„Drehbuchhandwerk“ für Romanautoren

Wer Romane schreiben will, sollte viel schreiben, lesen – und Filme und Fernsehserien gucken.

Schreiben und Lesen ist selbsterklärend. Wenn ich als Autor nicht viel (am besten täglich) schreibe, entwickle ich nicht mein Handwerk. Lesen hilft, den Sprachschatz zu erweitern, die Regeln der Sprache zu verinnerlichen, den eigenen Stil zu entwickeln, sich inspirieren zu lassen usw.

Aber Filme gucken? Wozu das?

Film und Fernsehen sind zweifellos die Medien unserer Zeit. Während Kinder und Jugendliche vor rund 50 Jahren noch Groschenhefte und Comics lasen und so ihre Lesegewohnheiten prägten, hängen sie heute vor der Glotze oder gehen ins Kino (oder gucken ihre Lieblingsfilme und -serien am Rechner).

Wer als Autor seine Leser erreichen will, muss bessere Filme schreiben.

Mit den starken audiovisuellen Reizen, die das Medium ausübt, kann ein Buch nicht konkurrieren. Dafür haben Bücher andere Stärken, wie zum Beispiel die Bilder im Kopf, die eindringlicher und persönlicher sind als jeder Blockbuster. Romane können sich mehr Zeit nehmen und damit mehr Tiefe erzeugen. Ein Film sollte in der Regel rund zwei Stunden lang sein. Ein Buch kann im Prinzip beliebig viele Seiten haben.

Diese Stärke, ist aber auch die Schwäche. Denn die Notwendigkeit, seine eigene Fantasie zu benutzen und die Möglichkeiten zur Vertiefung fordern vom Leser auch mehr eigene Arbeit und Durchhaltevermögen, die jedoch unter Umständen bei einer Vielzahl potenzieller Leser durch anderen Medienkonsum nicht ausgeprägt genug sind.

Nun kann man viel darüber jammern und fluchen – oder sich diesen Umstand zu eigen machen. Soll heißen: Je mehr ich mich beim Entwerfen und Schreiben meines Romans an filmischen Strukturen orientiere, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich meine Leser auch erreichen – und behalten – kann.

Ohne Reue vor der Röhre hängen

Deswegen kann das gezielte Gucken von Filmen und Fernsehserien für einen Autor sogar Fortbildung sein – wenn man auf diese Weise in seinem Genre weiterbildet, das die gleiche Zielgruppe anspricht, für die auch der eigene Roman gedacht ist und wenn man auch weiß, worauf es zu achten gilt.

Zunächst einmal kann ich beim gezielten Gucken viel über Gestik, Mimik und Dialoge lernen. Das kann dabei helfen, dies auch im eigenen Roman zu entwickeln.

Auch „Show don’t tell“ kann mit entsprechend analytischem Blick an Film- und Fernsehserien gut studiert werden, denn natürlich lebt das Medium vom visuellen Erzählen.

Etwas schwieriger wird es mit den Strukturen, nach denen Filmhandlungen aufgebaut sind. Mit anderen Worten, ich muss auch als Romanautor etwas über das Drehbuchhandwerk wissen.

„Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen“

Zum Glück gibt es auch über das Schreiben von Drehbüchern viel Literatur. Eines meiner Lieblingsbücher zu dem Thema ist „Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen“ von David Howard und Edward Mabley.

Große Überraschungen darf man hier nicht erwarten. Wer bereits Schreibbücher von James N. Frey oder Lajos Egri gelesen hat, wird viele alte Bekannte treffen (wen wundert’s, denn die Grundlagen des dramatischen Schreibens sind halt unabhängig vom Medium).

Aber in der Umsetzung und den Ausprägungen gibt es zwischen dem Erzählen im Roman und im Film doch einige Unterschiede, die dieses lehrreiche Buch vor Augen führt.

So haben die Autoren beispielsweise wunderbar auf den Punkt gebracht, was eine gute Geschichte von einer gut (für einen Film) erzählten Geschichte unterscheidet:

  1. Die Geschichte handelt von jemandem, mit dem wir Mitgefühl empfinden.
  2. Dieser Jemand will unbedingt etwas Bestimmtes erreichen.
  3. Dieses Etwas zu erreichen ist zwar möglich, aber schwierig.
  4. Die Geschichte wird so erzählt, dass die emotionale Wirkung so groß wie möglich ist.
  5. Die Geschichte muss ein zufriedenstellendes Ende, aber nicht unbedingt ein Happy-End haben.

In diesem Stil lernt man in diesem Buch viel über Figuren, Handlung, Prämisse, Konflikt, visuelles Erzählen usw. – alles Dinge, von denen man als Romanautor schon einmal was gehört haben sollte, nur hier halt aus der Perspektive des Filmschaffenden und kurz und bündig auf den Punkt gebracht.

Beim Lesen von „Drehbuchhandwerk“ wird außerdem deutlich, dass die Stärke des Films (und auch seine größte Schwierigkeit) in seiner Komprimierung liegt. Wie Michael Crichton auf den Punkt gebracht hat: Wo der der Romanautor 300 Seiten hat, hat der Drehbuchautor vielleicht 120 – und muss trotzdem mindestens genauso viel sagen.

Darin liegt also ein willkommener Nebeneffekt, wenn man sich als Romanautor mit dem Drehbuchhandwerk auseinandersetzt: Effizientes Erzählen tut auch Romanen gut.

Was mir besonders gut gefällt ist der zweite Teil des Buchs, indem die Autoren ihr zuvor erarbeitetes theoretisches Rüstwerk bei der Analyse einiger Filme unter Beweis stellen.

Dieser Teil ist für Romanautoren – und eigentlich alle, die Filme gerne besser verstehen wollen – besonders interessant. Von E.T. bis Hamlet gibt es eine repräsentative Auswahl von Filmen, denen auf den Zahn gefühlt wird, wobei ich als Leser den einen und anderen Aha-Effekt erfuhr.

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10 Gedanken zu “„Drehbuchhandwerk“ für Romanautoren

  1. Huhu marcusjohanus,

    die Idee finde ich interessant und plausibel. Ich denke aus Filmen bzw. Serien kann man gerade über Mimik und Gestik – eben alles, was man sieht – eine Menge lernen. Ob man allerdings aus Dialogen so viel mehr lernen kann, wie aus anderen Romanen glaube ich nicht unbedingt. Filme nutzen zwar fast nur Dialoge, aber auch dort gibt es gut geschriebene und schlecht geschriebene. Ich glaube hier nimmt es sich für Romanautoren nicht viel, ob sie hierfür Theaterstücke oder andere Romane lesen, oder eben einen Film betrachten.

    Viel interessanter finde ich aber den Schritt zum Publikum / den Lesern. Wenn ich meinen Roman wie einen Film schreibe, glaube ich nicht, dass ich dadurch unbedingt mehr Leser bekomme. Damit bezweifel ich sehr stark, dass ich als Autor wirklich bessere Filme schreiben muss. Im Gegenteil. Ich werde wohl eher die Leser abschrecken, die Lesen um des Lesens willen und weil sie nicht alles wie in einem Film haben wollen. Und Filmfans, die noch nie ein Buch zur Hand genommen haben, werden nicht unbedgint damit anfangen, nur weil nun plötzlich Bücher in filmartiger Schreibweise entstehen. – Woher sollen sie davon auch erfahren, wenn sie eh nicht lesen und es kaum Werbung für Bücher im Fernsehen gibt? Lesen ist schließlich anstrengend usw…. Gibt da sicher genug Vorurteile.
    Vielmehr finde ich es sinnvoll, Dinge wie Mimik, Gestik usw. durch Filme noch intensiver zu lernen und mich inspirieren zu lassen, aber einen Roman weiterhin als einen Roman und nicht als besseren Film zu schreiben.

    Meine Gedanken dazu 😉

    Eluin

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    • Ganz bestimmt hast du Recht, dass es Leser gibt, die das Buch suchen, um einen Kontrast zur Flimmerwelt zu haben. Und das ist auch gut so. Ich wollte auch eher zum Ausdruck bringen, dass das Medium Text seine Stärken beibehalten sollte, aber ergänzt durch filmische Strukturen. Wie Bestsellererfolge von beispielsweise Dan Brown zeigen, gibt es dafür einen Markt. Es ist bestimmt Zufall, dass Jugendbuchautorinnen wie J.K. Rowling oder Cornelia Funke so schnell und umfassend verfilmt werden. Das liegt unter anderem an ihrem visuellen Erzählstil. Das gilt zum Beispiel auch für Collins „Tribute von Panem“. Gerade sie schafft es, szenisches Schreiben und die Innenansicht ihrer Perspektivfigur wunderbar zu verbinden.

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      • Ich glaube man sollte aus beidem sich das Beste schnappen. Inspiration kann man doch überall finden und warum nicht auch von Filmen lernen? Gerade mit den Erfolgen hast du sicherlich recht 🙂

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  2. Ein toller Artikel! Mimik und Gesten in Worte fassen zu können, ist schon eine wichtige Fertigkeit, die man als Autor beim Fernsehen aufgreifen kann.

    Auch schön ist die folgende Übung (ich weiß nicht, ob ich sie aus einem der oben genannten Bücher habe): Eine Szene aus einem unbekannten Film ohne Ton abspielen und dann die Szene mit Dialog aufschreiben. So kann man gleich testen, ob man die Mimik richtig gedeutet hat (oder der Schauspieler einfach schlecht geschauspielert hat). 😉

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