Andreas Eschbach: Die seltene Gabe (Rezension)

Als die 17-jährige Marie nach Hause kommt, bemerkt sie, dass bei ihr eingebrochen wurde. Ihre Eltern sind verreist, der Schreck ist groß, aber der Einbrecher stellt sich als französischer Junge in ihrem Alter namens Armand heraus, der auf den ersten Blick harmlos wirkt.

Es dauert allerdings nicht lange, bis Marie erkennt, dass Armand auf der Flucht ist. Und dafür gibt es einen ungewöhnlichen Grund: Er ist Telekinet. Das Militär jagt ihn deswegen. Marie hilft ihm, seinen Verfolgern zu entkommen,  zunächst unfreiwillig, aber bald kommen sich die beiden näher. Doch gibt es für sie angesichts ihres mächtigen Gegners überhaupt eine Chance?

Die seltene Gabe“ ist ein Jugendbuch des deutschen Science-Fiction-Autors Andreas Eschbach. An dem Schöpfer solcher unterschiedlicher Romane wie „Jesus-Video“ und „Solarstation“ schätze ich seine Einfälle für ungewöhnliche Plots und seine klare, einfache, aber nicht unbedingt simple Sprache. Beides kann Eschbach sehr gezielt einsetzen, um Spannung zu erzeugen, was ihm auch in „Die seltene Gabe“ sehr gut gelingt.

Das Jugendbuch ist aus der Perspektive Maries erzählt und Eschbach trifft  die Stimme einer jugendlichen Ich-Erzählerin. Die Wahl einer weiblichen Perspektivfigur ist hier ein kluger Schachzug, da der Roman ansonsten eher ein Buch für Jungs ist. Ob das Kalkül aufgeht, kann ich nicht beurteilen, da ich ja ein männlicher Leser bin. Auf jeden Fall war die Perspektive für mich beim Lesen – vor allem angesichts des Themas – sehr interessant.

Auch auf der Handlungsebene zieht Eschbach alle Register eines routinierten Autors. Dank der konsequent szenischen Erzählweise erlebt der Leser Armands und Maries Flucht mit, als wäre er direkt im Geschehen, was den Roman zu einem Action-Film für das Kopfkino macht. Hintergrundinformationen und das Einführen der Figuren erledigt Eschbach sozusagen im Handumdrehen nebenbei, ohne den Hauptplot und das aktuelle Geschehen aus den Augen zu verlieren.

Mir gefällt besonders das Thema der übersinnlichen Kräfte in „Die seltene Gabe“. Eschbach entwickelt ein stimmiges Konzept, das nicht nur Telekinese ermöglicht, sondern auch einen Telepathen auftreten lässt, ohne unglaubwürdig zu werden – ganz so, wie man es von einem namhaften und routinierten SF-Autor erwartet.

Mein einziger Kritikpunkt an „Die seltene Gabe“ ist die Tatsache, dass der Roman ein einzelnes und zudem auch noch sehr kurzes Buch geworden ist. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Geschichte nur der Prolog für eine größere Story ist. Da der Roman jedoch 2004 erstmals erschien und weit und breit nichts von einer Fortsetzung zu sehen ist, fürchte ich, dass die interessanten Themen und Figuren von „Die seltene Gabe“ ein einmaliges Vergnügen bleiben werden – das sich aber auch ohne Fortsetzungen einstellt.

Wer lange, epische SF-Epen im Weltraum oder komplexe Handlungen und Figurenkonstellationen erwartet, wird von „Die seltene Gabe“ enttäuscht werden. Das Lesevergnügen besteht hier in kurzweiliger Unterhaltung. Das Jugendbuch kann bequem in einer Sitzung gelesen werden, zum Beispiel während einer Zugfahrt – was besonders passend ist, da die Geschichte über weite Strecken auf Bahnhöfen und in Zügen spielt. Der Roman ist für Jugendliche und auch für Erwachsene, die mit Science Fiction und Jugendbüchern keine Berührungsängste haben, gleichermaßen interessant.

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