Die verflixte neue Idee

„Woher bekommen Sie nur Ihre Ideen?“ ist wohl die häufigste Frage, die Autoren gestellt bekommen. In dieser Frage schwingt die Aussage mit: „Meine Güte, mir könnte nie so viel einfallen.“ Dabei sind zu wenige neue Ideen in der Regel nicht das Problem, denn es gibt genug Techniken, um Ideen zu entwickeln – beliebig oft und beliebig viele. Es gibt eine ganz andere Schwierigkeit, die die Produktivität beeinträchtigt.

Zu viele Ideen. Und wenn es dir wie mir geht, ist jede neue Idee besser als die alte, an der ich gerade arbeite. Das ist keine Koketterie und kein Protzen. Das ist ein ernstes Problem.

Moment …, zu viele Ideen sind ein Problem?

Leider ja.

Wenn ich von meinen Ideen für Romane nicht begeistert wäre, würde ich etwas falsch machen. Nur wenn mich ein neuer Einfall aus den Socken schießt, kann ich diese Begeisterung beim Schreiben ehrlich transportieren, so dass der Leser von ihr angesteckt wird und eine spannende, mitreißende Lektüre genießen kann.

Hier ist die Krux bei der Sache: Nachdem ich gelernt habe, Ideen zu entwickeln, kann ich es kaum noch abstellen.

Bei jedem Roman den ich lese, jeder Film den ich sehe oder jeder TV-Serie die ich gucke, ja, sogar beim Museumsbesuch oder beim Joggen, beim Fahren in der U-Bahn stürmen praktisch immer neue Ideen auf mich ein.

Ideen sind leicht, schreiben ist schwer

Genau hier liegt die Ursache des Ideen-Problems. Ideen entwickeln ist ein spielerischer, vergnüglicher Prozess. Neue Ideen sind neue Anfänge. Hier strotze ich vor Energie und Begeisterung.

Schreiben hingegen ist harte Arbeit. Schreiben erfordert konzentriertes, strukturiertes Denken.

Deswegen denke ich lieber über neue Ideen nach, als alte konsequent umzusetzen. Aus neuen Ideen entsteht jedoch kein Roman, sondern aus alten, die ich konsequent verfolge.

Wie wähle ich die beste Idee aus, um daraus einen Roman zu machen?

Schwierige Frage. Habe ich diese Wahl erst einmal getroffen, gibt es kein zurück, denn die nächsten Monate verbringe ich dann mit ihr. Woran erkenne ich, ob die Idee gut ist, ob sie trägt und mich auch noch in einem halben Jahr begeistern kann?

Die Wahrheit: Es spielt keine Rolle. Ideen werden überschätzt. In einem Roman kommt es darauf  an, runde, ergreifende Figuren zu entwickeln und spannende Plots zu entfalten, die solide geschrieben werden. Ideen sind zweitrangig. Wäre es nicht so, würden die Bestsellerlisten nicht von Krimis dominiert werden, in denen ein Ermittler einen Mörder jagt.

Um ehrlich zu sein, ich habe noch keinen wirklich guten Weg gefunden, um die verflixte neue und überwältigende Idee abzuwehren, weswegen ich dank ihr immer wieder in meiner Produktivität gehemmt werde.

Hier ein paar Versuche, das Thema in den Griff zu bekommen:

  • Notizbücher: Viele Schreibbücher geben den Tipp, ein Notizbuch mit sich herumzutragen, um Ideen darin festzuhalten. Mein Tod. Je mehr ich dort hineinschreibe, desto mehr will ich davon auch umsetzen und desto schwieriger wird es für mich, bei meinem aktuellen Projekt zu bleiben. Offensichtlich für viele ein guter Weg. Funktioniert bei mir aber nicht.
  • Dateien: Mein Freund Axel legt sich für jede Idee eine neue Textdatei an, druckt sie aus und heftet sie ab. Aus den Augen, aus dem Sinn. Klappt bei mir auch nicht. Wenn ich erst einmal begeistert bin, nutzt auch alles Abheften nichts. Vor allem arbeite ich die Idee mit dem Aufschreiben ja noch weiter aus, was die Sache eigentlich nur noch schlimmer macht.
  • Darüber reden: Wie bei so vielen Dingen die einzige Strategie, die sich bei mir halbwegs bewährt hat. Erstens kann ich so herausfinden, ob die Idee wirklich was taugt. Zweitens waschen mir die Menschen, die mich wirklich mögen, gehörig den Kopf und überreden mich dazu, mein aktuelles Projekt zu beenden, bevor ich neuen Ideen nachjage.
  • NaNoWriMo: Auch als Ventil für unausgegorene Einfälle ist der NaNoWriMo perfekt. Einen Monat kann ich es mal riskieren in diesem besonderen Rahmen meine neue, tolle Idee auszugestalten – um am Ende aus meinem Fieberwahn der Begeisterung zu erwachen und zu merken, dass sie so viel toller als mein aktuelles Projekt gar nicht ist. Aber der NaNoWriMo ist nur einmal im Jahr. Wäre er öfter, wäre er auch eher eine Behinderung als eine Lösung.

Für weiter Tipps, wie man mit den verflixten neuen Ideen umgeht, bin ich immer dankbar.

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26 Gedanken zu “Die verflixte neue Idee

  1. Huhu marcusjohanus,

    ja das Problem kenne ich. Grade in Träumen komme ich teilweise zu kompletten Storyideen. Bei mir hilft dann Notizbuch schnappen, Stichpunkte notieren und dann eisern zur Seite schieben und sagen: „Nicht noch ein Anfang, nun wird erstmal mein Roman beendet.“ Seit ich mich dafür entschieden habe, huschen bei mir nur noch ab und an (1-2 mal im Jahr) Kurzgeschichten dazwischen und ansonsten schreibe ich wirklich an meinem Roman weiter. So verliere ich aber nicht die Ideen, die ich sonst noch hatte und kann sie in anderen Werken unterbringen. Vor allem kommen mir so aber auch neue Ideen für mein aktuelles Projekt. Kurz vorweg: Ich bin kein Planschreiber. Wenn ich alles durchplane, schreibe ich es nicht auf. Der Text wird hölzern, tot und ich habe keine Lust daran zu arbeiten. So entwickelt sich mein Projekt von Seite zu Seite. Ich habe zwar ganz grobe Eckpunkte, die ich vielleicht erreichen möchte, aber wenn die Charaktere sich nicht dahin führen lassen, dann lass ich mir von ihnen ihren Weg zeigen und notiere diesen. Deshalb sind grade neue Ideen für mich auch immer ein guter Input. Sowohl für das aktuelle Projekt als auch für andere, zukünftige. Solange ich diese nicht im Detail auspfeile sondern eben nur ein paar Stichpunkte notiere, blockiere ich mich nicht beim Schreiben.

    Und zu Nanowrimo 😉 Es gibt noch ein Sommercamp im Juni bzw. August: http://campnanowrimo.org

    Aber ich glaube grade bei der Ideensuche bzw. beim übersschwemmt werden von Ideen und beim Schreiben selbst gibt es kein Patentrezept. Man kann wohl nur durch ausprobieren, verwerfen und verfeinern seinen eigenen, den für sich selbst am Besten funktionierenden Weg ausloten.

    Ich habe auch schon von Ideenkästen gehört, wo Ideen auf kleine Karteikarten geschrieben werden und vielleicht nach Sachgebieten sortiert dann in einen Karteikasten einsortiert werden. Auf diesen Karten ist wenig Platz für ausschweifende Gedanken und so kann man nur das wesentliche Notieren und dann die Karte zur Seite legen, um sie zu einem anderen Zeitpunkt vielleiht wieder hervor zu holen. – VIelleicht wäre dies ja eine Möglichkeit?

    Grüße

    Laura / Eluin

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  2. […] Ja, es gibt diesen Widerwillen, die ersten Wörter in die Tasten zu hauen. Dein innerer Schweinehund weiß, dass die nächste Stunde Schreiben bei allem Spaß und aller Erfüllung auch harte Arbeit ist. Es zu leugnen ist zwecklos. Manchmal verspürst du große Lust zum Schreiben – wie am Anfang des NaNoWriMos, wo die Motivation und die Aufregung des Neuen dich beflügelten. Oder du hast eine neue Idee, die dich elektrisiert. […]

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  3. Ich habe bei Google Drive einen Ordner für Ideensammlungen angelegt. Habe ich einen spontanen Ideenfluss, dann lege ich einfach ein Dokument zu der Idee an und schreibe sie möglichst präzise nieder (meist so 500-1000 Wörter). Dann lasse ich die Idee für mindestens 1 Woche, meisten 2-4 Wochen dort liegen. Wenn ich dann mal Zeit und Lust habe durchstöbere ich meine Sammlung und meist finde ich darin einige Ideen, bei denen ich merke, dass sie so nicht funktionieren könne und lösche sie gleich aus meiner Sammlung.

    Übrigens hat ThomasD von der deutschen Band Die Fantastischen Vier vor Kurzem in einem Interview erzählt, wie eines ihrer Lieder entstanden ist. Er hat immer Block und Stift parat liegen, falls ihm z. B. gleich nach dem Aufwachen eine super Idee einfällt. Eines Tages ist er aufgewacht und konnte sich erinnern, dass er in der Nacht irgendeine super Idee festgehalten hatte. Als er auf den Zettel sah, stand darauf aber nur „Junge trifft Mädchen“. Und genau über das Festhalten dieser Idee geht es in dem Lied. 😉

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  4. Ich hab das mal so „verarbeitet“ (gekürzte Fassung):

    Jetzt sitz ich also wieder hier.
    Meine Gedanken kreisen um die Fortsetzung einer meiner Geschichten.
    Denn eigentlich will ich die erst mal weiter schreiben, zumindest zwei davon.
    Sonst könnte es sein, dass ich einfach zu viel Neues schreibe und veröffentliche.
    Und dann liest es keiner mehr.
    Schreckliche Vorstellung.
    Konzentration jetzt.

    Irgendwie taucht eine Idee im Hintergrund auf, ich schieb sie weg:
    „Nein, du nicht!“

    Die Idee meldet sich:
    „Kuckuck, ich bin´s wieder. Du wirst mich nicht los.“
    „Welchen Teil des Wortes „Nein“ hast du eigentlich grad nicht verstanden?
    N- E –I –N! Kapiert?“
    Beleidigt schmollend zieht sich die Idee zurück.

    Der PC ist ja noch an, ich könnte doch eigentlich schnell mal…… nur fünf Minuten…..
    Mist, beim Lesen einer Geschichte schaut mir meine Idee über die Schulter und grinst feixend:
    „Siehste, so was wollen die Leute lesen, das andere kannst du doch nebenbei immer noch mal machen.“
    „Du verdammter Teufel, hau ab!“
    „Pöh, ich bin kein Teufel, aber jetzt bin ich böse. Ich gehe!“
    Dreht sich um und ich seh sie gehen, die Idee.
    Zweifelnd sehe ich mich um. Will ich das wirklich?

    „Nun warte doch, ich habs doch nicht so gemeint. Geh nicht!“
    Mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht dreht sich die Idee um und nickt.

    Das Ende vom Lied:
    von dem, was ich sonst noch so erledigen wollte, hab ich wieder nichts geschafft.
    Die noch zu schreibenden Fortsetzungen sind immer noch nicht geschrieben, eine neue Idee hat sich dazwischen gemogelt.
    Und dieses hier ist das Ergebnis einer Diskussion meiner Idee mit mir.

    Kennt ihr das auch? Alle, die das kennen, Finger hoch und melden.

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  5. Ich sehe im aktuellen Focus- und Spiegelbestseller nicht so viele Krimis.
    Ich sehe da viele Jugendbücher, wie Tribute von Panem, Rubinrot.
    Ich sehe da auch viel Nichtgenre, so etwas wie Hundertjährige, die aus dem Fenster steigen und ein Abenteuer erleben.

    Und bei Krimis brauchst du entweder einen langen Atem oder doch eine nette Idee.
    Warum soll nicht maln ein Schaf einen Kriminalfall lösen?

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  6. Ideen sind leicht, schreiben ist schwer – eines meiner Probleme. Ideen satt, die sich dann beim Versuch des Niederschreibens gegenseitig selbst behindern. Manchmal wünsche ich mir, weniger Ideen zu haben.

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  7. Das Problem kommt mir irgendwie bekannt vor. Meine Schubladen sind voll angefangener Manuskripte.
    Es hat lange gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass es mir hilft, wenn ich die Idee niederschreibe. Und zwar nicht in allen Einzelheiten, sondern nur die grob umrissenen Handlungsstränge mit ein paar Stichworte dazu. Insgesamt maximal eine Seite.
    Lässt mich das Thema dann immer noch nicht los, versuche ich ein Gedicht zu verfassen. Das hat bis jetzt immer geholfen, um den Gedanken (zumindest für einige Zeit) aus meinem Kopf zu verbannen. So ist zum Beispiel mein Gedicht „Der Hofnarr“ entstanden.

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  8. Ich hab mal wieder ein youtube-video mit Stephen King geschaut, da hat er gesagt, dass Notizbücher für ihn nicht funktionieren. Er hält sie für Sammlungen schlechter Ideen, denn seiner Meinung bleiben die guten Ideen sowieso im Kopf hängen und klopfen immer wieder an. Was man aufschreiben muss, um es zu erinnern, dass ist es nicht wert. So macht er das.

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    • Das hat King von den Beatles geklaut. Die haben explizit keine Tonbänder verwendet, um Ideen aufzuzeichnen, weil sie auch meinten, dass sie sich die wirklich guten Ideen auch durchsetzen und die schlechten vergessen werden.

      Aber Recht hat er, finde ich.

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  9. Was mich interessiert sind die Ideen während des Schreibens. Wenn man an einem Tag 1000 – 5000 Wörter schreibt, dann braucht man ja auch die Ideen, die dieses Volumen füllen. Genau in dem Moment, wenn man schreibt. Man kommt ja sonst ins Stocken. Woher kommen sie?

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    • Uh, eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Interessiert dich wirklich die biopsychologische Begründung dafür, wie solche Ideen entstehen oder eher die fürs Schreiben relevante Frage, mit welchen Techniken du auf Ideen kommen kannst, wenn dir welche fehlen?

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  10. Danke für den Artikel zum Thema. Mache die Erfahrung öfter, dass ich, nachdem ich mich entschieden habe für eine Idee einen ersten Entwurf zu schreiben, sich plötzlich wie aus dem Nichts eine viel bessere Idee auftaucht, die sofort bearbeitet werden will. Alles ist so klar und logisch, ich muss eigentlich nur sofort den Ersten Entwurf schreiben.

    Für mich persönlich funktioniert es mittlerweile ganz gut, dass ich einen Ersten Entwurf immer beende – egal was für tolle Ideen sich auch in den Weg stellen mögen.

    Das mache ich jetzt seit drei Jahren und ich habe mittlerweile ein paar Erste Entwürfe auf dem Tisch liegen. Meine Schwierigkeit ist zur Zeit, wie ich daraus einen zweiten Entwurf mache. Gibt es da einen empfehlenswerten Artikel?

    Ideen sammle ich aber nebenbei weiter – ohne dafür den Ersten Entwurf zu beenden. Ideen für Themen sammle ich nach wie mit einem elektronischen Zettelkasten. Für mehr konkrete Ideen (Roman, Novelle, Erzählung) lege ich einen Ordner an in dem ich Skizzen für Szenen, Charaktere, Settings sowie Zeitungsartikel und Bilder ablege.

    Gute Erfahrung habe ich gemacht die wichtigsten Szenen in „einem Rutsch“ zu skizzieren. Es gibt verschiedene Modelle um einen Plot zu erarbeiten. Ich arbeite seit drei Jahren mit Dramatica, empfehlenswert trotz längere Einarbeitungszeit, und einer Mischung aus Blake „Snyders Save the Cat“ und Heldenreise.

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