Joss Whedon: Marvel’s The Avengers (Rezension)

Wer mir auf Twitter folgt, wird schon geahnt haben, dass ich mir eine Rezension zu Joss Whedons Superheldenfilm „Marvel’s The Avengers“ nicht verkneifen kann. Ach was, Rezension … Ich bitte schon jetzt um Entschuldigung, dass dieser Artikel Fanboygeblubber wird. Aber zu „Avengers“ fällt mir beim besten Willen keine Schwäche ein.

Über den Inhalt will und muss ich nichts verraten. Die Story des Films ist nicht das, was begeistert. Sie ist sogar ziemlich konventionell – und das ist auch gut so, denn dies liefert die Gelegenheit, den Figuren die Bühne zu bereiten, die sie brauchen.

Nur so viel: Wer sich mit Marvel-Superhelden vielleicht nicht ganz so gut auskennt, sollte wissen, dass „The Avengers“ eines der ersten Superheldenteams der Comicgeschichte waren. Den „Avengers“ liegt der Gedanke zu Grunde, dem Leser (hier dem Zuschauer) eine Handvoll seiner liebsten Helden, die er schon aus ihren eigenen Abenteuern kennt,  gleichzeitig in einer Geschichte präsentieren zu können. Das unterscheidet Avengers von anderen Teamstorys, wie zum Beispiel „The Fantastic Four“ oder „X-Men“, die ja mehr oder weniger von Anfang an ein Team bilden.

Das ist nicht ganz unwichtig zu wissen, denn hier liegt eines der Grundthemen, die Avengers interessant macht, auf das sich Whedon konzentriert. Zu Beginn des Films sind die Avengers Egozentriker, wie man es von Helden, die es gewohnt sind, im Rampenlicht zu stehen, auch erwarten kann. Es ist eine der großen Leistungen von Whedon, den Findungsprozess interessant darzustellen, ohne dabei zu vergessen, dass er einen Superheldenactionfilm dreht. Beides – Action und Figurenentwicklung – in einem Popcornfilm unterzubringen, ohne dass das eine oder andere angestrengt oder aufgesetzt wirkt, ist keine leichte Sache.

Neben der Story um die Teamfindung ist „The Avengers“ eine einzige große Superheldenklopperei. Normalerweise wäre das für mich ein großer Kritikpunkt, haben doch Regisseure und Autoren wie Christopher Nolan oder Brian Singer gezeigt, dass man noch viel, viel mehr mit dem Thema anstellen kann.

Doch Joss Whedon schafft es als herausragender Autor aus einer 142-minütigen Prügelei die bestmögliche Unterhaltung zu machen, die das Genre zu bieten hat.

Kenneth BrannaghsThor“ war schon ein guter Superheldenfilm mit ausgefeilten Dialogen und tollen Figuren, wie man sie in diesem Genre sonst vergeblich sucht. Aber wie es bei einem hochkarätigen Regissuer wie Brannagh nicht anders zu erwarten war, fühlte ich mich streckenweise wie in einem Shakespeare-Drama. Das ist nicht verkehrt, verlässt aber die Ebene des Superheldengenres und „schummelt“ damit ein wenig, indem die Schwächen des Themas einfach durch etwas anderes ersetzt werden.

Für „Iron Man“ gilt ähnliches. Ein sehr unterhaltsamer Film, der aber vor allem davon lebt, dass Robert Downey jr. als Tony Stark brilliert, indem er ihn recht weit von der Vorlage entfernt.

Joss Whedon hingegen geht voll in die Schwächen des Genres hinein, versucht nichts zu beschönigen oder zu entfremden, um die Niveaustufe anzuheben und damit ein breiteres Publikum anzusprechen. Er setzt auf andere Mittel, die allesamt zünden: Hulk besitzt plötzlich eine feine Ironie, die aber vollkommen innerhalb der Grenzen der Figur bleibt. Selbst Thor ist plötzlich ironiefähig, ohne aus dem Rahmen zu fallen (und ohne, dass die Figur dies selbst bemerken würde). Und so liefert Whedon immer noch die kleine „Extraebene“ mit, die den Film zu einem herausragenden Vertreter seines Genres macht, verlässt es dazu aber nie.

Am allermeisten hat mich jedoch Whedons Version von Captain America beeindruckt. Bislang war diese Figur für mich ein Totalausfall. Man stelle sich nur einmal einen „Hauptmann Deutschland“ vor und weiß ganz gut, welche Schwierigkeiten ich habe. Nun hätte es für Whedon zwei Möglichkeiten gegeben, Captain America zu retten:

Erstens hätte er ihn einfach umdichten können. Ähnlich wie Nolan es mit Batman gemacht hat. Hat er nicht. Oder er hätte zweitens die Figur vollkommen ironisieren können, um eine Doppelbödigkeit zu erreichen, die sie veredelt. Eine Option, mit der ich bei Joss Whedon gerechnet hätte. Hat er aber auch nicht.

Whedon macht etwas viel, viel Schlaueres und beschämt damit mein Autorenhirn, das niemals auf diese so simple und doch wirkungsvolle Lösung für diese problematische Figur gekommen wäre: Er streicht in Captain America einfach sämtliche Dialogzeilen, die irgendetwas mit Patriotismus und dem „Wir müssen unserem Land dienen.“-Gelaber zu tun haben.

Whedons Captain America ist ein stiller Arbeiter, der emsig seinen Dienst tut, die Schwachen und Unschuldigen zu schützen und mit knappen Befehlen die anderen Teammitglieder im Kampf unterstützt. Whedon zeigt einfach nur, was in Captain America steckt – und macht ihn so zu einem sympathischen, einfachen Helfer. Somit hat er die Stärken der Figur (von denen ich nie geahnt hatte, dass sie sie besitzt) zum Strahlen gebracht und gleichzeitig alle Schwächen wunderbar umfahren.

Besser als Joss Whedon mit „The Avengers“ kann man seine Liebe zum Genre nicht ausdrücken.

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6 Antworten auf “Joss Whedon: Marvel’s The Avengers (Rezension)”

  1. Ha ! Deine Rezi trifft exakt den Punkt – Avengers ist eine fabelhafte Blockbuster-Unterhaltung mit viel Action und Humor und einem Charakter-Cast, der seinesgleichen sucht. Bin sehr gespannt, wie sie den nächsten Streifen aufziehen werden, die Fortsezung dürfte beschlossene Sache sein.
    Einzige Kritik auf sehr hohem Niveau : Captain America mag zwar im Film ein recht ordentlich durchgeskripteter und glaubwürdiger Charakter sein, er hat aber trotzdem das blödeste Kostüm von allen bekommen. Schade, denn in seiner Zeit in den 1940ern (ergo in seinem eigenen Film) hat sein Pulp-Outfit mit Fliegerbrille und Lederjacke indes noch sehr gut gewirkt.

    Dasselbe Konzept verfolgte übrigens auch die erste Cartoon-Staffel von „Avengers – Earth’s Mightiest Avengers“. Dort wurden, Folge für Folge, alle Avengers einzeln eingeführt: Iron Man, Hulk, Thor, Captain America, Black Panther, Black Widow und Hawkeye, etc. Das Team fand sich erst so gegen Folge 10 oder so zusammen und sich zunächst als unbrauchbar herausstellte, da die Differenzen zu groß waren. Mit Erstaunen muss ich nun hinzufügen, dass die Cartoon-Serie eigentlich im Wesentlichen mit EXAKT demselben Rezept aufbietet, an dem sich auch der Avengers-Film orientiert: es gibt ein wenig Charakter-Geplänkel (in etwa zwischen Thor und Hulk oder Iron Man und dem Cap), danach rücken krasse globale Bedrohungen in den Vordergrund, die bekämpft werden wollen (etwa Kang der Eroberer, der Leader, Graviton, Loki, Ultron, Hydra, etc.). Dabei kommt die Charakterzeichnung zwar ein wenig zu kurz, aber nun gut, es ist immerhin eine Samstagmorgen-Cartoonserie. Andererseits haben aber „Batman: Animated Series“ und „X-Men“ genau das besser hinbekommen, indem sie mehr Zeit in die Beziehungen der Chars investiert haben, anstatt sie in Actionszenen zu Dumping-Preisen zu verschleudern.

    Auch hier: Captain America stellt eigentlich einen sehr uninteressanten Charakter dar, der seinem Ruf nach einfach „gut“ ist, indem er für sein Vaterland kämpft, Befehle ausführt und ein makelloses Vorbild für alle ist. In der Gegenwart angekommen, muss er aber verstört feststellen, dass die Regierung, die er vertreten soll, zu viel Dreck am Stecken hat und seine ehemals überragenden Fähigkeiten kaum noch ausreichen, um den Menschen gegen die Superschurken zu helfen. Schließlich ist auch fraglich, was dieser ganze Tugend-Quatsch um Ehre, Anstand, Bescheidenheit und Rücksichtnahme im 21.Jahrhundert überhaupt noch soll – zu Zeiten der Heuschrecken-Mentalität, Fremdenhass und Egoismus. So besinnt sich Rogers darauf, was er noch selbst zu leisten und zu verantworten in der Lage ist: Leute in der Not nach bestem Gewissen zu unterstützen und anzupacken. So soll’s sein ! …und genau das, was man auch im Film sehen konnte ! JA !!!

    Und: last but not least ein tolles Avengers-Buch:

    The Avengers and Philosophy: Earth’s Mightiest Thinkers (Blackwell Philosophy Series) von Mark White und William Irwin – viele schöne Denkansätze in Marvel-Geschichte verpackt. Vor der Lektüre wusste ich nicht, was Captain America und Iron Man mit deontologischer Ethik und Utilitarismus zu tun hatten…für mich, der Philophie schätzt, aber zu wenig Zeit hat, um sich dort gehörig einzuarbeiten, sehr wertvolles Material. Hier zeichnete sich für mich eine sehr klare Eigenschaft ab: unsere ganzen geistigen Werke (von Simplicissismus bis Harry Potter) fußen im Grunde auf jahrhundertealten Geschichten, die schon die Grundlage für die Torah und die griechischen Götter-und Heldensagen bildeten. Sie (zumindest die „gehaltvollen“ :o) ) beinhalten ALLE dieselben Fragestellungen um Liebe, Verrat, Ehre, Freundschaft, Wahrheit etc.. die die Menschen schon seit je her auf Trab gehalten haben. Ein Werk, das seine Charaktere mit Fragen solcher Art beschäftigen lässt und die besagten Problemfelder in würdiger Weise tangiert, anstatt ausschließlich auf kurzweilige Unterhaltung zu bauen, fischt damit fast von alleine in großen Gewässern. Ich wage die Behauptung, dass es sich hier so ähnlich verhalten dürfte wie bei Hitchcocks Regel, dass längerfristige Spannung mehr nachhaltige Substanz bietet als der kurzweilige Schock.

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    1. Vielen Dank für diesen ausführlichen und sehr aufschlussreichen Kommentar. Danke auch für den Tipp Earth’s mightiest Avengers. Werde ich mir mal angucken.

      Dein Kommentar inspiriert mich zu einem Artikel über mythisches Erzählen. Mal Axel fragen, vielleicht machen wir da auch ne Podcast-Folge draus.

      Und ja, Caps Kostüm sah doof aus.

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  2. Kann Deiner Kritik nur zustimmen.
    Ein Film mit großartigem Unterhaltungswert. Vor allem gelingt es, dass die Superhelden als Typen nicht hinter den bombastischen Actionszenen verschwinden.
    Die Story ist banal, variiert aber im Grunde genommen die Themen alter US-Western. Mehrere möglichst eigenwillige Revolverhelden raufen sich in gemeinsamer Mission zusammen, und gewinnen am Ende gemeinsam. Von daher ist der Plot, gesehen als kleine Hommage an dies klassische Genre auch wieder schön.

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