb der Romanhandlung, das sie zu runden Figuren macht (ich erwähnte das bereits).

Wie auch reale Menschen müssen sie eine Biografie haben, aus der heraus sich ihre Persönlichkeitsmerkmale und Handlungen, die im Roman sichtbar werden, erklären lassen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, möglichst früh die Biografie der Hauptfigur zu entwerfen, bevor die Romanidee zu detailliert ausgearbeitet ist.

Es lohnt sich also, eine Biografie zu schreiben, einen fiktionalen Lebenslauf, wenn man so will. Anders als bei einer Bewerbung sollte dieser jedoch seinen Fokus eher auf psychologische Eigenschaften setzen.

Hier ist es wichtig, dass das Etikett, das festgelegt wurde, auch plausibel begründet wird (idealerweise entwickelt sich das Etikett aus der Biografie, aber leider ist das Leben nicht immer ideal).

Die Biografie ist für den Autor der Prüfstein, mit dessen Hilfe er herausfinden kann, ob eine Figur funktioniert oder nicht. Lassen sich die Eigenschaften der Hauptfigur nicht gut begründen, wirken sie künstlich und aufgesetzt, dann müssen sie geändert werden.

Es ist aber auch möglich, dass beim Schreiben der Biografie neue Ideen auftauchen, die zu anderen Merkmalen führen können. Es ist ein Puzzlespiel, bei dem man ständig neue Teile bastelt, an dessen Ende aber alle zusammenpassen müssen.

5. Hilfsmittel

James N. Frey empfiehlt, die psychologisch, physiologische und soziologische Dimension einer Figur auszuarbeiten. Ich halte das für eine gute Idee. Darüber hinaus ist aber noch mehr nötig, um eine lebendige und „runde“ Figur zu erschaffen. Interviews, Tagebucheinträge und Testszenen können helfen, die Hauptfigur zu erforschen.

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23 Gedanken zu “Wie man mitreißende Helden schreibt

  1. Das mit den „Interviews“ will mir einfach nicht rein gehen. Schon klar wozu sie dienen sollen. Aber wie soll so ein Interview aussehen? Ich stelle einer (noch) nicht existierenden Figur Fragen und muss sie auch selber beantworten? Denn egal was manche sagen mögen, ICH stelle die Fragen und ICH beantworte sie auch. Denn meine Figur ist NICHT REAL, jeder der etwas anderes behauptet sollte sich in psychiatrische Behandlung begeben, mittlerweile gibt es für sowas Medikamente und gute Heilungschancen.
    Und ja, obiger Text hat etwas „AD“ haftes an sich. Aber nicht nur, ein bisschen ist er auch wirklich ernst gemeint.

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    • Hey, Marc, du bist doch Rollenspieler. So ein Interview ist halt ein bisschen so, als würdest du als SL in die Rolle eines NSC schlüpfen. Du „spielst“ beim Interview die Rolle des Autors und der Figur. Mit der Zeit schreibst du dich warm und entwickelst auf diese Weise die Perspektive der Figur.

      Beim Schreiben müsst du das ohnehin machen, denn die Erzählstimme deines Romans ist die der Perspektivfigur, nicht deine. Das Interview kann dir dabei helfen, die Erzählstimme zu finden. Die Betonung liegt auf KANN. Wenn du mit der Nethode nicht klar kommst, dann lass es. Soll ja nur eine Hilfe sein.

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      • Marcus, ja. Und damit kann ich sogar was anfangen.
        Was die Methode angeht, ich wollte ja nicht, dass du mich überzeugst, sondern einerseits meine ureigenen Probleme mit der Methode kundtun und ein kleines Bisschen den AD (Advocatus Diaboli) spielen. 😉 Sollte keine Ver….. sein, echt nicht. Denn ich stolpere schon seit längerem über „das Interview“ und hatte Mühe damit.
        Auf jeden Fall: Danke für die Antwort, ich sehe jetzt ein bisschen klarer.

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      • Hallo, Marc,
        ja, zunächst kommt einem dieses „Interview“ ein wenig komisch vor, aber es ist wirklich eine tolle Übung. Ansonsten habe ich für meine Hauptfiguren „Testszenen“ (ca. 1-3 Seiten, mit so etwas wie einer Minihandlung) mit unterschiedlichen Schwerpunkten geschrieben. Eine Szene, in der es Hauptsächlich um die äußere Erscheinung (Klamotten, Gesten…) ging und eine, die die Sprache der Figur zum Schwerpunkt hatte…

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  2. Ein sehr, sehr schöner Artikel, nur in einem klitzekleinen Punkt juckt es mich als Thriller- und Krimiautor, zu widersprechen: Ich denke nicht, dass Ermittler (von Komödien mal abgesehen) immer über eine herausragende Kombinations- und Beobachtungsgabe haben müssen. Ich kann mir jede Menge Plots vorstellen – gerade aber nicht ausschließlich aus dem Hardboiled-Genre – indem der Held durch Ausdauer, Standhaftigkeit, Unbestechlichkeit oder Aufrichtigkeit einen Fall löst. Da würde ich als Autor aus dem Vollen schöpfen und meinen Helden einen Fall z. B. von Korruption lösen lassen, der – obwohl vielleicht einfach zu lösen – für alle anderen „zu heiß“ ist, um ihn anzufassen. Ich würde also versuchen, mich schon früh von „dem Bekannten“ zu lösen. Schön, dass du gerade das Leben außerhalb „des Berufs“ so in den Vordergrund stellst. Die meisten Romane – und TV Serien – fesseln mich auf dieser Ebene (Z. B. die TV Serie „The Unit“, die ansonsten völlig unerträglich wäre…)

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    • In dem von die beschriebenen Korruptionsfall gebe ich dir Recht. Ich bezog mich mit dem Beispiel jedoch auf echte, klassische Krimis. Und da geht es um einen Mord, dessen Täter ermittelt werden soll. Somit brauche ich für so eine Geschichte einen echten Ermittler.

      Und The Unit ist so oder so unerträglich. Ich weiß, wovon ich rede. Wir haben gerade versucht, die zweite Staffel zu gucken und haben keine drei Folgen durchgehalten.

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  3. Okay, du wolltest es nicht anders 😉 : Der Sohn des Bürgermeisters einer amerikanischen Großstadt hat im Suff eine Prostituierte erschossen. Der Bürgermeister sorgt dafür, dass der versoffenste Cop die Ermittlungen übernimmt. Der Cop hat alles verloren: Frau, Kinder … und jetzt hat er nichts mehr zu verlieren. Pech für den Bürgermeister. Der Cop nimmt die Ermittlungen auf. Er hört nicht auf das, was seine Kollegen sagen: „Hey, das war nur ne Nutte. Ihre Geldbörse ist verschwunden, wahrscheinlich hat sie ein Junkie ermordet.“ Er führt die Ermittlungen genau nach den Vorschriften – und das ist der Clou der Geschichte! Jeder könnte den Fall lösen, die Nachbarn befragen, die Nummer des Luxusschlittens prüfen, der jeden Freitag vor dem Haus hält. Es traut sich nur niemand, weil die Vorgesetzten durchblicken lassen, dass das Ärger bringt. Nur dem Cop, der nichts mehr zu verlieren hat, ist das egal. Für diese Story ist ein kluger Cop schädlich. Er muss nur super-entschlossen sein. (Ach so: Zwischendurch würde ich den Cop noch ein paarmal verprügeln lassen, ein „Freund“ versucht ihn wieder an die Flasche zu bringen…). Klingt übrigens nach einer tollen Geschichte. Muss ich mal schreiben!

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    • Mach das, klingt gut – und nach einem kompetenten Ermittler. Ob seine Kompetenz in einer tollen Kombinationsgabe oder in herausragender Entschlossenheit besteht, spielt eigentlich keine Rolle. So oder so sprüht die Figur Funken.

      Aber nur so zum Spaß: Wie will der Cop durch das Intrigenspiel deiner Story steigen, wenn er nicht schlau ist? Für mich klingt er bisher ziemlich klug.

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      • Keine Frage: Kompetent muss ein Ermittler sein. In diesem Fall ist seine „Spezielfähigkeit“ seine Integrität und Sturheit (Kaum hatte ich den Kommentar gepostet, wurde mir klar, dass die Story ziemlich an „Sin City“ erinnert, aber das nur am Rande). Natürlich darf ein Held auch nicht völlig dämlich sein. Wenigstens seine Waffe sollte er laden können 😉 Es reicht aber – im obigen Fall – wenn er hinsichtlich seines Intellekts Durchschnitt ist. Und das 1×1 der Polizeiermittlungen beherrscht. Und wie gesagt, bei der Story wäre es sogar ein Fehler, den Helden besonders intelligent zu machen, da das die Essenz, wie nennt es Frey, die Prämisse des Romans zerstören würde.

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  4. Zu „The Unit“: Du hast versucht, die zweite Staffel zu sehen? Muss ich das so verstehen, dass du die erste Staffel schon hinter dir hast 😉 Im Ernst: The Unit war die erste Military-Special-Forces-Serie, in der das Privatleben der Helden eine große – und immer größere Rolle spielt. Die Kampfplots sind wirklich Banane, da hast du Recht, den Rest fand ich aber klasse!

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    • Die erste Staffel haben wir vor Jahren gesehen. Die fand ich schon seeeeehr durchschnittlich, aber, hey, Präsident Palmer spielt mit. Im damaligen 24-Fieber hat das gereicht. Ich finde die Serie rundum unerträglich.

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  5. Das mit den Interviews kann ich nur bestätigen. Es hört sich verrückt an, wenn man doch selber die Fragen stellt und sie auch selbst beantwortet – aber ich war jedes Mal sehr erstaunt, was ich alles über meine Figur noch nicht wusste! Da kamen Antworten, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte, kein Scherz! Also ruhig versuchen!

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