Wieso manche Storys erfolgreicher sind als andere

Warum sind eigentlich Filme wie „Star Wars“ oder „Der Herr der Ringe“ so über alle Maßen erfolgreich? Klar, große Schauspieler, schicke Special Effects, großes Werbebudget … Aber das gilt für so manchen anderen Fantasy- oder SF-Film auch. Trotzdem erzielen sie keine so große Breitenwirkung.

Wieso verschlinge ich manchen Roman, wie zum Beispiel „Die Tribute von Panem“ oder „Harry Potter“ … und andere lese ich vielleicht ganz gerne, aber sie sind bei weitem nicht so spannend, wie diese Bestseller? Sie haben nicht die gleiche magische Wirkung auf mich, den Sog, der mich dazu antreibt, sie weiter und weiter zu lesen?

Ja, beide Romane haben Hauptfiguren, die mich in ihren Bann ziehen und spannende Plots, voller überraschender Wendungen. Doch das haben viele andere Romane auch, die mich aber nicht genauso stark fesseln.

Lassen wir mal so profane Dinge wie ein tolles Marketing, Popularitätsboni usw. beiseite. Es gibt eine geheime und entscheidende Zutat, die so manchen Blockbuster und Bestseller von anderen Romanen unterscheidet.

Und diese Zutat lautet Monomythos.

Äh, Moment mal, Mono- …, was?

Monomythos. Bekannt auch als die mythische Heldenreise, entdeckt und formuliert von einem gewissen Joseph Campbell.

Campbell war ein amerikanischer Literaturwissenschaftler, der 1949 sein Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ veröffentlichte. In ihm stellt er fest, dass die Kulturen auf der Welt zu allen Zeiten Geschichten erzählen, die alle im Kern die gleiche Plot-Struktur haben.

Diese Struktur lautet in etwa wie folgt: Der Held verlässt seine Alltagswelt und betritt einen mythischen Wald, um dort ein erstrebenswertes Ziel zu erreichen. Auf seinem Weg begegnet er vielen Fabelwesen. Er erlangt einen entscheidenden Sieg. Anschließend kehrt er mit der Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu versehen, in seine Gemeinschaft zurück.

Anders ausgedrückt: Luke Skywalker verlässt die Farm seiner Zieheltern auf Tatooine (seine Alltagswelt), fliegt durch das Unviersum (den mythischen Wald), um Prinzessin Leia zu retten, begegnet dabei Aliens und Robotern (Fabelwesen), kann den Todesstern vernichten (erringt den entscheidenden Sieg) und kehrt zu den Rebellen zurück, um fortan als Jedi-Ritter für ihre Sache zu kämpfen (kehrt mit der Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu versehen, in seine Gemeinschaft zurück).

Der Monomythos in tausend Werken

Nicht nur George Lucas hat sich den Monomythos für sein Science-Fiction-Märchen gekrallt. Schlaue Autoren und vor allem Filmemacher haben sich dieser Plotstruktur seit je her bedient, um erfolgreiche Geschichten zu erzählen und tun es immer wieder.

Unter anderem deswegen ist es für Romanautoren wichtig, häufiger mal ins Kino zu gehen und sich große Blockbuster anzusehen, denn hier treffen wir den Monomythos immer wieder in neuer Variation.

Noch nicht überzeugt?

Neo (unser Held) verlässt die Welt der „Matrix“ (seine Alltagswelt), um in der grausamen Realität (im mythischen Wald) den Kampf gegen die Wächter (Fabelwesen) anzutreten und erfährt dabei, dass er der Auserwählte ist, der sowohl in der Matrix wie auch in der Realität Wunder vollbringen kann. Er besiegt Mr. Smith (der entscheidende Sieg) und kämpft fortan für den Widerstand gegen die Maschinen, um die ganze Menschheit aus der Matrix zu befreien (kehrt mit der Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu versehen, in seine Gemeinschaft zurück).

Also gut, das sind jetzt mehr oder weniger so Fantasy-Geschichten. Kein Wunder, dass dort mythische Strukturen zu finden sind. Aber in „realistischer“ Literatur wie Krimis und Thrillern kann ich mit dem Monomythos doch gar nichts anfangen …

Wirklich?

Der Marketingexperte Roger Thornhill (unser Held) wird während eines Geschäftsessens (seiner Alltagswelt) von Gangstern, die ihn für einen Spion halten, in eine abgelegene Villa entführt (er betritt den mythischen Wald). Nach einem wilden Hin und Her zwischen Geheimdienstmitarbeitern, Verbrechern (Fabelwesen) und einer mysteriösen, fremden Schönheit namens Eve, gelingt es Thornhill, die Verbrecher am Mount Rushmore zu stellen und im Kampf zu besiegen (entscheidender Sieg). Er kehrt in sein normalen Leben zurück und heiratet Eve (dürfte klar sein).

Kein Fantasy-Roman oder -Film, sondern der Plot von Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“.

Heldenreisen für Fortgeschrittene

Die monomythische Plotstruktur ist natürlich nicht ganz so simpel wie hier dargestellt. Es gibt noch viele Feinheiten und Variationen der monomythischen Helden, Schurken, Gefährten des Helden usw. Doch der Platz eines solchen Artikels kann einfach nicht ausreichen, um alle Feinheiten wiederzugeben.

Ich möchte an dieser Stelle lieber dem Vorurteil vorbeugen, monomythische Strukturen seien für den Schriftsteller einengend oder eine Art „Malen nach Zahlen“ für Autoren.

Die Heldenreise ist ein extrem Variantenreiches Plotmuster, wie diese drei Beispiele bereits gezeigt haben sollten. Es geht also nicht darum, ein Plotelement an das andere zu reihen, um hinterher einen garantierten Bestseller zu produzieren.

Campbell hat erarbeitet, dass der Monomythos in verschiedenen Kulturen unabhängig voneinander entstanden ist und somit eine Art Grundmuster, ja sogar ein grundlegendes Bedürfnis darstellt. Er befriedigt universelle, über Jahrtausende entstandene soziale Konventionen.

Mit anderen Worten: Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der Monomythos – wenigstens teilweise – ohnehin schon im Romanentwurf eines Autors steckt.  Hitchcock hat seinen „Der unsichtbaren Dritte“ 1959 in die Kinos gebracht. Da hatte Campbell sein Buch zwar schon veröffentlicht, war aber noch ein Geheimtipp und Hitchcock nicht bekannt.

J.R.R. Tolkien hat seinen „Der Herr der Ringe“ zu schreiben begonnen, lange bevor Campbells Buch erschien. Die Prequel „Der kleine Hobbit“, die im Prinzip die gleiche Plotstruktur wie „Der Herr der Ringe“ besitzt, wurde 1937 veröffentlicht. Da hat Campbell noch an James Joyce geforscht und nichts über den Monomythos veröffentlicht. Und Tolkiens Hauptwerk sind so monomythisch wie sonst kaum etwas.

Aber auch wenn Tolkien Campbells Theorien noch nicht gekannt haben kann – er hat selbst Mythen erforscht und sein erklärtes Ziel war es, mit dem „Der Herr der Ringe“ einen neuen Mythos zu schaffen. Er hat also unbewusst den Monomythos verwendet, lange bevor Campbell diesen Begriff geprägt hat.

Es gilt also nicht, einen Bauplan zu benutzen, um fade Strickanleitungen zu befolgen. Es gilt, die Anteile der Heldenreise, die bereits im eigenen Werk versteckt sind, zu entdecken und mit Hilfe von Campbells Motiven zu verfeinern, um deren Wirkung auf den Leser zu verbessern, dem eigenen Text klarere Strukturen zu verschaffen und ihn so zugänglicher zu machen.

Damit ist noch lange kein Bestseller garantiert. Aber zumindest hat man ein wesentliches Hindernis aus dem Weg geräumt.

Zum Weiterlesen und Ausprobieren

Nirgends wird der Monomythos besser erklärt und für den Schriftsteller praktischer demonstriert als in James N. Freys „The Key. Die Kraft des Mythos. Wie verdammt gute Romane noch besser werden“.

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20 Gedanken zu “Wieso manche Storys erfolgreicher sind als andere

  1. Hmm… interessanter und wichtiger Gedanke, aber ich glaube darauf kann man nicht als einziges sein Schreiben aufbauen. Ich glaube grade Romane wie „Harry Potter“ funktionieren, weil sie sehr anschaulich und einfühlsam geschrieben sind. Man kann sich in die Charaktere hinein versetzen, man lebt die ganze Geschichte und bekommt sie nicht nur erzählt. Wenn dieser Monomythos nicht gut erzählt ist, kann die Handlung und Idee dahinter noch so durchdacht sein und es wird nicht funktionieren… Aber es stimmt schon, es gibt verdammt viel Literatur (akut fällt mir nichtmals ein Gegenbeispiel ein) die eben diesem „Muster“ folgen – ob bewusst oder unbewusst…

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  2. Ein wirklich interessanter Artikel. Ich glaube, ich muss den Campbell mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.
    Der Aspekt des Helden, der in irgend einer Form die Welt rettet, ist nachvollziehbar. Auch die Erfüllung gewisser Grundbedürfnisse (auserwählt sein, etwas besonderes erleben, jemanden retten, Anerkennung erhalten, etc.) leuchtet ein. Lohnt sich auf jeden Fall die eigenen Texte unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten.

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  3. Klasse Artikel, das sind ganz wesentliche Elemente einer Geschichte – knapp und sehr anschaulich heruntergebrochen. Das macht es wirklich schön greifbar.

    Mit Frey stehe ich momentan auf dem Kriegsfuß. Ich habe vor Jahren mal „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ gelesen und meine, dass ich es damals ganz brauchbar fand. Ich besitze außerdem „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“. Und daran hänge ich nun schon seit Monaten und komme nicht recht vorwärts. Er brainstormed fröhlich irgendwelche Attribute für Helden und für mögliche Schurken, ohne dass ich das in irgendeiner Form hilfreich finden könnte. Es zieht sich. Ich lese immer mal wieder ein, zwei Seiten, dann lege ich das Werk wieder für Tage oder sogar Wochen beiseite. Ich hoffe ja noch auf eine Steigerung, aber bis jetzt ist es eine ziemliche Enttäuschung. Das von dir hier angesprochene Buch von ihm kenne ich nicht. Das scheint ja nützlich zu sein. Ich werde mal ein paar Infos mehr dazu heraussuchen und ihm vielleicht damit noch eine Chance geben.

    Aber ich wollte hier eigentlich nicht über Frey meckern, sondern deinen gelungenen Beitrag loben. Das sei hiermit nochmals ausdrücklich betont.

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    • Danke für das Lob. Das freut mich sehr. „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“ ist meiner Meinung nach der schlechteste Frey. Es gibt darin ein paar Perlen, aber man muss lange nach ihnen tauchen.

      „The Key“ ist das genaue Gegenteil. Jeder Seite ist informativ und motivierend. Mir hat es damals sehr, sehr viel gebracht zu sehen, wie Frey einen Roman entwickelt, und ich schlage heute noch regelmäßig beim Schreiben darin nach.

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  4. […] Carl Fredricksen ist fast 80 und soll aus seinem Haus raus, an dem so viele Erinnerungen hängen. Eigentlich wäre das die wahrscheinlich letzte Gelegenheit, um endlich die Abenteuer zu erleben, zu denen er und seine verstorbene Frau in ihrem Leben nie gekommen sind. Doch Carl wehrt sich mit Händen und Füßen, bis er mehr oder weniger zufällig, doch noch Fantastisches erlebt. Ein Film über das Altern, das Festhängen an Erinnerungen, das Verpassen der Gegenwart, die Verständigung zwischen den Generationen und … Hunde. Ein sehr spezielle und damit umso sehenswertere Variation der Heldenreise. […]

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  5. Danke für den guten Artikel. Die Heldenreise ist wirklich eine bewährte Struktur.
    „The Key“ kenne ich NOCH nicht, dafür Campbell, Vogler und Rebillot.

    Habe gerade eine Artikelserie online laufen, in der ich anhand von Filmausschnitten die Phasen erkläre. Ihre Meinung würde mich interessieren.

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  6. Sehr interessanter Artikel. Das werde ich auf jeden Fall beim Schreiben einfließen lassen 🙂
    Allerdings verstehe ich eine Sache nicht ganz: Wenn der Monomythos doch in fast jeder Geschichte enthalten ist, wie soll ich dann mein Buch mithilfe des Monomythoses aus dieser Menge hervorstechen lassen? Geht es darum, das Schema besonders gut auszuarbeiten? Oder soll ich in möglichst vielen Handlungssträngen die Heldenreise einbauen? Oder beides? 😉
    Anders gefragt: Wenn du, Marcus, als Autor und Schreibratgeber ein Buch liest, dass kein Weltbestseller ist (aber vielleicht ein Bestseller in Deutschland o.ä.), erkennst du, woran es gelegen hat? Und wenn ja, woran liegt es dann?

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    • Es geht nicht so sehr darum, die Heldenreise „einzubauen“. Ich gehe eher so vor, dass ich versuche, in Entwürfen bereits vorhandene Elemente besser auszuarbeiten.

      Zu deiner Frage: Es geht immer darum, bereits vorhandene Schemata zu variieren. Eben diese Variation ist es, die einen Roman auszeichnet.

      Und ja, im Nachhinein lässt sich immer analysieren, warum ein Buch kein Bestseller ist. Es wäre cooler, wenn man das vorher wüsste. Die Wahrheit ist: Meistens ist es einfach Zufall. Man kann seine Chancen optimieren. Mehr nicht.

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