Die Frau in Schwarz – eine verdammt gute Horror-Geschichte

Mein Tipp für ein wirklich gruseliges Kinoerlebnis: die Verfilmung von Susan Hills „Die Frau in Schwarz“. Ich muss sagen, dass ich mich bei einem Film schon seit langem nicht mehr so gefürchtet habe – was daran liegt, dass der Hammer-Streifen (Wortspiel beabsichtigt) einfach eine verdammt gute Horror-Geschichte ist.

Kurze Analyse gefällig, um dies zu beweisen? Aber gerne doch:

1. Figuren und Plot

Unser Protagonist, der Londoner Anwalt Arthur Kipps, muss seinen Sohn allein erziehen, denn seine Frau ist bei der Geburt des Kindes gestorben. Was heute keine leichte Aufgabe ist, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahezu unmöglich, was Kipps schnell zu spüren bekommt: Sein Chef wirft ihm vor, seine beruflichen Pflichten zu vernachlässigen. Deswegen soll er seinen Wert für die Kanzelei beweisen, indem er in einem Dorf an der Küste eine Villa verkauft, die sich bisher als echter Ladenhüter erwiesen hat.

Kipps muss seine letzte Chance nutzen, denn ohne den Job wird er nicht für das Wohl seines Sohnes sorgen können. Zu allem Unglück erweisen sich die Dorfbewohner jedoch mehr als unkooperativ: Sie versuchen Kipps sofort wieder loszuwerden und sabotieren ihn, wo es geht. Doch Kipps kann nicht aufgeben, denn immerhin geht es hier um die Zukunft seiner kleinen Familie ….

Neben dem Helden der Geschichte gibt es ein überschaubares Figurenensemble, das hauptsächlich aus der Antagonistin besteht, dem Geist der Besitzerin der Villa, die Kipps verkaufen soll: eine Witwe, die ihren Sohn ans Marschland verloren hat und dafür die Bewohner des Dorfes verantwortlich macht. Sie rächt sich auf die denkbar grausamste Weise, indem sie die Kinder der Dorfbewohner dazu verleitet, sich selbst zu töten.

Die wichtigste Nebenfigur ist Mr. Daily, der wohlhabendste Mann am Ort. Auch sein Sohn wurde vom Geist der Witw getötet. Als Rationalist weigert er sich, an einen übernatürlichen Grund dafür zu glauben. Im Laufe der Handlung wird er zu Kipps einzigem Helfer, denn er will, dass das Haus in der Marsch so schnell wie möglich verkauft wird, damit das „abergläubische Geschwätz“ endlich ein Ende hat.

Wir sehen also, dass alle Figuren, die eine verdammt gute Horror-Geschichte benötigt, hervorragend konstruiert sind. Es handelt sich um glaubhafte Durchschnittsmenschen (nun ja, und einen Geist …), was die Identifikation erleichtert, die für einen Gruseleffekt besonders wichtig sind.

Besonders clever: Mr. Daily ist nicht nur Kipps Beziehungsfigur, die den Helden bei der Bewältigung des Konflikts unterstützt und dadurch wachsen lässt, er bietet auch den abgebrühten Skeptikern im Publikum eine Projektionsfläche. Wenn dann im Verlauf des Plots sogar Daily den Geist am eigenen Leib zu spüren bekommt, kann selbst der härteste Knochen eigentlich nicht mehr anders als sich zu gruseln.

Die Wichtigkeit einer Figur wie Mr. Daily ist in so einer Geschichte nicht zu unterschätzen. Denn Hills Figurenkonstellation hätte ohne ihn ein Problem: Kipps ist bereits ein gebrochener Mann, was gleich zu Beginn des Films sehr deutlich und eindrucksvoll gezeigt wird. Und es wird angedeutet, dass er dem Alkohol nicht abgeneigt ist. Gleichzeitig ist er eindeutig die Perspektivfigur der Geschichte.

Horror-Geschichten arbeiten bekanntermaßen mit allen schmutzigen Tricks, um den Leser zu verstören. Es wäre also gut möglich, dass Kipps ein unzuverlässiger Erzähler ist. Tatsächlich sind Erzählperspektive und Handlung so angelegt, dass Kipps über weite Strecken des Films auch einfach nur durchgedreht sein könnte – was für die Handlung und den Gruseleffekt durchaus wichtig ist. Der Zuschauer würde sich jedoch betrogen fühlen, wenn am Ende herauskäme, dass die komplette Geschichte nur dem Fieberwahn des Protagonisten entsprungen ist. Gleichzeitig sind Geistergeschichten für ein heutiges Publikum noch viel unglaubwürdiger, als sie es vielleicht zu ihrer Blütezeit vor zweihundert Jahren waren.

Eine Beziehungsfigur wie Mr. Daily „erdet“ die Handlung und trägt zu ihrer Glaubwürdigkeit bei, was wiederum den Horror-Effekt erhöht. Wirklich hervorragend gemacht, wenn man mich fragt.

2. Sog der Gefühle und Schmelztiegel

Wir empfinden sofort Mitleid mit dem Witwer Arthur Kipps. Wir verstehen, dass er mit dem Rücken zur Wand steht, was für den Sog der Gefühle sorgt und ihn – zusätzlich zum abgelgenen Ort der Handlung – im Schmelztigel hält. Doppelt hält besser.

Das allein wäre schon gut und besäße eine starke Sogwirkung. Doch wir haben es hier mit einer Horror-Geschichte zu tun. Stark reicht nicht, es muss eine überwältigende Wirkung aufs Publikum ausgeübt werden.

Abgelegen ist hier also nicht abgelegen genug: Kipps muss ins einsame Küstendorf, in dem es kein Telefon gibt und die Poststation ständig geschlossen hat und das einzige vernünftige Transportmittel Mr. Dailys Automobil ist. Reicht das? Nicht doch – es geht noch abgelegener: Das Haus der Witwe, in das Kipps gezwungener Maßen immer wieder zurückkehren muss, liegt weit ab vom Dorf in den Marschen. Und das reicht noch immer nicht: Der Weg dorthin wird regelmäßig von der Flut überschwemmt, so dass der Protagonist immer wieder von allen anderen abgeschlossen ist.

3. Schock, Horror und Ekel

Kings drei Dimensionen einer gruseligen Geschichte sind in „Die Frau in Schwarz“ hervorragend auszumachen: Es wimmelt über zwei Drittel der Handlung nur so von „Schock“. Nur für Sekundenbruchteile erahnt man den Geist der Witwe, der doch immer wieder auftaucht. Wunderbar filmisch umgesetzt. Das muss hier nicht weiter analysiert werden, einfach angucken reicht.

Erst zum Schluss bekommen wir den Geist der Witwe in voller Pracht zu sehen, in einem Moment, in dem wir glauben, dass der Geist eigentlich schon überwunden, der Plot aufgelöst ist – und werden grausam eines Besseren belehrt. Wiederum geniales Handwerk: Nachdem der Geist in der Geschichte seine Schockwirkung also verloren hat, da er nun direkt gezeigt wird, erfolgt der nächste Schock auf einer anderen Ebene, denn es kommt zu einer unerwarteten und grausamen Wendung gleichzeitig mit dem Auftreten des Geistes – die ich hier allerdings nicht verraten möchte, denn vielleicht will ja jemand nach dieser Lektüre den Film noch sehen.

Ekel darf nicht fehlen, hält sich aber in Grenzen. Ganz persönlich muss ich sagen, dass ich die Ekel-Dimension einer Horrorgeschichte am wenigsten brauche. Immerhin sind die Altmeister des Genres wie Poe oder Lovecraft weitestgehend ohne Ekel ausgekommen. Und „Die Frau in Schwarz“ zeigt, dass eine verdammt gute Horrorgeschichte mit einem Minimum an Ekel sehr gut funktionieren kann.

Vor allem hat mir an diesem Aspekt gefallen, dass neue Wege gesucht wurden, um den Ekel des Zuschauers zu provozieren: zum Höhepunkt der Geschichte muss Kipps ins Marsch – diese ekelige, schwarze, stinkende Brühe -, um die Leiche des dort verunglückten Sohns der Witwe zu bergen. Kinder, war das eklig …

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