Warum ich lieber ein Outliner bin

Prinzipiell gibt es zwei Typen von Autoren: Outliner und Discovery Writer. Outliner planen Figuren und Plot, bevor sie sich an den ersten Romanentwurf setzen, die Discovery Writer schreiben drauf los. Ich bin ein Outliner. Wie wahrscheinlich die meisten habe ich als Discovery Writer begonnen, einfach, weil ich nicht wusste, dass man einen Roman planen kann. Und als ich darüber las, wie man Romanprojekte strukturiert und plant, hat sich in mir zunächst massiver Widerstand geregt.

In der Schule hatte ich gelernt, einen Schreibplan zu erstellen, bevor ich mit einem Aufsatz beginne. Im Studium waren aufwändige Planungen notwendig, damit eine umfangreiche Seminar- oder Examensarbeit gelingen konnte. Deswegen sträubte sich in mir lange, lange Zeit auch alles dagegen, aufwändige Pläne zu erstellen, um einen Roman zu schreiben. Immerhin wollte ja eben nicht den nüchternen und kleinteiligen Schreibprozess haben, den ich aus der Schule und der Uni kannte.

Inzwischen muss ich sagen: Ich bin verflixt froh, ein Outliner zu sein, was bedeutet, dass ich vor dem eigentlichen Schreiben eines Manuskripts für ein Buch viel Zeit damit verbringe, Figuren zu entwickeln und Plots zu planen. Outlining hat für mich viele Vorteile gegenüber dem entdeckenden Schreiben. Wäre ich ein Discovery Writer, hätte ich wahrscheinlich nie im Leben ein Romanmanuskript fertig bekommen (und ich ziehe meinen Hut vor jedem, der das schafft).

Um Missverständnisse vorzubeugen: Es gibt keine bessere oder schlechtere Methode. Stephen King ist als Megabestsellerautor ein Discovery Writer. Brandon Sanderson, Bestseller-Fantasy-Autor mit seiner „Kinder des Nebels„-Trilogie und Nachlassverwalter von Robert Jordans „Rad der Zeit“, ist ein Outliner.

Beides führt also zum Erfolg. Nur nicht für mich. Und ich verrate auch, warum das so ist:

Outlining ist besser für unerfahrene Autoren

Ich glaube dem guten Mr. King nicht so recht, wenn er behauptet, ohne Planung zu schreiben. Es mag sein, dass er auf dem Papier nicht viel plant. Allerdings ist King auch ein extrem kompetenter Autor, der lange Jahre Sprache und Literatur unterrichtet hat, sehr belesen ist und über die Jahrzehnte dutzendweise Romane, Novellen und Kurzgeschichten veröffentlicht hat.

Ihm sind die Strukturen von Literatur einfach in Fleisch und Blut übergegangen, denke ich. Mag sein, dass ich in zehn, zwanzig Jahren an einem ähnlichen Punkt sein kann. Noch brauche ich einfach Planungsphasen, in denen ich Setting, Figuren und Plots entwickle, bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben beginne.

Ein Stufendiagramm für einen Plot, eine Biografie für eine Figur, die Story-Bible für das Setting haben für unerfahrene Schriftsteller den Vorteil, dass sie sich im Schreibprozess nie verlieren, nie stecken bleiben können. Sprudeln die Ideen beim Schreiben nur so, ist ja alles in Butter. Doch jeder, der lange Projekte verfolgt hat, weiß, dass es auch ganz andere Phasen gibt.

Durch diese Durststrecken helfen Planungen. Sie sind wie ein Netz, das mich auffängt, wenn meine Kreativität abstürzt. Und früher oder später passiert das bei einem 100.000-Wörter-Projekt immer. Selbst wenn ich meine Planungen nicht brauchen sollte, verschaffen sie mir das sichere Gefühl, dass mir nichts passieren kann. Ein sicheres Gefühl ist für mich wichtig, damit sich Ideen entwickeln können.

Im Zweifelsfall sagt mir meine Outline also, wo es lang geht, wenn mein Hirn mal wieder zu ausgelaugt ist, um es selbst zu wissen.

Outlining macht meinen Arbeitsprozess transparent

Bei jedem Projekt stoße ich früher oder später auf ungeahnte Schwierigkeiten. Die Figuren passen doch nicht so gut zusammen, wie ich es mir gedacht habe. Der Konflikt ist noch nicht stark genug. Das Ende funktioniert nicht, wie gehofft usw. Hier zeigen sich die eigentlichen Stärken der Outline: Die größten Schwierigkeiten kann ich bereits im Vorfeld erkunden und damit vermeiden.

Schreiben ist unter anderem deswegen so schwierig, weil es in hohem Maße strukturiertes Denken erfordert. Ich brauche dabei jede Hilfe, die ich kriegen kann. Und Schreiben ist eine super Hilfe beim Denken. Sobald ich Gedanken zu Buchstaben forme, werden sie klarer. Dieses Entdecken von Ideen, Figuren und Plots hat aber nichts im fertigen Manuskript zu suchen, da dies Prozesse sind, die ich als Autor benötige – den Leser interessieren sie nicht. Bei einem Film bekommen ich auch nur den fertigen Schnitt zu sehen, keine Rohschnitte oder Übungsphasen der Schauspieler etc. Die Outline ist sozusagen das Drehbuch zum Roman.

Viel wichtiger: Ich muss das alles nicht alleine tun. Sobald ich eine Struktur meines Romans erarbeitet habe, kann ich sie mit anderen diskutieren, die Fehler oder Alternativen finden können. Allein schon das Sprechen über eine Outline bewirkt meistens, dass ich auf neue Ideen komme und Fehler entdecke, bevor sie mir beim eigentlichen Schreiben auf die Füße fallen und zu einer Lawine werden, die mich erdrückt.

Outlining macht mich flexibel

Ein Plan ist wie ein Korsett, das meine Kreativität am Atmen hindert – dachte ich lange Zeit. Rückblickend war diese Einstellung nur eine Ausrede, um mich vor der Arbeit zu drücken, die so eine Outline bedeutet. Planen ist anstrengend, Scheiben macht Spaß. Deswegen habe ich lieber geschrieben, als zu planen. Doch ohne Plan blieb ich immer wieder stecken, weswegen der Schreibprozess dann früher oder später ins Stocken geriet, so dass ich dachte, ich könnte nicht schreiben. Dabei konnte ich in Wirklichkeit einfach nur nicht planen.

Die Wahrheit ist: Mit der Outline bin ich viel flexibler als beim entdeckenden Schreiben. Sprudeln die Ideen, fließen mir die Worte aus den Fingern – hervorragend. Dann vergesse ich meinen Plan und schreibe frisch von der Leber weg. Habe ich keine Ahnung, was als nächstes zu tun ist, gucke ich in meine Outline. Das steigert meine Produktivität, denn ich kann mit meiner Outline immer schreiben, ob ich nun gerade tolle Einfälle habe oder nicht. Im Zweifelsfall nehme ich halt die Ideen meiner Planungen. Nur auf diese Weise kann ich jeden Tag schreiben und nicht nur an den Tagen, an denen mich meine Muse küsst.

Dabei ist die Outline eben kein starres Korsett. Jeder Plan hält immer nur so lange, bis er auf die Wirklichkeit trifft. Eine Outline bedeutet nicht, dass ich sie auch buchstabengetreu befolgen muss. Im Gegenteil. Sie wird beim Schreiben ständig modifiziert.

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30 Antworten auf “Warum ich lieber ein Outliner bin”

  1. Hallo Marcus,

    da schließe ich mich gerne an: klasse Artikel!

    Ich habe im Frühjahr 2011 nach dem Besuch einer Schreibwerkstatt mit dem Schreiben von (Kurz-) Krimis begonnen. Vor diesem Workshop dachte ich, kreativ schreiben bedeutet, auf einem leeren Blatt zu beginnen und es langsam mit der Geschichte zu füllen. Aber nein! Zu meinem großen Erstaunen stellte ich fest, dass man beim kreativen Schreiben sehr konzeptionell vorgeht – so, wie ich es im Brotjob als Unternehmensberater mache – und erst einmal einen Plot entwickelt. Steht und stimmt die Struktur meiner Geschichte, kann ich sie danach viel einfacher und schneller „runter schreiben“. Also, es ist genau wie du schreibst.

    Mörderische Grüße
    Kriminalinski
    Andreas

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    1. Es freut mich sehr, wenn sich unsere Erfahrungen decken. Vielen Dank für die Zustimmung. Dein Blog und deine Kurzkrimis sehen sehr interessant aus. Habe mir schon eine Leseprobe von „Der Tod der alten Dame“ gezogen.

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