Wie man einen Roman nicht beginnen sollte

Aller Anfang ist schwer, lautet ein Sprichwort. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ich würde es um einen zweiten Teilsatz ergänzen: … und verführerisch.

Eigentlich fallen mir Anfänge nicht schwer. Gute Anfänge sind schwer – nicht alle. Das berühmte weiße Blatt hat mir noch nie Kopfzerbrechen bereitet. Das Problem der verflixten neuen Idee ist viel gravierender für mich.

Verflixte neue Ideen sind nicht nur deswegen so gefährlich, weil sie Zerstreuung bedeuten und die Konzentration vom aktuellen Projekt ablenken. Sie bergen auch den verführerischen Zauber des Neuanfangs.

Enthusiasmus ist nicht immer ein guter Ratgeber.

Wenn ich ein neues Projekt beginne, bin ich von meinen frischen Ideen so begeistert, dass ich sie kaum hinterfrage. Und das ist eher das Ende und kein Neuanfang.

Ideen sind ein schlechter Beginn eines Romanprojekts

Fast vier Wochen habe ich bei der Arbeit für mein neues Romanprojekt verpulvert. Was für tolle Ideen ich doch für den neuen Roman hatte. Eine Figur hier, eine klasse Szene dort usw. Nur eines hatte ich nicht: Einen roten Faden, auf dem ich all diese einzelnen Perlen zu einer Kette aufziehen kann. Mit anderen Worten: einen soliden Plot.

Das Problem mit tollen, neuen Ideen ist die mangelnde Systematik.

Schreiben ist strukturiertes Denken.

Ideen finden ist das genaue Gegenteil.

Brandon Sanderson hat es in seiner Vorlesung sehr gut auf den Punkt gebracht: „Ideas are cheap.“ – Ideen sind billig. Ideen zu finden ist eigentlich keine große Sache. Menschen, die keine Übung darin haben, halten es für Magie, aber mit nur ein wenig Training und den richtigen Techniken kann man schnell dahin kommen, Ideen am Fließband zu produzieren.

Sandersons weiser Satz hallte eine ganze Weile nutzlos in meinen Hirn, bis die Worte endlich auf fruchtbaren Boden fielen.

If I had a Hammer …

In einem meiner Lieblingswerbespots für eine bekannte Jeansmarke hämmert ein Kind einen runden Bauklotz in eine eckige Öffnung (Kids, sucht den Film nicht auf YouTube. Er ist einfach zu alt. Und ja, ich bin noch älter als der Werbespot …).

Meiner Ansicht nach ein Bild, das an Aussagekraft nicht zu unterschätzen ist. Und ich muss gestehen, dass ich genau so ein Kind war – und ganz offensichtlich viel zu häufig auch heute noch bin.

Wie das halt so ist, wenn man vor großen Herausforderungen steht – und machen wir uns nichts vor, ein Romanprojekt zu beginnen, ist eine große Herausforderung – fällt man schnell in eingefleischte Verhaltensweisen zurück, ganz gleich, ob diese sich nun bewährt haben oder nicht.

Und so habe ich nun fast vier Wochen lang wie das Kind aus der Werbung versucht, meine Ideen in ein Stufendiagramm zu hämmern, ohne dass dabei etwas Gescheites herausgekommen ist.

Im Nachhinein bin ich wie immer schlauer, denn es ist offensichtlich, dass das nicht funktionieren kann. Klar, irgendwie bekommt man mit dem Hammer die runden Klötzer in die eckige Öffnung. Doch jeder, der sich das Werk am Ende anschaut, wird erkennen, dass die Aufgabe zwar irgendwie gelöst ist – nur bei Weitem halt nicht gut.

Der richtige Anfang für ein Romanprojekt: die Arbeit mit der Prämisse

Ganz früh am Anfang eines Romanprojekts mag das Brainstorming stehen. Doch wenn es darum geht, Figuren, einen Plot und ein Stufendiagramm zu entwickeln, muss die Systematik her. Zumindest für mich ist das so. Ich bewundere jeden, der ein Genie ist und sich nur mit ein paar Grundideen gewappnet gleich an den ersten Entwurf setzen kann. Ich kann’s nicht. Ich brauche meine Outline.

Und der erste Schritt einer Outline besteht für mich darin, mir Gedanken darüber zu machen: Wer ist eigentliche meine Hauptfigur und was will sie? Wer ist ihr Gegenspieler? Wie sieht die Ausgangssituation aus? Was soll die Hauptfigur am Ende erreichen?

Mit anderen Worten: Ich muss mir Gedanken um die Prämisse meines Romans machen und anschließend schrittweise Plotpunkte entwickeln, die auf der Prämisse aufbauen. Dabei kann es sein, dass ich auf Ideen aus der Brainstorming-Phase zurückgreife – jedoch nur, wenn diese dann auch zur Hauptfigur, dem Schurken und der Prämisse passen. Alle Erfahrung hat mir gezeigt, dass der umgekehrte Weg – meine Prämisse meinen Ideen anzupassen – in den Untergang führt.

Und was ist eine Prämisse?

Die Prämisse eines Romans ist ein Satz, der in der Romanhandlung bewiesen wird. Dabei spielt der Inhalt des Satzes zunächst einmal keine Rolle. Seine Funktion ist wichtig: Er verleiht dem Roman Struktur. Figuren und Handlung dienen dazu, die Prämisse zu entwickeln und am Ende zu zeigen, dass sie stimmt. Sie ist ein Werkzeug, das dazu dient, eben genau das zu erreichen, woran es meinem Plot in den ersten Entwürfen so schmerzlich mangelte: einen roten Faden.

Beispiel gefällig?

Eine meiner Lieblingsprämissen stammt aus dem ersten Spider-Man-Film: Aus großer Kraft folgt große Verantwortung. Ja, die Prämisse mag nicht besonders originell sein und sie wird im Film auch ziemlich plakativ verwendet, aber das spielt jetzt keine Rolle.

Wer den Film aufmerksam betrachtet, wird feststellen, dass die Prämisse in nahezu jeder Szene eine Rolle spielt:

Peter nimmt zu Beginn die Verantwortung, die aus seinen neuen Kräften erwächst, nicht wahr, weswegen sein geliebter Onkel erschossen wird. Am Ende hat er gelernt, sich dieser Verantwortung zu stellen, was jeder Zuschauer nicht nur daran erkennen kann, dass er den Green Goblin besiegt (der mit seiner Kraft eben nicht verantwortlich umgegangen ist und deswegen konsequenter Weise auch an seiner eigenen Erfindung als Symbol seiner Kraft stirbt), sondern auch seine persönlichen Bedürfnisse zurückstellt.

Ganz gleich, wie man als Zuschauer zu der Prämisse steht oder wie gut oder schlecht einem die Handlung, die aus ihr entwickelt wurde, gefällt. Niemand kann leugnen, dass der Film einen roten Faden besitzt und die Handlung auf diese Weise eine geschlossene Einheit mit einem plausiblen Anfang, Mittelteil und Ende bildet – und eben kein Potpourri vermeidlich toller Ideen.

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11 Gedanken zu “Wie man einen Roman nicht beginnen sollte

  1. Persönlich lebe ich den Rausch einer neuen Idee gerne aus. Dauert bei mir in der Regel höchstens 6 Stunden, in denen ich dann alles runterschreibe, was mir einfällt, dann abspeichern, schließen, eigentliches Projekt auf, weiterarbeiten.
    Dann kann die Idee reifen, egal ob 2 Wochen oder 2 Jahre, und vielleicht kommt noch was dazu, vielleicht aber auch nicht.
    Es macht auf jeden Fall unheimlich Spaß, wenn eine vermeintlich geniale Idee einschlägt. So stelle ich es mir vor, harte Drogen zu nehmen, so ganz am Anfang, wenn es noch toll ist.
    Apropos Drogen: Für das, was du sagen möchtest, hat der beste Vlogger aller Zeiten ZeFrank die Bezeichnung „Brain-Crack“ gefunden:

    Oder hab ich dich falsch verstanden?

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  2. So geht es mir leider auch sehr oft, viele Ideen, aber kein roter Faden… 😦
    Danke für den Artikel, es war geradezu schmerzhaft zuzugeben, dass es haargenau stimmt. Dafür jetzt schlauer. 😀

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  3. Huhu 🙂

    also irgendwie habe ich hier schn fast das Gefühl, dass du dich von deinen Plänen zu sehr verbohren lässt 😉 Natürlich kann ich mich täuschen. Ich weiß nur, dass es mir am Anfang so ging. Planen musste sein. Ging nicht anders – hatte ich ja so gelernt und liest man in sämtlichen Schreibratgebern. Nur dass dann gar nichts mehr bei mir ging und meine Texte kompletter Murx wurden. Ja ich habe auch jetzt noch wahnsinnig viel zu lernen (aber auch noch viel Zeit vor mir ;)). Dennoch habe ich eins begriffen: Was bringt es mir mit Zwang und Druck zu schreiben, wenn ich keinen Spaß dabei habe? Ich tue es doch, weil ich Spaß daran habe und in meiner Freizeit entspannen möchte.
    Deshalb skizziere ich meine Ideen immer wieder in wenigen Worten und vergesse sie so nicht, um sie später wieder hervor zu holen. Derweil wachsen in mir so komplette Werke zusammen, die ich nach und nach aufschreibe und ausformuliere – ohne großen Plan. Auf jedenfall habe ich so gelernt meine Ideen mit offenen Armen zu empfangen und dann zu sehen, was aus ihnen wird.

    Ich finde es immer wieder spannend zu vergleichen, wie unterschiedlich Autoren schreiben. Freunde von mir schreiben wieder ganz anders und jeder entwickelt dabei so seine eigenen Konzepte, Ideen und Strukturen. Gefällt mir!

    Schönen Abend dir
    Laura

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  4. Zu diesem und dem folgenden Artikel (Plot-Checkliste) von Marcus Johanus bin ich nun schon etliche Male zurückgekehrt, bevor ich meinen neuen Roman dieses Jahr in Angriff nehme. Da stecken wirklich die Knackpunkte drin.

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