Warum jeder ein Genie ist

Er ist nicht auszurotten, dieser seltsame Glaube an das Genie, das Talent oder die Begabung. Viele Menschen, vor allem in Deutschland, rümpfen über das kreative und dramatische Schreiben die Nase. Die Überzeugung, dass mit Know-How, der richtigen Motivation und ausreichender Übung jeder dazu in der Lage ist, gute Romane zu schreiben, ist bei uns eher verpönt.

Unser Bild des Schriftstellers ist heute noch viel zu häufig vom Geniekult des Sturm und Drang geprägt. Keine lästigen Regeln dürfen den Dichter in seinem schöpferischen Talent einengen. Schriftsteller sind von einer mystischen Aura des künstlerischen Genies umgeben, das bestenfalls im Deutschunterricht oder im Germanistikstudium ehrfürchtig nachvollzogen werden darf. Autoren sind bei uns Bühnenzauberer, denen wir mit vor Staunen offenen Mündern in ihren Shows huldigen dürfen. Aber es ist uns verboten, nach ihren Tricks zu fragen.

Die Schreibschulen und -bücher, die einfach jedem verraten, wie man ein packendes Buch schreiben kann, stehen im deutschen Kulturbetrieb aus diesen Gründen nicht hoch im Kurs. Sie kratzen an dem Image der Literaten, an dem Jahrhunderte lang kultivierten Bild des Genies, des herausragenden Talents, das von der Muse geküsst große Kunst erschafft, ohne dafür je etwas lernen und üben zu müssen. Denn schließlich ist Schreiben ja eine Begabung.

Zusätzlich wird der Glaube an das Talent noch durch die vielen Märchen vom Erfolg des Erstlingswerks genährt. Viel zu oft liest man über einen erfolgreichen Roman, dass „dies das erste Werk der Autorin“ sei oder dass „mit dem Debütroman bereits ein Bestseller“ gelang. Wie viel harte Arbeit und frustrierende Ablehnungen dem „Debüt“ voran gingen, dass die Autorin oder der Autor zuvor zehn, zwölf oder mehr Manuskripte geschrieben hat, die nie das Licht einer Druckerei erblicken werden, wird von den Marketingabteilungen gerne unterschlagen. Beispiele gefällig?

  • C.S. Lewis, Autor der Narnia-Bücher, erhielt 800 Ablehnungen von Verlagen, bis er sein erstes Buch veröffentlichen konnte.
  • John Girshams Erstling „Die Firma“ wurde 25 mal abgelehnt und immer wieder überarbeitet, bevor er einen Verleger fand.
  • Gertrude Stein hat 22 Jahre lang Texte an Verlage geschickt, bevor sie das erste Mal veröffentlicht wurde.
  • Frank HerbertsWüstenplanet„, der vielleicht beste Science-Ficition-Roman aller Zeiten, musste 20 verschiedenen Verlagen angeboten und häufig überarbeitet werden, bevor er einen Käufer fand.
  • Stephen King war über die unzähligen Ablehnungen seines Erstlings „Carrie“ so enttäuscht, dass er das Manuskript in den Papierkorb warf und nie wieder schreiben wollte. Seine Frau fischte es aus dem Müll und machte Stephen Mut, nicht locker zu lassen.
  • William Goldings „Herr der Fliegen“ wurde 20 mal abgelehnt.
  • John le Carré wurde angesichts seiner ersten Einsendungen von einem Verleger attestiert, er habe keine Zukunft als Schriftsteller.
  • Ein Dutzend Verlage hat J.K. Rowlings „Harry Potter und der Stein der Weisen“ als unverkäuflich abgelehnt. Gerade von Rowling wird die Geschichte des Erstlingswerks, das sie überraschend von der Tellerwäscherin zur Millionärin werden ließ, kolportiert. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Rowling hat ihren Erfolg verdient und ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Aber was man wissen sollte: J.K. Rowling schreibt, seit sie sechs Jahre alt ist, hat Sprachen studiert und die meiste Zeit ihres Lebens beruflich wie privat mit Schreiben verbracht. Vom ersten Harry-Potter-Kapitel gab es mindestens zehn Überarbeitungen und sie schrieb mehrere unveröffentlichte Romane, bevor sie mit Harry Potter Erfolg hatte.
  • George Orwell bekam zu „Farm der Tiere“ von einem Herausgeber den Kommentar, dass sich Tiergeschichten in Amerika nicht verkaufen lassen.
  • Brandon Sandersons Debüt „Elantris„, ein weltweiter Bestseller und gefeiertes Werk der Fantasy-Literatur, ist in Wirklichkeit sein dreizehnter Roman. Die ersten zwölf dienten sozusagen zu Übungszwecken. Sanderson hat unzählige Schreibseminare besucht und extra einen Job als Nachtwächter angenommen, um jede freie Minute, die er nicht schlafen oder essen musste, schreiben zu können.

Die Liste ließe sich noch um ein Vielfaches verlängern, aber es sollte deutlich geworden sein, worauf ich hinaus will: Vom Genie, das – zu Recht – gefeierten Autoren zu einem Erfolg über Nacht verhalf, bleibt bei genauem Hinsehen keine Spur. Nochmals, damit keine Missverständnisse aufkommen: Alle Autoren dieser Liste sind hervorragende Schriftsteller. Ich erblasse angesichts ihrer Werke vor Neid und Bewunderung. Aber ihre Karrieren haben sie vor allem durch Hartnäckigkeit, Know How und Übung erreicht und nicht durch einen göttlichen Funken oder die mythische Macht des Genies.

Aber was ist denn so schlimm daran, an Begabung, Talent und Genialität zu glauben?

Gut, dass du fragst!

Die Antwort: So lange ich glaube, dass Schreiben etwas ist, das mir in die Wiege gelegt wird, gibt es auch keine Veranlassung, an meiner Produktivität zu arbeiten. Immerhin habe ich ja sowieso keine Chance, jemals so gut zu werden, wie all diese Genies.

Noch schlimmer: Wenn ich davon überzeugt bin, eine Begabung zum Schreiben zu haben, dann muss ich ja nicht an mir arbeiten, denn schließlich bin ich ja von Geburt an talentiert und alle Kritiker sind nur Nörgler, die mein Genie nicht erkennen.

Advertisements

14 Gedanken zu “Warum jeder ein Genie ist

  1. Ich weiß, das klingt jetzt ziemlich negativ für einen Ostersonntag, aber müsste der Artikel nicht heißen: „Warum niemand ein Genie ist“? Nein, im Ernst, obwohl / weil er in die selbe Kerbe wie dein Artikel zum Talent stößt, finde ich den Beitrag sehr gelungen. By the way: Ich würde mal sagen, ich bin nicht halb so gut, wie Brandon Sanderson. Zur Zeit bin ich bei Roman Nummer 4 oder 5 (hab die Übersicht ein wenig verloren. Erinnere mich dunkel an Mittelalter Cthulhu Mystery und Pilz-Zombies in Berlin) – wie viele muss ich jetzt noch schreiben? Verdammt!

    Gefällt mir

  2. Musil paraphrasierend, hat ja das „Genie“ in einer Zeit, in der Fußballspieler und Versicherungskaufleute als „genial“ bezeichnet werden, keine relevante Bedeutung mehr.
    Super finde ich diesen Vortrag von Elisabeth Gilbert, wo sie an die Zeit vor dem 18. Jahrhundert erinnert, wo niemand ein Genie WAR, sondern man ein Genie HATTE.

    Gefällt mir

  3. Was ist ein Genie? Ein Genie ist jemand, der unsere Sicht auf die Dinge verändert, jemand, der etwas neu definiert, so dass es ein Vorher und Nachher gibt. Das ist nun wirklich nicht jeder.
    Das hat zwei Komponenten: 1. Kreativität
    2. die soziale Komponente, die anderen müssen es auch mitbekommen.

    Gefällt mir

  4. Gebe zu bedenken… : Daß nicht nur im künstlerischen Bereich, sondern auch in allen anderen Berufen nicht jeder alles kann und alles können kann. Ich zum Beispiel kann einfach nicht gut rechnen, daran hat auch mein Abitur – also gute schulische Ausbildung – nichts ändern können. Bei 37 x 95 schlägt mein Gehirn Falten. Und die Tricks der Bühnenmagier zu kennen, heißt noch lange nicht, sie auch vorführen zu können, selbst nach langer – jahrelanger – Übung können die Finger einfach zu dick sein. Wer schlecht zu Fuß ist, wird besser nicht Postbote. Und der Farbenblinde besser nicht Bombenentschärfer ( das blaue Kabel! Das Blaue! Neeeeeiiiiin!). Da hilft nicht einmal das wirklich Wollen und sich enorm anstrengen. Sonst würde ja auch nicht alle Welt Sportrekorde so bewundern. Bewundern kann man ja nur das Besondere. Und deshalb kann auch nicht jeder ein gutes! Buch schreiben, manchmal nicht einmal nach dem 57 Seminar/Workshop/etc.
    Bitte nicht mißverstehen, ich behaupte nicht, daß Genie nötig ist, ich behaupte nicht mal, daß es Genie gibt und ich bin ein großer Fan von gutem, soliden Handwerk. Und alle, die eine gute Geschichte im Kopf haben sollen sie aufschreiben und unters Volk bringen. Und nicht aufgeben, sobald einer mäkelt!
    Aber ich käme auch nie auf die Idee, von jedem zu verlangen, daß er ein gutes Buch schreiben kann.
    So. Jetzt frisch ans Werk!

    Gefällt mir

    • Hallo, Betty!

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Ich sehe das allerdings ein bisschen anders. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, was deine Beispiele angeht. Ja, es gibt körperliche Handicaps, die bestimmte Dinge erschweren. Andererseits gibt es aber auch die Paralympics, die zeigen, wie viel Menschen trotz ihrer Handicaps erreichen können. Im Gegenteil: Wenn ich mich nicht irre, gab es das Beispiel eines Sprinters, der mit Prothesen schneller war als andere ohne. Aber da bin ich jetzt auch kein Experte.

      Bleiben wir lieber beim Schreiben: Natürlich habe ich nicht gemeint, dass JEDER ein Buch schreiben MUSS. Die Frage ist nur: Wenn ich es möchte, wieso sollte ich mich davon abhalten lassen, weil es – vermeidlich – Leute gibt, die „genialer“ sind als ich? Oder meinetwegen „talentierter“?

      Und ich würde dir da auch widersprechen. Jemand, der schreiben will und 57 Seminare besucht, der wird am Ende auch etwas halbwegs Vernünftiges zustande bringen (unter der Voraussetzung, dass die Seminare was taugen und er auch aktiv daran teilgenommen hat usw.).

      Ich kann mir nicht den Fall vorstellen, dass jemand so viel Zeit und Energie investiert und am Ende nichts dabei herauskommt. Es gibt Legastheniker, die ihre Schwäche durch viel Arbeit überwinden und am Ende sehr lesbare Texte hervorbringen.

      Worum es mir geht: Ich muss kein Genie sein, um mit dem Schreiben zu beginnen. Ich erlebe zu oft, dass Menschen vor einem weißen Blatt Papier sitzen und nach drei Minuten erfolglosem Anstarren den Stift aus der Hand legen und sagen: „Dafür habe ich kein Talent.“ Und das ist, gelinde gesagt, Quark.

      Gefällt mir

  5. Habe die Diskussion gerade entdeckt, auch wenn sie schon etwas älter ist. Da ich mich gerade genau zu diesem Thema auf eine Prüfung vorbereite, möchte ich nur kurz mal in den Ring werfen, was die psychologische Forschung zu Expertise sagt:

    Grundsätzlich: Übung macht den Meister, und das bedeutet viel viel vieeeel Üben. Man geht davon aus, dass man nach 10 Jahren intensiver Auseinandersetzung mit einem Thema ein sehr hohes Niveau erreicht hat. Was nicht bedeutet, dass man davor nur Müll produziert, es soll nur illustrieren, dass es nicht mit 1x schreiben alle 4 Wochen getan ist.

    Zur Rolle von Talent: Die aktuelle vertretene Theorie geht davon aus, dass es einen Schwelleneffekt von Talent gibt. D.h. aufs Schreiben bezogen, man benötigt ein gewisses Grundmaß an Talent, z.B. Sprachgefühl, Kreativität usw.
    D.h. bedeutet nicht jeder wird zum Schriftsteller, Ausnahmen betätigen die Regel, aber wer in seinem Leben bis jetzt 1 1/2 Bücher gelesen, Deutsch nie gemocht hat und erzählte Geschichten total langweilig und uninteressant findet, der wird aller Wahrscheinlichkeit kein guter Schriftsteller.
    Besitzt man dieses Grundniveau an Begabung (die übrigens auch trainierbar und nicht nur genetisch vorbestimmt ist), dann entscheiden andere Faktoren, vor allem Motivation, Durchhaltevermögen etc darüber, wie gut man in einem Bereich wird.

    D.h. man benötigt einen gewissen Grundstock, beim Rest ist viel Arbeit und „Am Ball Bleiben“.

    Warum gibt es trotzdem talentierte Leute, denen Sachen leichter fallen als anderen?

    Man geht davon aus, dass eine vorhandene Prädisposition dazu führt, dass die eine Person häufiger Interesse für den Bereich entwickelt, für den seine bereits vorhandene Fähigkeiten (Prädispositionen) vorteilhaft sind.

    Aufs Beispiel übertragen: Ein von grundauf bewegliches und sportliches Kind wird sich wahrscheinlich eher für Turnen interessieren, als ein ungelenkes, ängstliches.

    Eine Person, die solche Prädispositionen aufweist, wird _anfangs_ deutlich weniger Anstrengung aufwenden müssen um ein gleiches Leistungsniveau zu erreichen wie eine Person, die diese Fähigkeiten nicht oder nur weniger stark mitbringt.

    Das führt dazu, dass eine „begabte“ Person häufiger am Ball bleiben wird, weil es ihr anfangs alles leichter von der Hand geht.

    Ab einem gewissen Grad an Übung & dazugehörigem Wissen verschwinden diese Unterschiede mehr und mehr, motivationale Aspekte werden immer wichtiger, damit man wirklich regelmäßig eine Tätigkeit ausführt, um darin dann irgendwann wirklich richtig richtig gut zusein.

    Sooo, jetzt ist der Text deutlich länger geworden als beabsichtigt, aber vielleicht interessiert es ja den ein oder anderen. Ich fand es nur ganz spannend, der Diskussion neben anekdotischen & intuitiven Theorien noch das hinzuzufügen, was die Wissenschaft im Moment darüber denkt (was aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss!).

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s