Wieso ich lieber schnell schreibe als gut

Je schneller ich schreibe, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich ein Projekt auch wirklich beende. Mit anderen Worten: Meine Produktivität steigt. Gut Ding will Weile haben und einen Roman in wenigen Wochen oder gar Tagen herunterreißen – dabei kann doch nur Schund entstehen, höre ich schon den berechtigten Einwand. Stimmt auch – aber nur teilweise. Diesem Gedanken liegt das Missverständnis zu Grunde, dass Romane geschrieben werden. Werden sie nicht.

Romane werden nicht geschrieben, sie werden editiert

Man sollte nie den Fehler machen und einen Romanentwurf mit einem Roman verwechseln. Denn: Ich schreibe einen Entwurf für einen Roman, keinen Roman. Der fertige Roman ist das Produkt, das entsteht, wenn ich meinen Entwurf wieder und wieder editiere, also überarbeite.

Kreatives und dramatisches Schreiben gliedert sich in mehrere Phasen. Je genauer ich diese Phasen voneinander trenne, desto wahrscheinlich ist es, dass ich am Ende einen fertigen Roman in den Händen halten kann.

1. Phase: Vorbereitungen

In diese Phase fällt alles, was ich tun muss, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Hier erledige ich die Rechercheentwerfe ich Figuren, erarbeite den Plot und brainstorme und clustere, was das Zeug hält. Erst, wenn alle wesentlichen Teile – also die Figuren, der Plot und das Setting – eines Romans vor mir liegen, kann ich mit dem – schnellen! – Schreiben beginnen.

2. Phase: Schreiben

Beim Schreiben geht es darum, so schnell wie möglich einen ersten Entwurf für meinen Roman zustande zu bekommen. Jetzt heißt es: Schreiben, bis die Finger bluten. Hier gewinne ich keine Preise für Stil und Rechtschreibung. Je kürzer diese Phase ist, desto besser.

Warum? Berechtigte Frage – und ich habe sogar eine Antwort: James N. Frey nennt diese Phase, „Den Traum noch einmal Träumen“. Stephen King sagt dazu „Schreiben bei geschlossener Tür“. Beides sind wunderbare Bilder, die visualisieren, was gemeint ist.

Schon einmal einen Tagtraum gehabt und dabei gedacht: „Hey, cool, das ist eine tolle Idee für meinen Roman!“. Diese Tagträume sind die Keimzellen der Kreativität. Stunden oder Tage später sitze ich am Laptop, denkt an den Tagtraum zurück und frage mich: „Verflixt, wie war das noch mal?“ Was dann zu Papier gebracht wird, ist nur ein blasses Abbild des Gemäldes, das ich beim Tagtraum vor dem inneren Auge hatte.

Damit die Frische, die Vitalität dieses Augenblicks festgehalten werden kann, muss ich bei geschlossener Tür meinen Traum träumen, um die vielen, tollen Einfälle nicht zu vergessen, um im Fluss zu bleiben. Das geschieht nur, wenn ich den Entwurf so schnell wie möglich am Stück schreibe.

3. Phase: Überarbeiten

Eigentlich sollten Schriftsteller lieber Überarbeiter heißen. Wie der Bildhauer alle Überflüssigen Teile eines Steins wegklopft, um seine Skulptur zum Vorschein zu bringen, tilgt der Autor beim Überarbeiten alles Ungehobelte aus dem ersten Entwurf, bis ein Roman entsteht.

Diese Phase ist die längste im ganzen Schreibprozess. Hier nehme ich mir die meiste Zeit und arbeite am gründlichsten und langsamsten, um an jedem Satz und jedem Wort zu feilen. Erst jetzt erlaube ich es mir, in Phase eins zurückzukehren, etwas noch einmal zu recherchieren, das ich bisher nicht gründlich genug nachgeschlagen habe, eine Figur zu verändern, bis sie passt, oder dem Plot noch die eine oder andere überraschende Wendung zu verschaffen.

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26 Antworten auf “Wieso ich lieber schnell schreibe als gut”

  1. Moin, ich mal wieder… 🙂
    Zunächst: Totale Zustimmung. Genau so sollte man es machen. Erst eine sehr genaue Vorbereitung, je genauer desto besser. Dann schreiben, schreiben, schreiben. Und dann nicht faul sein, sondern sich an die echte Arbeit machen: Die Überarbeitung – auch wenn das wenig Spaß macht und manchmal weh tut; vor allem das Streichen.
    Allerdings mache ich selbst gerade eine ganz andere Erfahrung. Mein aktueller Roman entsteht gerade mit nur 2000 Wörter täglich. Eigentlich empfinde ich das als viel zu langsam, andererseits stelle ich fest, dass das Geschriebene auch wirklich so aussieht, wie ich es vorab haben wollte. Klar: Überarbeiten wird man den Text trotzdem noch müssen, aber diese Überarbeitung wird dieses Mal einen viel, viel kleineren Anteil am Projekt ausmachen als sonst.
    Und in Zukunft? Ich weiß es nicht. Vielleicht hängt die Arbeitsweise doch sehr stark vom Thema ab. Vielleicht diktiert die Geschichte das Vorgehen. Mich würde sehr interessieren, welche Erfahrungen andere Autoren da gemacht haben.

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    1. Herzlichen Glückwunsch, wenn das bei dir so funktioniert. Beneidenswert. Ich brauche die Phase des wirklich schnellen Schreibens. Vielleicht ist es auch eine Frage der Erfahrung. Nach dem zwanzigsten Buch sehe ich das wahrscheinlich auch noch einmal anders.

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  2. Das schnelle Schreiben ist etwas, dass ich gerne können würde. Aber irgendwie wills bei mir nicht klappen. Selbst wenn ich es mir fest vornehme, kommt irgendwann eine Stelle, an der ich noch während des Schreibens für den Entwurf in eine Überarbeitungsphase reingerate. Das ist ziemlich verhängnisvoll. So schaffe ich dann einem Tag maximal 3000 Wörter. Und das auch nur, wenn es wirklich gut läuft. Die Regel ist die Hälfte.
    Der Grund für mein Hinüberrutschen ist meistens, dass sich etwas anders entwickelt, als ich es geplant habe. Ich kann einen Charakter noch so gründlich durchkonzipieren, einen Roman über seine Lebensgeschichte schreiben und jeden einzelnen Charakterzug genaustens festlegen, am Ende entwickelt er dann doch ein Eigenleben und handelt anders, als geplant. Sobald mir das auffällt, muss ich korrigieren. Da ist so eine Blockade in mir, die mir verbietet Worte zu schreiben, von denen ich genau weiß, dass sie „falsch“ oder unpassend sind.

    Liebe Grüße
    Silvain.

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    1. Vielleicht ist dein Problem ja Perfektionismus? Was ist so schlimm daran, wenn Figuren anders handeln als geplant? Was stört an falschen Worten, wenn sie doch niemand zu sehen bekommt? Für mich war der Schlüssel bei der ganzen Angelegenheit, meinen inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen, bleib dran. Wenn du gerne schnell schreiben möchtest, wird dir das auch früher oder später gelingen.

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    2. Vielleicht solltest du wirklich deinen Charaktern ein Eigenleben lassen? Mir persönlich passiert das auch, das ein Charakter sich anders verhält als anfangs geplant. In diesem Falle schreibe einfach weiter und am Ende stelle ich fest, dass meine Charakter viel lebendiger wirken als am Anfang.

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  3. Sehr schön. Dein Artikel hält einem wieder einmal einen Spiegel vor und zeigt, dass Perfektionismus am falschen Ort eher hindert als nützt. Danke für diese Erinnerung und totale Zustimmung: Die Vision steckt in Phase 2, die Perfektion in Phase 3.

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  4. Schöner Artikel, ich tappe gerade auch wieder in diese „Oh, bevor ich aber weiterschreibe muss ich erst mal das, was ich geschrieben habe nochmal lesen“-Falle und schon bin ich dabei, wie ich Sätze umformuliere, Wörter streiche…aber eigentlich wollte ich doch nur schreiben. *seufz* Dummerweise sind die einfachsten Tipps immer am schwierigsten zum umsetzen: just do it! Jaja…ich muss aber erst noch…;)

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  5. Danke für den Artikel, Marcus! Ich denke, wenn man sich deinen Satz „Romane werden nicht geschrieben, sie werden editiert“ immer wieder vorsagt, dann könnte der auch gegen Schreibblockaden helfen.

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  6. Wenn ich hier lese, dass manche 3.000 Wörter täglich schon als wenig empfinden… 😀
    Bei meinem letzten Roman habe ich es auch mit dem Schnellschreiben versucht, und dementsprechend war der erste Entwurf extrem überarbeitungsbedürftig, sodass ich so gut wie alles neu schreiben musste. Dazu ist mir auf halbem Weg aber die Motivation bzw. das Interesse ausgegangen.
    Deshalb schreibe ich jetzt langsamer (in vier Monaten etwa 40.000 Wörter), aber dafür so, dass auch der erste Entwurf schon halbwegs lesbar ist … das funktioniert für mich einfach besser, weil dann keine ganz so gewaltigen Überarbeitungshürden auf mich zukommen, wenn ich bald fertig bin.
    Aber da hat sicher jeder seine eigene Methode 🙂

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  7. Das ist genau das was ich im moment tue,ich schreibe und schreibe und die Rechtschreibung ist mir erstmal egal.Ich versuche erstmal meine Geschichte aufs Papier zu bringen ,also meinen Schreibfluss aufrecht zu halten.bevor die Ideen in meinem Kopf verblassen,um die Schreibfehler kümmere ich mich nachher.Bis jetzt dachte ich immer das das der falsche weg ist .Vorallem meine Freundin macht es mir sehr schwer ,sie meint ich müsse vom ersten Satz an perfekt schreiben aber das blockiert mich total

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